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  Ein Marterl vom 12. Mai 1809
 

Von Oswald Trapp

Am Rand der alten Straße, die durch Erpfendorf gegen Süden verläuft, stand ein einfaches, hölzernes Marterl, das so stark verwittert und angefault war, dass man seine Bedeutung kaum mehr erkennen konnte.

Marterl Erpfendorf Tirol © Demanega

Marterl Erpfendorf Tirol
Inschrift:
"Anno 1809 den 12. Mai wurden
Simon Stöckl, Witwer zu Pestett - Wolfgang Oberhauser, Wirt zu Brixen
Christian Telfer - Stefan Koler, Schlickenlapp
Gertraud Kogler, Dirn am Waizenbichl
von Feindeshand hingemordet und hier bestattet. R.I.P.
Vor der Geißel des Krieges bewahre uns o Herr!"
© Demanega 1959

Auf der rechteckigen Tafel sah man gerade noch, dass beiderseits eines Grabhügels, der mit fünf kleinen Holzkreuzen besteckt war, fünf Figuren knieten. Links waren es drei Männer in Tracht, rechts eine Frau und ein Mann. Darüber zeigten sich noch die Umrisse eines Gnadenbildes, wohl einer Mariahilf-Darstellung. Das in seiner Schlichtheit geradezu rührende Marterl trug einst, wie geringe Spuren noch erkennen ließen, unten eine Inschrift, die, abgesehen von ein paar Buchstaben, nicht mehr lesbar war.

Die Gemeinde Kirchdorf machte das Landesdenkmalamt auf dieses Marterl aufmerksam, das die Erinnerung an jenen 12. Mai 1809 festhält, der für das Gebiet von Waidring, Erpfendorf und Kirchdorf eine furchtbare Katastrophe brachte.

General Wrede hatte mit 10.000 Mann den Pass Strub erobert und fiel, durch den tapferen Widerstand der Tiroler gereizt, mordend und brennend in Tirol ein. Der Kirchdorfer Viertelschreiber Leonhard Millinger vermerkt darüber: „Der 12. May, als Freitag, ist der beklagenswürdigste schreckliche Tag der hiesigen Gemeinden bis Einschluß Kirchdorf in der ganzen 18jährigen Kriegszeit und seit Mannsgedenken ist nie ein solcher fürchterlich schreckbarer, trauriger und schädlicher Tag gewesen. Solcher Tag ist nicht umsonst in der Kreuzwoche, dieser Freitag machte obbesagter Gemeinde sehr viele Kreuz an."

Selbst General Wrede, der in Tirol wahrlich keinen guten Ruf hinterlassen hat, rügte in einem am 12. Mai in Ellmau erlassenen Tagesbefehl die Grausamkeiten, Mordtaten, Plünderungen, „Mordbrennereien" seiner Division und sah sich veranlasst, seine Truppen mit den allerschärfsten Mitteln zur Disziplin zu mahnen.

Um die Namen der damals in Erpfendorf ermordeten Tiroler festzustellen, die auf das erneuerte Marterl zu schreiben wären, besuchte ich den alten Pfarrer Kofler in Kirchdorf. Bereitwillig legte er mir das alte Totenbuch vor, in das der damalige Pfarrherr Benedikt Poiger sorgfältig die Namen aller jener eingetragen hatte, die an jenem 12. Mai 1809 gefallen oder sonst umgekommen sind.

Dieses Verzeichnis ist so ergreifend, dass es wenigstens auszugsweise im heurigen Gedenkjahr eine Veröffentlichung verdient:

„12. Mai Petrus Gasteiger im Neuhäusl. Erschossen, ausgeführt zum Wasser auf den Knien liegend nach allen möglichen ausgestandenen Qualen. 58 Jahre.

Magdalena Geppin, Witwe zu Leyern erstochen und verbrannt und ganz verstummelt. 80 Jahre.

Simon Stöckl, Witwer zu Pestett, begraben zu Erpfendorf. Abgestochen wie ein Kalb bey dem Schweintrog in der Froschlacke (war das alte Wirtshaus in Erpfendorf). 74 Jahre.

