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  Ein schneidiger Sprung
 

Von Ludwig Weinold

Es war im Jahre 1809. Schon einmal war der Feind auf dem Rückzug durch das Dorf Radfeld gezogen und hatte gestohlen und geraubt, wonach er verlangen hatte. Nun war es wieder soweit. Plündernd flüchtete der geschlagene Eindringling der Landesgrenze bei Kufstein zu. Die Bewohner des Dorfes waren bereits mit dem Vieh in den Maukenwald und auf die Summerau gezogen. Nur der schneidige Lantingerbauer Matthias Fischler war im Dorfe geblieben, um zu sehen, was vor sich gehe. Sein vierjähriges Rössl stand aufgesattelt im Stall, denn der junge Bauer war ein vorzüglicher Reiter. Manch bessern Postritt hatte er durchgeführt.

Im Dorfe herrschte an diesem herrlichen Sommertag eine unheimliche Ruhe. Da war von Rattenberg Geschrei zu hören. Der Feind zog nicht auf der Landstraße, die sich abseits vom Dorf dahinzieht, sondern durch die Dorfstraße, schreiend, plündernd. Nun kamen die Soldaten schon zum Dorfplatz, zum Danklhaus, zur Kirche. Der Lantinger durfte keine Zeit mehr verlieren. Er holte das Pferd aus dem Stall und ritt im Schritt zur Landstraße hinaus, um in den Maukenwald hinunterzugelangen. Da sah er, dass durch die Feldgasse ein feindlicher Reiter herauskam und ihn zu verfolgen begann. Es war auf der Landstraße ein Ritt auf Leben und Tod. Doch der Feind vermochte ihm nicht näher zu kommen. Es galt aber noch ein Hindernis zu nehmen. Der Weg in den Wald war durch den Poidl-Gattern von der Landstraße abgeschlossen. Wird das Rössl das sechs Schuh hohe Hindernis nehmen? Er stieß dem Tier die Fersen in die Flanken, der Sprung gelang, der Gatter wurde nicht berührt, das Pferd galoppierte den Poidlweg hinan. Dem Gegner gelang es erst beim zweiten Sprung hinüberzusetzen. Der Lantinger hatte nun schon einen großen Vorsprung, so dass der Soldat es nicht mehr wagte, weiter in den dunklen Wald einzudringen. Bis zu dem einsamen Maukenbauernhof, wo die Dorfleute mit Waffen versammelt waren, tönte aber die zornige Stimme des Gegners: „Verdammter Bauer, verfluchter Bauer, wenn ich dich erwische, zerschlage ich dich in tausend Stücke!"

(Erzählt von dem im Jahre 1942 im Alter von 78 Jahren verstorbenen Erbhofbauern beim Lantinger in Radfeld, Peter Fischler, dem Enkel des schneidigen Reiters.)

   
  Quelle: Ludwig Winold, Ein schneidiger Sprung, in: Tiroler Heimatblätter, Zeitschrift für Geschichte, Natur- und Volkskunde, 29. Jahrgang, Heft 1/3, Jänner - Februar 1954, S. 19.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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