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  ROSINA STRAUB
 

von Anna Maria Achenrainer, 1964

Rosina Straub

Rosina Straub

Sobald wir, im Zusammenhang mit mancherlei Festlichkeiten, die großen Namen des Freiheitskampfes: Andreas Hofer, Speckbacher, Haspinger und Peter Mayr hören, sollten wir uns auch der tapferen Frauen erinnern, die im Dezennium der Tiroler Freiheitskriege treu an der Seite der Verewigten unsägliches Leid erfuhren. Auch für sie war der blutgetränkte Heilige Berg Symbol und Fanal des Widerstandes eines in seiner Ehre tief gekränkten Volkes. Auch sie haben in diesem Ringen auf Leben und Tod das Höchste gegeben, was mütterliche und frauliche Hingabe zu schenken vermochte.

Innsbruck zunächst liegt das sonnige, föhnfreie Salinenstädtchen Hall. Eine alte Chronik meldet uns knapp die Namen zweier Frauen, die mitten in den zinnengekrönten Gassen der Tiroler Salzstadt, jede auf ihre Weise, die Freiheitskämpfe von Anno Neun tatkräftig unterstützten.

Die eine, Anna Rott, die den Stutzen wie ein Mann führte und im Handgemenge einen Bayern von der Brücke herab in den hochgehenden Inn warf, war damals ihres gezielten Mutes wegen in aller Munde; die Volksmeinung bewegt hat aber in viel stärkerem Maße jene zweite Haller Bürgerin, nämlich die edle, umsichtige Kronenwirtin Rosina Straub.

Rosina, geborene Hosp, war eine bildschöne Wirtstochter, als sie sich mit dem angesehenen Kronenwirt Josef Ignaz Straub vermählte. Ihr Gatte war ein reicher Mann, der mehrere Wirtshäuser neben sonstigen einkömmlichen Liegenschaften besaß. Zusätzlich versorgte er noch eine Großfrächterei, die ihn im ganzen Land bekannt machte. Aber weltliches Gut hinderte diesen Mann nicht, Herz und Sinn auch höheren Gedanken und Gefühlen offen zu halten.

Ignaz Straub liebte seine Heimat Tirol glühend. Zusammen mit Andreas Hofer organisierte er den Widerstand gegen die verhasste bayrische Besatzung, die später durch einen Handstreich gefangen gesetzt wurde. Hierauf wählten die siegreichen Schützen den Kronenwirt zu ihrem „Bauerngeneral". Als solcher führte er die Truppe gegen Innsbruck, wo er mit kluger Strategie die feindlichen Kompanien einschloss und zermürbte. Groß war der Jubel in der Landeshauptstadt und in Hall! Ein alter Bauer aber schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte: „Der Kelch war nun eingeschenkt. Wer wird ihn wohl austrinken?" Seine Ahnungen bewahrheiteten sich furchtbar: bald begann der Leidensweg für viele Tiroler Frauen — in vorderster Reihe aber für Rosina Straub.

Im Mai kamen die fremden Heere wieder. Die Kronenwirtin erwartete ihre Feinde vor dem Gasthof, aber sie wurde misshandelt und man zwang sie, der Plünderung des Hauses zuzuschauen. Die unerschrockene Frau konnte noch in letzter Minute eine Eisenkiste mit Wertsachen und wichtigen Papieren in Sicherheit bringen.

Von der Innbrücke her wogte Kampflärm, Gewehrgeknatter drang herüber, das Dröhnen der Kanonen wurde hörbar. Frau Straub, die vorbildliche Mutter und Christin — sie hatte ja ihrem Manne neun Kinder geschenkt — nahm sich trotz erlittener Schmach der verwundeten Bayern hilfreich an.

Kaum hatten sich die Freiheitskämpfer nach den Strapazen der Mai-Schlacht am Bergisel ein wenig erholt, rückte der französische Marschall Lefebre wieder in Tirol ein, Furcht und Schrecken in seinem Gefolge. Alsogleich forderte er die Anführer der Tiroler auf, sich als Geiseln zu stellen. In Hall angekommen, fragte er sofort nach dem „Spitzbuben", dem Straub. Er drohte der schwergeprüften Frau an, er werde ihren Gatten hängen und das Wirtshaus niederreißen lassen. Der Kronenwirt indessen rief von seinem Versteck aus erneut seine Schützen zum Widerstand gegen die Unterdrücker auf.

Erzürnt darob, verkündete Lefebre, er wolle, falls Straub sich nicht freiwillig melde, zuerst den Bürgermeister und danach jeden Tag einen anderen Stadtrat an den Galgen bringen.

Die Bürger bestürmten daraufhin die verzweifelte Frau, sie möge doch gütlich auf ihren Mann einwirken. In einem geheimen Brief an ihn schrieb sie: „Liebster Vatter! Heute ist alles rebellisch in der Stadt; die baerisch Offizier und Soldatten und besonders die Bürger und die Weiber lärmen gar aus; wenn du heute auch noch nicht kommst, so fangen sie heute noch an, Bürger aufzuhängen; ach Gott! Könnte ich denen Herren Bürgern sagen, das du gewiss kommest, welche Seelen Ruhe könnte ich allen Verschaffen; wenn sie nur einmahl wißten, dass du selbe durch deine Stellung erretten wolltest; Gott wird dir auch diesmal beystehen. Ach komme! und errette die armen, unglücklichen Bürger von Hall, und dieses bittet dich herzlich deine getreue Roßa Straubin. Hall, am l0ten aug. 1809."

Welche Bangnis und doch welches Gottvertrauen spricht aus diesen schlichten Zeilen! Straub erfüllte die Bitte seiner Frau, stellte sich den Franzosen und wurde in Innsbruck inhaftiert. Nach der letzten Bergisel-Schlacht nahmen die besiegten Feinde auf ihrem Rückzug Gefangene als Geiseln mit. Der Kronenwirt war unter ihnen. Durch einen kühnen Sprung in den hochgehenden Inn konnte er sich aber aus der Haft befreien.

Die lieben Bürger hatten die Opferbereitschaft ihrer Fürsprecherin nicht ehrenwert gelohnt. Die einst reichen Wirtsleute mussten, als für Tirol das vorläufige Ende gekommen war, in die Berge flüchten und später, bar aller Habe, von einer Gnadenpension des Kaisers leben. Das hat aber die Heimatverbundenheit des Ignaz und der Rosina Straub in deren Herzen nicht geschmälert. Und so seien ihre lichten Gestalten uns Heutigen Vorbild und Mahnung zugleich.

Wenig wird uns noch von der weiteren Lebensspanne der Haller Kronenwirtin gemeldet, von der Zeit des mühevollen, entbehrungsreichen Wiederaufbaues des ehemals geschätzten Gasthofes. Aber niemand zweifelt daran, dass es den strebsamen Eheleuten, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, dennoch gelang, das gastliche Unternehmen in altgewohnter Weise wieder zu Ehren zu bringen. In aller Stille flossen die letzten Lebensjahre der großherzigen Wirtin dahin, einzig dem Glück ihrer Familie gewidmet. Und mag die Chronik auch noch so karg darüber berichten — uns blieb von der wohlgemuten Frau ein bezauberndes Porträt erhalten, das dem schweigsamen Betrachter alles noch Ungesagte über die anmutig-ernste Gestalt der Rosina Straubin erzählt.

   
  Quelle: Anna Maria Achenrainer, Frauenbildnisse aus Tirol, Innsbruck 1964, S. 60 - 64.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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