SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Joseph Speckbacher und Kriegsereignisse in Tirol 1809, J. G. Mayr

   
 
  1. Kapitel: Speckbachers Geburt, Jugendjahre, Wildschützenleben, Abenteuer, Liebschaft und Verheiratung
 

 

Im schönen Inntale, auf jenem reizenden Mittelgebirge zwischen Innsbruck und Hall, welches südlich von der Glungeser Spitze und dem Patscher Kofel bekrönt, sich fruchtprangend zum rechten Innufer hinuntersenkt, schaut unter vielen andern Kirchen und Schlössern — worunter das romantische Ambras — auch die Kirche vom Dorfe Rinn hervor. Vom Turme dieser Kirche aus ertönte im Jahre 1809 oftmals Sturmgeläute zur Aufforderung der Landesverteidigung in die Gegend hinaus, wo sonst lange nur hirtlicher Friede ausgegossen war; denn Speckbacher, der klügste und tapferste aller Tiroler-Anführer hauste dort, und unternahm meistenteils von dort aus seine kühnen Waffentaten und Siege, zu deren hervorragendsten immer jene Gegend zwischen dem Berg Isel und der Volderser Brücke der Schauplatz war. —

Dieser außerordentliche Mann wurde indes nicht zu Rinn geboren, sondern drei Stunden davon entfernt auf den waldigen Vorbergen des linken Innufers, im Dorfe Wald, (eigentlich Gnadenwald, Ortskirche St. Martin) eine Stunde von Hall auf dem Gute Unterspeck Nr. 16 und zwar am 13. Juli 1767. —
Sein Vater war dort Bauer und Holzlieferant zur Saline genannter Stadt. In der Taufe erhielt er, als der drittgeborne, den Namen Joseph. Sein Großvater hatte sich schon im Jahre 1703 im Kriege gegen eine damalige französisch-bayerische Invasion unter Churfürst Max Emanuel ausgezeichnet. —

Mit großer Neugierde lauschte daher unser Joseph schon als kleiner Knabe den Erzählungen von den Waffentaten des Großvaters, die sein Vater oftmals zur Winters- oder Haingartenszeit*) bei dem traulichen Geknister der Herdflamme seinen Freunden vortrug. Voll jugendlich-heißer Sehnsucht hing dann der Blick des neugierigen Buben auf dem an der Wand aufgehangenen Stutzen oder verrostetem Säbel seines Ahnen, dabei die Zeit herbeiwünschend, dass auch er davon bald Gebrauch machen könne, um ähnliches zu tun, und sich so seines Großvaters würdig zu machen. —

*) Haingarten, Heimgarten nennt man in Tirol ein Zusammensein zur Unterhaltung.

Am Busen der erhabensten Natur aufwachsend, entwickelten sich in ihm überhaupt schon in frühester Jugend besondere Anlagen und eine gewisse Festigkeit und Kecke des Charakters, aber auch bald der Hang zum Unsteten und Zügellosen, wodurch, wie er später darüber sich äußerte, seine Eltern „oft viel Kreuz mit ihm hatten". — Schon im zarten Knabenalter verwaist, und von seinen Verwandten zwar ehrlich verpflegt, aber, da noch sieben andere Geschwister da waren, wenig beaufsichtiget, hatten besonders das Lernen und gewöhnliche Beschäftigungen keine Reize für den jungen Sonderling.

Nicht wollt er die Lämmlein hüten,
Lämmlein, die so fromm und sanft:
Doch, der Knabe ging zu jagen
Und es treibt und reißt ihn fort,
Rastlos fort mit blindem Wagen
An der Berge finstern Ort. —

Schon als zwölfjähriger Knabe lockte er aus einem solchen Streifzug einmal durch ein Schaf einen mächtigen Lämmergeier in eine schwere Falle, wo er ihn ganz allein überwältigte und fortschleppte, so sehr auch das grimmige Raubtier sich wehrte, und mit Flügeln, Schnabel und Klauen ihn misshandelte. Ein andermal wagte er es mit Schrott auf einen jungen Raubbären zu schießen, der sich dann in einer Falle fing. —

