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Josef v. Auckenthaler, Meraner Schützenhauptmann 1809.

Von E. Auckenthaler, Bozen.

 

 

Vor etwa 35 Jahren las ich in Praxmarers „Pestkapelle" zum ersten mal seinen Namen. Seitdem ließ mich die Neugier, wer der Mann eigentlich war, nie mehr ganz los. Seine Erlebnisse waren auch für das schicksalsreiche Jahr 1809 nicht alltägliche und anderseits handelte es sich um einen Namensvetter. Als ich später in Rapps „Tirol im Jahre 1809" ein „von" vor seinem Namen entdeckte, wurde meine Hoffnung, mit ihm, wenn auch noch so weitschichtig. Verwandt zu sein, arg herabgestimmt, aber nicht ganz vernichtet. Weder Rapp noch Hirn („Tirols Erhebung im Jahre 1809") bringen über ihn nähere Angaben, benutzen ihn aber als Hauptquelle für die Schilderung des Rückzugs Lefebres von Sterzing nach Innsbruck (August 1809).

In der Münchner Hofbibliothek ist nämlich eine Beschreibung seiner Kriegserlebnisse hinterlegt, und zwar in Briefform (geschrieben in Bozen, ohne Datum). Um nähere Anhaltspunkte gewinnen zu können, ließ ich mir diesen Brief zusenden. Unter Zuhilfenahme der Gerichtsprotokolle, (Verfachbücher) von Sterzing und Bozen, der Matrikenbücker von Gossensaß, Vinaders, Steinach und Bozen, sowie von einigen wenigen familienkundlichen Erinnerungen, welche Frau Mela Delago, geb. Auckenthaler, in Boxen besitzt, gelang es mir, seine Herkunft in sehr befriedigender Weise aufzuklären. Intendant Karl Schmid wollte (anlässlich der Errichtung des Hofer-Denkmals in Innsbruck) 1895 über ihn die gewöhnlichen Daten sammeln, hatte aber, wie es scheint, keinerlei Erfolg. Gerade leicht sind die Nachforschungen freilich auch mir nicht geworden. Die aufgewandte Mühe fand aber den schönen Lohn, seine Abstammung bis in den Anfang des 16. Jahrhunderts hinauf lückenlos verfolgen zu können. Ich glaube, es gibt wenige oder keinen Freiheitskämpfer des Jahres 1809, dessen Stamm so weit zurück sich nachweisen lässt oder, besser gesagt, bisher nachgewiesen wurde.

Da Auckenthaler unser engster Landsmann ist und eine nicht alltägliche Erscheinung unter den vielen Braven jener Tage darstellt, so möchte ich an der Hand der oben angeführten Quellen und der geschichtlichen Darstellungen von Rapp und Hirn [den Lesern des „Schlern"] sein Lebensbild zeichnen.

 

1. Seine Abstammung.

Die Familie Auckenthaler hat noch heute ihre zahlreichsten Vertreter in Pflersch und Gossensaß. Dort finde ich denn auch den Stammvater des ganzen Geschlechtes, namens Leonhard, der mit seiner Frau Dorothea Schwizer auf dem Reiterhof in Pflersch hauste und diesen in Ansehung „seines ziemlich erlebten Alters und Leibsvergänglichkeit" seinem einzigen Sohn Christian übergab (11. Juni 1549). Das zweite Gut, der Hausebenhof, der damals noch ein bloßer Grashof war, sollte erst nach dem Tode des Vaters (der nach 1560 erfolgte) auf Christian übergehen. — Christian heiratete die Katharina Mühlbacher vom Gigglberg und hinterließ elf Kinder, darunter sechs Söhne. Einer von diesen, Thomas, vermählte sich mit Margaretha Schaider von Pflersch und erwarb einen Teil des Plazhofes bei Gossensaß, wo er 1639 starb. Ihm folgte im Besitze sein ältester Sohn Kaspar (geb. 1603, gest. 1671). Dieser holte sich seine Lebensgefährtin namens Eva Steiner von St. Jodok am Brenner und scheint den Plazhof verkauft zu haben. Denn sein ältester Sohn Sebastian (geb. in Gossensaß 16. Jänner 1642) schloss zwar noch seine erste Ehe in Gossensaß. 1674 aber taucht er als Wegknecht in Gries am Brenner auf, wo er auch seine zweite Frau Gertraud Gstraun aus Pflersch sich antrauen ließ (24. April 1683). Nach 1686 verschwindet er von dort wieder und scheint sich nach Steinach gewandt zu haben, wo ich einen seiner Söhne verheiratet finde. — Sein siebtes Kind, Sigismund , ist in einem elenden Tagwerker-Hüttlein am Plattl unterhalb Lueg am 27, April 1686 geboren. Vom Kirchenpatron des nahen Lueger Kirchleins erhielt er seinen damals selten gebräuchlichen Namen. Dem kleinen Sigismund haben die Wellen der knapp am Häuschen vorbeirauschenden jungen Sill es wohl auch nicht in die Wiege hinein gesungen, dass er Stammvater eines zweihundert Jahre lang blühenden Bozner Patriziergeschlechtes sein würde.

