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  Vinzenz und Josef von Pühler
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

Fünf Stunden vor seinem Tode schrieb Andreas Hofer einen Abschiedsbrief, der durch seine Schlussworte: "Ade, meine schnöde Welt, so leicht kommt mir das Sterben vor, dass mir nicht die Augen nass werden ...." berühmt geworden ist. Diesen Brief richtet Hofer an seinen Freund, den „Herrn von Pühler" in Neumarkt und bat ihn auch, die in dem Brief enthaltenen letzten Wünsche zu erfüllen. Es ist nun eine besondere Tragik, dass auch der Adressat Vinzenz von Pühler und dessen Sohn Josef, über deren Persönlichkeit in der vorhandenen Literatur nichts zu finden war, ein geradezu dramatisches Ende gefunden haben.

Josef von Pühler stammt aus einer alten Südtiroler, zu Neumarkt ansässigen Adelsfamilie. Kajetan Dominik von Pühler wurde am 27. Juli 1774 unter der Regierung der Kaiserin Maria Theresia in die Tiroler ständische Adelsmatrikel aufgenommen, war mit Magdalena von Besanelli verehelicht und hatte einen am 26. Mai 1749 in Neumarkt geborenen Sohn Vinzenz (Ferrerius). Dieser, Vater des am 17. März 1787 in Neumarkt geborenen Josef von Pühler, war mit Elisabeth Freiin von Schneeburg vermählt. Josef hat in den Kämpfen 1809 wenig Hervorragendes geleistet. Anfangs Mai war er Adjutant Josef von Hormayrs und wurde von diesem zu Kurierdiensten verwendet; am 8. September 1809 stellte ihn Andreas Hofer an die Seite Anton Stegers, des Ober-Defensions-Kommandanten des Pustertales, dessen Kanzlei er auch „tätig dirigierte". Am 18. Oktober wurde v. Pühler vom k. k. Oberlandeskommissär von Roschmann mit Geld und Weisungen ins Pustertal geschickt, um die Einschließung der Feste Sachsenburg zu betreiben. Am 27. Oktober unterschrieb Pühler, der stets als Major bezeichnet wurde, die Unterwerfungserklärung an den Vizekönig Eugen Beauharnais und überbrachte sie persönlich in das Hauptquartier des Vizekönigs nach Villach. Vom 1. September bis 1. November 1809 amtierte Josef von Pühler im Hause Nr. 160 des Johann von Tinzl in Lienz.

Nach der Gefangennahme Andreas Hofers (am 28. Jänner 1810) kam Hofer auf der traurigen Fahrt von Bozen nach Mantua auch (am 30. Jänner) nach Neumarkt, besprach dort mit seinem Freunde Vinzenz von Pühler Angelegenheiten privater Natur und gab ihm den „vorletzten Brief" an sein Eheweib. Diese letzte Unterredung Hofers auf Tiroler Boden mag auch der Grund gewesen sein, warum er seinen letzten Abschiedsbrief gerade an Pühler richtete. Von dem er wusste, dass er nicht wie die anderen Kommandanten geflohen, sondern in seiner Heimat geblieben war. Vinzenz schenkte dem Landwirt ein Gebetbuch, das ihm im Kerker zu Mantua viel Trost gewährte.

Hofers Freundschaft zu Vinzenz von Pühler datierte noch aus der Zeit, als Hofer als Wein- und Pferdehändler die umliegenden Märkte, dabei auch öfters zu Simon und Juda (28. Oktober) den Pferdemarkt zu Neumarkt besuchte. Bei den Kämpfen in den Jahren 1796 und 1797, in denen auch Neumarkt zur Kampfstätte wurde (21. März 1797), kam Hofer als Hauptmann der Passeirer-Schützen wiederholt nach Neumarkt und beriet sich mit Vinzenz von Pühler über die Operationen. Hofers Kämpfe am Nonsberg (21. April und 9. Juli 1809) sind bekannt; hier kämpfte er gemeinsam mit Pühler. Da Hofer damals, gleich anderen Bauernführern neben und unter dem k. k. Militär des FMLt. v. Chasteler stand, wurde über sein damaliges Wirken wenig bekannt. Auch auf späteren Reisen (September 1809) durch Südtirol verabsäumte es Hofer nie, seinen Freund Pühler in Neumarkt zu besuchen.

