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  Aus den Denkwürdigkeiten des Schweizer Obersten von Tavel-Mutach
 


Einleitung.

Die gewaltige Tiroler Volkserhebung im Jahre 1809 wird durch viele einheimische und durchaus verlässliche Quellen in wuchtigen Zügen als eine Epoche geschildert, in der sich vor allem der Bauernstand durch Entfaltung heroischer Kraft rühmlich hervortat. Diese einheimischen Darstellungen werden aber sehr wirksam ergänzt durch die Berichte fremder Augenzeugen, welche den erschütternden Gang der Ereignisse von der Mitte der feindlichen Reihen aus beobachteten.

Unter den aus feindlichem Lager stammenden Berichten über Tiroler Geschehnisse im Jahre 1809 nehmen die Denkwürdigkeiten des Schweizer Obersten von Tavel-Mutach einen hervorragenden Platz ein.

Die Erlebnisse des Schweizer Obersten von Tavel-Mutach (29. Mai 1789 bis 16. Februar 1868) sind auf Grund der im Familienbesitze befindlichen Handschrift im „Berner Taschenbuch 1885“ veröffentlicht worden; was Tavel-Mutachs Denkwürdigkeiten über die Begebenheiten von 1809 (Mai 1809, Oktober 1809 bis Juni 1810) erzählen, soll hier in wortgetreuem Auszuge mitgeteilt werden. Die erwähnten Denkwürdigkeiten wurden von Tavel-Mutach zwar nicht unmittelbar nach dem Laufe der Geschehnisse, sondern erst nach Jahrzehnten mit Hilfe seines soldatischen Tagebuches aufgezeichnet; indessen werden die schrecklichen Feindseligkeiten, welche den Einmarsch der Franzosen und Bayern in Tirol begleiteten, mit frischer Lebendigkeit und lebhaftem Mitgefühl beschrieben.

Ludwig Karl von Tavel-Mutach, aus einem altangesehenen Schweizer Geschlechte stammend, genoss zu Bern eine glückliche Jugend und eine treffliche Erziehung.

Die in der Zeit von 1798 – 1803 in der Schweiz sich abspielenden Kriegsereignisse, die häufigen Durchzüge, Paraden, Manöver französischer Heeresvölker gaben dem Jugend-Streben des Knaben frühzeitig ein bestimmtes Ziel: das kühne Waffenhandwerk. Im Alter von 14 Jahren trat der kräftig entwickelte Knabe als Leutnant in die bernische Standes-Kompagnie ein und nahm am 23. August 1806, kaum 17 Jahre zählend, als Unter-Leutnant Dienst im königlich-bayerischen Heere, in dessen Verbande er bis anfangs 1815 verblieb und zu einem feldtüchtigen, erfahrenen Offizier heranreifte.

Bis 1828 widmete er in höheren, militärischen Stellungen Holland seine bewährten Dienste; von 1829 – 1831 war er Stadtkommandant von Bern und wurde als Oberst zum Instruktionsleiter der bernischen Bundestruppen verwendet. Nach reichbewegten Jugendjahren waren dem ehrenhaften und biederen Manne noch mehr als drei Jahrzehnte im Schosse eines glücklichen Privatlebens beschieden.

Seine ansprechende Erzählung hat für unsere Heimatkunde unleugbaren Wert, weshalb sie verdient, im Lande gekannt zu sein. Darum soll sie im folgenden mitgeteilt werden; wobei bemerkt sei, dass die im Original zwischen Präsens und Perfektum wechselnde Schreibweise einige unbedeutende Änderungen in dieser Hinsicht nötig machte.

 

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„Das Land Tirol war im Jahre 1806 durch den damaligen Friedensschluss an Bayern abgetreten, und mit Schonung behandelt worden, war also schon mehrere Jahre bayerisch, und man hätte erwarten sollen, da beide Länder den nämlichen religiösen Kultus, die nämliche Sprache und die nämlichen Sitten hatten, zudem Tirol für seine Weine in Bayern, und Bayern für sein Getreide in Tirol sehr guten Absatz fand, sie würden sich gegenseitig befreunden; allein, dem war nicht so. Die Tiroler, ihren früheren Landesherrn, dem österreichischen Kaiserhause, treu ergeben, hassten die Bayern und unterstützten demnach beim Ausbruch der Feindseligkeiten den österreichischen General Chasteler durch einen allgemeinen Volksaufstand; sie machten es ihm möglich, die bayerischen Truppen unter General Rinkel, da diese nur schwach an Zahl waren, entweder gefangen zu nehmen, oder schnell aus dem Lande zu treiben.

