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  Anton Knoflach's Tagebuch (Teil1)
 

 

Anton Knoflach's Tagebuch über die Ereignisse in Innsbruck im Jahre Neun

Momentphotographien könnte man die Seiten dieses Tagebuches nennen. Was unsere Väter im großen Kriegsjahre erlebten und erlitten, das sieht der Verfasser und leidet es mit und schreibt es nieder von Tag zu Tag, manchmal von Stunde zu Stunde. Es ist kein reiflich durchdachtes Geschichtswerk, was hier dem Leser geboten wird, es sind auch nicht Memoiren, worin der Schreiber Selbsterlebtes aber längst Vergangenes ruhig berichtet: nein, unter dem Donner der Geschütze und dem Leuchten der Wachfeuer, unter dem Jauchzen der Sieger und dem Wehklagen der Verwundeten sind diese Zeilen hingeworfen worden!

Leider ist das Tagebuch, wenigstens der Anfang, nur Fragment. Der Appellationsrat Dipauli hat es — gewissermaßen als Ergänzung — seinen eigenen Aufzeichnungen über jene Zeit eingefügt. Anton Knoflach, damals Rechtspraktikant, lebte in Dipaulis Hause als Instruktor und man kann wohl sagen als Freund seiner Söhne. Als Dipauli nach dem Einzuge der Bayern im Jahre 1809 als Delegierter nach München reiste, von wo er definitiv erst am 11. Dezember heimkam, da blieb Knoflach allein in der Wohnung zurück. Was er während seines Alleinseins an Begebenheiten und Stimmungen aufzeichnete, das hat er dann später augenscheinlich Dipauli zur Verfügung gestellt. Das ist der Grund, warum das zusammenhängende Tagebuch Knoflachs erst mit dem 20. Mai, dem Tage der Abreise Dipaulis, beginnt. *)

*) Der Appellationsrat Andreas Alois v. Dipauli hinterließ ein Tagebuch über die Vorfälle in Innsbruck vom 11. April bis 19. Mai 1809. Diesem Tagebuch hat Dipauli nachträglich einiges aus den gleichzeitigen Aufzeichnungen Anton Knoflachs, darunter die unten abgedruckten Stellen vom 23. April, 13., 15., 17. und 19. Mai, eingefügt. Soweit Knoflachs Aufzeichnungen die Zeit nach dem 19. Mai betrafen, wurden sie von Dipauli (mit Weglassung der nicht unmittelbar historischen Stellen) wörtlich abgeschrieben und seinen „Beiträgen zur Geschichte der tirolischen Unruhen im Jahre 1809" einverleibt. Dipaulis Abschrift, die von der freiherrlichen Familie Dipauli in Kaltern dem Herausgeber in liebenswürdigster Weise überlassen wurde, liegt dem nachstehenden Abdrucke zu Grunde. Die Urschrift des Knoflach'schen Tagebuches ist verschollen.

Die Hauptwache in Innsbruck, Repro: www.SAGEN.at

Die Hauptwache in Innsbruck
(Das Haus gegenüber, ganz links im Bilde, ist das "Engelhaus", wo Knoflach im zweiten Stocke wohnte.)

Das Haus, das der Appellationsrat in Innsbruck bewohnte,, lag in der Neustadt, der heutigen Maria Theresienstraße, und zwar war es das Eckhaus gegen den Franziskaner- oder Burggraben hin. Dadurch, dass es der Hauptwache gegenüber lag, war es wie geschaffen zum Beobachtungsposten. Und Anton Knoflach ist ein unermüdlicher, ein unerschrockener Beobachter, der überdies die Gabe besitzt, lebendig und anschaulich zu schildern. Nur selten verfällt er in jenen manierierten Almanachstil, der damals für fein galt; meist sind es knappe, mitunter packende Sätze, deren er sich bedient, um die Ereignisse zu berichten.

Anton Knoflach entstammte einer angesehenen ratsbürgerlichen Familie zu Matrei und ist im Jahre 1783 geboren. Sein Vater Josef war ein edler Mann voll kernhafter Frömmigkeit; seine Mutter Ursula eine tatkräftige, gemütvolle, genial veranlagte Frau, die, obwohl sie nicht mehr als die gewöhnliche Schulbildung besaß, die geistigen Fähigkeiten ihrer Kinder zu wecken verstand. Aber sie war armer Bauersleute Tochter und in den Augen mancher Matreier Ratsbürger galt Josefs Heirat, die doch ein Bund edelster Herzensneigung war, als Mesalliance. Namentlich von Seite des von Standesbewusstsein erfüllten Schwiegervaters hatte Frau Ursula viel zu leiden. - Diese Einzelheiten sind nicht ohne Interesse für den Leser des vorliegenden  Tagebuches. Im rastlosen Beobachter, der bald das bayrische Lager am Saggen aufsucht, bald vom Dache seines Hauses nach dem Berg Isel späht, finden sich gewissermaßen zwei Menschen, ein Bauernfreund, der in seinen Adern echtes, frisches Bauernblut pulsieren fühlt, und ein Bauernverächter, der mit rats- oder, wenn man will, spießbürgerlichem Hochgefühl auf „diese Menschenrasse“ herunterblickt. Die schlichte Größe Andreas Hofers namentlich weiß Knoflach ebenso wenig zu würdigen, wie so manche andere Gebildete und Halbgebildete jener Zeit. Er begreift nicht, dass eben jene ungekünstelte Einfachheit es ist, die solchen Zauber um Hofer webt. Hofer als Regent ist ihm geradezu unfassbar, obschon er gestehen muss, dass unter dieser Regentschaft das Eigentum sicher und die Landesverteidigung trefflich organisiert ist. Aber Knoflach entsetzt sich, dass der Sandwirt aus der Flasche statt aus dem Glase trinkt, und er fragt sich bestürzt, was wohl die Feinde zu Hofers Orthographie sagen werden. Doch das sind vereinzelte Stellen im Tagebuch und im Grunde ist Anton Knoflach ein warmfühlender Tiroler, der seines Volkes Leiden und Freuden tief empfindet. Gerade das Schwankende, Wechselnde in seinem Urteil, gibt dein Tagebuche einen gewissen Reiz. Denn der Schreiber steht eben mitten in den großen Ereignissen und vermag weder Ereignisse noch Personen zu überschauen. Wer aber über die Geschichte des Jahres Neun sich bereits ein richtiges Urteil gebildet hat, der wird den Aufzeichnungen dieses Augenzeugen aufrichtiges Interesse entgegenbringen. Es wurde an diesen Aufzeichnungen keine Silbe geändert, nur da und dort eine belanglose oder allzu krasse Stelle gestrichen; es wurde sogar darauf geachtet, die altertümliche, mitunter schwankende Orthographie des vorliegenden Manuskriptes beizubehalten.

 

23. April 1809. *) Ich will nun, weil ich eben Musse habe, einige Züge der Biederkeit meiner Landsleute aufschreiben.

*) Am 11. April hatte die Volkserhebung begonnen. An diesem Tage fanden die ersten Gefechte in der Umgebung von Innsbruck statt, die Tags darauf mit der Erstürmung der Stadt durch die Bauern und mit der Entwaffnung und Gefangennahme des bayrischen Militärs ihren Abschluss fanden. Am 18. April streckte die von Süden gekommene Kolonne des französischen Generals Bisson, über 3000 Mann stark, in den Wiltauer Feldern die Waffen. Im Überquellen der Siegesfreude begingen übelgeleitete Elemente in der Stadt leider vielfache Ausschreitungen. Gefangene Offiziere wurden ausgeraubt und am Leben bedroht, die Gewölbe der Juden geplündert. Bald fanden sich aber rechtschaffene Bauern, die diesem Treiben Einhalt taten.
(Anm. des Herausgebers.)

Ein gefangener französischer Offizier, schon völlig ausgeplündert, zitterte für sein Leben. Ein Bauer trat hinzu und sagte zu den übrigen: „Daß ihrs nur wisset: wer diesem Herrn sich nähert, hat es mit mir zu tun!" und alle traten zurück. Er beruhigte den Offizier und brachte ihn in Sicherheit. Dieser wollte ihm zum Danke seine Ohrringe geben, das einzige, das er noch hatte. „Meinst du, ich habe es darum gethan?" sagte der Bauer. „Behüte mich der Himmel! Behalt du deine Ohrringe." Aber der Offizier bath so dringend, daß sie der Bauer mit nassen Augen endlich annahm. Wie viele würden mißhandelt, vielleicht gar ermordet worden seyn, wenn nicht rechtschaffene Bauern sie in Schutz genommen hätten!

Die ersten Tage wurden an verschiedenen Plätzen österreichische Adler aufgesteckt, einer auch in Prozession herumgetragen. Der größte, mit grünen Zweigen umwunden, war am Posthause. Ich war Augenzeuge, wie die Bauern zu Hunderten hingiengen und mit Thränen in den Augen ihn küßten. Einer kniete davor hin, umklammerte ihn und sagte: „O du lieber, schwarzer Schw . . ., hab' ich mirs nicht gedacht, die Flügel werden dir wieder wachsen?" Ein alter Bauer erinnerte mich, vor diesem Adler den Hut abzuziehen und ich that es mit Freuden.

