SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Tirols Erhebung im Jahre 1809, Josef Hirn

   
 
  541 - Beabsichtigte Verzögerungen
 

 

Tirols zu gelangen oder doch zu hindern hofft, dass das Land für seine bewiesene Anhänglichkeit noch gestraft wird. Jedenfalls wird volle Verzeihung und den Führern die Freiheit ausgewirkt werden, nach Österreich überzutreten. Daran knüpft der Erzherzog seine eigenen Reflexionen: Es wird schwer sein, den Einwohnern begreiflich zu machen, dass ihr Land geräumt werden müsse, dass man bei einem Frieden für sie sorgen oder bei Wiedereröffnung des Krieges sie schützen werde. Zwei Möglichkeiten sind denkbar: entweder lässt das Volk die Truppen abziehen und verwünscht den Augenblick, der es unglücklich machte, oder es wird die Kaiserlichen nicht ziehen lassen, „welches zwischen den beiden Fällen wohl das bessere wäre". Vor allem gut es, Zeit zu gewinnen. 1) Der Stillstand soll vier Wochen dauern bei vierzehntägiger Kündigung. Schon sind neun Tage verstrichen, die eingeleiteten Verhandlungen müssen bald zeigen, ob Friede wird oder Krieg. Einzelne Vertragspunkte, wie jener, welcher die Räumung in Etappenmärschen und die Mitnahme der Vorräte an Lebensmitteln und Kleidern gestattet, ermöglichen eine Verlangsamung in der Ausführung. Ohne Aufforderung vom Feind ist überhaupt nichts zu räumen. Unter allen möglichen Vorwänden ist der Abzug zu verzögern. So vergeht die Zeit und vielleicht findet der Augenblick die Truppen noch im Lande, wenn der Krieg sich erneuert. Von Schiessvorrat ist alles, was den nötigsten Bedarf übersteigt, unter die Bewohner auszuteilen. Sollten sich Einheimische den Abziehenden anschließen wollen, so ist es zu gestatten, vorsichtshalber soll es jedoch unter dem Schein eines in kaiserlichem Dienst stehenden Jägerkorps geschehen. Vielleicht lässt sich mit dem einrückenden Gegner etwas über Amnestie verhandeln. Hauptsache aber bleibt Zeit zu gewinnen und, ohne den Vertrag zu verletzen, möglichst langsamer Auszug. Deshalb wird auch General Schmidt unabhängig von Buol gestellt, weil so einer auf den andern sich berufen kann, „wodurch eine Menge Umtriebe geschehen, die wieder Zeit gewinnen machen". Schließlich empfiehlt Johann größte Klugheit und strengste Verschwiegenheit, damit das Geheimnis undurchdringlich bleibe und niemand die Absicht errate. Selbst auf Rapporte verzichtet der Erzherzog, wenn sie nicht auf den sichersten Wegen erfolgen können. 3)

1) Diese Gedanken hat E. Karls ob. zit. Schreiben v. 13. Juli angeregt. — Der Brief Johanns ist wiederholt abgedruckt, zuletzt in seinen Hauptteilen bei Mich. Mayr. Die Vorbereitungen zur dritten Befreiung Tirols (Innsbruck 1902). Dieses unansehnliche Separ. ist einer der verdienstlichsten Beiträge zur Landesgeschichte dieser Zeit. Es ist darin der erfolgreiche Versuch gemacht, in das chronologisch wirre Chaos der Tage von Ende Juli bis zum 5. Aug. Ordnung zu bringen.
2) Wenn Buol dieses Schreiben an mehrere Schutzdeputationen mitteilte, so handelte er gewiss nicht im Sinne der Wahrung des Geheimnisses.

   
  Quelle: Josef Hirn, Tirols Erhebung im Jahre 1809, Innsbruck 1909, S. 541
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.