SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Tirols Erhebung im Jahre 1809, Josef Hirn

   
 
  747 - Haspinger bei Hofer
 

 

welcher Vernunftgründen zugänglich gewesen sei. Um so rasender gebärdete sich Haspinger. Kaum die Ordre vernommen, läuft er auf den Schönberg. 1) Da sieht er des Sandwirts Viergespann stehen; Hofer hatte sich noch zu einem weiteren bedeutenden Schritt entschlossen, er wollte persönlich mit dem Kronprinzen sprechen. Da war für den Rotbart keine Minute zu verlieren. Er stürzt zum reisefertigen Oberkommandanten und schreit von Lüge und Verrat. Den Krankheitsanfall Lichtenthurns deutet er als Gottesgericht, das den lügenhaften Boten getroffen. Erzherzog Johann sei, dessen sei er gewiss, mit Heeresmacht im Anzug begriffen. Letzteres zu widerlegen, wäre Sache des noch anwesenden Roschmann gewesen. Man hat ihn entweder ignoriert, oder er wagte nicht zu sprechen. 2) Das in die tiefste Gärung versetzte Hauptquartier verlassend, nahm Roschmann noch am 31. Extrapost, um über den Brenner und durch Vintschgau den Weg in die Schweiz zu finden. 3) Damit war für diesmal seine wenig rühmliche Tätigkeit in Tirol zu Ende. 4)

Hofer hatte sich früher manchmal über Haspingers blindwütiges Losgehen geärgert. Nun aber stand der geistliche Waffengefährte vor ihm als Prediger, der ihm mit seiner Donnerstimme ins Gewissen redete und ihm das vor die Seele zauberte, woran der Sandwirt so lang und so gern geglaubt hatte. Vor solchen Worten eines Priesters

1) Mit der Überlieferung des Auftrittes am Schönberg ist es mager bestellt. Von denen, welche anwesend waren, hat keiner eine Aufzeichnung hinterlassen. Bezeichnend ist es, dass Haspingers Tagebuch darüber schweigt. Das meiste Detail bringt eine später von Dipauli angefertigte Schilderung (J. M), welche auch Rapp zur Grundlage genommen. Es ist kein Zweifel, dass Dipauli und Rapp sich von dem ihnen befreundeten Jos. v. Stolz informieren liessen, dessen Haus der Schauplatz war. Dipauli beruft sich ausdrücklich auf ihn als „einen vollkommen glaubwürdigen Mann".
2) Roschmanns Bericht aus Schönberg v. 31. Okt. (W. St.) nennt keine Namen, aber er macht den Eindruck, als sei auch er unter dem Einfluss des stürmischen Haspinger entstanden. Lichtenthurns Botschaft, so versichert Roschmann, habe eine ungeheuere Bestürzung verbreitet. „Viele hielten es für unmöglich, der größere Teil des Volkes sah darin nur eine List des Feindes, dem man nicht glauben dürfe. Infolgedessen waren auch die Entschlüsse verschieden. Die meisten erklärten sich dahin, sich, wenn auch von Österreich getrennt, bis auf den letzten Mann zu verteidigen für die Erhaltung einer unabhängigen Existenz. Dadurch glaubte man noch unter die Regierung des Großherzogs von Würzburg zu kommen oder wenigstens für den äußersten Fall sich im Wege von Verhandlungen den Hofer als Herrscher behalten zu können. Gerade als die Nachricht vom Friedensschluss eintraf, war die feindliche Armee bei Innsbruck mit einem Verlust von mehreren hundert Gefangenen von allen Seiten zurückgedrängt und eingeschlossen, ihr Schicksal war kein anderes als sich der Wut des erbitterten Volkes preiszugeben oder zu kapitulieren." Das ist nicht eine wahrheitsgetreue Berichterstattung sondern "ein Gemälde, das die erhitzte Phantasie entwarf.
3) Es ist zu beachten, dass Roschmanns Bericht vom 31. Okt. noch aus Schönberg datiert ist.
4) Johann widmet Roschmanns Aufenthalt in Tirol folgende Stelle: „Was hatte R. länger in Tirol zu tun? Und war es nicht am besten, Sorge zu tragen, jene, welchen man nie vergeben würde, in Sicherheit zu bringen? Roschmanns Aufgabe konnte und durfte keine andere sein als beruhigen und den Frieden über das aufgeopferte Land zu bewirken suchen. Aber seine Stellung war von der Art, dass er auf das Volk nur durch seine Führer Einfluss nehmen konnte, in keinen unmittelbaren Verkehr mit jenen des Feindes kommen konnte. Das war die Folge der gemachten Einleitungen jener, welche die Erneuerung des Krieges um jeden Preis wollten, wodurch bis zum letzten Augenblick Hoffnungen genährt wurden, auch noch damals, als man wusste, dass dieselben nicht in Erfüllung gehen könnten. Das einzige Gute, das R. bewirkte, war, der Anarchie vorzubeugen und eine Einheit unter die Führer, wo alle Leidenschaften rege geworden waren, zu bringen." Auch dieses „Gute" ist nur cum grano salis zu nehmen. Johann richtet noch am 6. Nov. ein belobendes Schreiben an Roschmann (Conc. in J. M.), dessen Benehmen „ganz der Klugheit und Bescheidenheit entspricht", das man bei ihm voraussetzte. Des Erzherzogs nachsichtiges Urteil hat auch Wertheimer, D. Revolutionierung Tirols (Deutsche Rundschau 30, 87 ff.) übernommen. Ebend. üb. Roschmanns abenteuerliche Flucht in die Schweiz.

   
  Quelle: Josef Hirn, Tirols Erhebung im Jahre 1809, Innsbruck 1909, S. 747
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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