Die von Ellbögen, Lans, Vill etc. hatten einen 60jährigen Anführer, den 2 Söhne begleiteten. Nachdem er 2 Dragoner vom Pferde geschossen, wurde er von einem dritten zusammengehauen. Dem ungeachtet zogen Tags darauf die Söhne dem Feinde entgegen. Die gebliebenen Bauern wurden in den Dörfern aufs feierlichste begraben.

„O, wenn ich den Kaiser sehen könnte!" sagte mir ein Bauer, „den nähmlichen Augenblick wollte ich dann sterben." „Aber was thäten wir ohne dich?" sagten seine 2 kleinen Söhne. „Für euch würde schon Vater Franz sorgen", sagte er, die Augen voll Wasser.

Wie viele hörte ich ausrufen, wahrend andere die Juden plünderten: „Nein, jetzt freut's mich nicht mehr." Bittend mit aufgehobnen Händen traten sie unter die Plünderer und sagten: „Brüder, was thut ihr da? Habt ihr denn kein Gewissen?" Viele warfen wieder weg, was sie genommen und giengen beschämt davon.

Ein Vater kam vor seinen Söhnen nach Hause. „Habt ihr wohl nicht etwa mitgeraubt?" war seine erste Frage, als sie nachkamen. „Nein, Vater! aber unsre Stutzen wurden uns gestohlen." „Gott Lob! sagte er, nun bin ich ruhig; und Stutzen sollt ihr schon andere bekommen."

Viele küßten meinem Hausherrn für die magere Kost die Hände. Was hätten sie nicht fordern können? Waren sie nicht Herren der Stadt?

Ein Tuxer Bube rettete der Obristin Dittfurt mit Gefahr etwas Geld und Kleider.

Mehrere Bauern kamen zum General-Kommissär Grafen Lodron, der zitterte. „Fürchte nichts", sagten sie, wir wissen schon, daß du ein Esel bist und an allem nicht Schuld hast." — Seine Töchter mußten mit ihnen tanzen. „Ihr thut es ja gerne", sagten sie. „Ihr konntet es ja sogar die Fasten hindurch nicht unterlassen."

 

13. May *) 9 Uhr Abends. Was das sür ein Lärm ist! Alles retirirt. Das Gewühl auf den Straßen ist unbeschreiblich. Pferde, Wägen, Bagage, Vieh, weinende Kinder mit ihren Müttern auf strohbedeckte Wägen hingeworfen und von Kühen gezogen, stellen sich den Augen dar, wie man das Fenster öffnet.

*) Am 11. Mai (Christi Himmelfahrtstag) war der französische Marschall Lefebre mit einer bayrischen Division (Wrede) beim Strub-Passe in das Land eingedrungen. Der dort von tapferen, aber viel zu geringen Streitkräften geleistete Widerstand war überwunden worden. Sengend und brennend zogen nun die feindlichen Scharen durch das Leukental herauf. Marquis Chasteler, der sie mit österreichischen Truppen aufzuhalten suchte, wurde am 13. Mai bei Wörgl geschlagen. Die Unglücksnachricht setzte das ganze Inntal in Schrecken. In Innsbruck herrschte große Aufregung und Verwirrung, die verschiedenartigsten Gerüchte kreuzten sich. Ungestüme Stürmermassen verlangten Waffen und Verpflegung. Viele packten ihre Habe zusammen und begaben sich auf die Flucht. Am 14. Mai waren Lefebre und Wrede, denen sich, von Kufstein kommend, auch die bayrische Division Deroy angeschlossen hatte, unter fortwährendem Geplänkel bis Straß gelangt. Am 15. Mai ward mit großer Erbitterung vor Schwaz gekämpft und am gleichen Abend noch und den ganzen folgenden Tag fliegen die Feuersäulen des brennenden Marktes zum Himmel. Nach Ablauf eines am 17. Mai bei Vomp zwischen Wrede und dem Landsturm-Major Teimer vereinbarten 36stündigen Waffenstillstandes zogen am 19. Nachmittags, nachdem die Landesverteidiger jeden Widerstand aufgegeben hatten, die bayrischen Kolonnen unter Wrede und Lefebre in Innsbruck ein.
(Anm. des Herausgebers.)

 

15. May. Die Nachricht, daß die Baiern durch Achenthal retiriren, wird durch den Druck bekannt gemacht. Alles frohlockte und man war mißvergnügt, daß die Baiern entwischten.  Doch kaum eine Stunde, und alles lief voll Verzweiflung durch die Stadt; der Feind, hieß es, nähere sich schon Hall; in einigen Stunden könne er hier seyn. Man sah nur verstörte Gesichter; Weiber heulten; solche Scenen sind unbeschreiblich.

 

17. May. Diese Tage herrschte eine völlige Anarchie. Niemand weiß, wer Koch und Kellner ist. Der ein besseres Sprachorgan hat, richtet mehr aus. Jeder thut, was er will. Einem Buben von 10 Jahren, mit einer Lanze bewaffnet, folgten auf sein Geheiß alte Männer. In den Häusern hielt man die Stürmer überall sehr gut; sie waren aber auch zufrieden.

 

19. May. Es sind heute gegen 10/m (10.000) Mann, darunter 1400 M. Kavallerie und 22 Kanonen eingerückt. Wie hätten die Bauern allein dieser Macht widerstehen können!

Der größte Theil der Truppen kampirt auf den Wiltauer Feldern. Ich war im Lager. Offiziers erzählten uns die im Unterinnthal verübten Greuelscenen lachend. Jeder Bauer, der ihnen in die Hände fiel, wurde erschossen oder aufgehängt; auch Weiber und Kinder wurden zerhauen, auch Priester erschossen. Von Loser bis über Schwaz herauf stehe kein Dorf mehr.

 

Den 20. May. Ich begleitete den Herrn Appellationsrath Dipauli zu Baron Welden. *) Schon um halb 4 Uhr (sie reisten gegen 4 Uhr ab), gieng ich ins Lager, den Obersten der Kavallerie um einen Mann Bedeckung für B. Welden zu ersuchen; aber ich erhielt ihn nicht. Ich folgte dann den Reisenden bis Mühlau. Auf dem Rückwege stieß ich auf drey Lager. Eines der Infanterie war auf dem Saggen, das 2te der Kavallerie auf dem Löwenhaus-Anger, das dritte, von Kavallerie, auf dem Rennplatz.

*) Baron Welden war Vizepräsident des Appellationsgerichtes. Er reiste mit den Appellationsräten v. Dipauli und v. Inama als Beamtendeputation an das kgl. Hoflager nach München. (A. d. H.)

Beim Löwenhaus gesellte ich mich zu zwey Innsbrucker Juden, die auch im Lager schliefen. Sie waren vor 3 Wochen nach München geflohen und nun mit den Truppen zurückgekommen. Sie bestätigten mir alle die Gräuelszenen, die von Lofer bis über Schwaz vorfielen. — Wie gut sind wir noch davon gekommen!

Um 9 Uhr gieng ich wieder ins Lager. Die Soldaten sehen wild und unfreundlich her. Von den aus Innsbruck Emigrirten fangen Einzelne an zurückzukommen. In der Stadt ist alles ruhig und man hörte noch von keinem Excesse. — Auch sieht man schon wieder mehrere Bauern in der Stadt. — Etwas Militär gieng heut Steinach zu.

 

Den 21. May, Pfingstsonntag: Gester Abends und heute früh war ich wieder im Lager. Es ist alles im alten. — Die Bauern wollen noch nicht in die Stadt gehen. Man sieht nur da und dort einen.

Nach Mittag übersah ich vom Berg Isel das ganze Lager. Es war ein schöner Anblick. Im Kaffeehause vom Moll spielten die Offiziers sehr hoch mit Würfeln.

 

Den 22ten May. Schon ist der Abgang von Lebensmitteln sehr fühlbar. Noch sind alle Truppen hier. Gester war auf dem Rennplatz türkische Musik. Nicht 20 Menschen vom Civilstand waren dabey. Wären es österreichische Kapellen gewesen! Alles ist aufeinander mißtrauisch. Die Schmähungen der Soldaten gegen die Tiroler sind unausstehlich.

 

Den 23ten May. Gester nach Mittag war ich im Lager auf dem Saggen. Es liegt da das Dragoner-Reg. Taxis und ein Regiment Infanterie. Viele der dortigen Heustadel sind geleert und eingerissen. Die verflossene Nacht marschirten 2 Regimenter Infanterie und 1 Eskadron Reuter mit Gen. Wrede gen Salzburg. Sie marschierten mit doppelter türkischer Musik. Es ist gut, daß sie fort sind. Die Noth an Lebensmitteln wäre sonst aufs höchste gestiegen. Man konnte schon nur durch List und Umwege Rindfleisch und Brod bekommen. Die abmarschirten Truppen machen die Division Wrede aus. Dafür kam heute der Rest der Division Deroi, das Reg. Isenburg und das Bat. Günther.

Am Brenner solls nicht richtig seyn. Österreicher und Bauern unter dem General Sandwirth sollen sich zahlreich dort postirt haben. Unter den baier. Truppen herrscht eine zweydeutige Stille.

 

Den 25ten May 5 Uhr abends: auf allen Straßen wird Generalmarsch geschlagen. Die Truppen sammeln sich häufig. Es ist ein ungeheurer Lärm. Alles lauft durch einander. Auch retirirt die Kasse. Von der Seite bey Wiltau hört man Kanonen- und Flintenschüsse. Ob die Bauern allein, oder auch Militär komme, weiß man nicht. Was werden wir noch zu erwarten haben!