In Bayern und dessen Armee galt dieser Volksaufstand, wobei viele Grausamkeiten gegen die Beamten und die Truppen vorgekommen waren, für eine förmliche Rebellion; man war daher sehr erbittert gegen die Tiroler; beim Einzug wurde geplündert, gebrannt und gemordet, umso mehr, da auch Napoleon geboten hatte, keines Rebellen zu schonen. Das bewog den General Wrede, schon den 12. Mai von Ellmau aus einen Tagesbefehl herauszugeben, wo es unter anderem hieß: „Ich habe heute und gestern Grausamkeiten, Mordtaten, Plünderungen, Mordbrennereien sehen müssen, die das Innerste meiner Seele angegriffen und mir jeden frohen Augenblick, den ich bisher über die Taten der Division hatte, verbitterten. – Wer hat Euch das Recht eingeräumt, selbst die Unbewaffneten zu morden, die Häuser und Hütten zu plündern und Feuer in Dörfern anzulegen? – Ich fordere Euch auf, von heute an wieder das zu sein, was ihr sein sollet und müsset, Soldaten und Menschen!“

Dieser Armeebefehl des menschlichen Feldherrn hatte jedoch den Erfolg nicht, den er hätte haben sollen; denn die Exzesse und Grausamkeiten dauerten auf beiden Seiten fort, bis zur gänzlichen Unterwerfung des Landes. Die ganze Truppenzahl, welche in Tirol einrückte, stand unter dem Oberbefehl des französischen Reichsmarschall Lefébre, Herzogs von Danzig, eines geborenen Elsässers, der gewöhnlich in seines Landes Mundart mit uns sprach.

Was mich persönlich betraf, so marschierte ich mit der Division Wrede den ersten Tag über Reichenhall nach Unken, ohne etwas vom Feinde zu sehen; wir bivouakierten daselbst, und einige Truppen wurden über die Berge gesendet, um den Pass Lofers, den wir nehmen sollten, auch von hinten zu fassen, da er sehr fest und von vorne sehr schwer zugänglich war. Von Unken wurde vorerst nach dem Dorfe Lofers marschiert, wo man sich rüstete, den nahegelegenen Pass zu stürmen, der verpalissadiert, von zwei Sechspfündern, von zwei Kompagnien Österreichern und einem zahlreichen Landsturm verteidigt war.

Unser tapferer Oberst Graf Berchhem setzte sich selbst an die Spitze der Stürmenden und war so glücklich, den Pass ohne sehr großen Verlust wegzunehmen; der Unteroffizier Rüchtren, der zu Breslau die Bombe aus dem Laufgraben geworfen, erhielt hier einen Schuss ins Knie, der ihn zum Krüppel machte, was ihm zu einer guten Zivilanstellung verhalf. Ein anderer Soldat unseres Regiments, namens Schuster, ein Schütze, der sich bei allen Gelegenheiten als einer der Tapfersten ausgezeichnet hatte und bereits die goldene Medaille besaß, tat sich so hervor, dass Barferot, der Adjutant des Marschalls Lefébre, ihn auszeichnete, damit er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten möchte. – Ich selbst war bei dem Sturme auf den Pass Lofers, der den 11. Mai statthatte, nicht zugegen, da man mich mit 25 Mann in eine Schlucht links gesendet hatte, damit wir aus dieser nicht unvermutet angegriffen oder abgeschnitten würden.

Im erstürmten Pass ward alles ohne Gnade niedergestoßen, sogar der Geistliche in der Kapelle. Ich wurde zurückgeworfen und marschierte nun mit der Division nach Weidering [Waidring], wo bivouakiert wurde. Der Marschall und Wreden nahmen ihr Quartier im Dorfe, was dem ungeachtet total geplündert wurde.

Die Tyroler, mehrenteils von Geistlichen angeführt, wagten sich selten in die Talfläche, hingegen knallten sie unausgesetzt mit ihren weittragenden Stutzen in dieselbe, indem sie sich auf den Berghalden rechts und links von den Tälern hinter Bäumen oder Felsstücken postierten, so dass wir immer unsere Schützen und einen Teil der Infanterie als Plänkler absenden mussten, um sie von den Berghalden zu vertreiben. – Unsere Artillerie, Kavallerie und ein Teil der Infanterie rückte in der Talebene vor, sowie die Schützen und Plänkler vordrangen, und wurden dabei von der äußerst tapferen und wirksamen Batterie Kaspers unterstützt, die den Insurgenten Haubitzgranaten zuwarf.

