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  Andreas Hofer und der kriegsgefangene Kurier
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

Eine Episode, die wie ein Blitzlicht den vornehmen, lauteren Charakter Andreas Hofers beleuchtet und daher verdient, für die Nachwelt festgehalten zu werden, ist die edle Behandlung, die ein Kriegsgefangener feindlicher Offizier durch den Sandwirt erfuhr.

Nach einem Geplänkel bei Sterzing am 9. August 1809 sandte der bayerische General Klemens Raglovich den Oberleutnant des bayerischen 10. Linien-Infanterie-Regimentes Eduard Freiherrn von Voelderndorff und Waradein (geb. 13. November 1783 in Schachten i. B.), mit einem weißen Friedensfähnlein und zwei blasenden Trompetern zu den Tiroler Bauern. Diese stellten beim Herannahen Voelderndorffs das Schießen ein und forderten auch die rückwärtigen Kämpfer auf, die Feindseligkeiten abzubrechen. Kaum aber befand sich Voelderndorff unter den Tiroler Schützen, als diese, in der irrigen Meinung, die Bayern wollen sich ergeben, ihn vom Pferde rissen, plünderten und bis aufs Hemd auszogen. So erzählte nämlich Voelderndorff selbst sein Erlebnis in seiner vielbändigen „Kriegsgeschichte von Bayern, 1789 bis 1815". (München 1826, 2. Band, 5. Buch.) Dr. Josef Rapp (Seite 519) bezweifelt die Richtigkeit dieser Schilderung und wirft dem Autor Übertreibungen, Entstellungen und Unrichtigkeiten vor. Wie immer dem auch sei, Voelderndorff wurde nach kurzer Festnahme von den Tirolern bald wieder freigelassen und kehrte zu seiner Truppe zurück.

In der Nacht vom 11. auf den 12. August 1809 wollte Voelderndorff als Kurier, nach Angabe des bayrischen Zivilkommissärs Finanzrates Weinbach, nur zu privaten Zwecken, ohne offiziellen Auftrag, von Innsbruck nach München reisen, wurde aber mit zwei bayerischen Beamten in der Nähe von Volders von Tiroler Vorposten neuerlich gefangen und in der Innsbrucker Hofburg interniert. Um nicht untätig zu bleiben, ließ er sich dem Regenten Andreas Hofer vorführen und machte ihm den Vorschlag, in seinem Auftrag nach München zu reisen, um dort eine Auswechslung der in Tiroler Gefangenschaft befindlichen bayrischen Offiziere gegen diejenigen „achtbaren Personen" zu bewirken, die vom Reichsmarschall Lefebvre am 14. August 1809 aus Tirol als Geisel weggeführt wurden. Im Falle des Missgelingens seiner Mission würde er — als Ehrenmann — wieder in die Gefangenschaft nach Innsbruck zurückkehren.

Andreas Hofer, dem das Schicksal der Geiseln Alois Grafen Sarnthein (1733 — 1809), Baronin Therese Sternbach (1775 — 1829) und des Johann Nep. Freiherrn von Schneeburg (1761 — 1835) sehr am Herzen lag, nahm den Vorschlag gerne an und ließ sich von Voelderndorff das Offiziers-Ehrenwort geben, dass er unter allen Umständen, ob die Mission gelinge oder nicht, wieder nach Innsbruck zurückkehre. Der Sandwirt fasste zu dem eleganten Offizier Vertrauen, diesem wieder imponierte die Ritterlichkeit des einfachen Bauernregenten, weshalb er sich schon damals vornahm, sein Ehrenwort auf alle Fälle zu halten. Aber auch ein anderes Motiv war für die Sendung Voelderndorffs mitbestimmend. Die Gemäßigten aus Hofers Umgebung, die den phantastischen Siegesnachrichten verschiedener Anführer nicht recht glauben wollten, wollten durch den, wie Hormayr sich ausdrückte, durch Talente, Liebenswürdigkeit und Loyalität ausgezeichneten Offizier authentische Nachrichten über Österreichs Streitkräfte, über den Gang der Verhandlungen in Ungarisch-Altenburg und Wien (September 1809), auch aus Feindesmunde, hören und den verlässlichen Offizier dazu verwenden, sie aus der ungewissen Lage des Mangels sicherer Nach richten zu befreien. Andreas Hofer soll zu Voelderndorff gesagt haben: „Sie haben ein ehrliches Gesicht, ich traue Ihnen zu, dass Sie wiederkommen und die Sache besorgen werden. Nun reisen Sie mit Gott, grüßen Sie mir Ihren König und sagen Sie ihm, dass ich ihn achte und schätze!"

Voelderndorff fuhr nun, mit einem Sicherheitspass ausgestattet, ab und gelangte unbehelligt nach München (15. September). König Maxmilian Josef I., bei dem Voelderndorff sofort Audienz erhielt, wäre tatsächlich geneigt gewesen, die verlangten Geiseln durch Auswechslung zu entlassen, allein Graf Sarnthein war infolge der Aufregungen schon am 8. September 1809 in München gestorben, Baron Schneeburg und Baronin Sternbach waren schon am 10. September den Franzosen übergeben und von diesen in die Zitadelle nach Straßburg gebracht worden. Voelderndorff musste also München unverrichteter Dinge verlassen und fuhr, seinem Worte getreu, nach Wien, um die Befreiung der Geiseln direkt durch die Franzosen zu erwirken. Der bayerische König ließ durch seinen Gesandten am Hoflager Napoleons, General Freiherrn von Berger, den Antrag Andreas Hofers bei Napoleon wärmstens befürworten. In Schönbrunn wurde Voelderndorff von dem dort seit 13. Mai 1809 residierenden Kaiser Napoleon persönlich empfangen, ebenso von Napoleons Marschall Alexander Berthier, Herzog von Neuchatel (1753 — 1815), denen er die Königsbriefe überreichte. Napoleon machte ihm Zusicherungen und gab ihm einige Depeschen an den bayerischen König mit.