Mit fortschreitender Reife zum Jüngling entwickelten sich dergleichen Proben und Äußerungen seines außerordentlichen Mutes, seiner besonderen Kraft und Gewandtheit immer mehr, und bald war das regellose, nicht selten Gott versuchende Wildschützenleben für den wunderbar gelenken riesenhaften Jüngling das Anziehendste und Glücklichste. Als echter Sohn der Berge entsagte er daher nach und nach jeder geregelten Lebensweise, jedem stäten Aufenthalte, und nur von einem treuen Hunde begleitet durchstreifte er dann fortwährend die wildesten Felsengegenden des nahen Karwendel oder Wetterstein - Gebirges, wagte sich dort auf schauerliche Fels- und trügerische Schneewände, und setzte um das armselige Leben eines einzigen Tieres sein eigenes dabei hundertmal in Gefahr. — Seine Nahrung bestand bei solchen wilden Jagdfahrten nur in dem, was er in einem kleinen Sacke auf dem Rücken — aus Türkenmehl und Schmalz, oft auch nur aus einem Laibe Brod bestehend — mitführte, und das manchmal acht Tage lang reichen musste. — Des Schlafes pflegte er dabei nur in Höhlen und Alphütten, und nur dann kehrte er in die Heimat zurück, wenn der Gewinn seines sichern Rohres es erheischte. —

Die Ruh' zu Haus, sie konnt' ihm nimmer munden,
Rastlos mußt' er ein flüchtig Ziel verfolgen,
Dann erst genoss er seines Lebens recht,
Wenn er sich's jeden Tag auf's neu erjagte! —
Und es erfüllt mit Grausen, was die Älpler
Von seinen Wagefahrten sich erzählen:
Wie er hinanklimmt an den glatten Wänden,
Wo er sich anleimt mit dem eig'nen Blut';
Wie er schreitet verwegen auf Feldern von Eis,
Wo pranget kein Frühling, und blühet kein Reis,
Wo donnern die Höhen, wo zittert der Steg:
Nie graute dem Schützen auf schwindlichtem Weg.

Seine Organe, besonders seine Augen, wurden durch diese Lebensweise nach und nach so scharf, dass er auf die Entfernung einer halben Stunde die Glocken an den Hälsen der Ziegen und Schafe unterscheiden konnte. Er führte daher auch auf Scheiben und andere Gegenstände die Büchse mit solcher Sicherheit, dass er gewettet haben soll, auf fünfzig Schritte einen Taler aus der Hand eines vertrauten Kameraden zu schießen, oder eine Taube auf dem Dache an dem zu bezeichnenden Fuße zu treffen. —

Da er auch häufig Raubtiere erlegte, die in der Gegend bei den Herden oft viel Schaden anrichteten, so wurde ihm von Seite der Obrigkeit in Bezug auf sein Wildschützentreiben durch die Finger gesehen. — Beim Volke stund der „Speckbacher Seppel" als Schütze sondergleichen deswegen sogar in einer Art von besonderer Achtung. —

Noch einmal in seiner Jugend war er so glücklich, ganz allein einen großen furchtbaren Raubbären zu erlegen, der durch vergebliche Spähe schon lange in den Herden wütete. — Nach diesem Wagnis warf er das erlegte Untier auf einen Karren, und zog damit triumphierend in den benachbarten Gerichtsort ein, wo er die dafür ausgesprochene Belohnung erhielt.*)

*) Noch in den Jahren 1833 und 1834 sollen in Tirol 43 Bären geschossen worden sein.

Auch prangten nicht umsonst auf seinem Hut über Gemsbart und Rautenkraut, Edelweiß, — was dem Himmel am nächsten wächst, — vier Spielhahnfedern; denn, beim Raufen nahm er es mit Vieren auf; wehe dann, wenn er gezwungen wurde, mit riesenstarkem Arm von seinem eisernen Schlagring Gebrauch zu machen! — Übrigens suchte Speckbacher in Wirtshäusern, wo er sich überhaupt selten einfand, nie absichtlich Streit; nur wenn er seinen Ehrgeiz verletzt glaubte, zeigte er sich wegen seiner „sakrischen Schneid" als einen der gefürchtetsten Inntalischen Raufer, in der Landessprache Robler, Hagmayr, Haogmoar genannt. *)

*) Moar, Mayr, bedeutet in Tirol der erste in etwas, z. B. im Schießen, Raufen, Kegeln, wohl auch der Besitzer des schönsten Hofs, der schönsten Kühe, Felder etc.