Nachts um 10 Uhr. Von ½ 5 bis 9 Uhr abends dauerte das Schießen aus Kanonen, Musketten, Flinten, Stutzen etc. unausgesetzt fort. Ich sah vom Dach des Hauses fast immer zu. Um 6 Uhr wurden schon blessirte Baiern herein gebracht. Am lebhaftesten war das Feuer aus kleinen Gewehren auf der Anhöhe des Berg Isel, wo das erste baier. Piquet stand. Später wurde auch bey Amras, Aldrans, Lans, Wiltau und beim Husselhof sehr heftig geschossen. Beim Ziegelstadel standen 2 baier. Kanonen, 2 andere vor dem Dorfe Amras; die meisten Kanonen waren auf den Wiltauer Feldern nächst der Pfarrkirche postirt. Die ganze Gegend von Wiltau schien zu brennen, so sehr rauchte es von den vielen Schüssen. Ungefähr ½ Bataillon Baiern stürmte den Berg ober dem Sarntheinhof und drang bis auf die Spitze vor; wurde aber wieder zurück gedrängt. — Um halb 8 Uhr wurde das baier. Piquet auf dem Berg Isel gesprengt und es wurden dort die österr. Kanonen aufgepflanzt, die unaufhörlich auf das baier. Geschütz herab feuerten. Der Kanonen-Donner war fürchterlich.

Drey Passeyrer und 5 Österreicher wurden als Gefangene eingebracht. Ein wüthender bartiger Zimmermann zeigte jedem der gefangenen Bauern einen Strick und wünschte ihnen Glück zum Aufhängen. Der Unmensch!

Wer die österr. Truppen kommandire, weiß man nicht: den Landsturm kommandirt der Sandwirth.

 

Den 26ten May um ½ 5 Uhr früh. Die Nacht war ziemlich ruhig und bis nun hörte man keinen Schuß. Vom Hausdache sah ich mehrere Feuer an den Bergen.

Um 10 Uhr vor Mittag. Noch immer geschah kein Schuß. Die baier. Truppen liegen im Lager zu Wiltau. Sie lassen Niemand passieren. Am Berg Isel steht man weder Baiern, noch Bauern oder Österreicher. Auf der Anhöhe jenseits der Sill sah ich ein Piquet Bauern mit Österreichern vermischt.

Während der ganzen gestrigen Affäre regnete es fürchterlich. Heute ist das schönste Wetter.

Nachts 10 Uhr: Die Bauern und Österreicher haben sich bis über Lueg zurückgezogen. Die Piquete jenseits des Inns sind alle in die Stadt zurückgekehrt. Die gefangenen Bauern sind im Zuchthause. Der öster. General soll dem baierischen haben sagen lassen: für jeden gehängten oder erschossenen Bauern werde das Gleiche 3 baier. Soldaten widerfahren.

Man sagt, die Bauern seien gester so unvermuthet vor Innsbruck in der Hoffnung erschienen, auch alle Gemeinden um Innsbruck würden zu den Waffen greifen, in welchem Falle die baier. Truppen einen harten Stand gehabt hätten.

 

Den 27ten May 4 Uhr nach Mittag: Daß doch kein Tag ohne neuen Schrecken ist! Um 9 Uhr vor M. war wieder alles in Allarm. Das ganze Militär und mehrere Kannonen und Haubitzen giengen Wiltau und der Gallwiese zu. Es muß ein blinder Lärm gewesen seyn; es ist wieder alles ruhig.

So eben wurden 3 Passeyrer Bauern von 3 Dragonern die Neustadt hinaufgeführt; sie waren ehevor beym Obersten; wahrscheinlich werden sie ausgewechselt. — Gester flüchteten sich von hier mehrere Leute, besonders Frauenzimmer baierischer Familien, die Familien des Generalkommissärs Grafen Lodron, des Obermautners Finster, etc.

 

Den 29ten May ¾ auf 10 U. v. M.: Ich komme eben vom Löwenhause, wo ich eben mit einem Freunde im Garten sehr fröhlich war, als wir auf einmal viele Schüsse vom Berg Isel her hörten. Die Soldaten im Lager am Saggen brechen auf; auf dem Rückwege hören wir schon Kanonenschüsse. Jetzt ist das Feuer fürchterlich. Auch von Zirl her sollen sie kommen. Ich gehe aufs Hausdach.

Halb elf Uhr: Das Knallen des Schießgewehrs dauert fort. Soeben kamen 2 Wagen Blessirte. Die baier. Vorposten haben schon in die Ebene retirirt. Aus den Bergen bei Wiltau wird schrecklich gefeuert. Österreicher sah ich noch keine, auch keine öst. Kannonen. Gott, wie wird das enden!

¾ auf 12 U. Nun feuern schon 6 öst. Kannonen. Es knallt fürchterlich. Zwey öst. Kannonen stehen beym Amraser Schloß; eine riß aus dem baier. Lager im Amraser Felde vor ¼ Stunde mehrere Mann weg. Blessirte werden ohne Ende hereingebracht. Im Walde ¼ Stunde vom Husselhof links steht auch eine öst. Kannone.

Um 1 U. n. M. Soeben komme ich aus dem Servitenkloster. Die Scene, die ich da sah, war schrecklich. Zwey wurden in meiner Gegenwart versehen. Ich habe Leinwäsche zum Verbinden hingetragen.

Es ist bereits 4 Uhr und noch hat das Kannoniren kein Ende. Doch scheinen die Bauern sich zurückzuziehen. Die Baiern wehrten sich verzweifelt.

6 U. abends. Vor ¼ St. hat das Schießen völlig aufgehört. Die Landstürmer haben sich zurückgezogen und ihre Positionen verlassen. Den Berg Isel haben wieder die Baiern besetzt. Es wurden mehrere gefangene Landstürmcr eingebracht; auch eine beträchtliche Anzahl öst. Gefangene und Deserteurs. Alle Blessierten kamen ins Servitenkloster.

Nachts 10 Uhr. Die Kriegskasse nebst vielen Bagagewagen haben sich davon gemacht. Vom Hausdache zählte ich eben über 60 Wachfeuer auf den umliegenden Bergen. Der Anblick wurde durch den Wind, der sie zu hellen Flammen anbläst, noch fürchterlicher.

Nach halb 7 Uhr ward ein Adjutant des Sandwirths mit verbundenen Augen hereingeführt. Er wollte kapituliren. Man muß aber über die Bedingungen nicht einig geworden seyn; denn nach ½ Stunde wurde er auf eben die Art wieder hinausgeführt. Mein Freund N. sprach heut mit einem blessirten gefangenen Kastelruter Bauer, von dessen Gemeinde 350 Mann beym Landsturm sind: es seyen nur bei 1800 Österreicher dabey; zwischen diesen und den Bauern sey keine rechte Harmonie. — Es scheint der Mond und man hört viele Schüsse fallen; von welcher Seite, kann ich nicht unterscheiden.

¼ nach 12 Uhr Nachts: Schon seit ½ Stunde ziehen unter meinen Fenstern in aller Stille baier. Truppen vorüber. Sie verlassen mit Gen. Deroi die Stadt und nun hat sich auch die Hauptwache an sie angeschlossen. Ein Baier, der soeben weinend und über die Bauern schimpfend von der Innbrücke her kam, sagt: die Bauern seyen schon sehr nahe an der Stadt.

Nach 1 Uhr nachts: Alles ist nun still und ruhig. Nur einzelne Soldaten schleichen noch wie verirrte Schafe vorüber. Sie wissen nicht, wo hinaus die übrigen retirirten und sind voll Angst. Sie folgen mißtrauisch der Aussage der Menschen, die sie begegnen.

 

Den 30ten May ¾ auf 5 Uhr früh. Soeben kommen die ersten Bauern und auch etwelche Österreicher. Sie wollten die Baiern verfolgen und ziehen Mühlau zu. Es gab niederträchtige Menschen, die den zurückgebliebenen Baiern die Tornister vom Leibe rissen; freylich wieder Kothlackler. So eben stellte sich eine Kompagnie Österreicher vor unserem Hause. Unter großem Jubel wird auf der Hauptwache wieder der kais. Adler aufgestellt.

7 Uhr früh. Der Lärm auf den Gassen ist unbeschreiblich. Eben da ich dies schrieb, kommt Bechstädt, der Schauspieler, mit 7 Bauern das Zimmer herein gerennt, schreyend: Hier vorne wohnt ein Offizier, der mir das Genick brechen wollte. Allons! aufgemacht! Ich führte ihn durch die Zimmer, mit der Versicherung, daß er hier vergeblich suche. Es klärte sich auf, daß er den Kriegskommissär suchte, der im ersten Stocke gewohnt hatte. Er gieng wieder ruhig fort. — Es mögen schon über 4000 Bauern gekommen seyn, die alle ordentlich bewaffnet und in Reihen gestellt sind. Besonders beobachten die Passeyrer gute Ordnung. — Der Sandwirth ist über Ampaß nach Hall gegangen. — So eben wurde eine Verordnung verlesen, daß die in den Häusern verborgenen Baiern anzuzeigen seyen.