Der hoffnungsfrohe Voelderndorff glaubte nun seine Mission getreulich erfüllt zu haben und reiste nach München zurück. Aber er fand sich getäuscht. Denn die Depeschen des unerbittlichen Imperators sprachen nur von dem nahen Abschluss des Friedens (14. Oktober), enthielten aber nicht eine Zeile von den Geiseln. Voelderndorff überlegte, ob er unter diesen Umständen in München bleiben oder mit den ungünstigen Ergebnissen seiner Sendung nach Innsbruck zurückkehren sollte. Das Pflichtgefühl siegte. Er brach am 26. September von München auf und gelangte nach dreiwöchiger Fahrt über die Scharnitz nach Innsbruck, wo er sich am 29. September dem Sandwirt stellte. Hofer und seine Geheimräte empfingen ihn mit Zutrauen und Wohlwollen; sie waren sogar nach Anhörung seines Berichtes über den Zustand der Dinge in Österreich, über die Nähe des Friedens, über die Gefahren, die Tirol bei einem weiteren Widerstand drohten, entschlossen, die Anregung Voelderndorffs, eine Deputation zu Napoleon zu senden, anzunehmen. Auf die Worte Voelderndorffs, König Max werde den drei südlichen bayerischen Kreisen gnädig sein, soll Hofer, bitter lächelnd, geantwortet haben: „Dö drei Kroas wearn wol mier sein- wenn aber dös so ischt, so muaß der König halt zerscht schaugn, ob er sie kriagt!" Es ist möglich, dass Voelderndorff, in Kenntnis des nahen für Bayern durch den Zuwachs Tirols günstigen Friedens, vielleicht etwas selbstbewusst aufgetreten ist, aber die Meinung des durch die Friedensnachricht sehr erschrockenen Josef von Giovanelli jun., Voelderndorff wäre „ein Windbeutel und boshafter Mensch", war gewiss nicht zutreffend.

Das Erscheinen der zwei kaiserlichen Sendboten Josef Eisenstecken (1779 — 1827) und Jakob Siberer (1766 — 1814) am selben Tag, etwa fünf Stunden nach Voelderndorffs Rückkunft, änderte aber Hofers Entschluss und machte Voelderndorffs Friedenswunsch unwirksam.

Voelderndorff blieb nun wieder als Kriegsgefangener in Innsbruck und wurde, wie er in seiner Kriegsgeschichte selbst erzählt, von den Tirolern sehr menschenfreundlich behandelt. Am 22. Oktober, beim Herannahen der bayerischen Truppen brachten ihn die Tiroler nach Hall. Am 29. wurde er durch die Truppen des bayerischen Generals Grafen Beckers aus der Gefangenschaft endgültig befreit und kehrte nach München zurück, wo er später als Major im kgl. General-Quartiermeister-Stabe eine Stelle fand. Erstarb am 12. September 1847 als Generalmajor und Bevollmächtigter des Deutschen Bundestages (Frankfurt am Main).

Die Frage der Entlassung von Kriegsgefangenen „auf Ehrenwort" wurde in früheren Zeiten anders behandelt als jetzt. Nach der zweiten Haager Friedenskonferenz (18. Oktober 1907) durfte ein Kriegsgefangener Offizier, der „auf Ehrenwort" in seine Heimat entlassen wurde, falls dies nach den Gesetzen seiner Heimat überhaupt zulässig war, in demselben Kriege nicht mehr gegen denselben Gegner kämpfen, widrigenfalls er dann nicht mehr als unter Völkerrecht stehend behandelt, sondern sofort erschossen würde. . . Nach anderer Meinung war das gegebene Ehrenwort, als einem unwiderstehlichen Zwang entsprungen, überhaupt nicht gültig; der entlassene Gefangene musste neuerlich unter die Waffen seines Vaterlandes, da ein dem Feinde gegebenes Ehrenwort nicht bindend sei. Nach dem österreichischen Dienstreglement (1. Teil) durften Offiziere überhaupt kein Ehrenwort dem Feinde geben, andernfalls sie vor das Kriegsgericht ihres Heimatlandes gestellt würden und die Charge riskierten. Wenn wir aber Voelderndorffs Handlungsweise weder vom militär-ethischen, noch vom völkerrechtlichen Standpunkt betrachten, so müssen wir uns vor diesem „Helden der Ehre" beugen, denn niemand, weder die Tiroler, noch die Bayern, hätten ihn bestrafen können, wenn er nicht mehr nach Innsbruck zurückgekehrt wäre. Diesen Treubruch gegenüber Andreas Hofer hat aber Voelderndorff nicht übers Herz gebracht; der Bauernführer schien dem königlichen Offizier vollkommen ebenbürtig.

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 61 - 64.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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