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Die Öltrager des Zillertales
Von Pfarrer Karl Mair, Uderns. (1933).

1. Der Ölhandel im 17. und 18. Jahrhundert

In den Matrikenbüchern des mittleren Zillertales findet sich oft als Beruf angegeben: Öltrager oder Ölverleger oder Ölbrenner und Mithridatmacher. Der Zillertaler ist ein arbeitsamer Mensch; er scheut keine Arbeit, wenn er nur etwas verdient. Als das Bergwerk im Finsinggrunde und die Schmelz in Kleinboden eingegangen waren, schauten sich die Arbeiter um einen anderen Verdienst. Sie kamen auf den sonderbaren Gedanken, Öle und gute und böse Geister zu fabrizieren und in der weiten Welt zu verhausieren. Vater dieses Gedankens war ein gewisser Peter Schragl, salzburgischer Feldarzt. Dieser hatte sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Kaltenbach angesiedelt und erhielt 1683 die landesfürstliche Befugnis, selbstbereitete Geister und Öle als sogenannte Hausmittel zu verkaufen. Weil das Geschäft gut ging, haben sich auch andere um diese Befugnis beworben, so dass es in Ried, Uderns, Zell und Fügen Ölverleger gab, welche sich Öltrager anstellten, welche Öle und Geister in die Welt hinaustrugen mit ihren Kraxen.

Welche Öle und Geister wurden bereitet? Anfangs waren es ganz harmlose Sachen: Laussalben, Steinöl, Schwefelöl, Terpentinöl, Wurmzelten, Mithridat 1). Mit diesen Dingen gingen die Öltrager in die Welt, blieben etwa vier Wochen aus, kamen zurück und luden wieder ihre Kraxen. Indem sie ihre Waren um 24 bis 30 Gulden verkauften, profitierten sie jedesmal 7 bis 8 Gulden. Ein ganz schönes Geld im Jahre. Am besten besucht von den Öltragern war das nahe Bayern. Am liebsten blieben sie in den Dörfern, weil dort keine Ärzte waren und keine Behörden. Nach München getrauten sie sich lange nicht. Der Zillertaler ist sonst nicht „gschamig" und nicht feig, wenn es etwas zu verdienen gibt, aber die Städte haben sie doch lange gemieden, und sie werden schon gewusst haben warum.

Die Zahl der Öltrager stieg mit jedem Jahre. Um 1800 waren sie in Uderns geradezu „dick gesäet"; Bauern und Handwerker waren darunter. Infolgedessen gab es dann auch wieder mehrere Ölverleger; so in Ried (Großried), auf der Merz in Stumm und in Zell. Und es wurden immer neue Öle und Geister erfunden: Seifengeist, Rosmarinöl, Minzengeist, Melissengeist, Goldpulver 2), Wund- und Blutpulver. Sie verkauften auch spiritum apoplecticum gegen Schlagfluß; ja, sie machten sich schlauerweise auch den Ruf des berühmten Salzburger Arztes Paracelsus (gest. 1541) zunutze und verkauften regelrecht „Paracelsusgeist". Und dieser Geist hat großartig „gezogen". Nach dem Grundsatz: Helf, was helfen kann, scheuten sich die Zillertaler Öltrager nicht, reizende Lusttränklein für Ledige und Verheiratete zu verkaufen.

1) Mithridat, eines der ältesten Arzneimittel, eine Latwerge, die aus 54 Substanzen zusammengesetzt sein sollte und als allgemeines Gegengift galt. Der pontische König Mithridates soll sie im Altertum erfunden haben. An ihre Seite trat später der Theriak, eine Zusammensetzung von sogar 70 Arzneimitteln.

2) Ein rötliches Pulver, welches man fiebernden Kindern eingab.

Sachen, die sie um einige Kreuzer fabrizierten, verkauften sie um doppelt soviel Gulden. Sie verstanden es nämlich auch, Geister und Öle zu färben und auf diese Weise die gleiche Sache verschieden anzupreisen und entsprechend teurer zu verkaufen. Ein Chronist schreibt, ihm seien von Öltragern selbst darüber solche Geschichten erzählt worden, dass er nicht wusste, was größer war: die Schlechtigkeit der Öltrager oder die Dummheit der Käufer.

Aber der Zillertaler weiß sich in der ganzen Welt zu helfen. Im Handel meidet er Grobheit und Derbheit. Er gibt sich urwüchsig und drollig; er macht seine Tänze und Sprünge, macht seine Witze, die recht fad sein können, er singt seine Lieder; er redet jeden mit dem zutraulichen „du" an, sei es Bischof oder Kaiser. Er spielt den Zillertaler. Freilich ist den Öltragern öfter der „Zillertaler ausgekommen". Niemand dachte, dass diese drolligen Zillertaler Öltrager es faustdick hinter den Ohren haben könnten. Bei Fürsten und Königen hatten sie Zutritt. Man freute sich auf die Zeit, wo die Öltrager wieder kamen. Man hat den Öltragern die Gevatterschaft angetragen und bildete sich viel darauf ein, einen Öltrager als Paten zu haben. Von allen Ländern Mitteleuropas wussten sie Hausierpatente zu bekommen und viele siedelten sich auswärts an.