Halb 10 Uhr. Noch immer kommen Bauern haufenweise. Wieder werden bey 150 gefangene Baiern heimwärts transportirt. Die Bauern behandeln sie schonend. — Die Stadt ist angepfropft von Bauern. Vorzüglich kommen viele Passeyrer. Es sind herrliche Leute mit den trefflichsten Schießgewehren. Ein Bauern-Trompeter sagt mir: gester seyen auch viele Österreicher theils geblieben theils blessiert worden. Gen. Deroi ritt gester abends mit einem weißen Fähnchen auf den Berg Isel, sprach mit den Bauern, schüttelte vielen die Hände und versprach ihnen bessere Behandlung für die Zukunft, wenn sie sich unterwürfen. Die Bauern lachten nur und sagten: „Die Baiern halten kein Wort."

11 Uhr. Eine Kompagnie Bauern um die andere kommt von Wiltau her in der schönsten Ordnung. Es trommelt beständig. So eben kam Teimer an der Spitze der Oberinnthaler; alle sind mit Stutzen oder Musketten bewaffnet. Auch mehrere selbstranzionirte Österreicher kamen mit. So viele Menschen sah ich noch nie beysammen, als nun Bauern in der Neustadt sind. Und doch sind viele schon vorwärts, die Baiern zu verfolgen. — An der Spitze vieler organisirten Kompagnien sind Studenten. - Soeben wurde der dicke Holzinspector Amman von 10 Bauern auf die Hauptwache geführt.

Halb 1 Uhr. Die Zahl der Bauern hat sich etwas vermindert. Die etwelchen Minuten des Gebethläutens um 12 Uhr ausgenommen, in denen alle Bauern betheten, gellen mir seit 6 Uhr die Ohren unaufhörlich vom Geschrey der Bauern auf der Straße.

Halb 5 Uhr abends. So eben sah ich den Sandwirth. Bis auf den schönen Säbel, den Gen. Chasteler ihm verehrte, und die feinere grüne Jacke, unterscheidet er sich nicht von den übrigen Bauern; er ist groß und dick und hat einen ungeheuern schwarzen Bart.

8 Uhr abends. Ich will über die Brücke gehn und finde da alles voll Menschen. Der Sandwirth sitzt vor dem goldenen Adler schon in der Kalesche; er fährt nach Hall. Alles gafft ihn an wie ein Wunderding. Wäre es Napoleon, die Menge der Gaffer könnte nicht größer seyn. Die Meinungen von seinen Fähigkeiten sind sehr getheilt.

Ich war kaum ½ St. jenseits der Brücke, als ich in der Stadt eine fürchterlich schwarze Rauchwolke aufsteigen sah. Es brannte im Gasthaus zur Sonne. Ich eile hin. Die Menge der Zuseher und Helfer ist unzählbar. Die Schläuche tun treffliche Dienste. Es ist wieder gelöscht. Glücklicherweise war Windstille.

 

Den 31ten May halb 1 Uhr früh. Die Nacht war ruhig. Die Hauptwache ist von Österreichern besetzt. Das kleine Trüppchen flößt doch so vielen Bauern Respect ein. So groß ihr Vorwitz ist, die gefangenen Baiern in der Wachstube zu sehen, so bleiben auf das ernste Geheiß des wachhabenden Offiziers doch alle zurück.

Lächerlich war mir der gestrige Einzug des Teimer. Voran 2 ranzionirte Cuirassiers auf Müllerrossen, der eine ohne Casquet, der andere mit einer Haube auf dem Kopfe; dann Teimer, hinter ihm sein Adjutant, der Schmalzer Tonl; mich ihnen etwa 10 Soldaten, denen mehrere Selbstranzionirte folgten; hierauf ein Trommler, ein Pfeifer und ein Trompetter; endlich ein ungeheurer Zug Bauern.

Hatten die Baiern nicht zeitlich retirirt, sie dürften übel angekommen seyn. Der Sandwirth hatte vor dem Angriff bei 1000 gute Schützen theils nach Schwatz, theils über die Zirler Brücke nach Kranewitten und gegen Hötting geschickt. Sie hätten können umrungen werden, wenn nicht die öst. Jäger wider den Plan zu früh angegriffen hätten. So erzählte mir ein glaubwürdiger Bauer.

1 Uhr nach Mittags. Ich komme von Wiltau. Zuerst war ich im Kloster. Die Plünderung mehrerer Geistlichen erwahrt sich; die Baiern schossen aus dem Kloster; mehrere Fenster sind zertrümmert. — Im Hause der Heufler Vogelhütte fand ich alles zertrümmert. Vor demselben lagen Hennenköpfe, ein zerhauener Hund etc. Ich gieng auf den Berg Isel. Auf der Schrofenhütte ist die Verwüstung fürchterlich. Vor dem Hause Eingeweide, Köpfe von Rindvieh, halb abgenagte Beiner; die Hausthür zertrümmert. Ein Knab von 10 Jahren kommt mir daraus weinend entgegen. Er ist sehr bekümmert um seine Mutter, die seit 8 Tagen in der Stadt ist. Er führte mich ins Innere des Hauses; kein Tisch, kein Stuhl, kein Kasten, nichts ist unzertrümmert, alles in Stücken; die Betten und Kleider zerfetzt. Ich gehe den Berg herab. Weiter unten sehe ich den Posten, wo die Baiern sich verzweifelt wehrten; ich sehe noch flüssiges Blut. Beynahe auf diesem ganzen Berge ist der Boden mit Patronen-Papier wie bedeckt. — Auch im Sarntheinhof ist alles zertrümmert, auch am Röseler Hof; ein paar Kannonenkugeln fuhren durch diese Häuser.

Die größte Verwüstung ist am Kratzerhof des H. v. Wörndle. Wilde könnten nicht mehr wüthen. Spuren von Blut stießen mir fast überall auf. Auch die Felder sind schrecklich verwüstet. — Die Leute suchen auf diesen und in den Häusern wieder etwas Ordnung herzustellen.

In meiner Abwesenheit wurden durch eine Proklamation die Bauern aufgefordert, den Feind weiter zu verfolgen. Die zurückkommenden Bauern, die die Verwüstung von Schwatz, sahen, wollen die gefangenen Baiern auf der Wachstube ermorden. Sie zanken sich darum mit dem Militär.

Halb 5 U. abends. Ich komme aus dem Hofgarten. Ich sah da mit Schmerzen die metallenen Bildsäulen, Meisterwerke der Kunst, durch die dumme Wuth der Bauern von ihren Postamenten herabgeworfen und zum Theil beschädigt.

Gester visitirten die Bauern viele Häuser; man mußte ihnen alles aufsperren. Sie nahmen nirgends eines Kreuzers Werth.

 

Den 1. Junius, Frohnleichnamsfest. Man sieht heute keinen einzigen bewaffneten Bauern hier. Die Prozession war feyerlich und glänzend. Es ist alles still; nichts Neues.

10 Uhr abends. Um 8 Uhr kamen 2 Kompagnien Vinsgauer; bei 300 Vinsgauer zogen nach Scharnitz. — Wie‘s bey der großen Armee stehe, weiß Niemand.

 

Den 2. Iunius. 130 gefangene Baiern werden von Bauern dem Brenner zugeführt. Mehrere davon hatten nichts mehr am Leibe als das Hemd und leinwandne Hosen. Der wachhabende Hauptmann begegnet ihnen hart.

Der Sandwirth ist wieder hier. Manche Bauern sind über ihn und seine Unter-Kommandanten nicht gut zu sprechen. Morgen soll er die Scharnitz besichtigen, wo bey 15 Komp. dauern stehen sollen.

Im Ganzen ist die Verwirrung gränzenlos. Es gebricht an Geld, an Lebensmitteln, an allem. Die meisten Bauern gehen mit leeren Beuteln wieder nach Hause. Gott, wie wird sich's enden! mich hat heute die Schwermuth sehr ergriffen.

 

Den 3. Junius. Bis auf einige Kompagnien sind alle Bauern aus dem Unterinnthale zurückgekommen. — Man geht nicht 100 Schritt auf der Straße, ohne auf einen Bauer zu stoßen, der um eine Wegzehrung bittet. Die armen Leute sind zu bedauern. Ihre Felder liegen zum Theil unbearbeitet, ihre etwelchen Gulden haben sie dieser Tage verzehrt; das Kleid ist zerrissen, der Körper geschwächt. Die meisten, die ich sprach, sagten: „Nun ziehe ich nicht mehr aus." — Auch heute verließen mehrere Familien Innsbruck; die Heufler'schen, Tannenbergschen, Indermaurschen sind alle schon fort, die meisten nach Etschland. — Der Pfarrer zu Kundl, Punk, wurde heut als Staatsgefangener eingeliefert, weil er es durch sein Zureden dahin brachte, daß aus seiner Pfarre weder dieß noch das vorige Mal Landstürmer auszogen. Ein Landsturm-Major erklärte ihn darum für einen Verbrecher und ließ ihn durch Bauern hieher liefern. Aber der Intendant Menz ließ ihn sogleich los.

 

Den 4. Junius. Endlich einmal erhalten wir eine Siegesnachricht zu lesen. Erzh. Karl hat die Franzosen bei Wien fürchterlich geschlagen. Alles frohlockt. Abends ist Te Deum. — Die verflossene Nacht zog etwas Militär nach Scharnitz. Teimer ist dort Kommandant. Vielleicht wird den Münchnern eine Visite gemacht. Der Sandwirth ist noch hier. Wo er nur öffentlich erscheint, strömen die Leute hinzu und hindern ihn vorwärts zu gehn. Er hat aber auch ein imponierendes Aussehen.