Mit dem Vater wanderte natürlich der kleine Sigismund zunächst nach Steinach. In einem Bozner Verfachbuch (Nr. 504 vom Jahre 1714 Folio 60) wird deshalb gesagt, Sigismund sei von Steinach gebürtig, was nicht richtig ist. Er wurde in Bozen zunächst ein „Tschanderer". Nach Schöpfs Idiotikon waren das Gewerbsleute, die „an einem Orte die Waren hin und her liefern". Bald aber kam er zu ansehnlichem Reichtum und bei seinem Tode (15. November 1743) besaß er größere Güter und war „Mösserschaller" in der Zollstange. Dass es sich dabei nicht um einen bloßen Hausnamen (wie heute) handelt, ergibt eine Abhandlung vom3. Jänner 1747 (G. P. Bozen Nr. 673. Folio 5), wo ausdrücklich von einem Gewerbe gesprochen wird. Schöpf gibt über die Art dieses Gewerbes keinen Aufschluss und auch bei alten Boznern erhielt ich keinen.

Sigismund vermählte sich (vermutlich 1715; seine Ehe ist in den Bozner Matriken nicht verzeichnet, dürfte also irgendwo in der Sommerfrische geschlossen worden sein) mit Anna Vorhauser (wahrscheinlich vom Obergansner-Hof in Leitach), die ihm nicht weniger als 14 Kinder schenkte. Neun überlebten den Vater und alle Söhne finden wir in ansehnlichen Stellungen, die Töchter heirateten in gute Bürgerfamilien von Bozen hinein. Im Jahre 1751 erhielten die Brüder einen Wappenbrief. Die Wappenverleihung wird damit begründet, dass der verstorbene Sigismund und „seine Voreltern ein eigenes Wappen von Alters hergebracht und hinterlassen haben, der hierüber erlangte Wappenbrief aber, unwissend ob wegen weit auseinander zerstreuten Geschlechtes oder aus was für Unfällen, verloren gegangen und nicht mehr zu Händen zu bringen seye". Anderseits wird hervorgehoben, dass Johann Peter als Gegenschreiberei-Verwalter beim Hauptzollamt am Eisack nützliche Dienste leiste und die übrigen Gebrüder zu landesfürstlichen und bürgerlichen Ämtern Eifer zeigen.

Das zwölfte Kind Sigmunds war Anton Josef, geboren am 4. Dezember 1735, gestorben am 15. April 1812 als Zollobereinnehmer i. R. Er war vermählt (6. Mai 1757) mit Maria Schlechtleitner (gestorben am 25. April 1791), welche gelegentlich der Ehe ihres Sohnes Johann Peter und bei der ihrer Tochter Johanna Franziska mit dem Adelsprädikat „von und zum Wänk" verzeichnet ist. Das war eine ganz unmoderne Frau; denn sie schenkte ihrem Gemahl 19 Kinder. Im Jahre 1798 wurde Anton Josef, der Zollobereinnehmer, wegen seiner 47jährigen treuen Dienste bei den Kammeralsgefällsämtern und weil er außer seinen ordentlichen Amtsgeschäften den Holzarchenbau zwischen Blumau und Kollmann am Eisackfluß und Breibach durch 6 Jahre mit aller Genauigkeit auf das wirtschaftlichste besorgt und zustandegebracht, in den Adelsstand erhoben (von Thurnstein). Er wurde nach 57jähriger Dienstzeit (also wohl 1808) pensioniert.

