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  "Die Tullaschlacht" - Pontlatz 1809
 

Einem Großmütterchen nacherzählt von Anton Auer


Es dürfte vielleicht manche interessieren, wie das Volk das zweite Treffen bei Pontlatz „anno neun" in Erinnerung behalten hat, wie sich diese Begebenheit unter den Nachkommen der Tapferen weitersagte, die Wirklichkeit bunt Verwoben mit Erdichtung und Legende.

Es sei nun hier dem werten Leser die Erzählung eines Großmütterchens wiedergegeben. Der Vater des Großmütterchens hat noch die „Tullaschlacht" selbst miterlebt. Er war damals ein Junge von ungefähr zehn Jahren.

„Bei der Tullaschlacht ist es arg zugegangen," so begann sie zu erzählen. „Die Oberinntaler Bauern hatten keine Verbindung mit den eigentlichen Freiheitskämpfern am Berg Isel, weil alle Brücken und Wege abgesperrt waren. Durch Schleichgänger erfuhren sie, dass die Feinde alles niederbrennen wollten. Auf das hin griffen sie zu den Waffen und warteten auf das Zeichen der allgemeinen Erhebung.

Ein kleiner Trupp Schützen setzte sich im Wäldchen ober den Tullawiesen (zwischen Pontlatz und Prutz) fest und lauerte auf den Feind. Ein Bauer brachte die Nachricht, dass die Franzofen und Bayern Landeck verlassen und in großer Zahl innaufwärts ziehen. Auf diese Kunde hin wurden die Frauen und kleineren Kinder der Gemeinden Ladis, Fitz und Serfaus, mit dem nötigsten Hausrat versehen, in den umliegenden „Pillen" (freistehende Heustadel) untergebracht. In allen Gemeinden ertönten die Sturmglocken und riefen die Kämpfer zusammen. Im „Panzerwaldele" (bei Ladis) trafen sich die Schützen. Beherzte Frauen und größere Knaben zogen als Verstärkung mit.

Die Flucht der Weiber und Kinder vollzog sich, wie sich leicht denken lässt, unter der größten Aufregung. Alles wollte retten, was nur möglich war. Dass bei dieser Hastigkeit allerlei Zwischenfälle vorkamen, ist selbstverständlich. So brach sich z. B. ein Mädchen von Ladis beim Übersteigen eines Zaunes einen Finger, der ihr dann steif blieb. Wenn es später in alten Tagen die Geschichte von der Tullaschlacht erzählte, so fügte es jedesmal mit Wichtigkeit bei, dass es den steifen Finger der schrecklichen Schlacht verdanke.

Immer mehr und mehr Schützen aus den Nachbarorten sammelten sich im Wäldchen ober den Tullawiesen an. Man traf nun die wichtigsten Vorbereitungen für den Empfang des Feindes.

Da rückte langsam der Soldatenschwarm heran. Wie eine Schlange zog er auf der staubigen Straße daher, setzte über die Pontlatzer Brücke, und er hätte auch die Brücke von Prutz passiert und der Weg nach Nauders und von da nach dem Süden wäre ihm frei gewesen, wenn nicht der wackere Landsturm des oberen Gerichtes einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

Den Anfang machte eine mutige Bäuerin von Prutz. Die Schützen dieses Dorfes waren nämlich auf der rechten Innseite gegen Pontlatz gezogen, um dort Steinlawinen auf die heranrückenden Feinde herabzulassen. Nun waren ihnen die Bayern und Franzosen zuvorgekommen und bedrohten ihr Heimatdorf. Da rettete im letzten Augenblick ein tapferes Weib die Situation. Die wackere Bäuerin riss nämlich in aller Eile ein paar Bretter aus der Brücke und machte so den Übergang unmöglich.

Nun blieb den Feinden nichts anderes übrig, als umzukehren und von der Tulle aus den schmalen Weg über Ladis einzuschlagen, um bei Serfaus wieder auf die Landstraße zu kommen.