Bei Weidering brachte der oft gedachte Schiffhauer, jetzt Regimentstambour – so wurde in Bayern der Tambourmajor genannt – zwei Gefangene, einen 74jährigen alten Mann und einen 16jährigen jungen Burschen. – Man ließ die Generäle fragen, was mit ihnen vorzunehmen sei; sie antworteten: „was man wolle“, worauf man den alten Mann, da nicht erwiesen werden konnte, dass er geschossen hätte, laufen ließ; den Jungen hingegen, da er unzweifelhaft geschossen, nahm Schiffhauer gleich zur Hand um ihn umzubringen und wollte ihn sogleich ?spedieren. Wir Offiziere protestierten dagegen, dass es in unserer Nähe geschehe; nun stieg Schiffhauer mit Leiningen über eine Hecke, wobei ihnen der junge Bursche behilflich war; allein weder diese Handreichung, noch das jugendliche Alter vermochten sie zu erweichen, sie ließen ihn niederknien, einen Vaterunser beten, worauf ihn Schiffhauer, indem er ihm durch den Kopf schoss, tot dahinstreckte. Wir hätten ihn gerne gerettet, allein, da es gegen den Befehl Napoleons gewesen wäre, vermochten wir es nicht.

Wir brachten die Nacht ziemlich ruhig im Bivouak zu Weidring zu; aber bei der ersten Morgendämmerung begann es wieder von den Berghalden links und rechts von uns zu knallen, so dass die Schützen und Plänkler sogleich wieder ausgesendet wurden, um sie zu vertreiben. Wir marschierten indessen über St. Johann bis Ellmau, wo wieder bivouakiert wurde. An diesem Tage wurde der tapfere Schütze Schuster in den Unterleib geschossen und kam im Laufe die Berghalde hinunter, immer schreiend: „Ich muss sterben!“ Man legte ihn nun auf einen Wagen, und da wir in diesem und dem preußischen Feldzug noch keine Feldprediger hatten, so verfügte sich der Spaßmacher unserer Kompagnie zu ihm, tröstete ihn , bereitete ihn zum Tode vor und betete wirklich sehr rührend mit ihm, bis er verschied; ein gewaltiger Kontrast gegen des Trösters sonstiges Betragen.

Der Marschall Lefévre unterhielt sich gerne mit älteren Offizieren von unserer Armee und ging oft zu Fuß Arm in Arm mit ihnen; er war großer Statur, ältlich und trug sich gerade, in seinem Betragen und in seinen Manieren sah er gänzlich einem gemeinen Troupier ähnlich. Er ließ auch öfters durch die Marketenderinnen Schnaps auf seine Kosten an die ihm umgebenden Soldaten austeilen.

Zu Ellmau waren wir leider mit einer großen Zahl Insurgenten ins Gefecht gekommen, die wir so hitzig verfolgten, dass endlich unsere Haubitzgranaten unter uns fielen.

Von Ellmau marschierten wir den 13. Mai über Wörgl nach Rattenberg im Inntal. Zu Wörgl stießen wir auf viele Gefangene vom Regiment Lusignan und auf Truppen der Division Deroi, welche den Pass von Kufstein forciert hatten. Bei Rattenberg fanden wir den Leutnant Deisenberger vom Chevauxlegers-Regiment Leiningen tot an der Straße liegend, eine Kugel hatte ihn durchbohrt. Dem Fürsten Konstantin von Löwenstein-Wertheim, der im nämlichen Regiment diente, wäre es bei einem Haar gelungen, den feindlichen Oberbefehlshaber in Tirol, den General Chasteler, zu fangen; er hatte bereits den Arm ausgestreckt, um ihn beim Mantel zu fassen, als Chasteler plötzlich noch sein Pferd wenden konnte und durch dessen Tüchtigkeit entrann. Er hatte die unsrigen für österreichische Chevauxlegers gehalten, was bei seiner Kurzsichtigkeit leicht geschehen konnte. Zu Rattenberg wurde Deisenberger beerdigt, wobei allerlei Skandal vorfiel; überhaupt war die Hitze groß, der Soldat sehr durstig, so dass er überall nach Getränken suchte; solches fand sich reichlich, und oft gab es Betrunkene, so dass ein wüstes Leben und Treiben beinahe allgemein wurde. Die Artillerie hatte oft viele Mühe, bei den brennenden Häusern vorbeizukommen, ohne sich der offenbarsten Gefahr auszusetzen.