Wenig ist bisher über das weitere Schicksal des berühmten Abschiedsbriefes Andreas Hofers bekannt geworden. Propst Manifesti sandte am 21. Februar 1810, also am Tage nach der Hinrichtung Hofers, folgendes (bisher unbekanntes) Schreiben an Josef von Giovanelli in Bozen ab:

Mantua, den 21. Februar 1810.

Euer Hochwohlgeboren,
Hochverehrter Herr!

Gestern, kurz vor der Mittagsstunde, ist Andreas Hofer, der gewesene Obevkommandant Tirols, erschossen worden. Von der militärischen Kommission, die ihn verurteilt hat, wurde ich ersucht, ihm Beistand zu leisten und obwohl ich auf dem Wege der Genesung nach einer wenige Tage vorher überstandenen Krankheit war, habe ich gerne den Auftrag übernommen und zu meinem größten Tröste und zu meiner Erbauung einen Mann bewundert, der als christlicher Held zum Tode geschritten ist und ihn als unerschrockener Märtyrer erlitten hat.

Er hat mir in tiefster Heimlichkeit ein Papier übergeben, das von größter Wichtigkeit für seine verwaiste Familie ist und mich beauftragt, dasselbe Eurer Hochw. zu übermitteln. Ich habe es nicht in Gefahr bringen wollen, bevor ich es absende, weil ich befürchtete, dass es verloren gehen könnte, was von größtem Schaden für seine unglückliche Familie gewesen wäre. Das vorliegende Schreiben habe ich einem Tiroler Herrn übergeben, welcher vielleicht ein sehr gutes Mittel für die Beförderung des genannten Papieres wäre. Auf jeden Fall erwarte ich, zur größeren Sicherheit, Ihre Antwort, da es sich, um eine sehr heikle Sache handelt.

Halten Sie sich vor Augen, dass ich der deutschen Sprache nicht mächtig bin, dass es angezeigt wäre, dass Sie mir auf italienisch oder lateinisch antworten und für die sichere Zustellung Ihrer Antwort gebe ich Ihnen hier unten die Adresse bekannt.

Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich Eurer Hochwohlgeborenen ergebenster und dankschuldiger Diener

Johann Baptist Manifesti,
Erzpriester m. p.

Propst Johann Baptist Manifesti,
Insulierter Erzpriester der Kais. Kgl. Kapelle
zur Hl. Barbara in Mantua.

Josef von Giovanelli, der zu den einflussreichsten Beratern Andreas Hofers zählte, antwortete dem edlen Priester in bejahendem Sinne und so gelangte der letzte Brief und das geheimnisvolle Papier nach Tirol. Giovanelli leitete dann beides an den mit ihm durch die Familie von Schneeburg verwandten Vinzenz von Pühler weiter, der ihn der Witwe Hofer's nach Passeier sandte. Der Brief kam später in den Besitz des Erzherzogs Johann, der ihn für das Sandwirtshaus stiftete, wo er unter Glas und Rahmen heute noch den Fremden gezeigt wird. Das Begleitschreiben Manifesti's veröffentlichte zuerst Freiherr v. Hormayr in seinem „Archiv für Geschichte usw.", Jahrgang 1815.