Mit diesem Ehepaar und seinen 19 Kindern sind wir endlich beim Meraner Schützenhauptmann Josef v. Auckenthaler angelangt. Er wurde am 7. Dezember 1769 in Bozen als 11. Kind geboren und starb (ebenfalls in Bozen in der Zollgasse 7/320) am 14. Oktober 1831 um halb 5 Uhr abends als „privat, pensionierter Schützenhauptmann" nach zweijähriger Krankheit (Abzehrung). Er vermählte sich am 8. April 1812 in Bozen mit Klara von Wiesenegg-Hurlach; sie schenkte ihm jedoch keine Nachkommenschaft. Während seine Brüder sich teilweise der Beamtenlaufbahn, teils dem Handelsstande zuwandten, trat Josef 1789 in das k. k. Tyroler Scharfschützen-Korps ein. Als Scharfschütze kam er unter Oberst von Geppert in die Niederlande und lernte dort französisch. Geppert wurde daselbst in den Koalitionskriegen verwundet und an seine Stelle trat von Fenner der spätere General-Feldmarschall-Leutnant. Als das Korps aufgelöst wurde, befragte Fenner den Auckenthaler, ob er weiter dienen wolle, für welchen Fall er ihm eine Offiziersstelle anbot. Auckenthaler lehnte ab. Er hatte 11 Jahre und 8 Monate gedient und nun rief ihn sein alter Vater heim, damit er ihm bei der Verwaltung seiner Güter an die Hand gehen könne. Er blieb aber dann doch nicht in Bozen, sondern trat in Meran bei Herrn Nikolaus Thomas Verdroß (Pulverhändler) als Buchhalter ein. Es scheint, dass ihn für diese Stelle neben seiner soldatischen Ehrlichkeit besonders seine Sprachkenntnisse (deutsch, französisch, italienisch) empfahlen.

 

2. Seine Kriegserlebnisse 1809.

Den Bericht über das Jahr 1809 beginnt Auckenthaler mit den Worten: „Anno 1809 wurde in Tirol eine Revolution". Wir sind gewohnt zwischen Revolution und Aufstand oder Erhebung wohl zu unterscheiden, indem wir unter Revolution etwas Ungerechtfertigtes verstehen, dagegen unter Erhebung etwas durch das Naturgesetz Erlaubtes, ja sogar Gebotenes. Wenn Auckenthaler den ersteren Ausdruck wählt, so dürfen wir nicht gleich denken, dass er damit die Bewegung als etwas Ungesetzliches hinstellen wollte. Denn hätte er das gewollt, so hätte er, der auf Schritt und Tritt die soldatische wie bürgerliche Ehrenhaftigkeit verkörpert, gar nicht mitgetan. Es handelt sich vielmehr um ein Stück Eitelkeit; er wollte zeigen, dass er im Verlaufe seiner langen Dienstzeit eine Reihe von Fremdwörtern kennen gelernt habe. So schwach er in der Beherrschung der deutschen Schriftsprache, besonders der deutschen Rechtschreibung ist, so sehr bemüht er sich, in seiner Darstellung zu zeigen, wie gut er, der Weitgereiste, die zum großen Teil französischen militärischen Fachausdrucke beherrschte. Das war eine Untugend, die damals noch so ziemlich jedem Deutschen anhaftete, der auf Bildung Anspruch erheben wollte, oder der gar ein paar Meilen über seine Heimatgrenzen hinausgekommen war. Böse Zungen wollen behaupten, dass das sogar noch heute unter Deutschen vorkommen soll.