Um 5 Uhr abends wurde die Siegesnachricht dem jubelnden Volke durch Trompetten und Pauken vom Stadtthurme uud in den Straßen durch 5 reitende Postillons verkündet. Möge die Freude auch von Dauer seyn! Um 6 Uhr war in der Hofkirche solennes Te Deum. Hormayr, der Sandwirth, Menz, Benz, v. Stadler, alle Beamten, die Professoren etc. waren in Galla dabey; der Prälat von Willen hielt es. Am Rennplatz paradirten 2 Kompagnien; es wurden Salven gegeben, Kannonen gelöset; das Zuströmen des Volkes war außerordentlich. Auch war freyes Theater (Klara von Hoheneichen).

 

Den 6. Junius. Obwohl mir das Herz bluten wird, will ich doch die hauptsächlichsten Greuelthaten aufschreiben, die die unmenschlichen Baiern in Tirol verübten. Prahlend erzählten in meiner Gegenwart mehrere Offiziere, wie sie zu Schwatz, wie die benachbarten Häuser schon zusammenstürzten, Mädchen und Frauen mißhandelten. Das war prächtig, sagten sie, sich die Schnautze streichend. Kinder, die um das Leben ihrer Mutter flehten, hauten sie zusammen. Jeder Bauer, bewaffnet oder nicht, der in ihre Hände fiel — auch die ältesten Greise — wurde hinausgeführt und erschossen; mehrere aufgehängt — manche an den Füßen — und mit Bajonetten durchstochen. Ein Weib mordete 3 Baiern; sie stellte sich freywillig vor Gen. Wrede und sagte: sie habe nun ihre Rache an den Baiern gesättigt; er möge nun mit ihr machen, was er wolle. Sie wurde erschossen. Ein 80-jähriger bewaffneter Greis wurde vor Wrede gebracht. Der General schenkte ihm das Leben. Der Greis dankte nicht dafür; die Nacht darauf schlug er einen von den Baiern, die um seine Hütte kampirten, todt. Die Übrigen erwachten und er wurde zusammengehauen. Ein Geistlicher wurde eben nach München transportiert, als die Division vorrückte; jeder Baier spuckte ihm in das Gesicht. — Auch das Heiligthum ließen sie nicht unentheiligt. Sie erbrachen den Tabernakel, warfen die hl. Hostien auf den Boden, nahmen sie in den Mund und spuckten sie wieder aus. — Ich kann alle diese Anekdoten nicht verbürgen, aber ich vernahm sie von Augenzeugen.

Es vergeht kein Tag, an welchem nicht viele Verunglückte kommen, um Almosen zu bitten.

Der Übermuth, mit dem die Diviston Wrede hier einbog, war unbeschreiblich. Der General dachte gut für Innsbruck, daß er sie außer der Stadt kampiren ließ.

Der Holzinspektor Amman sitzt noch im Zuchthause. Es soll sich erwahren, daß er beim Einzug der Baiern ihnen den Teimer, der eben abgefahren war, verrathen habe. Gester hätte er öffentlich 50 Stockstreiche erhalten sollen; es waren darum schon viele Leute auf der Hauptwache versammelt; es unterblieb aber doch.

Die Studien werden wieder fortgesetzt: doch sind wenig Studenten hier.

 

Den 7. Junius. Der Komödiant Bechstädt, ein zanksüchtiger Trunkenbold, hat eine Kompagnie Landstürmer aus dem schlechtesten Gesindel geworben, die heut nach Unterinnthal aufbricht und in das Baierische streifen soll. Diese Kompagnie erhält Löhnung. Was ist von solchen Menschen zu erwarten? sie werden den Ruhm der Mäßigung schänden, den die Tiroler sich bisher erwarben.

 

Den 8. Junius. Morgen wird das im Jahre 1797 von den Ständen eingeführte Herz-Jesu-Fest gefeyert. Der Sandwirth hat ein Gelübd gethan, einen allgemeinen neuen Feyertag festzusetzen; der 23. May, der Tag des glücklichen Kampfes am Berg Isel, soll dazu bestimmt seyn. — Gester und heute nachts verspürte man bedeutende Erdbeben. Der Inn ist hoch angeschwollen. Empören sich denn die Elemente wider uns?

 

Den 9. Junius. Heute wurde das Herz-Jesu-Fest sehr feyerlich celebrirt; der Prälat von Wilten hielt das Hochamt; eine Kompagnie Fleimser Schützen paradirte.

Teimer kam gester von Scharnitz. Heute zankte er sich heftig mit dem Sandwirth, ich weiß nicht, worüber.

 

Den 12. Junius. Mein Freund Innerhofer, Stiftungs-Administrator zu Klausen, kam heut an. Er war in großer Lebensgefahr vor den Bauern und rettete sich nur übers Dach in den Keller des anstoßenden Hauses. Zur Erbitterung der Bauern trug viel der Umstand bey, daß er kurz zuvor die Güter des Nonnenklosters Seben hatte versteigern müssen, worüber die Nonnen ihn sehr verschrieen. Wohl gestand er, daß ihm oft die Seele blutete, daß er vermög seines Amtes den Bauern gleichsam das Blut aus den Nägeln pressen mußte.

B. Hormayr hat in Klausen die Bauern ohne Unterschied embrasirt (umarmt), eine Herablassung gegen diese ohnehin übermüthige Menschenklasse, die gewiß nicht zweckmäßig ist.

 

Den 14. Junius. Heute kamen die vom Gen. Wrede nach München geschickten Deputirten Habtmann und Lener zurück. Sie fuhren mit heiterer Miene und blasendem Postillon an. Alles drängte sich an; nur mit Mühe kam ich so nahe, um zu erfahren, daß Dipauli in München ist, aber nicht kommt. B. Hormair ließ sie sogleich rufen und in einer Stunde mußten sie, von öst. Militär begleitet, nach Brixen aufbrechen. Beim Volke sind alle, die als Deputirte nach München giengen, verhaßt.

 

Den 17. Junius. Heute erschienen 5 gedruckte Blätter, alle in Beziehung auf den Sieg bey Aspern.

 

Den 18. Junius. Habtmann und Lener sind wieder frey. — Um 3 Uhr nachmittag begann aus der Pfarrkirche (als Danksagung für den Sieg) die zahlreichste und feyerlichste Prozession, die ich je gesehen. Es wurde das Gnadenbild der Pfarrkirche herumgetragen. Alle Offiziers, der ganze Adel, der Clerus, alles erschien dabey; auch alle Bauern der umliegenden Dörfer waren da. Heute sollte Freytheater, morgen Frey-Redoute seyn; aber die Bauern gaben es nicht zu.

Teimer ist wieder da. Von den Gesinnungen des Dipauli wird nachtheilig gesprochen. Ich bin froh, daß er nicht zurückkam. Kommt der Landsturm noch einmal, so wird unser Haus sicher geplündert. Mich hält man seinetwegen für verdächtig; aber ich bin stolz darauf, gleicher Gesinnungen mit ihm beschuldigt zu werden.

 

Den 19. Junius. Mir sagt Habtmann, man habe ihn hier nicht einmal das Hemd wollen mutiren (wechseln) lassen. In Brixen war er 3 Tage mit Lener in ein enges Zimmerchen eingesperrt und von 4 Mann bewacht. Zu Rede gestellt wurde er nie. Welch Verfahren! Man nahm es ihm übel, daß er bey Tag in Innsbruck einfuhr!

 

Den 20. Junius. Heut erschien gedruckt, daß der kk. F. M. L. Somariva den Gen. Wrede bey Linz mit einem Verluste von 4000 Mann und mehreren Kannonen geschlagen. In Wien soll die Noth so groß seyn, daß man schon über 600 Pferde schlachten mußte. Auch erschien gedruckt, Napoleon habe Friedensvorschläge gethan, die nicht angenommen wurden??? O, wie oft werden wir nicht angeplauscht! Und doch hält der Bauer und der größte Theil der Bürger, was hier gedruckt wird, für die untrüglichste Wahrheit. Wer es bezweifelte, gäbe in ihren Augen den sprechendsten Beweis von anti-österreichischen Gesinnungen.

 

Den 21. Junius. Um 6 U. abends sah ich eine sehr lächerliche Scene. Der dunkle Schall einer sonderbar klingenden Musik und das Laufen der Leute zog mich vom Rennplatz in die Universitätsstraße. Da marschirten langsamen Schrittes und voll Ernst einher 7 Bauern; voran 5 zerlumpte Gassenbuben, die Gewehre der Bauern auf den Schultern; ein junger Bauernbursche war ihr Kommandirender. Auf sie folgte ein alter Bauer mit einer Fahne, einem Stück schmutziger, durchlöcherter Tapete an einer langen alten Stange, an deren Spitze eine blecherne Feldflasche. Diese sonderbare Fahne schwang er immer durch die Luft. In einer kleinen Distanz folgten 5 musicirende Bauernkerls. Der erste schlug auf eine alte zerbrochene öst. Trommel, die den Ton eines leeren Weinfasses gab, den Zapfenstreich; ihm zur Seite blies der zweyte aus einer Schlögelpfeife die eckelsten Mißtöne. Im zweyten Paar schlug der eine mit einem rostigen Küchenspieß auf eine noch rostigere Sense; der andere schüttelte einen an einem Stocke befestigten Schellkranz, so heftig, daß ihm der Schweiß herabrann. Der fünfte, der den Zug schloß, schlug zwei große blecherne Hafenplatten so heftig an einander, daß kleine Scherben davon flogen. Daß die Sache auf eine Fopperey abgesehen sey, war klar; aber gegen wen? — Ich schloß mich an den letzten Bauer an, lobte den guten Einfall und erhielt endlich folgende Erklärung: Wir sind von Aldrans. Teimer wollte, daß wir, die Höttinger und die Wiltauer, eine Kompagnie stellen. Die Hauptleute sind schon ernannt und wir sollten zu jeder Stunde bereit seyn. Seit Sonntag arbeiteten wir also nichts mehr und verzehrten unsere Kreuzer und noch sind keine Anstalten zum Ausrücken gemacht. Wir sind nun gekommen zu zeigen, daß wir bereit sind, und zu fragen, was aus uns werden soll. — Sie zogen durch die Hofgasse, Stadt und Neustadt, stellten sich vor der Wohnung des Teimer und ließen die Buben paradiren. Sie setzten endlich ihren Zug ungestört nach Wiltau fort.