In Speckbachers Jugendzeit wurden im Inntal manchmal öffentliche Kraftkampfspiele, sogenannte „Schmeißen" (zu Bodenwerfen) auch „Hosen lupfen“ genannt, gehalten. Ein solches fand nun um jene Zeit auch einmal in der Stadt Hall statt, wobei es nicht ohne einen gewissen altertümlichen Prunk und Zier herging. Auf offenem Platz war ein Bodeum aufgeschlagen, das mit einer farbigen Barriere gegen die meistens zahlreich herbeigeströmten Zuseher geschützt war; eine sinnig geschmückte Tribüne empfing die Schiedsrichter mit den Preisfähnleins; viele Kampfbeflissene waren bei diesem athletischen Spiel beteiligt, unter welchen sich dieses mal besonders ein vierschrötiger Hausknecht sehr hervortat, dem es mit seltener Kraft gelang, zehn Streiter nach einander zu lupfen, dann zu schmeißen, oder auf die Erde zu bringen. Unter den eingefundenen Zuschauern bemerkte man auch einen jungen hochstämmigen verwilderten Burschen, der, den schmutzigen Sack auf dem Rücken, mit seinem Bergstock sich ziemlich gleichgültig auf die Einfassung hinlehnte; es war der junge „Speckbacher Seppel". Als nun bald Trompetenstöße den Hausknecht als ersten Sieger verkündeten, rief Seppel fragend hinein: ob es wohl erlaubt sei, es auch noch mit „dem Moar (Sieger) aufzunehmen? Da bedeutete man ihm, dass es jetzt schon zu spät dazu sei. Wenn ich mir dazu aber die linke Hand auf den Rücken binden lasse, entgegnete der dadurch nur um so gewaltsamer von Kampfgier hingerissene Alpensohn. Des Spaßes halber gewährte man nun den drolligen Antrag, aber nicht lange ging es her, so warf der wirklich an einem Arm Gefesselte den freien, früher siegenden Hausknecht unter schallendem Gelächter zu Boden, verschwand übrigens ohne einen Preis anzusprechen bald unter der lärmenden Menge. *)

*) Diese Anekdote hörte Verfasser dieses traditionsweise in seiner Jugend erzählen. Ort und Person kann er aber gerade nicht verbürgen.

Obwohl eine dergleichen Lebensweise, welche unserem Natursohn selbst bei herangerücktem Mannesalter, seiner gesteigerten außerordentlichen Kraft und Gewandtheit wegen immer mehr zur Leidenschaft wurde, für andere — für moralische Bildung — eben nicht ersprießlich war, so war sie aber, besonders sein Wildschützentreiben, eine desto trefflichere Vorbereitung zu der Krieger- oder Guerillas-Rolle, die er später übernahm.

Häufiges Spähen und Gefahr — mitunter auch Verfolgung — lehrten ihm List, Vorsicht und kalte Entschlossenheit, und erweckten in ihm bei eiserner Abhärtung das Kriegstalent und jenen wohlberechneten Mut, der so oft für Tollkühnheit galt, obwohl es mehr starkes Selbstvertrauen und die Kenntnis seiner Kraft verriet. —

Auf seinen Jagdzügen erwarb er sich ferner auch jene genaue Kenntnis von seinem Vaterlande, besonders von dem nördlichen Teile desselben, die beim Gebirgskrieg unerlässlich ist. ,— jeder Berg, jede Schlucht, jede Alpe war mir bekannt, äußerte er später darüber. Nach und nach dehnte er seine gefährlichen Streifereien auch in entferntere Gegenden aus, stieg auf schaudervollen Rändern dumpftosender trügerisch bedeckter Abgründe, wo ein treuloser Fußtritt den Tod bringen kann, bald in den Felsengeschroff des hintern Dux's und des Krimmel-Gebirgs herum, oder er ging sogar in Ötztals Schneeregion. — Wenn Laune und Not ihn dazu veranlasst, wagte er seine Streifzüge auch auf bayerisches Gebiet, wo sich die in Tirol arg verfolgten Gemsen noch heute gern hin flüchten, weil sie da — wenigstens bis auf heutige Zeit — mehr geschont wurden. —

Obwohl er im voraus wusste, dass er auf jenem ausländischen Gebiet immer großen Verfolgungen von bayerischen Jägern ausgesetzt sei, konnte er doch dem Drange nie widerstehen, seine Jagden auch dahin auszudehnen, denn Gefahren hatten immer eigene Reize für den Furchtlosen; Widerstand vergrößerte seine Begierde dazu.

Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen,
Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft,
Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Not;
Den schreckt der Berg nicht, der darauf geboren! —

Einmal in vorgerückter Herbstzeit, als schon nicht mehr der liebliche Klang der Herdenglocken auf den Alpen ertönte, unternahm er eine solche Jagdfahrt dorthin. — Über schauerliche Jochübergänge kam er dieses mal in das Bergegeklüft des hintern Rießbaches, der in das bayerische Isartal ausmündet. — Bald war sein emsiger Spürer, sein Hund dort ,— in der Nähe der bayerischen Grenze — auf der Spur einer Gemse, deren Verfolgung unsern wilden Jäger bis in die bayerischen Berge der Isar brachte, wo seine sichere Büchse das flüchtige scheue Thier endlich erlegte. Er nahm nun seine Beute auf den Rücken, und schlug seinen Weg wieder rückwärts ein. Etwas ermüdet erreichte er bald darauf eine verlassene Alpenhütte, die zwar noch auf bayerischem Territorium, ihm aber schon oftmals eine sichere Einkehr bot. In dieser Hütte ließ er sich nun ruhig nieder, und legte sein Jagdgewehr, seinen Bergstock und seine tote Gemse neben sich auf den Boden. Als er Feuer angemacht hatte, war er eben damit beschäftiget, Schmalz in einer kleinen Pfanne — die er immer auf dem Rücken mit sich führte — zergehen zu lassen, um sich eine lang entbehrte Mahlzeit — einen sogenannten Schmarn — zu bereiten. Schon prasselte dazu das Schmalz; auf einmal schlug sein Hund an; rasch griff der Aufgescheuchte nun nach seinem Stutzen, um sich zur allfälligen Wehr zu setzen; doch, es war schon zu spät; denn er wurde durch drei auf einer Grasmatte herbei geschlichene bayerische Jäger überrascht, sogleich ergriffen, zu Boden geworfen und seine Glieder gebunden. Gefesselt lag der sonst so freie Alpensohn nun zu den Füßen seiner verhassten Feinde; Verzweiflung bemächtigte sich anfangs seiner in dem Bewusstsein die erprobte Kraft nicht mehr gebrauchen zu können, doch auf einmal fasste sich der schlaue Bergessohn und nahm zur List seine Zuflucht, stellte sich zerknirscht und reuevoll und bat die Jäger, ihn doch noch sein Mittagsbrod fertig machen zu lassen, da es ohnehin das Letzte sein würde, was er in Freiheit zu sich nehmen könne. Die Jäger, welche in ihrem Fang wohl einen Wildschützen ersahen, aber den berüchtigten Speckbacher nicht persönlich kannten, ließen sich nun dadurch erweichen, und machten ihn los; doch kaum fühlte sich dieser frei, so ergriff er in demselben Augenblicke die Pfanne mit dem heißen Fett, spritzte es ihnen ins Gesicht, nahm einen hingestellten Jägerstutzen und schlug den halbverbrannten Jagdgesellen damit so behend um die Köpfe, dass sie fluchend herum taumelten, er aber, zwar mit Zurücklassung seiner Gemse, wieder über Stock und Stein auf tirolisches Gebiet entweichen konnte. Bald nachdem dieses Abenteuer glücklich überstanden war, erfuhr Speckbacher von einem seiner Kameraden, dass einer seiner Freunde und Genossen, Namens Staudacher, von den gereizten, rachsüchtigen bayerischen Jägern, wahrscheinlich als Sühneopfer für ihn, auf schmähliche Weise erschossen worden sei. Er hätte, sagte Ersterer aus — als er in den Bergen der Scharnitz auf der Lauer war — gesehen, wie die Jäger unten im Tale den Staudacher einige Zeit gefesselt vor sich her trieben, und ihn dann, da er vielleicht zu entweichen drohte, an einen Baum anbanden und ohne weiteres erschossen. —