Vinzenz von Pühler beeilte sich, das Testament des Sandwirtes getreulich zu erfüllen. Am Freitag, 29. April 1810, ließ er, wie Hofer es wünschte, in der Kirche „Zum rosenfarbenen Blut" in St. Martin i. P. die Seelenmesse lesen, die dann am 20. Februar 1811 an Hofers Todes-Jahrtag wiederholt wurde. Dem „untern Wirt" (Unterwirt Joh. Grinner, Hofers Schwager) machte Pühler Mitteilung vom Tode Hofers, bestellte ihm beim Unterwirt ein Totenmahl mit Suppe und Fleisch und für jeden Totengast eine Halbe Wein als Totentrunk, mit Hofers Gläubigern rechnete Pühler ab, so redlich („rödl") als er konnte und verständigte in schonendster Weise die tiefbekümmerte Witwe, die „liebste Wirtin" Anna Hofer vom Tode des Sandwirts. Anfangs Februar 1810 reiste Josef von Pühler nach Wien, wo er, wie seine übrigen Leidensgenossen als Emigrant von der Staatspolizei beobachtet wurde.

Die von England an die geflüchteten Tiroler gesandten Unterstützungsgelder (Subsidien) wurden am 22. Februar 1810 den Tirolern Bernhard Riedmüller, Johann Wild, Josef Marberger, Johann Schenacher und Josef von Pühler zur Verteilung übergeben. Diese fünf Männer bildeten ein Kuratorium des reichen englischen Unterstützungsfonds und nannten sich offiziell „Administratoren der englischen Subsidiengelder". In dieser Eigenschaft reiste Pühler auch wiederholt nach Znaim und Prag (Februar und August 1810), um dort mit dem berüchtigten englischen Emissär Maurus Horn zu konferieren. Da die meisten Mitglieder des Fünfer-Ausschusses bald austraten, teilte sich Pühler mit Riedmüller in die Verteilung der englischen Gelder. Pühler selbst, obwohl von Haus aus nicht vermögenslos, verlangte ein Darlehen von 12.000 Gulden, das er auch am 13. Oktober 1810 erhielt, wodurch er aber den Neid Riedmüllers erregte, der deshalb mit Pühler wiederholt in heftigsten Streit geriet. Auch seinem Vater Vinzenz sandte Josef Geldsummen zur Auszahlung an Verunglückte in Salurn. Am 24. September und 20. November 1810 zahlten Pühler und Riedmüller auch größere Beträge an den Kronenwirt J. I. Straub in Hall und Josef Schweiggl in Kurtatsch aus, dann zog sich Pühler ganz von diesen Geschäften zurück und überließ sie dem Riedmüller.

Wiewohl sich der Hof, namentlich Fürst Metternich, zuerst in die Sache nicht einmischen wollte, wurden später über die Verwendung dieser Gelder hochnotpeinliche Erhebungen eingeleitet und hierbei auch Pühler, der im Frühjahr 1810 zum Unterleutnant in der Armee ernannt wurde, in Untersuchung gezogen, die sich der aufrichtige Mann sehr zu Herzen nahm. Im Jahre 1812 treffen wir ihn auf Urlaub in Mähren, 1813 in Wien, wo er Innere-Stadt Nr. 1013 wohnte und vom 3. bis 24. März 1813 in Budapest, wo er im Gasthof „zu den drei Churfürsten" logierte. Pühler war im Oktober 1813 wieder nach Tirol gekommen und zuerst als Aktuar beim Handelskommissariate verwendet worden; er hatte sodann die Leitung der Kameralverwaltung in Wälschmichael (bei Trient). Als der Landeskommissär Leopold von Roschmann im Frühjahr 1814 die immer mehr sich häufenden Rückstände beizutreiben versuchte, legte Pühler seine Stelle unter der Angabe nieder, dass er sich außerstande fühle, gegen die Bevölkerung hart vorzugehen. Der Finanz-Intendant Alois Freiherr v. Ceschi beruhigte ihn mit der Versicherung, dass er trotzdem mitleidige Nachsicht üben könne, worauf Pühler seine Kündigung wieder zurückzog, aber um Verwendung in Roschmanns Kanzlei bat. Allein die schwermütige Stimmung, die ihn schon seit Monaten bedrückte und die auch seiner Umgebung nicht entgangen war, verließ ihn nicht. Mitte März äußerte ein Trienter Arzt ganz offen seine Besorgnisse über den Nervenzustand Pühlers.