Die Meraner wussten ganz gut, dass Auckenthaler lange Jahre beim Berufsheer gedient hatte, und deshalb wählten sie ihn schon bei der ersten Erhebung im April zum Adjutanten des Hauptmannes Tschöll. Nachdem das ganze Land mit Ausnahme des Trentinos sich sozusagen ohne jedes Zutun des mit Vorschuss-Lorbeeren reichlich bedachten Chasteler befreit hatte, wollten dieser und Hormayr doch auch einmal einen wirklich eigenen Erfolg erzielen. General Baraguay hielt mit 10.000 Mann Trient. Nachdem aber am 15. April Vizekönig Eugen bei Sacile geschlagen worden war, so musste Baraguay an eine geregelte Räumung des Trentinos denken. Diesen günstigen Augenblick benützten Chasteler und Hormayr zum Vorrücken. Kampflos konnten sie in Trient einrücken. Am nächsten Tag (24. April) bewegten sich drei Kolonnen südwärts: Ertl zur Linken, Fenner mit Leiningen und Göldlin nebst der Hauptmasse der deutschen Bauern unter Hofer zur Rechten, Chasteler mit dem Zentrum auf der Straße über Matarello. Hinter dem Dorf Volano stand Baraguay, im Abzug begriffen, in fester Stellung. Ohne Bedenken ließ der ehrgeizige Chasteler Sturm laufen, in der Meinung, Baraguay habe mit einem Aufstand der Trentiner im Rücken zu rechnen. Das war aber nur seine Einbildung. So eilig hatte es Baraguay keineswegs und die Österreicher holten sich blutige Köpfe. Der Kampf wurde am Abend unentschieden abgebrochen und Baraguay setzte am nächsten Tag seinen Rückzug über Rovereto hinaus fort, durch die allgemeine Kriegslage, nicht aber von Chasteler hiezu veranlasst. Bei diesem Vorrücken waren auch die Burggräfler und Passeirer und somit auch Adjutant Auckenthaler beteiligt. Alle Schützenhauptleute wurden von Chasteler nach Castel Pietra bei Calliano befohlen. Auckenthaler erhielt dort den Befehl, als Kurier bis Branzoll zurückzufahren und alle Schützenabteilungen eiligst nach Trient zum Abmarschieren zu bringen. Für so einen Auftrag war Auckenthaler, der alte Unteroffizier, natürlich wie geschaffen. Bei Castel Pietra erstiegen dann die Schützen links das Gebirge und trugen die 3 mitgebrachten Dreipfündner auf den Berg hinauf und kamen so dem Feinde bei Volano etwas in den Rücken. Auckenthaler muss dabei gewesen sein, da er sonst nie etwas von Vorgängen erzählt, an denen er nicht selbst beteiligt war. Somit waren nicht alle Landsleute am rechten Flügel. Fast hat es den Anschein, als ob die Bauern mehr strategisches Geschick gehabt hätten als Chasteller und dass es nicht das Verdienst des letzteren gewesen ist, wenn es nicht schon hier zu einem verkleinerten Abbild der Schlacht von Wörgl gekommen ist.

Von Rovereto zog Auckenthaler mit den Schützen nach Hause. Wie lange er dort bleiben konnte, ist nicht ersichtlich, wie sich denn überhaupt fast nie eine bündige Zeitangabe bei ihm findet. Er fährt fort: „Auf einmal heißt es, auf und gegen Innsbruck. Wir kamen auf den Berg Isel und mussten 15 Tage bleiben und die Bayern nahmen die retirade nacher Salzburg und wir gingen nacher Hause, weil uns die Oberinnthaller abgeloßt haben." Mit solchen unbestimmten „auf einmal, neuerdings" u. ä. leitet er fast immer ein. Es handelt sich um die Maikämpfe am Berg Isel, bei denen Auckenthaler offenkundig nichts Besonderes erlebte, weil er sie so kurz abtut. Die Burggräfler waren damals im Zentrum und am linken Flügel eingereiht.

