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  Viehschmuck beim Almabtrieb.
(S'Kranz'n beim Hoamfoar'n im Bertlsgådnerlandl.)
 

von Marie Andree-Eysn

Das Berchtesgadener Ländchen, ein weit in das österreichische Gebiet vorspringender Zipfel des südöstlichen Bayern, ist zur Sommerzeit überreich besucht, aber im Spätherbst, wenn der Ahorn am Saum der dunklen Fichtenwälder sich rot und gelb färbt und in bunter Farbenpracht leuchtet, da sind alle Städter schon heimgekehrt und doch sähe nicht nur der Maler manch herrliches Bild, sondern auch der Freund der Volkskunde manch hübschen Brauch aufleben. Während meines Aufenthaltes im Spätherbste 1907 zu Berchtesgaden kam ich auf einer Wanderung zu einer der tiefgelegenen Almhütten am Gehänge des Gölls. An der „Schattseite" der Hütte lehnten 15 bis 20 Fichtenwipfel von etwa 1 ½ bis 3, ja sogar 4 m Höhe. Der jährliche Astquirl eines jeden war aufwärts und an den Stamm gebunden, so dass ein zwiebelartiger Aufbau übereinander entstanden war. Ehe ich noch nach ihrer Verwendung und Namen fragen konnte, betrat mein Begleiter, ein Berchtesgadener Bauer, die Hütte mit den Worten: „Håbt's ös åber an Haufen Fuitl! Wånn tuast denn hoamfoar'n?" rief er der Sennin zu. — „Z'Michaeli, aber zum Kranzen wer'n wir net kemma, gestern ist der Bua auffakemma, der die G'stäng bråcht' håt, der håt g'sagt, dass 's der Bäuerin schlecht geht", erwiderte die Angeredete. Das Gehörte und Geschaute veranlasste mich, mich weiter um die Sache zu kümmern.

Die sonnigen milden Oktobertage verzögerten diesmal den Almabtrieb, so dass er erst in der zweiten Hälfte dieses Monates stattfand. „Der Urbani (25. Mai) treibt d'Kuah ån, zu St. Gall (16. Oktober) bleibt d'Kuah im Stall", sagt hier der Bauer. Fast fünf Monate nach dem Auftrieb zur Alm erfolgt das „Hoamfoar'n" (Fig. 152). So prunkend das letztere, so schlicht vollzieht sich der erstere. Da ist die Sennin in einfacher Tracht, ernst, im Gefühle der Verantwortung, welche sie für den Sommer übernimmt. Zur frühen Stunde beginnt der Auftrieb mit Beihilfe des Bauern und „Hirtabuam", nachdem sie am letzten Morgen im Gehöft den Tieren vorher etwas geweihtes Salz und Brot unter das Futter gestreut, sie mit Weihwasser besprengt und vielleicht noch einen Benediktuspfennig an den Glockenriemen der Leitkuh (Glockenkuh) genäht hat.

Wie anders der Abtrieb! Da trägt das Mädchen seinen vollsten Staat und reich geschmückt und bekränzt ziehen die braunfarbigen, weißrückigen Tiere einher. — Freilich nur dann, wenn kein Unglück im Hause des Bauern und kein Missgeschick („Unreim") die Herde traf, kein Tier abgestürzt, keines vom Blitz getroffen wurde oder sonst einem Übel erlag. Verwirft eine Kuh, so ist dies keine Ursache, dass nicht
„kranzt" wird; denn es sollen nur dieselben Rinder in selber Zahl, wie sie zur Alpe kamen, wieder heimkehren.

Abtrieb von der Alm. Berchtesgaden Repro: www.SAGEN.at

Abtrieb von der Alm. Berchtesgaden. (Fig. 152)

Viele Wochen, ehe dies geschieht, weiden im Tale und auf der Alm schon Vorbereitungen zum „Hoamfoar'n" getroffen, in der Hoffnung, dass das Glück auch bis zur letzten Stunde der Herde treu bleibt. Da sucht der Bauer daheim die wohlverwahrten goldfarbigen Larven, das funkelnde „G'stäng" und den ähnlichen „Glockream" (Glockenriemen) hervor, die schon im Vorjahre oder auch mehrere Jahre Dienst taten; denn der Preis dieser drei Ausstattungsstücke für eine Kuh kommt mindestens auf 18 bis 20 M zu stehen, ohne dass dabei noch die Zeit und Mühe für die Herstellung berechnet wäre, welche Bäuerin und Sennin an langen Winterabenden darauf verwendeten.

