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  THERESE STERNBACH
 

von Anna Maria Achenrainer, 1964

Therese Sternbach

Therese Sternbach
(im Hintergrund der Kalvarienberg Innsbruck-Arzl)
Ausschnitt eines Bildes von Franz Spitzer

Wenn wir uns der Trägerin dieses großen Namens aus der Zeit der Tiroler Freiheitskämpfe zuwenden, so erscheint vor uns das interessante Porträt einer Frau, das Franz Spitzer noch zu Lebzeiten der Dargestellten in sorgfältiger Arbeit geschaffen hatte. Es vermittelt uns die Vorstellung von einer fröhlichen und doch ernsten Frauengestalt von schönem, kräftigem Wuchs. Sie reitet selbstbewusst und kriegerisch auf einem edlen Pferde und schwingt ihre kunstvolle Tabakpfeife gleich einem Marschallstab. Ihr Angesicht zeigt runde Wangen und einen klaren Blick.

Therese von Sternbach, eine der bedeutendsten Tirolerinnen, die je gelebt haben, hat sich in der Geschichte des Jahres Neun einen überragenden Ehrenplatz gesichert.

Ihr Leben zieht voller Spannung und Besonderheiten an uns vorüber. Therese kam als Tochter der ehrsamen Bürgersleute Josef und Walburga Obholzer, geborene Waitz, am 20. Mai 1775 in Bruneck zur Welt. Die früh verwitwete Mutter ließ dem außergewöhnlich begabten Mädchen eine sorgfältige Erziehung zukommen. Die stets heitere, begeisterungsfähige Therese wurde, als sie reizvoll heran gewachsen war, von Söhnen der vornehmsten Familien viel umschwärmt. Ihr eifrigster Bewunderer aber war der Baron von Sternbach. Schwierigkeiten erwuchsen den Liebenden nicht nur von Seiten des sehr adelsbewussten Vaters des jungen Mannes, auch die Mutter des Mädchens versprach sich wegen des großen Standesunterschiedes für ihre Tochter keine glückliche Ehe. Die innige Verbundenheit des Brautpaares sowie Theresens hervorragende Charaktereigenschaften trugen letzten Endes doch den Sieg davon: am 17. Juni 1799 vermählte sie sich zu Uttenheim mit dem Reichsfreiherrn Franz Andreas aus der Mühlauer Linie der Familie Sternbach.

Das Paar lebte nun zurückgezogen auf einem Ansitz in Gaiß. Dort schenkte die junge Frau einem Sohn das Leben, dem der Name des Großvaters, Karl Matthias, gegeben wurde. Wenige Jahre später, nach dem Tode des Familienoberhauptes, kam der junge Ehemann in den Genuss des Erbes seines Vaterhauses in Mühlau. Auf Schloß Rizol wurde den Gatten noch eine Tochter Adelheid geboren. Als der Freiherr am 10. Februar 1808 plötzlich verstarb, ruhte fortab auf Therese die ganze Sorge um das Erbe. Eine neue Prüfung erwartete sie: am 5. Juni, wenige Monate nach dem Tode ihres Gemahls, verschied auch ihr zweijähriges Töchterchen Adelheid.

Schon stiegen am Horizont für unser Land die ersten Gewitterwolken auf: Napoleon, der siegreiche Eroberer, versetzte ganz Europa in Wut und Schrecken! Die Baronin Therese blieb gelassen — Furcht kannte sie nicht. „So wahr ein Gott im Himmel ist", schreibt sie in ihrem Tagebuch, „mir kann ohne Seinen Willen kein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden!''

Die Tiroler Freiheitskriege erlebte sie in der Kampflinie. Der Wille, Heimat und Vaterland zu verteidigen, loderte wie eine helle Flamme empor. Kein Opfer, das sie nicht dafür gebracht hätte! „Im vollen Feuer meines Gemütes", lesen wir weiter in ihren Aufzeichnungen, „ritt ich auf meinem Pferde in die Haufen der kämpfenden Bauern hinein und ermunterte sie allerwegs mit dem Rufe: Vorwärts Tiroler!"

"Um die Verpflegung der Mannschaft zu sichern, hatte sie ihren Viehstand erheblich verringert, Leinwand und Lederzeug gegeben. Sie eiferte die Freiheitskämpfer zum Ausharren an und bewies selbst in allem größten Mut.