Von Rattenberg brachen wir schon sehr früh morgens auf, um nach Schwaz vorzudringen, aber schon beim ersten Dorf fingen die Insurgenten wieder an, aus ihren Stutzen auf uns zu knallen, und das feindliche Feuer verstärkte sich mehr und mehr, und wurde sehr mörderisch, als wir an den Ausgang des Zillertales kamen. Hier hatten sie die Brücke über den Ziller zum Teil zerstört, so dass wir Position nehmen mussten, bis sie wieder gangbar gemacht war. Die Tiroler, in großer Zahl unter Speckbacher, hatten sich auf einem naheliegenden Hügel, der eine Kapelle trägt, postiert und unterhielten auf uns und unsere Arbeiter an der Brücke ein lebhaftes Feuer, das sich noch verdoppelte, als wir die Ziller überschritten. Major Zaiger wurde getötet, und auch unser Regiment verlor Mannschaft. Auf unserer Seite entfaltete besonders die Batterie Kaspers ihre Vortrefflichkeit. Diese Batterie, von Leutnant Baron von Grafenreuth befehligt, der die größte Bravour und Kaltblütigkeit an den Tag legte, obschon viele seiner Leute fielen, warf ihre Haubitzengranaten so richtig, dass kein Schuss fehl ging und es ihr nach einer Weile gelang, vereint mit unseren Schützen, den Feind vom besagten Hügel zu vertreiben. Dadurch wurde es uns möglich, in der Talebene des Inn, zwar immer fechtend und hie und da Rotten- oder Battaillonsfeuer anwendend, vorzudringen.

Der Widerstand, den wir heute erfahren hatten und bei dem Sturm auf Schwaz noch erfahren mussten, war der hartnäckigste, der uns bisher in Tirol begegnet war, und da die Division Deroi in der Gegend von Rattenberg zurückgeblieben war, so waren wir ziemlich schwach an der Zahl; zudem hatte der große Menschenverlust die Truppen etwas stutzig gemacht, so dass General Wrede es nötig fand, selbst den Degen in die Hand zu nehmen, zu Fuß an ihre Spitze sich zu stellen und sie durch seine persönliche Tapferkeit zu ermuntern. Wir verloren an diesem Tage zu Schwaz einen sehr tapferen Offizier unseres Regiments, namens Rüdersheimer, und Konstantin Löwenstein wurde in den Kopf geschossen, vieler anderer nicht zu erwähnen.

Ehe wir Schwaz erreichten, wurde bei Schloss Rotholz, dem blinden Grafen Tannenberg gehörend, ein wenig geruht, und das Schloss untersucht. Man fand ziemlich viele Waffen hier, was den Grafen in bayerischen Augen zum Verräter stempelte. Alle gefangenen Insurgenten wurden am heutigen Tage niedergemacht. Die Feinde ihrerseits massakrierten unsere Nachzügler und unsere Marketenderinnen, die sich etwas verspätet hatten.

Nichts ist trauriger, als einen fanatisierten Volksaufstand bekämpfen zu müssen; denn da Exzesse und Grausamkeiten bei solchen nicht zu vermeiden sind, so wird die gegenseitige Erbitterung zur Wut, der Soldat ist nicht mehr, auch bei strengster Disziplin, zu erhalten – ach, wie oft blutete mein Herz bei Szenen, die ich sehen musste und nicht hindern konnte.

Vom Schloss Rotholz wurde, immer fechtend, gegen Schwaz vorgedrungen. Der Widerstand war umso lebhafter, da die zahlreichen Insurgenten nun durch einige hundert Mann Österreicher vom Regiment Devaux, unter Kommando des Hauptmanns Hofmann unterstützt wurden. Man schlug sich sogar in den Gassen der Stadt, wo uns ein Kugelregen aus den Fenstern empfing; bei diesem Anlasse gerieten einige Häuser in Brand, der sich allmählich ausdehnte, da man keine Feuerspritzen und Löschanstalten finden konnte, und die meisten Bewohner entflohen waren.

Nach Eroberung der Stadt marschierten wir über die dortige Innbrücke und schlugen in der benachbarten Ebene ein Bivouaklager auf. General Wrede war so ermüdet, dass er sich sogleich auf den Boden warf. Die Soldaten eilten herbei, steckten ihre Bajonette in den Boden und bereiteten einen Mantel über die Kolben der Gewehre, um den geliebten Feldherrn von den stechenden Sonnenstrahlen zu schützen; es herrschte für die Jahreszeit eine große Hitze in den tirolischen Tälern. Wrede sank bald in Schlaf und Minucci übernahm einstweilen den Befehl.

Man brachte nun zwei Gefangene herbei, wovon der eine geschossen, der andere nicht geschossen hatte – es waren Brüder. Minucci befahl, denjenigen, der geschossen, niederzumachen, den anderen laufen zu lassen; allein der Begnadigte fiel seinem Bruder um den Hals, wollte ihn nicht verlassen und mit ihm sterben, so dass man ihn mit Gewalt von ihm trennen musste. Der Verurteilte rief, wie so viele andere: „Besser österreichisch sterben, als bayerisch leben!“, woran man den Grad des Fanatismus, der bei den Tirolern herrschte, ermessen kann.