Die wirklich ereignisreiche Zeit für ihn begann im August bei der dritten Erhebung Tirols. Diesmal wurde er an die Spitze der ersten Meraner Schützen-Kompanie gestellt, da es jetzt deren zwei gab. In allem ein Mann der Ordnung, ersuchte er zunächst bei seinem Geschäftsvorstand Verdroß um den nötigen Urlaub. Zugleich ließ er Pulver und Blei fassen, vergaß aber auch nicht, sich eine Kaiserjäger-Offiziersuniform machen zu lassen. Die neue Würde wollte er also auch nach außen hin zur Geltung bringen und ließ sich hiefür die ansehnliche Geldauslage von 95 fl. nicht reuen.

Über den Jaufen marschierend, stießen die Burggräfler am 9. August bei Gasteig auf den Feind. Um sich besser zu schützen, warfen sie die Brücke ab; doch durch Haubitzenfeuer gedeckt, konnten die Feinde die Brücke wieder herstellen. Statt nun die Bauern ernstlich anzugehn, fand es Lefebre geratener, sie durch Verhandlungen loszuwerden. Durch einen Trompeter ließ er Hofer auffordern, zu ihm zu kommen und mit ihm zu verhandeln. Da jedoch Hofer nicht anwesend war (er weilte ziemlich weit entfernt, am Kalch), so sollte ein anderer Befehlshaber erscheinen. Doch niemand wollte sich zu dem Geschäfte herbeilassen, da man dem Franzosen nicht traute. Endlich ließen sich doch drei bereden: Auckenthaler, der Gerichtskassier Johann Hofer von Passeier und noch ein dritter, den Auckenthaler nicht erwähnt. Lefebre wollte sie mit der Lüge übertölpeln, die Franzosen seien ihnen von Trient aus schon in den Rücken gefallen. Als das nicht verfing, wollte er wissen, warum sie eigentlich kämpften. Auktenthaler hielt nun, wie es scheint, keineswegs einen langen Vortrag über die bayrische Politik, sondern warf ihm vor, das französisch-bayrische Militär verübe an den gefangenen Bauern Grausamkeiten. Das war ein feiner Hieb. Er wollte damit offenbar sagen: Niemand ist weniger geeignet, uns über die Behandlung seitens der Bayern auszufragen, als Sie, Herr Feldmarschall, denn unter Ihrem Befehl geschehen Dinge, die unter wahren Soldaten nicht vorkommen sollten. Lefebre merkte auch die Schwere des Vorwurfes, die jedes Verhandeln aussichtslos machen musste. Deshalb leugnete er scharf und unter Einsetzung seines Ehrenwortes bot er ihnen Sicherheit für einen Gang nach Sterzing, damit sie sich mit eigenen Augen von der „Verleumdung" überzeugen könnten. Auckenthaler hätte wohl geglaubt, seinen eigenen Offiziersrock zu verunehren, wenn er dem Ehrenwort eines kaiserlich-französischen Marschalls und Herzogs misstraut hätte. Er ging also nach Sterzing, während Joh. Hofer, von seinem bäuerlichen Misstrauen besser beraten, zurückblieb. Was Auckenthaler dann in Sterzing in den Gefängnissen zu sehen bekam, wird ihm freilich rasch die Überzeugung beigebracht haben, dass es mit der Wahrheitsliebe Lefebres so ein eigenes Ding war. Er besuchte die Gefangenen in den elenden Keuchen und beschenkte sie, von Mitleid ergriffen, je mit 1 fl.