Am seltsamsten erscheinen dabei die glänzenden Larven der Kühe aus Rauschgold („Goldrausch"), wie Fig. 153 und 154 zeigen. Das funkelnde Metall ist auf starke grobe Leinwand geheftet und am Rande sowie um den Augenausschnitt mit feurig roten Bandrüschen verziert. Diese Larve wird um Hörner und Maul festgebunden, darunter aber noch das fest aufgeschnürte „G'stäng" gesteckt, wie die damit geschmückten Tiere zeigen.

Kuh mit Larve und "G'stäng". Berchtesgaden. Repro: www.SAGEN.at

Kuh mit Larve und "G'stäng". Berchtesgaden. (Fig. 153)

Dieses „G'stäng" besteht aus einem fünfteiligen, fächerförmigen, vom Tischler verfertigten Holzgestelle, das mit Rauschgold oder auch „Golddock" (ein golddurchwirkter Stoff) überzogen und mit zierlich gefalteten roten Seidenbändchen geschmückt ist; an seinen drei Enden aber ragen rot- oder blaugefarbte Büschel von Federn empor. Auch der etwa 30 cm breite Glockenriemen ist mit demselben metallischen Stoff und mit ähnlichem Zierat versehen *).

*) Im Salzkammergut vergoldete man früher den besten Glockenkühen die Hörner, so berichtet Freiherr F. v. Andrian in seinem „Die Altausseer“, Wien 1905, S. 76. In Schliersee haben sie zwischen den Hörnern Heiligenbilder, ebenso im Lungau, von wo (aus Mauterndorf) ein hübscher Kuhschmuck aus Goldpapier und farbiger Wolle mit dem Bilde des hl. Leonhard, für die Leitkuh bestimmt, im Museum für österreichische Volkskunde in Wien aufbewahrt wird.

Kuh mit Larve und "G'stäng", Kalb mit Larve und "Fuitl". Berchtesgaden. Repro: www.SAGEN.at

Kuh mit Larve und "G'stäng", Kalb mit Larve und "Fuitl". Berchtesgaden. (Fig. 154)

Doch dieser Schmuck allein genügt nicht; der Bauer hat noch für solchen sich alljährlich erneuernden zu sorgen, den die Sennin dann fertigzustellen hat. Er kauft farbige „G'schåbatbandl", 100 bis 120 für 1 M, das sind ganz dünne bandartige Holzstreifen, so breit wie die Dicke eines Brettes, von dem sie mit dem Hobel abgestoßen und dann gelb, blau, rot, lila gefärbt weiden. Der Bauer holt noch vom Krämer Rausch- und Flittergold, sendet alles zur Alm, und dort werden die „G'schåbatbandl" dütenartig gebogen, daraus zierliche Rosetten („Röseln") geformt und mit Flittergold betupft. Von Rauschgold aber schneidet man ganz schmale fadenförmige Streifchen, die um die Blütenstengel von Gräsern („Borfad'n" *) gewunden werden, der dann ausgezogen, spiralige schwingende Metallfäden zurücklässt, die, in Mitte eines solchen Rösleins gesetzt, trefflich die Staubfäden einer Blume nachahmen. Solche „Zidarösl" (von Zittern, wegen der steten Bewegung der goldenen Fäden, Fig. 155) werden auch ganz klein und äußerst zierlich hergestellt und bilden ein begehrenswertes Geschenk für diejenigen, welche die Sennin kurz vor der Heimfahrt an ihrer hochgelegenen sommerlichen Arbeitsstätte besuchen. Stolz steckt der Bursche solch Röslein auf den Hut, wenn er talabwärts geht.

*) Weil Kinder Erd- und Himbeeren daranreihen, „Bör" — Beeren.

"Rösl aus Gschabatbandl". Repro: www.SAGEN.at

"Rösl aus Gschåbatbandl" (Fig. 155)

„Oft haben wir bis Mitternacht totmüde und halberfroren daran gearbeitet, denn der Wind pfiff da oben im Oktober schon scharf um unseren „Kaser" (Almhütte) sagte mir die alte Pfnürin (Frau Theresia Pfnür) vom Burgerer-Lehen in der Strub bei Berchtesgaden, die selbst 20 Sommer auf den hoch über dem Königssee gelegenen Hütten verbracht hat.

Viele hunderte von Rosetten, wie Fig. 155, müssen von den fleißigen Händen der Sennin gefertigt werden, denn eine einzige große „Fuikl", „Fuitl", wie sie der Stier trägt, beansprucht deren 200, während die kleinste für die Kälber noch immer 50 bis 60 braucht. Zahlreich sind sie aber an der „Brua", „Stierbrua" (einem Gewinde) befestigt, die den Stier am ganzen Leibe vom Kopf bis zum Schwanze schmückt. Dieser 14 bis 15 m lange Strähn ist zopfartig aus langen dünnen Lärchenästchen („Lärchkrasset") geflochten und mit den vorher erwähnten bunten Holzrosetten benäht.