Im Umgang mit der Besatzungsmacht zeigte sie Haltung: Stolz, gepaart mit Würde. Als ihr auf dem Heimritt ein französischer Soldat das Reitpferd unter dem Sattel weg beschlagnahmen wollte, schaute sie diesen erbost an, kehrte um und galoppierte nach Innsbruck zurück. In einer bündigen Rede ersuchte sie im Hauptquartier des Generals Lefèbre um freies Geleit bis zu ihrem Ansitz in Mühlau. Es wurde gewährt. Nachher soll sich der Adjutant Oberst Motolegiors zum General geäußert haben: „Wenn dieses Land schon solche Frauen hat, wie müssen dann erst seine Männer beschaffen sein!"

Nach der denkwürdigen Schlacht am Bergisel im Mai 1809 hatte sich die fremde Besatzung aus dem Staube gemacht. Anfangs August erschienen Bayern und Franzosen aber wieder und verteilten sich in drei Lagern. Das Sternbachsche Schloss in Mühlau war von nun an mit feindlichen Soldaten, Offizieren und Mannschaften vollgepfropft.

Die Baronin hatte früher die Truppen der Landesverteidiger Speckbacher und Teimer mit Lebensmitteln versehen, ferner hatte sie viele Gewehre verteilt. Eine große Menge davon hatte sie in ihrem Schlosse als Reserve für die Landesschützen zurückbehalten. Einer ihrer Bediensteten aber verriet das Versteck an die Besatzungsmacht. Am 3. August wurden 130 Mann in das Schloss geschickt, um diese mutige Tirolerin zu verhaften!

Nach der letzten Bergisel-Schlacht verließ der besiegte Marschall Innsbruck. Vor seinem Abzug ließ er einige Innsbrucker Persönlichkeiten als Geiseln gefangen setzen. Darunter war auch die Baronin Sternbach. Als Gefangene hatte sie mancherlei Qualen zu erdulden. Sie wurde jede Minute so streng bewacht, dass man ihr zumutete, selbst noch in ihrem Schlafraum die Anwesenheit eines bayrischen und französischen Offiziers zu ertragen. Sie protestierte heftig gegen diese unerhörte und unritterliche Behandlung.

Immer blieb sie tapfer und ertrug ungerührt Bosheit und Beschimpfung. Als sich ein französischer Offizier bewundernd über ihre Standhaftigkeit äußerte, erwiderte sie unerbittlich: „Sie haben wohl Tränen erwartet? Bedenken Sie aber, dass das Schicksal keine verdient."

Erschütternd war ihr Abschied von ihrem Sohne, ihrem Heim und den Dienstleuten gewesen. Nach der Verhaftung, spät abends, hatte sie noch soviel Seelenstärke, in einer einzigen Stunde ihr Hauswesen für den Fall ihres Todes zu ordnen. Bewegt nahm sie von ihrem bereits schlafenden Sohne Abschied, ohne ihn zu wecken. Dumpfe Trommelschläge begleiteten unheildrohend die nächtliche Szene. Im Zimmer ihres Sohnes befand sich auch der Schlosskaplan und Hofmeister Karl Pfaundler. Ihm empfahl sie Karl Matthias mit den Worten: „Herr Hofmeister! da ich heute von hier abgeführt werde und mein Schicksal dahin ausfallen könnte, dass ich gar nicht mehr zurückkehren sollte, so übergebe ich Ihnen jetzt in der Stunde der Trennung das teuerste Kleinod einer Mutter, meinen Sohn, und lege Ihnen seine Erziehung ans Herz! Bilden sie ihn zu einem wahren Christen und rechtschaffenen Menschen! — kurz, so erziehen Sie ihn, dass Sie ihn mir einst an jenem großen Gerichtstage wieder mit den Worten zurückstellen können: Weib! hier hast du deinen Sohn wieder — ich habe ihn mit aller Sorgfalt erzogen. Menschen", sprach sie weiter zu Pfaundler, und sie zeigte dabei auf die Schar der Gendarmen — „nehme ich nicht zu Zeugen dieser feierlichen Übergabe, sondern" — auf das Bild des Gekreuzigten hindeutend — „dieser ist mein Zeuge!" Hierauf segnete und küsste Therese ihren Sohn, wie sie glaubte, zum letzten Male.