Da die Stadt Schwaz an verschiedenen Orten brannte, so strömte eine Menge Soldaten aus dem Lager in dieselbe, teils um zu löschen, teils um Getränke zu suchen, teils um zu plündern. Nun kamen der Stadtpfarrer und der blinde Graf Tannenberg heraus, um beim kommandierenden General um Schonung und Gnade zu bitten. Wrede wurde geweckt und machte ihnen Vorwürfe, dass sie und Ihresgleichen das Landvolk fanatisiert, es zum Aufstand und zur förmlichen Rebellion angeleitet; sie sähen nun die Folgen, die sie selbst herbeigeführt hätten u. s. w.; hierauf sandte er sie zurück, ließ indessen die Brücke durch unsere Kompagnie besetzen, um den Eintritt der Plünderer in die Stadt zu hindern, kommandierte auch einige Mannschaft zum Löschen, allein ohne Erfolg, da der Brand allmählich zunahm.

Man brachte auch den gefangenen österreichischen Hauptmann Hofmann zu General Wrede; dieser lies ihn hart an und sagte ihm, er hätte seine militärische Ehre schlecht wahrgenommen, indem er Rebellen mit seiner Truppe unterstützt hätte. Hofmann erwiderte: „Der Kaiser hat‘s befohlen;“ hierauf sagte der General: „Ich habe Lust, Sie füsilieren zu lassen.“ Hofmann entgegnete ganz gelassen: „Exzellenz haben zu befehlen.“ Dieser gefangene wackere Offizier dauerte mich, und da ich vermutete, er werde keine Erquickung finden, so lief ich ihm nach und steckte ihm eine Flasche Wein, die mir ein Soldat zugetragen hatte, in die Hand; es wurde ihm, wie natürlich, kein Leid angetan.

Wrede zog am Abend in die Stadt und übernachtete im Tannenbergischen Palast, wo auch Fürst Konstantin Löwenstein verwundet lag. Am folgenden Morgen ließ mich der General rufen und gab mir den Befehl, mit zehn Mann mich in besagten Palast zu begeben, um als Sauvegarde zu dienen, welchem Befehl ich sogleich Folge leistete; allein, ich fand denselben schon geplündert, die Gemäldesammlung zerschnitten und zerstört, die Waffensammlung geraubt, so dass beinahe nichts zu beschützen und zu retten war, als einige Mobilien und die Menschen, sogar speisen konnten sie nicht, da sie selbst nicht viel hatten. Indessen kam der Brand der Stadt immer näher, so dass man das noch vorhandene Mobiliar in ein entferntes Haus bringen musste, jedoch vergeblich, da auch dieses Haus bald in Gefahr kam. Als ich dieses dem Grafen anzeigte, der sich in des Landrichters Haus auf eine Anhöhe ober der Stadtbegeben, wo er mit seinen Leuten auf Matratzen schlief, die man im Garten hingelegt hatte, und mich erkundigte, was zu tun sei, antwortete er: „Drei Tage sengen und brennen habe ich noch in keiner Geschichte gelesen; wenn’s brennen soll, so lasst es in Gottes Namen brennen!“

Die tirolischen Grafen Tannenberg, reich und im Lande geachtet, unterliegen alle in einem gewissen Alter der Blindheit, so dass ein trauriges Schicksal ihrer wartet und sie kaum des Lebens froh werden können. Die Gemahlin des Grafen war eine geborene Gräfin Taxis, deren Mutter sehr über die Unverschämtheit der Plünderer klagte, die ihr sogar die Ringe von den Fingern abgestreift hätten.

In der Nachbarschaft der Brücke lag eine Kirche, wohin die Einwohner eine Menge Sachen, besonders Geld, hingebracht hatten, in der Meinung, solche würden im Gotteshause gesichert sein; allein die Plünderer, die in der Regel nichts respektierten, drangen in dieselbe und machten reiche Beute. Indessen nahm der Brand immer mehr und mehr überhand und verwandelte Schwaz, eine wohlhabende Stadt von siebentausend Seelen, in einen Trümmerhaufen; sogar die Brücke brannte zum Teil ab, so dass ich von unseren Truppen, die jenseits bivouaktierten, ganz abgeschnitten war, und jeden Augenblick erwarten musste, das Opfer eines racheschnaubenden Insurgentenhaufens zu werden. Die Lage war peinlich, und ich daher sehr froh, als solche durch Herstellung der Brücke ein Ende nahm.