Ist der Aufputz endlich fertig, werden die Fichtenwipfel aus dem Walde geholt, die Ästchen aufgebunden, mit den vielfarbigen Rosetten verziert, an die Spitze ein Bündel flatternder „G'schåbatbandl" befestigt, das ist dann die „Fuitl" (Fig. 156).

"Fuitl". Berchtesgaden. Repro: www.SAGEN.at

"Fuitl". Berchtesgaden. (Fig 156)

Reich an Arbeit ist die letzte Woche auf der Alm; da wird die Hütte gescheuert, das Vieh geputzt und alles für die Heimkehr vorbereitet. Vom Tale wird Larve und „G'stäng", von der Alm „Fuitl" und „Brua" nach dem ersten Hause gebracht, das die Herde am Heimwege trifft, wo die Ausschmückung erfolgt, da ja auf dem stundenlangen Weg dahin die ganze Zier der Tiere zerfetzt und verdorben würde.

Am Vorabend der Heimkehr erscheint der Bauer, oft begleitet vom Sohne oder der Tochter des Hauses auf der Alm. Am nächsten Morgen, wenn alles bereit, wird noch gemeinsam gebetet, den Tieren Kränze von Fichtenreis um den Hals gelegt, und unter dem Gebimmel ihrer Glocken und Schellen und lautem Jauchzen geht es talab. Ist das erste Haus erreicht, werden die Hörner des Tieres mit Rauschgold umwunden und der übrige Schmuck umgetan. Den Zug voran schreitet der „Kuahbua" mit den Glockenkühen, die bedächtig wie bewusst, dass nur die schönsten und besten unter ihnen Glocken tragen dürfen, dahinziehen; dann kommen die jungen Stiere, denen der mächtigste der Herde folgt. Er trägt auch die höchste „Fuitl", und ist über und über verziert (Fig. 157 und 158), sowie kaum ein Glied seines Körpers, das nicht von bunten Bändern umflattert ist. Nun folgen die übrigen Tiere; die wertvolleren noch mit Larven und „G'stäng", die anderen gleich den Kälbern nur mit Kranz und „Fuitl". Aber auch der Hals und die Knöchel der Ziegen sind geziert und selbst die Schweine nicht schmucklos. Den Schluss des Zuges bildet die Sennin in ihrer kleidsamen Tracht, dem faltigen dunklen Rock und der hellen Schürze, dem schwarzen Mieder, dem buntseidenen Tuch um Hals und Schulter, den zierlich grünen Hut mit Goldschnur und Adlerflaum, unter dem ein fröhlich lachendes Gesicht dem Beschauer entgegenblickt, denn es ist alles gut gegangen dort oben, und heute Abend ist's wieder gut daheim, denn da gibt's „Hollermuas" und Zwetschkennudeln.

Stier mit "Fuitl" und "Brua" von der Seite. Berchtesgaden. Repro: www.SAGEN.at

Stier mit "Fuitl" und "Brua" von der Seite. Berchtesgaden. (Fig. 157)

Im Herbste 1908 war bei mehreren Herden, die ich im Vorjahre reich geschmückt an mir vorüberziehen sah, das Kränzen, das ja ein Akt der Freude ist, unterlassen. Der Aschauer Bauer (Hausname) Renoth kränzte nicht, weil er „Unreim" gehabt, denn am Gehänge des Gölls war ein Rind abgestürzt; Walch, der Besitzer des Rottl-Lehen, kränzte nicht, weil sein Weib kurz vorher gestorben war, ebenso unterblieb es beim Hochlenzer, weil der Bauer vor zwei Monaten begraben wurde. Das geschieht auch in anderen Gegenden; so war dies der Fall, als im Sommer 1908 die Frau des Besitzers von Lichtenau bei Miesbach, Frau von Weidenbach, starb; ungeschmückt kam das Vieh von den ihnen gehörigen Almen zurück.

Stier mit "Fuitl". Berchtesgaden. Repro: www.SAGEN.at

Stier mit "Fuitl". Berchtesgaden. (Fig. 158)

Für glückliche Heimkehr erfolgt dann der Dank an die göttliche Vorsehung; hierfür werden besonders die nahen Wallfahrtsorte aufgesucht, wie Gern, Kirchental, Dürrnberg und Maria-Plain bei Salzburg, dahin ziehen die Senninnen an den drei goldenen Samstagen, das sind die drei Samstage nach Michaeli, welche seit dem 17. Jahrhundert als solche in Aufnahme kamen und eine besondere Art der Marienverehrung darstellen.

   
  Quelle: Marie Andree-Eysn, Viehschmuck beim Almabtrieb, in: Volkskundliches aus dem bayrisch-österreichischen Alpengebiet, Braunschweig 1910, S. 192 - 198.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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