 

Den 24. Junius. Abends wird zum Vortheil der durch baierische Mordbrennery verunglückten Unterinnthaler „Friedrich von Österreich", ein Stück von B. Hormair, gegeben.

 

Den 30. Junius. Morgen reise ich mit dem Finanzrath Rapp nach Brixlegg. Welche Greuel werde ich da sehen!

 

Den 1. Julius 11 Uhr nachts: Gottlob, daß ich wieder hier bin! Meine Seele ist noch voll von den Bildern, die die Grausamkeit der unmenschlichen Baiern in mir erregte. In unserer Gesellschaft war auch Herr Ortlieb, gräfl. Tannenbergscher Güterverwalter, der bey der großen Feuersbrunst in Schwaz war. Er zeigte nur da genau die Position der Baiern und der Bauern und erzählte, Graf Tannenberg habe dabey 8 Häuser verlohren und die noch stehenden seyen rein ausgeplündert worden; sein Schaden werde sich, gering angeschlagen, auf 400 m. f. (400.000 Gulden) belaufen. Auch Ortlieb verlohr ein Haus. Gen. Wrede schlief im Tannenbergschen Hause noch, als es auf dem Dache schon brannte. Auf das Bitten und Händeringen der jungen Gräfinnen versprach er wiederholt Schonung vom Brande; als man fortfuhr ihn zu bitten, sprach er aufgebracht: „Haltet ihr mich denn für einen Schurken, der sein Wort bricht?" Den Grafen Louis v. Tannenberg forderte er dagegen auf zum Versprechen, das er auch erhielt, dem auf der Zillerbrücke gebliebenen Major Zaiger jährlich eine Seelenmesse lesen zu lassen und ihm auf dem Platze, wo er fiel, ein Monument zu setzen. Graf Tannenberg sagte hernach, als ganz Schwatz schon lichterloh brannte und das Feuer auch seinen Palast ergriff, zu Gen. Wrede, der mit mehreren Offizieren auf der Brücke stand, mit Nachdruck: „General! Sie haben nicht Wort gehalten; ich werde das meinige halten, wenn mir anders das Vermögen dazu übrig bleibt." Wrede lachte dazu. — Ortlieb, der mit dem alten Grafen Tannenberg auch in München war, versichert: er wisse für gewiß, daß der König von der ganzen Expedition nach Tirol zuvor nichts wußte. Armes Baiern, das so gar keine Selbständigkeit hat! und von den Launen des ehrgeizigsten unter den Sterblichen abhängt! Baiern hat zu Schwatz an Aerarialgebäuden einen außerordentlichen Verlust gelitten, daß man glauben sollte, es sey ihnen an der Wiedererlangung Tirols nichts gelegen. — Vom (soll heißen Vomp), ein Dorf von 170 — 180 Häuser, war der erste von den Unmenschen in Brand gesteckte Ort. Zu Schwatz ist die Verwüstung gränzenlos; haushohe Schutthaufen liegen in den Straßen. Wir kehrten bey Thaler, ehedem dem besten Gasthofe, ein; bis auf ein Gewölbe ebenen Fußes ist auch da alles zusammen gebrannt. Wir eilten fort, dem marternden Anblick und Eindruck, den die Verwüstung und die Verzweiflung auf den Gesichtern der wenigen Vorübergehenden auf uns machte, und auch der Gefahr des Einsturzes der Mauern zu entgehen. Von Schwatz bis Brixleck liegen alle Dörfer und einzelnen Häuser — nur das doch auch rein ausgeplünderte Stans ausgenommen — in der Asche. Ich sah die Eschenbäume, an die 4 gefangene Bauern aufgehängt worden; einige wurden an mit Mühe herabgebeugte Erlenbäume geknüpft und aufgeschnellt. Auch sah ich an der Straße mehrere Grabhügel von da erschossenen Bauern. In Brixleck wurde mir die Stelle gezeigt, wo der Oberst Günther auf dem Rückzug von einem Bauer erschossen worden.

Der Brand in Schwaz, Repro: www.SAGEN.at

Der Brand in Schwaz

 

Den 4. Julius. Noch immer nichts Bestimmtes von der großen Armee! Heute kamen ein paar Hundert bewaffnete Selbstranzionirte aus dem Eisackkreise.

 

Den 6. Julius. Heute kamen wieder bey 200 Selbstranzionierte. Teimer gieng nach Scharniz, Hormair nach Pusterthal. Die Kompagnien in der Leutasch sollen sehr unzufrieden seyn und die Posten zu verlassen drohen. Es fehlt ihnen an Lebensmitteln und eine Löhnung kann aus Geldmangel nicht gezahlt werden. Auch hört man von einigen Bauern laute Äußerungen von Unzufriedenheit: durch alle Opfer sey noch nichts gewonnen; wer werde den großen Schaden ersetzen? Hätte man uns doch statt des kurzsichtigen Hormair einen erfahrenen Mann herein geschickt! alles würde anders aussehen. Hormair ist dem wichtigen Posten nicht gewachsen.

Für die unglücklichen Schwazer gehen von allen Seiten sehr reichliche Beyträge ein. Zwey Wägen Getreid sind gester allein vom hiesigen Landgericht hinab geführt worden. Gewiß! in meinem Vaterlande herrscht noch Biedersinn und Menschenliebe! — aber auch unübersehbares Elend!

 

Den 8. Julius. Hormair schickte uns Siegesnachrichten: 40/m (40.000) Franzosen theils gefangen, theils todt oder blessirt. Man erwartet das Nähere, um es drucken zu lassen.

 

Den 10. Julius. Hormair ist noch nicht zurück. Auf Rapps Vorschlag wurde, um den Beamten, Pensionisten etc. eine Zahlung leisten zu können, schon vor 3 Wochen ein Anlehen eröffnet, das guten Fortgang hat. Es sind schon bei 15/m F. (15.000 Gulden) eingegangen; Österreich garantirt es und zu einer nähern Hypothek für die Darleiher haben Privatleute eine Caution von mehr als 50/m F. subscribirt. Auf Rapps Veranstaltung werden zu Hall nächstens tirolische 24 kr. Stücke im Conventionsfuße geprägt.

 

Den 12. Julius. Es circuliren Gedichte in Knittelversen gegen Baiern im pöbelhaftesten Tone, die vom Charakter des Verfassers zeugen. Heute wurde ein forcirtes Anlehen ausgeschrieben. Kommt nicht bald Succurs von Österreich, so sind wir übel daran. Hunderte von Pensionisten etc. hungern schon.

 

Den 13. Julius. Heute kamen 2 baier. Deserteurs, Tiroler, die von einem Piquet bey Reichenhall desertirten; morgen sollen noch 18 folgen.

Die 2 Deputirten, die zum Kaiser giengen, sind zurück gekommen. Preßburg wurde, während sie dort waren, von den Franzosen beschossen. — Die Sage von der letzten großen Schlacht war ein leeres Gerücht.

 

Den 14. Julius: Hormair ist wieder da. Beim Landgericht war heut die Reparation des forcirten Anlehens. Viele Gemeindevorsteher waren dabey sehr widerspenstig.

 

Den 16. Julius. Bey Preßburg soll wieder eine Schlacht vorgefallen seyn zu Gunsten Österreichs; Triest und Fiume wieder in öst. Händen; die Russen mit 150/m Mann an der Gränze; für Österreich??

 

Den 17. Julius. Eine Beylage der Zeitung sagt uns von einem Siege des Gen. Giulay bei Gratz, daß Soult in Portugall kapitulierte, daß in Italien Aufstand sey. —
Vom 7 bis 11 dieß. wieder eine große Schlacht bey Aspern und Wagram, anfangs für die Franzosen, dann ganz entscheidend für Österreich. — Zur Expedition von Scharnitz nach Baiern soll es wirklich kommen.

 

Den 20. Julius. Der Sieg der Österreicher hat sich nicht bestätigt und nichts erschien im Druck. Man sagt vielmehr, es sey zu einem Waffenstillstande gekommen. — Der Ausfall nach Baiern von Scharniz hat nicht gut ausgeschlagen. Man mußte sich wieder zurück ziehen. Heut kamen 7 Wägen mit Blessirten. Mehrere Bauern sind noch vermißt; mehrere blieben, auch vom Militär. Der Hauptmann der Höttinger, Gerichtsdiener Wolfgang Natterer und der Dragoner Lieutenant sollen Wunder der Tapferkeit gethan haben.