In der vorhergehenden Nacht war ich, wie natürlich, sehr aufmerksam, und machte fleißig die Runde, wo dann die von Insurgenten unterhaltenen Wachtfeuer an den Berghalden mir ein interessantes Schauspiel darboten, indem sie sich bis weit hinauf erstreckten.

Nach der Einnahme von Schwaz fing man an zu unterhandeln. Die Anführer der Insurgenten und der österreichische Major Teimer verfügten sich zu General Wrede und zeigten ihm an, sie sähen jetzt ein, dass der Widerstand vergeblich sei, sie seien des großen Unglücks, welches über das Land gekommen, satt, und die jungen Burschen sehnten sich nach der Heimat. Es entstand nun ein Waffenstillstand auf sechsunddreißig Stunden, währendem man über Hall und Innsbruck auf den Berg Isel marschierte und dort ein Bivouaklager bezog. Den 19. Mai, da ich einrücken und mit der Division abmarschieren musste, nahm ich Abschied von dem Grafen, worauf er mich umarmte, küsste und sagte: „Mir ist nichts geblieben, so dass ich Ihnen nicht einmal ein kleines Andenken geben kann; aber Gott wird Ihnen lohnen, was Sie an uns getan,“ und diese Rede war allerdings meine süßeste Belohnung. [Anm. W. M.: Oberst von Tavel-Mutach verschweigt hier, dass er es war, der die Schwazer Pfarrkirche vor dem Überspringen des Brandes von dem benachbarten und durch einen Schwibbogen mit ihr verbundenen Tannenbergpalais rettete! Auch von P. Naupp OSB 2009 hingewiesen.]

Der Marsch von Schwaz nach Innsbruck geschah mit militärischer Vorsicht; man hatte viele Verhaue wegzuräumen, aber es geschah kein Schuss; im Gegenteil, die Tiroler, die nicht zweifelten, dass aus dem Waffenstillstand der Frieden erwachsen und sie nach Hause gehen könnten, kamen von den Bergen herunter, mischten sich unter uns, sangen und jodelten, dass es eine Lust zu sehen und zu hören war. Diese Leute kamen alle in Landestracht gekleidet und trugen nichts anderes als ihre Kugelbüchse, einen Brotsack und die Kugelpflaster, an einen Faden gereiht.

Napoleon, der fühlte, dass der Entscheid des jetzigen Krieges an der Donau in der Nähe von Wien liege, suchte sich, so viel als möglich zu verstärken und rief deswegen die rückwärts liegenden Truppen herbei; so mussten die in der Gegend von Linz kantonierenden Württemberger den Sachsen unter Bernadotte und diese uns Platz machen, und näher an Wien rücken.

Der Marschall Lefébre hatte den Befehl erhalten, die Division Deroi in Tirol zu lassen, hingegen die Division Wrede vorerst nach Salzburg in Marsch zu setzen, von wo wir, wie wir glaubten, nach Leoben in Steiermark zu marschieren hätten. Zu Salzburg erhielt Lefébre Befehl, uns über Lambach, Kremsmünster und Ebersberg nach Linz zu senden, welche Stadt wir vom Berg Isel bei Innsbruck aus in forcierten Märschen in neun Tagen erreichten; wir waren nämlich den 23. abmarschiert und den 31. Mai zu Linz eingetroffen. Der Marsch ging ganz ohne Feindseligkeiten von Seite der Landeseinwohner vonstatten, so dass wir alle Nächte einquartiert werden konnten.

Aber kaum hatten wir Salzburg erreicht, so erfuhren wir, dass der Aufstand in Tirol sich neuerdings erhebe, womit es folgende Bewandtnis hatte: General Chasteler war auf dem Punkt gewesen, mit den österreichischen Truppen Tirol zu räumen und sich nach Steiermark zurückzuziehen, als er vom Erzherzog Johann, der die österreichisch-italienische Armee kommandierte, Befehl erhielt, Tirol zu behaupten, es möge kosten, was es wolle. Chasteler rückte also wieder vor, und suchte sich durch einen allgemeinen Volksaufstand zu verstärken, den er vorzüglich durch vier Männer, nämlich durch Speckbacher, Baron Hormayr, Major Teimer und Andreas Hofer, einen schlichten, gottesfürchtigen, für Kaiser und Vaterland glühenden Landmann, der Wirt im Sand im Passeiertale war und bei seinen Landsleuten viel galt, bewirkte. Vermittels der kräftigen Hilfe dieses Volksaufstandes gelang es nun dem österreichischen General, die Division Deroi in kurzer Zeit, und mit großem Verluste, aus Tirol zu treiben.