Hernach wurde er ins Gasthaus Nagele zu Lefebre geführt, um verhört zu werden. Wo denn Hofer sei, ließ man ihn an. Er wisse es nicht, behauptete er, setzt aber schelmisch im Berichte bei, dass er den Aufenthalt Hofeis ganz gut gekannt hätte. Halb erstaunt, halb verlegen, hielt ihm Lefebre vor: „Wie könnt ihr Bauern etwas solches unternehmen, wenn ihr euren Anführer nicht habt?" Scheinbar einfältig, in Wirklichkeit aber schalkhaft, entgegnete unser Schützenhauptmann: „Wir brauchen keinen, wir tun, was wir am besten glauben" verärgert befahl Lefebre dem Obersten Spaur, er solle den Hauptmann in ein finsteres Zimmer sperren. Nachdem dann die Offiziere gespeist hatten, wurde er nochmals vorgenommen. Lefebre vermutete in ihm einen österreichischen Offizier und wollte ihm eine Falle legen. Sie redeten nun französisch über ihn, doch er wusste sich dabei so unbefangen zu verhalten, als ob er kein Wort verstanden hätte. Als ihn dann Lefebre in deutscher Sprache mit dem Vorwurf einschüchtern wollte, er sei ein kaiserlich-österreichischer Jäger-Offizier, was seine Uniform beweise, klärt Auckenthaler auf: Wenn bei uns einer zum Hauptmann gewählt wird, so kann er sich tragen, wie er will. Er hielt es auch für geboten, sich als einfachen Schreiber auszugeben. Denn wenn sie gewusst hätten, dass ich der Buchhalter im Geschäft Verdroß bin, so hätten sie mir nicht geglaubt, dass ich keine fremde Sprache verstehe, meinte er, die Wichtigkeit seiner Buchhalterstelle unterstreichend. — Es war also aus ihm nichts herauszubringen und Lefebre entließ zwar voll Ärger Auckenthalers Trompeter, ihn selbst aber ließ er trotz seines Ehrenwortes als Geisel einsperren.

Um Mitternacht am 10. August trat Oberst Spaur in Auckenthalers Kammer und forderte ihn, der kaum eingeschlafen war, auf, ihm zu folgen. Auckenthaler dachte an nichts anderes, als dass es zum Tode gehn würde. Doch als er aus dem Hause trat, atmete er auf. Sah er doch alle Vorbereitungen zum Rückzug des Feindes über den Brenner. Auf einem zweispännigen Wagen mussten er und der Kapuziner-Guardian von Sterzing Gotthard Spechtenhauser als Geiseln die Flucht über den Brenner mitmachen. Ein bayrischer Offizier mit 18 Mann zu Fuß und 4 Reiter waren ihre Wache. Der Rückzug ging bis Steinach flott, also wohl ohne nennenswerte Belästigung vor sich. In Steinach nahm Lefebre die Nachzügler auf. Da ging er an den zwei Gefangenen vorbei. Auckenthaler konnte es sich nicht versagen, den Franzosen an sein gegebenes Offiziers-Ehrenwort zu erinnern. Doch vergeblich; er müsse mit bis Innsbruck, gab er ihm zurück. Nun wurde wieder aufgebrochen. Außerhalb Matrei begann, dann das Spießrutenlaufen für Lefebre. Durch Verhaue war die Straße mehrfach gesperrt. „Verfluchte Briganten!" schrie Lefebre den Geiseln ins Gesicht. Dadurch ließen sich die Bauern freilich nicht davon abhalten, bis nahe an den Straßenrand sich heranzubirschen und nicht nur die Soldaten wegzuschießen, sondern auch die Zugtiere, wodurch immer neue Stockungen entstanden. Auf dem Schönberg zwangen die Stubaier den Feind, 4 Kompagnien zu entwickeln. Doch es gab keinen Halt mehr, denn unterdes drängten die Bauern auch vom Rücken her und es galt, möglichst rasch nach Innsbruck zu entkommen. Es ging nun im Laufschritt gegen Unterberg hinab, auch die zwei Geiseln mußten zu Fuss mit. In Unterberg meinte Auckenthaler entlaufen zu können. Doch ein Dragoner wurde es gewahr, sprang nach und gab ihm mit der flachen Klinge eins auf den Rücken, dass er es drei Tage lang spürte. Am ärgsten ging es in der Schupfen her. Auckenthaler fürchtete, von den Landsleuten tot geschossen zu werden. Sein Leidensgenosse, der Guardian, kniete sich zu den Sterbenden nieder und stand ihnen im Tode bei. Auckenthaler hält das allerdings für eine Verstellung; er habe sich so besser vor den schwirrenden Kugeln schützen wollen. Er nennt ihn deshalb einen „Politicus". Endlich kamen Bauern herzu, klopften dem Kapuziner auf die Schulter und sagten ihm: „Stehn Sie auf und gehn Sie wiederum in Ihr Kloster!" Diese Worte hat Auckenthaler offenbar selbst gehört, während er noch gefangen war. Daraus allein schon kann man einen Schluss ziehen, in welch heilloser Auflösung der Rückzug sich von hier weg abwickelte, wenn die Bauern sich mitten in die fliehenden hineinmischen konnten. Und so gelang es auch Auckenthaler zu entkommen, die ihn bewachenden Infanteristen waren davongelaufen. Nun forderte ein Oberst die vier Reiter auf, im strengsten Galopp nach Innsbruck zu eilen. Sie wendeten ein, sie müssten ja den fremden Hauptmann bewachen. „Der entgeht mir nicht," erwiderte der Oberst. Nun ging es zu Fuß weiter bis Gärberbach, stets von den Kugeln der Landsleute bedroht. Hier aber konnte er entlaufen. Über den steilen Hang rannte er zur reißenden Sill hinab, und da die Brücke abgeworfen war, durchwatete er den Bergfluss. So erreichte er auf der anderen Seite den schützenden Waldhang, wo er sich endlich von der nahen Erschöpfung erholen konnte. Es war ja wahrlich nicht wenig, was er in den letzten Tagen körperlich wie seelisch durchgemacht hatte: am 8. August den Marsch über den Jaufen, am 9. die Aufregungen in Sterzing, dann nach zweistündigem Schlaf von Mitternacht am 10. August ab den Rückmarsch von Sterzing bis Innsbruck, der ihn wohl weniger körperlich, dafür aber umso mehr seelisch hergenommen haben muss.