Dieses im Ganzen unbedeutende, an den Grenzen, der damals sehr strengen bayerischen Jagdgesetze wegen, öfters vorkommende Ereignis machte indes auf Speckbachers Gemüt, das bisher anderen Gefühlen mehr verschlossen, für die Freundschaft aber desto empfänglicher war, einen tiefen Eindruck; der Verlust seines Herzensfreundes auf so schmähliche Weise, wegen ein paar geschossener Gratt-Tiere, ging ihm sehr zu Herzen, und erweckte in ihm schon damals vielleicht jenen Funken des Hasses gegen die Bayern, den er selbst nachher — im bayerischen Untertans-Verbande — nur schwer beherrschen konnte, und der dann genährt durch anmaßend brutale Beamtenwillkür bei gelegener Zeit selbst zur Flamme ausbrach. Indes beschloss er vor der Hand nicht aus Furcht, sondern seine Rache beherrschend, jenes gefährliche Gebiet zu meiden, und seine Streifzüge ferner nur in den Gegenden seines Vaterlandes auszudehnen. —

Bald darauf trug sich aber etwas anders zu, was einen bedeutenden Wendepunkt in dem wilden Leben unsers Natursohns hervorbrachte. Bisher war die Büchse sein teuerstes Kleinod, seine liebste Braut, der treue Hund sein angenehmster Gefährte; doch, auf einmal sollte es anders um ihn werden. Bei einem Kirchweihfeste zu Lans, einem lustigen Dorfe des Innsbrucks Mittelgebirges , lernte er nämlich ein Mädchen kennen — es war Maria Schmiederer aus der Gemeinde Rinn — welche auf einmal einen so tiefen Eindruck auf sein wildes Herz machte, dass er von der ersten Liebe Zaubermacht ergriffen, sich gleich darauf vornahm, sein wildes regelloses Leben zu ändern, um diese schöne tugendhafte Jungfrau, welche auch noch überdies mit einem nicht unansehnlichen Vermögen ausgestattet war, zu verdienen und zu heiraten. Durch die Fürsprache seiner Verwandten verdingte er sich daher bald darauf als Holzarbeiter zur Saline von Hall, ein Geschäft, das mit der ihm eigentümlichen Gewandtheit ausgeübt, ihm auch bald die volle Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, und damit die Stelle eines Aufsehers verschaffte. —

In Feiertagsstunden schlug er aber jetzt über die Hallerbrücke häufig den Weg nach Rinn ein und stieg gepressten Herzens auf die Höhe des Judensteines—wo ein Wallfahrts-Kirchlein, dem hl. Andreas geweiht, zur Gemeinde Rinn gehörig, sich erhebt—in dessen Nähe Mariens Heimatshaus steht, denn gewaltsam fühlte der Liebentbrannte sich dorthin gezogen, wo sein heißgeliebtes Schätzlein, sein Maoidai, (Maria) wohnt. Bald war er auch so glücklich, sie dort in schöner Sonntagstracht bei einem Brunnen wasserschöpfend zu sehen.

Und herrlich in der Jugend Prangen
Wie ein Gebild aus Himmelshöh'n,
Mit züchtigen, verschämten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich steh'n. —

Schüchtern nahte er sich nun ihr, und gerne hätte er dem freundlichen Mädchen rasch, wie er immer war, seine Gefühle gleich offen und bar anvertraut, doch der Mann, der früher Raubbären erlegte und Lämmergeier zerriss, konnte es nicht, denn das „Mädel" hatte es ihm angetan, wie er sich später darüber äußerte. Indes als der eben dadurch von echter Liebe erfüllte beklommen, beinahe zitternd ihr näher trat und es wagte, das errötende Mädchen bei der Hand zu fassen, schien er in ihrem Blicke zu lesen, dass er ihr nicht gleichgültig; und wirklich, der schlanke schöne Jägersmann — damals in der Blüte seiner Mannsjahre — war auch Marien, seit sie ihn zum ersten male sah, weder aus dem Herzen noch aus dem Gedächtnis entschwunden. Hierdurch ermuntert, wagte es Speckbacher bald darauf bei der Mutter des Mädchens — ihr Vater Clemens Schmiederer war gestorben,— förmlich um sie anzuhalten. Die sittlich strenge, gottesfürchtige Frau Schmiederin wies den unerwarteten Brautwerber anfangs hart zurück, indem sie ihm kurzweg erklärte, nie ihre Tochter einem so gottvergessenen heimatlosen Wildling, der so selten die Kirche besuche, zu geben. Indes später, als sie von seiner umgewandelten Lebensweise erfuhr, und auch die liebende Tochter in sie drang, gab sie den beiden Liebenden in so ferne nach, dass sie Speckbachern zu seiner vollständigen Besserung noch ein Jahr Prüfungszeit gab, nach welcher er sich wieder anfragen könne; damit war der verliebte Mann auch einigermaßen zufrieden, besonders weil er wusste, dass ihn Mariens Herz gewählt, und dass er auf ihre Treue — als eine echte „Bergerin" — rechnen könnte. *) Nun hatte er vor der Hand alles, was sich ein junger frischer Tiroler wünscht, und sich am besten in ihrem „Gsangel" ausspricht:

A Büchsal zum schieß'n,
Und an Stoßring zum schlag'n,
Und a Dirnal zum Lieb'n,
Mueß a frischer Bua hab'n.

*) Die Bewohner des Mittelgebirges und die der Hochtäler nennt man im Inntal „Bergerer". Unter manch naturwüchsigen Vorzügen zeichnen sich diese hirtlichen Höhenbewohner auch durch Liebestreue aus. —

Durch geregelte Lebensweise, durch Fleiß und Ordnung, wohl auch durch fleißiges Kirchengehen suchte der nun so zahm gewordene Natursohn immer mehr sich des braven Mädchens würdig zu machen. Er lernte sogar in freien Stunden noch lesen und schreiben, um auch in dieser Beziehung mehr menschliche Bildung sich anzueignen. Seine Büchse hing er an die Wand mit dem Gelöbnis: sie nur dann wieder zu gebrauchen, wenn es der Verteidigung seines Vaterlandes gelte, oder wenn es ein Raubtier zu erlegen gäbe. So erwirkte also wieder die allmächtige Liebe, was früher keinem Zureden, selbst dem, würdiger Geistlicher nicht gelingen wollte.

Die Prüfungszeit ward dem heißblutigen Mann, bei dem überhaupt jede Leidenschaft tiefer. ausgeprägt war, aber bald zu lang und um so peinigender, weil es ihm nur selten gelang, seine Geliebte zu sehen, um aus ihren himmelklaren Blicken einigen Trost und Ruhe einzusaugen. Er wagte es daher schon etwas früher bei der alten verständigen, dabei aber auch gemütlichen Mutter sich wieder anzufragen, und um die Erfüllung seiner und der Geliebten Wünsche zu bitten. Da die für alles Gute empfängliche Frau seither allenthalben nur das Ersprießlichste von Speckbachers neuer Lebensweise und musterhaften Aufführung erfuhr, so erweichte sich ihr Herz und mit sichtbarer Freude gab sie sogar schon etwas früher die Vereinigung der beiden Liebenden zu. —

Bald darauf schmückte nun der Brautkranz die schöne Marie, und der Rosmarinstrauß Speckbachers herrliche fünfundzwanzigjährige Männergestalt; und Alt und Jung — weit und breit, im Tal und auf den Bergen des Inns — sprach davon, nicht leicht ein schöneres Brautpaar im stattlichen Hochzeitzug in die Kirche ziehen gesehen zu haben.

Durch diese Heirat im Jahre 1794 kam Speckbacher in Besitz von Mariens sehr einträglichen Anwesens in der Gemeinde Rinn, dessen Besorgung der ehemalige Sohn der Wildnis sogleich mit so vielem Eifer antrat, überhaupt allen Pflichten eines häuslichen und gesetzlichen Lebens auf so hervorragende Weise nachkam, dass man ihn als ruhigen, verständigen und geachteten Mann zwei Jahre später — obwohl nach dem üblichen Tiroler Landesgesetz damals noch zu jung — sogar zum Mitglied des dortigen Gemeinde- (Gerichts-) Ausschusses einstimmig wählte.

   
  Quelle: Johann Georg Mayr, Der Mann von Rinn (Joseph Speckbacher) und Kriegsereignisse in Tirol 1809, Nach historischen Quellen bearbeitet, Innsbruck 1851. S. 1 - 10.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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