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Eisenbahn im Volksglauben

An manchen Orten hat die Eisenbahn vorgespukt (s.d.). Es bestehen darüber, namentlich in Oldenburg 1) und im Bergischen 2), Erzählungen wie die folgende, die etwa aus dem Jahre 1820 stammen soll: "Auf einmal sehe ich einen Feuerwagen ohne Pferde, welcher mehrere Wagen nach sich zieht, dahinrasen. Gleich darauf war alles aus." Seit 1874 oder 1875 läuft die Bahn Oldenburg-Osnabrück dort, wo der Spuk gesehen worden ist. Wie gegen alles Neue, so hatte das Volk auch gegen dieses neue Verkehrsmittel eine starke Abneigung; es konnte nur ein Werk des Teufels sein, den man da und dort am Bau mithelfen sah 3). Nach Emmentaler Glauben soll auf den Alpen mehr Gras gewachsen und alles viel fruchtbarer gewesen sein, bevor die Eisenbahn kam. Die Eisenbahn war auch schuld, als (1848) auf einmal die Kartoffeln krank wurden 4). Eine alte Frau unterhalb Straßburg hatte sich überreden lassen, ihre Wallfahrt nach St. Ludan oder St. Lotten auf der Eisenbahn zu machen. Da sie sich aber so schnell an dem Ort ihres heiligen Ziels angelangt fand, was so sehr von der Langsamkeit ihrer früheren Fußreisen dahin verschieden war, wurde sie stutzig und erklärte die ganze Sache für ein Blendwerk des Teufels. Sie sah es als durchaus sündhaft und Gott und dem hl. Ludanus mißfällig an, auf solche Weise ihre Wallfahrt zu machen; sie kehrte alsobald zu Fuß bis nach Straßburg zurück, um ihren Bittgang von da wieder nach ihrer alten Gewohnheit zu Fuße zu machen 5). Weit verbreitet war der Glaube, daß die Eisenbahnen nach einer bestimmten Frist plötzlich wieder verschwinden werden, wie sie plötzlich gekommen seien; ihre Frist ist gleich der, welche der Teufel den Leuten vergönnt, die sich ihm zur Gewinnung irdischer Genüsse verschrieben haben. Im Badischen geht die Sage, daß beim Anhalten der Eisenbahn an größeren Stationen jedesmal einer fehle, den der Teufel für seinen Lohn genommen habe, und im Elsaß mußte 1851 von den Kanzeln wider den Eisenbahnaberglauben gepredigt werden 6). Weit verbreitet sind in Weltuntergangsprophezeihungen die Stellen: "Wenn die Welt eisern wird, dann ...", was dahin ausgelegt wird, wenn sie mit Eisenbahnen überzogen ist 7), oder: "Sobald durchs Brixental der große schwarze Wurm kriecht, kommt eine andere Zeit" 8). Die Eisenbahn war es, die um Elberfeld die Zwerge vertrieb 9).

1) Strackerjan 1, 152 f.
2) Schell Berg. Sagen 378 Nr. 17; 65 Nr. 101; 169 Nr. 73.
3) Baader Volkssagen (1859), 38 Nr. 53; Meier Schwaben 1, 160 f. Nr. 179; Stöber Elsaß 2, 230.
4) SAVk. 24 (1927), 67; Stöber Elsaß 2, 230 f.
5) Stöber Elsaß 2, 229 f.
6) Riehl Land und Leute (1854), 44 = ZfdMyth. 4, 163.
7) Schönwerth Oberpfalz 3, 332.
8) Heyl Tirol 699 Nr. 85.
9) Schell Berg. Sagen 207 Nr. 161.


Quelle: Bächtold-Stäubli, Eisenbahn, in: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Berlin und Leipzig 1932, Band 2, Sp. 731 - 732.