Alles war still ringsum, nirgends konnte man etwas Verdächtiges entdecken. Es war aber die Stille vor dem Gewitter. Die Vorhut begann nun den leichten Wiesenhang der Tulla zu ersteigen und schon waren die feindlichen Soldaten ein beträchtliches Stück oben. Nichts regte sich, die Burg Laudeck sah drohend auf die Eindringlinge nieder. Jetzt setzte sich der Hauptzug in Bewegung. Er kam aber nicht weit, da blitzte es schon aus dem Waldesdunkel unheilbringend auf. Wiederum heulten die Glocken und ihr Wimmern vermengte sich mit dem Krachen der Stutzen. Das Gefecht war im Gange. Immer wieder und wieder stiegen die blauen Rauchwölkchen auf und gar manche Kugel brachte Tod und Verderben. Da sahen die Bayern und Franzosen ein, dass hier ein weiterer Angriff umsonst sei, und dachten an den Rückzug nach Landeck. Doch es war zu spät! Als der Feind bereits zu weichen begann, vernahm man vom Tale herauf einen dumpfen Knall und die Brücke von Pontlatz — war nicht mehr.

So waren nun die Bayern und Franzosen zwischen Pontlatz und Prutz — auf der Tulla — eingeschlossen. Im Rücken der Inn und ringsum die lauernden Schützen! Nun gab es kein Zurück mehr, nur über Ladis konnten sie sich noch retten. — Also „Vorwärts!"

Mutig stürmten sie wieder den Wiesenhang hinan und neuerdings prasselte ein Kugelregen aus dem Walde nieder, aber nun hieß es standhalten. Sie kämpften auch mit dem Mute der Verzweiflung und drangen sogar so weit vor, dass ihre Kugeln bereits im Schlossweiher unter der Burg Laudeck einschlugen. Die kleine Schützenschar geriet in arge Not.

Da sah sie beim Weiherdamm eine Gestalt mit wallendem Mantel ans einem Schimmel auf und nieder reiten. „Der heilige Martinus! Der heilige Martinus!" (Kirchenpatron von Ladis) riefen alle. Und mit neuer Kraft und gestärktem Mute wurde der Kampf aufgenommen. Dabei soll sich besonders die Widumhäuserin von Ladis hervorgetan haben. Mit dem Stutzen in der Hand soll sie in der Reihe der Kämpfenden gestanden sein, der Pfarrer habe geladen und sie habe geschossen. „Schuiß' brav," habe der Pfarrherr gerufen, „wie ärger dass es kracht, wie ärger sie in d' Wilde kommen!" Auch dem Feinde kam es merkwürdig vor, dass da oben ein Reitersmann so stolz hin und her reite, und er vermutete, dass hier noch Nachhut versteckt sei.

Mutig jedoch drang ein bayerischer Trompeter mit einer kleinen Schar vor, achtete nicht der feindlichen Kugeln und kam so bis zum „Panzerhof" unter Ladis. Dort wurde ihm aber seine Trompete vom Munde weggeschossen. Da kam es ihm nicht mehr geheuer vor und der waghalsige Trupp trat eiligst den Rückweg an.

Nun ergab sich der Feind und alle noch lebenden Soldaten — bei tausend an der Zahl — wurden gefangen genommen. Als Gefangene wurden sie nicht glimpflich behandelt, weil sie während des Kampfes einen Tiroler gefangen genommen hatten und ihn unweit von Pontlatz so misshandelten und quälten, dass seine Schmerzensschreie bis zu den Kämpfenden hinauf vernommen wurden. Darauf erst wurden diese ganz rebellisch und schworen, die Untat zurückzuzahlen. Die Gefangenen wurden nun abgeführt und die Leute kehrten unter Jubelgeschrei in ihre Dörfer zurück, Gott laut dankend für den erfochtenen Sieg!"

So die Erzählung des alten Mütterchens, die sie leuchtenden Auges mir mitteilte. Wer die geschichtlichen Tatsachen kennt, wird sofort herausfinden, dass manches dieser Erzählung mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt, aber so überträgt eben das Volk die großen Taten der Ahnen ans die Nachkommen. Wenn zwar nicht alles stimmt, Her Kern ist wahr! Heute erinnert noch bei der Tullen eine Kapelle an das Jahr Neun. Die Inschrift meldet:

„Hier streckten am 9. August 1809 bei tausend Mann feindlicher
Truppen vor dem Landsturm des Gerichtes Landeck die Waffen.
Ehre den Siegern!"

   
  Quelle: Anton Auer, "Die Tullaschlacht." (Pontlatz 1809.), in: Tiroler Heimatblätter, 6. Jahrgang, Heft 12, 1928, S. 378 - 380.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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