Am 27. März 1814, in den Morgenstunden, hatte Josef von Pühler den Tod in den Fluten der Etsch gesucht und gefunden. Er hinterließ seinem Vater einen Abschiedsbrief (vom 23. März 1814). Die ersten Gerüchte über Unregelmäßigkeiten finanzieller Natur fanden keine Bestätigung, da das von Pühler verwaltete Amt in Ordnung befunden wurde. Auch die zunächst vermutete Flucht Pühlers nach Wien, die den Landeskommissär Roschmann veranlasste die Wiener Polizei von dem Verschwinden Pühlers zu verständigen (30. März und 2. April), stellte sich als falsche Spur heraus. Erst Ende April wurde bei Borghetto (früher Grenzort Südtirols gegen Italien, bei Ala) von der Etsch die Leiche eines Mannes ans Land gespült und sofort begraben. Da die Vermutung bestand, der Ertrunkene sei Pühler, wurden dem Vater die aufbewahrten Kleidungsstücke gezeigt, der sie als Eigentum seines unglücklichen Sohnes agnoszierte; nun wurde die Leiche exhumiert und die Agnoszierung vervollständigt. Die neuerliche Untersuchung der Amtsakten Pühlers ergab die vollkommene Makellosigkeit Pühlers. Die eigentliche Veranlassung zum Selbstmord war aber eine unglückliche Liebesgeschichte. Pühlers Neigung zu einer entfernten Verwandten in Nonsberg (bei Cles) war unerwidert geblieben, da das Mädchen bereits einem anderen zur Ehe versprochen war. Am 14. Mai 1814 meldet Roschmann den Selbstmord Pühlers der Wiener Polizei-Hofstelle.

Der armen Mutter verheimlichte man den tragischen Tod ihres Sohnes und sagte, er sei verreist. Bis zu ihrem Tode (1818) wartete die Besorgte auf die Rückkunft ihres Sohnes. Auch der Vater Vinzenz, dessen Wirtschaft durch die Kriegsschäden stark gelitten hatte und mit den geringen Mitteln, die der Sohn nach Hause brachte, nicht mehr wieder aufgerichtet werden konnte, verfiel über das Missgeschick seiner Familie in Schwermut. Er wählte dasselbe Ende wie sein armer Sohn, indem er sich ebenfalls am 9. November 1819 in den Etschfluss stürzte. Nach sechs Tagen wurde seine Leiche gefunden und am 18. November nach Einholung der kreisämtlichen Erlaubnis vom Pfarrer in Auer begraben.

Da die Innsbrucker Untersuchungskommission (über die Verwendung der englischen Subsidien) die Rückgabe der von Pühler, angeblich bei Lustreisen und Badefahrten leichtfertig verausgabten Gelder von der Verlassenschaft verlangte, mussten, da der Mannesstamm mit Vinzenz v. Pühler 1819 erloschen war, die Intestat-Erben aus den Seitenlinien, die Freiherrn von Schneeburg, die Ritter von Vintschgau und die Ritter von Lutterotti, die verlangten 2000 Gulden bis 1829 in Raten zahlen, zumal ein Gegenbeweis wegen Pühlers Tod nicht möglich war. Die Untersuchung selbst war schon am 3. April 1827 niedergeschlagen worden.

So erlosch mit dem tragischen Tode von Pühler, dem Vater und Pühler, dem Sohne, ersterer bekannt als Testamentsvollstrecker Andreas Hofers, eine altangesehene Adelsfamilie Südtirols.

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 357 - 362.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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