 

Den 22. Julius. Ein heute angekommener Augsburger sagt in seinem Verhöre aus: bis auf den 7. d. M. seyen zu Augsburg französische Siege gefeyert, dann sey es ganz stille geworden, bis man plötzlich den Waffenstillstand publicirte, den kein Augsburger glaube. Gen. Rusca hat die verflossenen Tage Sachsenburg sich genähert und vermög des Waffenstillstands die Übergabe gefordert. Unser Gen. Schmid zu Lienz glaubt auch nicht daran und die Festung wurde nicht übergeben. Der Teufel werde klug aus dem Wirrwarr! Die gänzliche Erdichtung des Waffenstillstands wäre eine französ. Schurkerey ohne gleichen. — Rapp war heute bey einer Defensionssitzung. Außer B. Schneeburg und App. Rath Paar seyen lauter Puppen da, sagt er. Stadler habe ganz, B. Reinhart beinahe geschlafen, B. Lichtenthurm nur Anekdoten erzählt. Was kann man erwarten!

 

Den 24. Julius. Die 24 Mann Dragoner, die wir in Tirol haben, gingen heut nach Rattenberg. Auch wurden noch 2. Komp. dahin beordert. Es soll von Salzburg her nicht geheuer sein. — Auch die Studenten sind wieder aufgefordert; die wenigsten zeigen Lust dazu. Der Waffenstillstand ist wirklich nur Fiction. Welche Niederträchtigkeit!

10 Uhr abends in Rattenberg. Ich kam mit Finanzrath Rapp hieher, der die Beträge des forcirten Anlehens von den Rentämtern Hall, Schwatz, Rattenberg und Wörgl zu erheben hat.

 

Den 25. Jul. ¾ auf 4 Uhr früh zu Rattenberg. Wir kommen von Wörgl zurück. Wir konnten dort nicht schlafen, weil in dem rein geplünderten Dorfe nicht einmal Stroh zu haben war. Hier, zu Wörgl etc. haben schon viele Leute ihre Sachen geflüchtet, weil es hieß, die Baiern seyen an der Gränze. Am meisten betrübte sie eine Nachricht des Unter-Intendanten im Unterinnthal v. Roschmann, der an die Kommandanten schrieb, am Waffenstillstande sey nicht mehr zu zweifeln; daher soll mit Organisierung des Landsturms inne gehalten werden. Den Tag darauf erhielt er von Hormair bessere Nachrichten  und nun sind die Leute wieder weniger in Sorgen.

 

Den 26. Julius. S. Anna-Fest. Es war große Prozession zur Anna-Säule.

Erst heut zog die städtische Kompagnie nach Scharniz. Man sagt, die meisten seyen nur aus Zwang mitgegangen. Die Studenten versammelten sich vorgester; man verlangte die Unterschrift der Freiwilligen; es fanden sich sehr wenige.

 

Den 28. Julius. Diesen Abend reise ich mit dem Finanzrath Rapp nach Brixen. Er hat in der allgemeinen Aufliegenheit schon früher, um die Beamten, Pensionisten etc. bezahlen zu können, mit Wissen und Willen des Intendanten B. Hormair hier und in Hall ein freywilliges Anleihen von 30/m f. (30.000 Gulden) eröffnet und dadurch manche arme Witwe vom Hungertode gerettet. In den Urkunden, die er den Gläubigern hinausgab, bezog er sich auf die vom B. Hormair im Rahmen des Kaisers von Österreich ihm ausgefertigte Obligation. Diese Obligation nahm B. Hormair mit sich, um sie auch vom Gen. Buol zu Brixen unterfertigen zu lassen. Rapp schrieb deßhalb schon öfter an ihn, ohne je die Obligation zu erhalten. Um nun vor den Gläubigern keine üble Figur zu spielen, reiset er selbst zu B. Hormair nach Brixen.

 

Den 5. August: Geschichte der verflossenen Tage. Wir kamen den 29. Juli früh morgens nach Brixen. Hormair war schon vor 2 Tagen nach Lienz gereiset, doch Gen. Buol noch da. Rapp gieng zu ihm. „Conclamatum est", rief er mir entgegen, als er wieder kam. „Mit dem Waffenstillstand ist's richtig; die Österreicher müssen unser Vaterland räumen und es wird der Wuth des Feindes Preis gegeben.“ Beiden blutete das Herz. Wir fuhren auf der weiter, Hormair nach. Durch ganz Pusterthal sahen wir frohe Gesichter. Man wußte noch nichts vom Waffenstillstande, der erst den folgenden Tag bekannt gemacht werden sollte. Den 30. Jul. früh trafen wir in Lienz ein, aber Hormair war schon Tags zuvor mit aller seiner Bagage nach Sachsenburg gereiset. Wir verzweifelten schon, ihn einzuholen, als uns ein Hauptmann Steiner versicherte, wir würden ihn in Sachsenburg noch treffen. Wir brachen sogleich auf. Wie sticht das Stück Kärnten, das ich sah, gegen Tirol ab! Von den Menschen will ich schon gar nichts sagen. Mir eckelte vor den niedrigen, sklavischen Bücklingen der Kärntner Bauern. Sie schienen mir ein herz- und muthloses Volk zu seyn. Da lob' ich mir meine Landsleute!

Zwischen Lienz und Oberdrauburg stießen wir auf mehrere öst. Militärposten und auf gut gebaute aber schlecht besetzte Schanzen. Um Mittagszeit waren wir in Sachsenburg. Er fand Hormair bey der Tafel, der sich nicht weigerte, ihm die Urkunde auszustellen. Weil er vorgab, die früher verfaßte verlohren zu haben, diktirtc Rapp eine neue und legte sie ihm nach der Tafel zur Unterschrift vor. Wie erschrack Rapp, als nun der Niederträchtige, der nur über das Fehlschlagen der Pläne seiner Eitelkeit, nicht über das durch ihn herbeigeführte gränzenlose Elend des Landes betrübt war, sie ihm geradezu abschlug, sagend: er wisse von allem nichts mehr. Rapp machte alle erdenklichen Vorstellungen, beschwor ihn, nicht so ungerecht zu handeln, etc. Der Schurke wies ihn ab und legte sich schlafen. Rapp war außer sich, und beschloß, eher das äußerste zu wagen, als ohne Urkunde zurück zu kehren. Hormair schlief bis halb 7 U., wenn anders sein böses Gewissen ihn schlafen ließ. In dieser Zeit besah ich mit einem jungen wackern Offizier die schöne Festung. Ewig Schade, riefen wir aus, daß da so viel Arbeit und Kunst vergeblich verwendet wurde! Der folgende Tag war zur Übergabe der Festung bestimmt, die die Franzosen wohl schleifen werden. Der Offizier weinte über den wahrscheinlichen Umsturz Österreichs und mir war bange um mein liebes Vaterland. Ich fand da auch einen alten Schulkameraden, Sander aus Vorarlberg. D. Schneider hatte ihn als Deputirten zu B. Hormair geschickt. Die Nachricht vom Waffenstillstande drückte dem armen guten Jungen beynahe das Herz ab.

Erst um 7 Uhr erwachte Hormair; bis 8 Uhr ertrotzte endlich Rapp seine Unterschrift. Wir reiseten sogleich ab und kamen den 31. Jul. früh nach Lienz zurück.

Wie ganz anders sah es nun da aus! Alles war tief bestürzt; man kannte nun den Waffenstillstand. Wir eilten fort und kamen abends nach Untervintl. Anch da, wie überall, herrschte tiefe Traurigkeit. Ich war völlig muthlos. So sehr dauerten mich meine armen, betrogenen, unglücklichen Landsleute. Am meisten schlug mich die Nachricht nieder, daß die Baiern schon in Innsbruck eingerückt seyn sollten. Ich verwünschte diese Reise und drang auf die eiligste Fortsetzung derselben. Zwischen Mittewald und Sterzing wurden wir von Bauern angehalten. Ich glaubte es gut zu machen, da ich sagte: wir müßten nach Sterzing zu Teimer. Aber auch der hat bey ihnen alles Zutrauen verlohren, weil er ihnen den fernem Widerstand auf dem Prenner mißrieth. „Wäre nur einer von euch beiden der Teimer", schrie ein rasender Bauernkerl, „das Kügele wäre schon für ihn gerichtet." Endlich fiel mir ein, daß wir eine Art Paß vom Postmeister in der Vintel erhalten hatten. Den wies ich vor und sogleich ließen sie uns passiren. Um 2 U. in der Nacht kamen wir nach Sterzing. Wir blieben da, weil man uns so rieth, indem alle Straßen voll Bauern seyen.

Den 1. August 8 U. früh retirirten schon die Österreicher unter dem Oberstlieut. Taxis. Sie kampirten außer der Stadt. Ich fand den Teimer völlig verwirrt. Rapp ließ sich von Taxis einen Paß geben. Dieser soll über das Schicksal von Tirol geweint haben.