Als man in München, wohin sie als Gefangene gebracht wurde, ihren unbeugsamen Willen durch wiederholte Todesdrohungen zermürben wollte, soll sie gesagt haben: „Das war ein kurzer Prozess, einen Menschen ohne Verhör zu hängen und auch gegen alles Völkerrecht! Sollte es aber wirklich geschehen und beschlossen sein, so hängt mich mit dem Angesichte Österreich zu und mit dem Rücken gegen Frankreich!"

Ihren patriotischen Leidensweg schilderte sie unter anderem kurz in einem Schreiben an den Kaiser am 16. Juli 1810: „Die Unterfertigte, welche sich in tiefer Ehrfurcht Eurer Majestät zu Füßen legt, ist jene Baronin Sternbach, welche im August vorigen Jahres gleich nach dem wiederholten Einfalle der Bayern mit 115 Mann in ihrem Schlosse arretiert, nach Innsbruck in strenge Verwahrung gebracht, von dort mit der bald darauf erfolgten Niederlage des Armee-Korps unter dem Herzog von Danzig nach München ins Korrektionshaus abgeführt wurde und von dannen nach vier Wochen und nach der härtesten und schimpflichsten Behandlung nach Straßburg in das Staatsgefängnis gekommen ist, wovon sie erst am 20. Hornung diesselben Jahres nach ausgestandenem siebenmonatlichem Arreste wieder befreyt wurde.."

Dieses Schreiben sollte den Monarchen in Wien auf die Notlage der inzwischen enthafteten Baronin aufmerksam machen. Sie war auf Grund der Amnestie des Wiener Friedens freigekommen, nachdem sie kurz zuvor in der Straßburger Zittadelle noch zum Tode verurteilt worden war.

Sie hatte ihren Besitz als Folge der vielen Einquartierungen bei ihrer Rückkehr in die Heimat völlig verwüstet und geplündert vorgefunden. So wandte sie sich, wie die meisten vom Feinde geächteten Tiroler, nach Wien um Hilfe. Zweimal wiederholte die energische Frau ihre Eingabe. Obwohl Hormayr die Baronin als eine wahrhaft uneigennützige und mutvolle Patriotin bezeichnete und ihre Bittschrift tunlichst unterstützte, erfloss erst viele Monate später die kaiserliche Erledigung, derzufolge ihr die nächste, in Ungarn frei werdende Kurie versprochen wurde. Geld oder einen Orden bekam sie vorerst nicht. Therese hatte nicht auf Dank gehofft. Ende Juni 1811 reiste sie kurz entschlossen aus Wien ab — und half sich selbst.

Als Kaiserin Maria Luise 1814 auf ihrem Heimweg ins Vaterhaus durch Tirol fuhr, kam sie auch nach Mühlau und verkehrte in auffallender Freundlichkeit mit der „notorischen Insurgentin Sternbach", wie die bayrischen Beamten übel vermerkten.

Erst nach Jahren verlieh der Kaiser Therese von Sternbach die große goldene Ehrenmedaille mit Kette, welche ihr vom Grafen Chotek feierlich überreicht wurde.

Therese starb am 5. April 1829 in Mühlau und wurde in der Familiengruft auf dem alten Friedhof beigesetzt. Neben der Gruftkapelle ist ihr Name auf einer Marmortafel heute noch zu lesen.

Diese wahrhaft große Tirolerin verkörpert wie kaum eine andere das ganze Tirol. Sie ist in ihrer frischen Natürlichkeit gleichwohl ein Kind des Volkes gewesen, wie sie später durch Geistesstärke und Heldentum einem alten Adelsgeschlecht neuen Glanz verlieh. Freimut und Begeisterung waren ihr angeboren. Unüberwindlich blieb ihr Glaube an Gott, Heimat und Vaterland — und leuchtender denn je hebt sich heute ihre Gestalt vom historischen Hintergrund ab.

   
  Quelle: Anna Maria Achenrainer, Frauenbildnisse aus Tirol, Innsbruck 1964, S. 75 - 81.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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