Ein Unbekannter in der Wirthshofgasse gefunden sep. in Erpfendorf 15. May. ca. 40 (Jahre alt). Mit vielen Bajonettstichen ermordet (soll der eh. Wirth von Brixen gewesen seyn mit Namen Wolfgang Oberhauser).

Gertraud Koglerin geb. von Kessan (= Kössen), Dirne am Waizenbühel sep. (sepultus, begraben) in Erpfendorf. Jämmerlich gemordet, als sie dem Vieh Wasser zutrug. 28 (Jahre alt).

Christian Felfer von Reith (bei Kitzbühel) in der Cur beym Doctor Holtzschuh, d. i. Pfuscher Johann Widmann, Ingehäusen zu Mühlau sep. in Erpfendorf. 28 Jahr.

Stefan Koler, der Schickenlapp perpetuus amans. Sep. Erpfendorf. Erschossen durch beide Seiten zugleich. 36 Jahre.

Peter Haflinger, Spitaler, Immen Peterl. Erschossen. 80 Jahre.

Marie Wörgötterin, junge Fasserin in der Au. 42 Jahre. Verbrannt beym Hause.

Rupert Aigner, Ingehaus in der Habachmühle. 65 Jahre. Erschossen.

Peter Lindner, bürgerl. Griesbäcker von Kitzbühel. Sep. in der Kühau des Erpfendorfer Schmiedes. 24 (Jahre). Erschossen.

Vitus Ortner, Tennersohn von Mitterndorf. Ableerer im Dorfe zu St. Johann. 28 (Jahre). Verbrannt im Hause des Schaders im Wald, wo er blessiert liegen blieb.

3 Ungenannte an der Straße bei Mühlau herauf, ibidem sepulti 15. May ganz mit Sebelhieben zerhaut und ungestaltet.

Michael Höchenbichler, Besitzer des Lätzergütes, Vater 4 kleiner Kinder. Sepultus in Waidring. 15. May. 42 (Jahre) erschossen.

Johann Obwaller, Waizenbühler Sohn beym Foidl zu St. Johann in Diensten sep. Waidring 15. May 21 (Jahre).

Thomas Hoflinger, Weber am Rittergütl. 55 (Jahre). In der Achen zum Pass hinab gefunden und den 5. July zu Waidring begraben worden. Hatte 2 Schuß und 2 Bajonettwunden und ein Säbelhieb.

Thomas Rettenmoser, am Ensmannsgütl 69 (Jahre). Im Pass Strub den 11. May getötet und dort eingescharrt.

Josef Eder, alter Wegmacher am Neuhäusl beym Griesbach. 72 (Jahre). In der Gefangenschaft zu München gestorben an den Strapazen und ungemach.

Barbara Höhenbichlerin, Origine Schwentana 86 (Jahre). Ertrunken im Schwaigen von dem Feind ins Wasser gestoßen, nachdem sie ein Chevaux Legers zuvor zusammen hieb, weil sie am Stecken ging vor Alter und H. Dechant diese That mit eigenen Augen sah."

(Die Liste geht noch weiter.)

Während ich diese Liste aus dem Totenbuch von Kirchdorf abschrieb, bemerkte Pfarrer Kofler, die Menschen seien damals und heute die gleichen geblieben und die geschilderten Gräueltaten hätten sich ja im letzten Krieg tausendfach wiederholt. Die Namen des Simon Stöckl, Wolfgang Oberhauser, Christian Felfer, Stefan Koler und der Gertraud Koglerin wurden auf das erneuerte Marterl geschrieben. Es sind jene aus der traurigen Reihe, bei denen im Totenbuch vermerkt ist, dass sie in Erpfendorf beerdigt worden sind.

Das neue Marterl für Erpfendorf wurde mit aller Sorgfalt der in Verfall begriffenen, alten Tafel nachgebildet und an der alten Stelle aufgestellt. Die in ihrer naiven Gestaltung so unmittelbar wirkende Tafel soll auch späteren Generationen künden, welch furchtbare Blutopfer Tirol zur Verteidigung seiner Heimat gebracht hat, und zu Friede und Eintracht mahnen.

 

   
  Quelle: Oswald Trapp, Ein Marterl vom 12. Mai 1809, in: Tiroler Heimatblätter, 34. Jahrgang, Heft 4/6 1959, S. 85 - 86.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.