Vor Mittag both man noch im Landgerichte den Landsturm auf, den man doch abends wieder absagte. Wir hielten uns meistens im Kapuziner-Garten und zu Hause auf, Rapp war voll Furcht. Er hätte wohl umgekehrt, wenn ich es zugegeben hätte. Abends zogen die Österreicher ab. Sie erwarten zu Mühlbach den Gen. Buol u. Leiningen. Ich sprach mit vielen Offizieren; sie verließen alle ungern Tirol; es sind meistens Tiroler. Alles schimpft über Gen. Buol. Man sagt, die Bauern haben ihn mißhandelt und seinen Abzug verhindern wollen.

Die folgende Nacht war ziemlich ruhig. Zwar rottete sich Gesindel zusammen, die baierisch Gesinnten zu plündern, aber man entdeckte es und es unterblieb. Der Sandwirth kam und den 2. Aug. früh wurde wieder der Landsturm aufgebothen. Er hatte bloß einige besoffene Tiroler Jäger bey sich. Seine Einkehr nahm er in einem Maierhof außer der Stadt. Wir giengen zu den Kapuzinern und versteckten unsere Sachen. Man glaubte die Baiern erst bis Steinach vorgerückt und erwartete Gefechte am Brenner. Daß aber die Bauern ohne Kannonen und Kavallerie sich da nicht halten konnten, war augenscheinlich, so gut auch die Schanzen angelegt waren. Wie werden dann die siegreichen Baiern in Sterzing hausen? Dieß war die Überlegung und Sorge der Vernünftigen. Viele, auch Geistliche, bathen daher den Sandwirth, den vergeblichen Widerstand aufzugeben. Sie erwirkten nichts. Er schickte durch einen öster. Jäger dem feindlichen Divisionsgeneral ein Schreiben des Inhalts, er sei zwar vom Waffenstillstand überzeugt; aber er wolle wissen, warum der General ins Tirol gekommen; wenn derselbe stehen bleibe und nicht weiter vorrücke, so wolle auch er, Sandwirth, sich mit seinen Leuten ruhig verhalten, wo nicht, so werde er sich aufs äußerste wehren. Dieß Schreiben voll Unsinn und orthographischer Fehler erhielt hernach Rapp vom General zu lesen. Aber die Sache verhielt sich anders, als man glaubte. Die Baiern hatten ohne Widerstand schon den Brenner passirt. Des Sandwirths Parlamentär fand sie schon zu Gossensaß. Um 2 U. n. Mittag rückten sie mit klingendem Spiel in Sterzing ein.

Die Kavallerie ausgenommen, waren es lauter Sachsen. Sie bezogen ein Lager außer der Stadt, eben da, wo Tags zuvor die Österreicher gelagert waren. Es gab keinen einzigen Exceß; sie rückten in der schönsten Ordnung ein. Vor jedes Haus wurde ein Mann gestellt, der so lang blieb, bis das Lager rangirt war. Der General unterschrieb uns den Paß von B. Taxis; aber wir konnten aus Mangel an Pferden nicht abreisen. Ich sprach mehrere Sachsen; es waren recht gute Leute. Sie schimpften fürchterlich über die Ungezogenheit und Rohheit der Baiern. Tirol gefiel ihnen.

Den 3. August 6 U. früh reiseten wir ab. Auf dem Brenner stießen wir auf einige Bataillons baier. Infanterie und eine Eskad. Kavallerie. Um 10 Uhr kamen wir nach Matrey und wollten uns einige Stunden da aufhalten. Wir mietheten einen Lohnkutscher von Innsbruck, der eben da war, aber dann mit seinen Pferden ohne uns davon ritt aus Furcht, sie möchten ihm vom Militär requirirt werden. Postpferde waren nicht zu haben; auch regnete es außerordentlich. Erst den 4. August n. M. fanden wir Pferde, mit denen wir spät abends unter beständigem Regen nach Innsbruck kamen. Zu Wiltau verließen die baier. Truppen eben das Lager. Sie hätten ersaufen müssen; so sehr regnete es.

Die nähmliche Viertelstunde mit uns kamen auch Dipauli und sein Sohn Joseph aus München an, was mich sehr überraschte und erfreute. — Schon in Matrey hörten wir, in Innsbruck sey die Sage, wir seyen mit der Kasse fort; darum habe man Rapps Quartier geplündert, was jedoch falsch war. Nur haben die Höttinger Schützen, Wolfgang Natterer an der Spitze, die Kreiskasse erbrochen und über 3000 fl. daraus geraubt. In Rapps Bureau war das Tuch von den Stühlen geschnitten, doch die Papiere unberührt.

Geschichte von Innsbruck in meiner Abwesenheit: Den 30. Jul. abends zogen die französischen und verbündeten Truppen in Innsbruck ein. Der Marschall Lefebre bezog die Hofburg. Das öst. Militär war 2 Stunden davor abgezogen. Es erschienen Verordnungen wegen Abgebung der Waffen in 24 Stunden. Alle Kommandanten müßen sich bis 10. d. M. vor dem Marschall stellen. Die nicht erscheinenden werden des Landes verwiesen, auf Betreten erschossen, ihre Häuser eingerissen, ihr Vermögen confiscirt. Es wird eine provis. Militär- und Reggs-Kommission niedergesetzt. Welche Veränderungen seit wenig Tagen! Ich glaubte Innsbruck nimmer zu kennen.

 

Den 7. August. Ich bin sehr niedergeschlagen! Das Elend meiner Landsleute geht mir zu sehr zu Herzen! Bey Gott! wer sich ihres Unglücks freuen kann, verdient nicht Mensch zu seyn. Gestern kam der Hofkommissär Baron Rechberg; Di Pauli ist Hofkommissionsrat, O möchten lauter so unbefangene Männer bey dieser so wichtigen Kommission seyn! Vorgester brach eine ganze Division Baiern nach dem Brenner auf. Man sagt, die Bauern unter dem Sandwirth haben sich zwischen Sterzing und Brixen den Sachsen widersetzt. — Das Land ist mit Truppen überschwemmt; die Theuerung schon sehr fühlbar. — Heut sollen 2 Bauern, die sich der Execution widersetzten, erschossen werden. Die Habens dann überstanden! Gewiß Hunderte wünschen unter diesen Umständen den Tod. - Das ganze Militär liegt hier in Privathäusern. Auch Miethleute müssen Quartier tragen.

Die 2 erschossenen Bauern haben bey Wehr (Weer) ein Piquet von 6 Mann aufgehoben und 2 blessirt. Sie übergaben die Gefangenen an 2 öst. Jäger, um sie zum Sandwirth zu liefern. Aber die Schurken brachten sie hierher und zeigten die Bauern an. Meine lieben, lieben Landsleute! was wird noch aus uns werden!

 

Den 8. August. Von den zwei Bauern war der eine der Dorfvorsteher von Wehr, Vater von 6 Kindern. Sie erbothen sich durch unbedenkliche Zeugen zu beweisen, daß sie bey der Entwaffnung der baier. Soldaten nicht dabey waren. Sie wurden nicht gehört, weil ihr Ankläger vorgab, sie zu kennen. Um 2 U. n. M. wurden sie auf dem Saggen erschossen, was durch den Druck bekannt gedacht wurde. Sie starben wie Helden; nicht einmal ihre rothe Gesichtsfarbe verlohren sie. Gott! vielleicht waren sie wohl gar unschuldig! Ein franz. Hauptmann schalt beym Ausführen einen baier. Soldaten, der den einen Bauer mit dem Gewehre stieß, derb aus. Er bewunderte die Standhaftigkeit der Unglücklichen. Ein Geistlicher begleitete sie. Als sie schon knieten, erinnerte dieser, es sey doch üblich, ein Tuch um die Augen zu binden. Die Bauern selbst suchten ein Tuch in ihren Taschen; da sie keines fanden, schlugen sie die Jacken über die Köpfe und so starben sie. So standhaft sterben Schuldige nicht!

 

Den 9. August. Diesen Morgen kamen 20 Wagen blessirte Sachsen an, die meisten durch herabgerollte Steine verwundet. Sie sollen großen Verlust gelitten haben. Ein Bauer sagte mir: „Nun werden wir wohl bald den Befehl lesen, daß die Steine und Felsen ausgeliefert werden müssen". Der Marschall (Lefebre) ist schrecklich gegen die Tiroler aufgebracht. Er soll Dörfer, einzelne Höfe etc. haben anzünden lassen. Er machte sich über Gen. Deroi lustig und sagte höhnisch: er würde sich mit 400 Mann gehalten haben. Er schämt sich nun und die baier. Offiziers lachen dazu. Mich dauern nur die armen gutmüthigen Sachsen. Sie fluchen über die Verbindung mit Napoleon. Ey, wären sie deutsche geblieben wie wir Tiroler! Die ganze Welt verkennt uns und weiß uns nicht zu schätzen. Ich bin stolz darauf, ein Tiroler zu seyn, wenn schon alles uns als Rebellen verflucht.

Nachmittag sind über 200 Wagen mit Zwieback und Monturen aus Baiern gekommen. Die letzteren sollen für die Tiroler Rekruten bestimmt seyn. Nur nicht zu voreilig!

Heute war ein sehr unruhiger Tag. Die Nacht brach das Reg. Isenburg eilends nach Oberinnthal auf; ein anderes ging vor 2 Tagen dahin.

zu Fortsetzung Teil 2

   
  Quelle: Dr. Franz Schumacher (Hrsg.), Anton Knoflach's Tagebuch über die Ereignisse in Innsbruck im Jahre Neun, "Anno Neun", XIII. Bändchen, Innsbruck 1909.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.