Nach dem Friedensschlusse zu Wien am 14. Oktober 1809, erfolgte die endgültige Besetzung und Unterwerfung Tirols durch neue, feindliche Heeressäulen. Diesen neuen Abschnitt des Kriegslebens und des Bereitschaftsdienstes behandelt Tavel-Mutach weniger ausführlich, wenn es auch in seinem Berichte an interessanten Einzelheiten nicht mangelt; er fährt fort:

Gegen Ende Oktober erhielt der Rest der Division Wrede, darunter auch ich, den Befehl, ins Tirol zu rücken; ein Teil war früher dahin aufgebrochen. Dieser Befehl war uns keineswegs willkommen; denn man befand sich seit drei Monaten in der Gegend von Linz sehr wohl, viele hatten zärtliche Verhältnisse mit schönen Linzerinnen angeknüpft, die sie jetzt abbrechen mussten, so dass es verwundete Herzen in Menge gab. Doch viele trösteten sich mit der Hoffnung eines frohen Wiedersehens, andere mit den Andenken, die sie von ihren Freundinnen erhalten hatten, andere gaben sich der Hoffnung schneller Beförderung hin, und somit ging es wieder über Salzburg Tirol zu, wo jetzt statt dem Marschall Lefévre der französische General Drouet d’Erton den Oberbefehl führte.

Die Tiroler hatten sich nach der Vertreibung der Division Deroi mehrenteils nach Hause verfügt, worauf Lefévre wieder mit einem Truppenkorps, worunter sich die Kümmelsachsen befanden, in Tirol einrückte, aber neuerdings genötigt wurde, Tirol zu räumen; sie waren noch in vollem Aufstand, als der Waffenstillstand zu Znaim erfolgte. Man glaubte, sie würden sich, da sie keine Hoffnung auf fernere Unterstützung hatten, zum Ziele legen; allein, dem war nicht so: Napoleon musste von allen Seiten Truppen einrücken lassen, um sie zu überwältigen; wir waren die letzten, und im ganzen genommen war Tirol schon unterworfen, als wir daselbst einzogen.

Indessen wollten sich die Bewohner in einigen Tälern noch nicht zur Ruhe legen; wie das öfter bei Volksaufständen der Fall ist, so war es jetzt mit dem Zillertal. Wir mussten deshalb unter Befehl des General Minucci in dasselbe einrücken. Kaum eingetroffen, schossen die Tiroler rechts und links von den Berghalden auf uns, was uns nicht verhinderte, in das Tal einzudringen und uns bei Straß aufzustellen. Da aber vom jenseitigen Ufer der Ziller besonders stark gefeuert wurde, so erhielt unsere Grenadierkompagnie den Auftrag, sie von diesem Ufer zu vertreiben. Wir stürzten uns demnach in die Ziller, welche am 6. November uns ein ziemlich kaltes Bad bereitete, umso mehr da das Wasser wohl bei drei Fuß tief war; jedoch jung und aufgeweckt, wie ich war, gelang es mir, zuerst am jenseitigen Ufer anzukommen.

Der Feind, als er sah, dass man ihm auf den Leib rückte, zog sich zurück; ich verfolgte ihn sehr hitzig und war der Meinung, die ganze Kompagnie folge mir auf den Fuß nach, sah aber bald zu meiner Bestürzung, dass nur zwei Mann bei mir waren. Dennoch ergab sich ein Tiroler, dem eine Kugel in der Nase stak, und den ich eingeholt hatte; er bat sehr ängstlich um Pardon. Die anderen, am Rande eines Waldes angekommen, stellten sich und schimpften und spotteten über die Bayern; indessen kam die Kompagnie nach, worauf sie auseinanderstoben. Wir konnten ungehindert über die Brücke zu Zell einziehen, wo wir einquartiert wurden. General Minucci war uns entgegen gekommen, lobte das Betragen der Kompagnie und war von diesem Tage an viel freundlicher gegen mich, als früher.

Zu Zell waren die Offiziere unserer Kompagnie, sowie General Minucci, im Pfarrhof einquartiert. Wir bemächtigten uns eines Teiles der Speisen, die man für ihn bereitet hatte, indem wir fanden, dass man ihm zu viel, uns zu wenig auftragen wollte; der General, der den jugendlichen Appetit zu schätzen wusste, verzieh uns leicht, als der Hausherr ihm solches klagte.

Am anderen Morgen, - da sich die Zillertaler zur Ruhe gelegt hatten, als sie Gruft? sahen – zogen wir uns nach Straß zurück, wo ich den Wachtposten erhielt. Die Soldaten, nicht ahnend, dass ich sie hören könnte, sprachen allerlei unter sich, fällten auch ihre Urteile über alle Offiziere des Regimentes, und da hörte ich mit Vergnügen, dass solches mir nicht ungünstig war und sie es gut mit mir meinten.