Aber der Ölhandel ist ziemlich bald ausgeartet. Die Öltrager nahmen sich von zu Hause Weiberleut mit oder haben sich im Auslande solche angestellt, welche sie auf dem Ölhandel begleiteten und als Gehilfinnen unterstützten, wobei sie sich oft als verheiratet ausgaben und betragen haben. Das war der Anfang vom Ende. Es waren soviel Öltrager beiderlei Geschlechtes, dass kein Verdienst mehr herausschaute. Infolgedessen haben sie zu allerlei Fälschungen Zuflucht genommen. Der Ölhandel war zu einer sittlichen Gefahr für die Jugend der Heimat und des Auslandes geworden und wurde in der Zeit von 1776 bis 1786 verboten.

Die unsittlichen und verwerflichen Mittel der Ölhändler und deren Gehilfinnen haben damals nicht nur die Zillertaler in Misskredit gebracht, sondern diese Leute haben auch stark an ihrem katholischen Glauben gelitten. Viele haben ums Geld alles verkauft, Glaube und Keuschheit. Ein Chronist erzählt, dass brave Öltragerinnen oft misshandelt wurden, um sie dem geschäftstüchtigen Öltrager für alle Orte und Zeiten, Gesellschaften und Geschäfte gefügig zu machen. Von falschen Grundsätzen angesteckt, kamen die Öltrager ins Zillertal heim. Wenn sie von der Handelschaft heimkamen, spielten sie die großen Herren und wollten nicht mehr arbeiten. Großmaulige Faulenzer gelten aber im Zillertale nichts.

2. Der Ölhandel in neuer Zeit

Ergänzend ließe sich über den Ölhandel noch folgendes sagen. Nachdem er in allen Ländern verboten war, wurde getrachtet, den Handel auf Schwindelwegen weiter zu betreiben. Man verschaffte sich einen Hausierpaß für Leder, Sensen, Schuhnägel, Decken und „echte Zillertaler" Handschuhe. Der Ölhandel konnte so nebenbei mitgehen. Aber der verbotene Handel ging nicht mehr gut und mancher Händler kam „auf dem Schub" zurück. Im Jahre 1834 kamen zwei Handschuhfabrikanten aus Straßburg ins Zillertal, bei welchen die Händler „Zillertaler" Handschuhe getauft, aber nicht bezahlt hatten. Die Forderung belief sich auf 32.000 Gulden. Um 10.000 Gulden hätten sich die Fabrikanten abgefunden, aber verschiedene Händler waren „unzahlbar".

Die Ölfabrikation ist auch heute noch nicht ganz ausgestorben. Wie die Berge ihre Ausläufer haben, so auch der Ölhandel. Vor Jahren starb in Jenbach die Witwe Franziska Lackner. Wenn die Lärchen grün wurden, ging sie „aufs Land" mit „Storpen" und „Storpenöl" gegen Grimmen. Die „Storpen" (Skorpione) hatte sie von weiterher bezogen. Die „Storpen" wurden scheint's in heißem Öle „angesetzt". Auch Gilgenöl von den Lilienblättern wurde in neuester Zeit noch gegen Brandwunden gebrannt. Ebenso Melissengeist. Man benützte dazu einen kleinen Brennhafen, nach dem Muster der Brennhäfen für Schnaps. Er wurde mit Wasser gefüllt. Dann wurden Gilgenblätter, Melissenkraut, auch Hillebrandblllten (Königskerze) hineingegeben und gebrannt. Hillebrandöl half bei Schnittwunden. Alle diese Öle trifft man heute noch als Hausmittel.

Ein Universalmittel, „für Vieh und Leute" gesund, war das „Krotenöl". Die Auskocherei der Kröten war beim „Bacher" in der Ed, Gemeinde Fügen. Für eine Kröte bezahlte Ludwig Tiefenthaler ein Vierkreuzerstück. Er starb 1898 in Fügen; sein Vater war auch schon Ölbrenner. Ludwig Tiefenthaler war der letzte Krötensieder. Und das ging so. Er hatte wieder einmal hübsch einige Kröten beisammen und gab sie in einen Kessel zum Aussieden. Das Fett sollte abgeschöpft und mit Öl vermengt werden. Er hatte aber zu wenig Hitze unter dem Kessel. In der Meinung, die Kröten könnten jetzt ordentlich gesotten sein, hat er den Deckel aufgehoben. Patsch! Eine Kröte war ihm ins Gesicht gehupft. Und die anderen hüpften auf dem Küchenboden herum. Die Sache ist dem guten Ludwig so zu Herzen gegangen, dass er die Auskocherei aufgegeben hat.

Heute wird meines Wissens nur mehr „Holeröl" von der Holunderstaude gebrannt und hilft gegen Husten, Brustkatarrh und für die Lunge. Diese Brennerei ist in Hart [im Zillertal].

Quelle: Karl Mair, Die Öltrager des Zillertals, in: Tiroler Heimatblätter, Monatshefte für Geschichte, Natur- und Volkskunde, 11. Jahrgang, Heft 7/8, Juli/August 1933, S. 263 - 265.
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