SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Tirols Erhebung im Jahre 1809, Josef Hirn

   
 
  391 - Ausfall nach Kempten
 

 

Der Nordsaum der Alpen von Kufstein bis Reutte war an jedem Einfallstore mit bäuerlichen Kompagnien, denen mitunter etwas Militär beigegeben war, bewacht. In Achental standen nur Schützen und Landsturm unter den Hauptleuten Aschbacher und Lergetporer und dem Sturmhauptmann Aichinger, dem Bürgermeister von Hall. Die Leute hatten sich mit Patrouillieren und Schanzenbauen abzugeben. Als in den ersten Maitagen gemeldet wurde, dass sich in der Gegend von Tölz bayrische Soldaten zeigten, eilten Nachschübe an den See, um nicht bloß Pertisau, Buchau und den eigentlichen Pass, sondern auch die Flanken wie Geisalpe, Reith- und Steinberg zu besetzen. Die Beunruhigung am Strub bewog dann zur Abberufung der im Tal nicht einheimischen Mannschaften. 1)

In Reutte, wohin Teimer mit Senn nach dem Besuche der Schweizer Grenze zurückgekehrt war, nahm derselbe mit Genehmigung Chastelers die Ausfälle ins Bayerland wieder auf. Mit 800 Freiwilligen zog er nach Schongau, Oberdorf, Kaufbeuren und endlich in die Kreishauptstadt Kempten. Wohin er kam, ordnete er die Entwaffnung der Bürgermiliz an, wodurch er einen ansehnlichen Waffenvorrat erbeutete, und ließ starke Requisitionen an Geld, Vieh und Getreide treiben. 2) Das ihm vorauseilende Gerücht übertrieb die Zahl seiner Begleiter gewaltig und machte die überraschten Leute kleinmütig, so dass ihm kein Widerstand befuhr. 3) In Kempten war der Generalkommissär v. Mertz mit seinem Kanzlei- und Finanzdirektor von dannen geflohen. Teimer konnte sich vor der eingeschüchterten Bürgerschaft als förmlichen Gebieter der Stadt aufspielen. Den königlichen Polizeikommissär Erb nahm er noch als Geisel mit. 4) An den bayrischen

1) Pertisau war besetzt worden von einer Wiltener Komp. (Hauptmann Hahn), Buchau von der Thauerer Sturmkomp. (Hauptmann Rahm). Eine Thauerer Schützenkomp. (Hauptmann Posch), eine Rettenberger und zwei Steinacher Komp., bereits für Achental bestimmt, wurden nach Wörgl gelegt. Dass die Sturmleute von Hall und Thauer eigenmächtig nach Hause gingen, wurde von der Deputation (8. Mai) tadelnd vermerkt.
2) Der Zeitgenosse A. Falger in Lechtal verzeichnet als Beute von Kempten: 1500 Gewehre, 2000 G. an Geld, 6000 Metzen Getreide, 40 Ochsen, 10 Zt. Pulver, 50 Zt. Blei und 1200 Ellen Tuch. (Freundlich mitgeteilt von Dr. Dengel.)
3) In Leutkirch sprach man schon von 3000 Tirolern. Der Richter von Kempten meldet am 5. Mai: Gestern rückten 812 Tiroler hier ein, heute zogen sie ab. Sie standen unter Hauptmann Schuler und haben sich ordentlich gehalten, aber ihr Aussehen ist elend, sie machen keinen vorteilhaften Eindruck, schlechte Bewaffnung. M. St.
4) Die Akten werfen auf die Kemptener Beamtenschaft ein recht ungünstiges Licht. Die Räte der beiden Kreisstellen erhoben gegen ihre Vorgesetzten vor dem König die giftigsten Anklagen auf Feigheit und Lüge. Sie schließen ihre Klageschrift: „Wir haben das Gefühl, wir dürfen neben solchen Direktoren nicht im Dienste sitzen." (16. Mai. M. St.) Mertz beschuldigten sie, er habe von Ulm die Nachricht bestellt, es seien 1000 Franzosen zur Befreiung im Anzuge, zu deren Begrüßung er sich entfernen müsse. Die Herren Räte waren sehr eifersüchtig. Als nach Teimers Abgang die in Kempten erscheinende Zeitung („Neueste Weltbegebenheiten") von der Wegführung Erbs berichtete und ihm nachrühmte, er habe sich die Rettung des Privateigentums vor den Tirolern angelegen sein lassen, rückten sie gleich eine Berichtigung ein: diese Rettung sei ihr Verdienst; Erb habe nur gehandelt als Organ der „nie ermüdenden Räte", er sei nicht wegen seines Eifers abgeführt worden, „sondern weil der Krieg solche Maßregeln nötig macht". Mertz musste nach königlichem Befehl mit Graf Reisach in Augsburg die Stelle tauschen. — Erb wurde nach Imst gebracht und erhielt nach dem Einrücken Lefebres die Freiheit. Er verwendet sich 20. Mai sehr warm bei Wrede für Imst, wo er außerordentlich gut behandelt worden sei. M. St.

   
  Quelle: Josef Hirn, Tirols Erhebung im Jahre 1809, Innsbruck 1909, S. 391
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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