Von Straß marschierten wir nach Innsbruck, wo wir einquartiert wurden; von da wurden wir kompagnieweise in die tirolischen Täler gesandt, um die Versicherung zu erhalten, dass alles ruhig und gehorsam sei. Doch bald kehrten wir nach Innsbruck zurück, wo wir in Freuden und Jubel den Neujahrstag feierten. Überhaupt begann jetzt für mich ein vergnügtes Leben. Drouet d’Erton gab Bälle, wo die Damen durch Schönheit glänzten, und dort schloss ich mit zwei Offizieren, beides Berner, nähere freundschaftliche Verhältnisse. Knecht, Ordonanzoffizier bei Drouet, hatte immer die besten Quartiere, Geld genug, und war sehr gutmütig, so dass Muralt und ich ihn oft plagten und ihn zwangen, uns etwas aufzuwichsen, wie die Soldaten zu sagen pflegen; auch wegen seiner vielen Liebschaften, wegen seiner Eleganz, seines spärlichen Haarwuchses musste er oft herhalten, da sein Perückenmacher sich des Ausdrucks bedient hatte, er hätte einen schlechten Haarboden. Knecht diente als Chevauxlegers-Offizier im Regiment „Kronprinz“ und starb im russischen Feldzug infolge der ausgestandenen Strapazen.

Albert von Muralt, der mein intimer Freund wurde – ein Verhältnis, das bis Anno 1848, seinem Todesjahre, gedauert hat – war Chevauxlegers-Offizier im Regiment Leiningen. Wir hatten zu Innsbruck auch einen kostümierten Ball, der hübsch war.

Mein Kamerad Leiftner kam als Adjutant zu Minucci; mir wurde die Stelle als Bataillons-Adjutant zugeteilt, die ich ungern annahm, weil Schreibereien mir zu lästig waren, und doch nicht ausschlagen durfte, aus Besorgnis, meiner Beförderung zu schaden. Was mich einigermaßen tröstete, war, dass ich fortan ein Pferd halten konnte. Ende Februar marschierte die Brigade Minucci über den Brenner nach Sterzing, wo ich stationiert wurde, und nach Brixen, wo der General sein Quartier nahm. Der Marsch war des vielen Schnees wegen beschwerlich. Ich blieb bis Juni in Sterzing und hatte, da ich Platzadjutant und ad interim auch Regimentsadjutant geworden war, fürchterlich viel zu schreiben.

Unser Oberst Graf Berchhem wurde provisorischer Brigadier, der Oberstleutnant Sarnl wurde provisorischer Oberst. In dieser Zeit wurde ich gezwungen, mich mit Leiningen zu schlagen, weil ich ihn wegen einer Liebschaft aufgezogen hatte; er hatte schon lange einen Zahn auf mich, aber nach diesem Duell, wo ich ihn verwundete, wurden wir wieder gute Kameraden.

Hügler und ich fuhren einmal mit Vorspann nach Brixen, und nicht wissend, dass der Tirolerwein so schnell im Kopfe steigt, tranken wir uns einen tüchtigen Haarbeutel an, wurden unwirsch, lärmend, unklug und bekamen Händel mit den Offizieren des dort stationierten Chevauxlegers-Regiments. Die Mobilien des Gastgebers litten bei dem Tumulte beträchtlichen Schaden, den wir nicht nur bezahlten, sondern mit einem vierwöchentlichen Stubenarrest abbüßen mussten; das ist die einzige Strafe, die ich je im bayerischen Dienste erlitten habe.

Zu Sterzing hatte ich die Freude, den Kommissär Wyß mit seiner Familie bei ihrer Durchreise zu sehen; ich begleitete Frau Wyß und ihre Schwester, Fräulein Tschiffeli, die in eleganter Amazonenkleidung einherschritten, zu Fuß auf den Brenner und setzte den siebenjährigen Knaben Bernhard auf mein Pferd, was ihm große Freude machte.

Ende Juni marschierte das Regiment über Innsbruck, Zirl, Seefeld, Weilheim, Landsberg nach seiner gewöhnlichen Garnison Augsburg, wo es wieder mit Ehrenpforten und Jubel, doch diesmal ohne Ball empfangen wurde.

   
  Quelle: Dr. F. Wieser, Aus den Denkwürdigkeiten des Schweizer Obersten von Tavel-Mutach, in: Innsbrucker Nachrichten, 53. Jahrgang, Nr. 30, 7. Februar 1906 - Nr. 32, 9. Februar 1906.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.