Nachdem er sich einigermaßen erholt hatte, ging er weiter aufwärts gegen Patsch zu. Auf einer Waldblöße traf er auf vier bewaffnete Bauern. Diese hielten ihn für einen Feind und legten auf ihn an. Die Beteuerung, dass er ja ein aus der Gefangenschaft entkommener Meraner Schützenhauptmann sei, glaubten sie nur halb und sie führten ihn zum Pfarrer von Patsch, der aus seiner Marschroute die Richtigkeit seiner Angaben erkannte. Es litt ihn aber hier nicht länger. Er verlangte ein Gewehr und forderte die Bauern auf, mit ihm gegen die Sill hinabzustreifen, weil er versprengte Feinde zu treffen hoffte. Seine Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Bald stieß er mit seinen elf Mann auf Feinde, und zwar 3 Offiziere und 26 Mann. Rasch verteilte er seine paar Begleiter geschickt am Waldrand, dass der Gegner glauben konnte, es handle sich um eine größere Abteilung. Keck trat er auf die Blöße hinaus, um zur Übergabe aufzufordern. Und siehe da, wen ihm ein besonderer Zufall in die Hände trieb: Der Oberst war niemand anderer als Graf Spaur, also ein Tiroler in bayerischen Diensten, dem er in Sterzing ausgeliefert gewesen war. Die anderen zwei waren ein Oberleutnant (ein Elsässer) und Leutnant Graf Spaur, ein Neffe des Obersten. „Herr Oberst, Sie sind mein Gefangener!" herrschte ihn Auckenthaler an. Ohne Widerrede steckten die Offiziere die Säbel in die Erde, die Mannschaft verwarf die Gewehre. Es muss eine stolze Genugtuung für den Meraner „Schreiber" gewesen sein, den selbstbewussten Obersten und Grafen jetzt als Gefangenen nach Patsch führen zu können. Doch hat ihm diese Gefangennahme nachträglich viel Ungemach gebracht.

Auckenthaler ließ sich aber von seinem Glück keinen Augenblick verleiten, übermütig gegen seine Peiniger aufzutreten. Wohl nahm er den Säbel des Leutnants an sich, da er ja selbst keinen mehr besaß, im übrigen aber zeigte er, wie ein wohlerzogener ehemaliger Unteroffizier den soldatischen Ehrbegriff auffasste. Er handelte ritterlich, erntete aber dafür schlechten Dank. Der Oberst war so entkräftet, dass er kaum mehr stehen konnte. Man kam an einem Bauernhaus vorüber. Auckenthaler verschaffte ihm warme Milch. Unterdes fingen etwa 70 Bauern, die hinzugekommen waren, an, die Gefangenen auszuplündern. Auckenthaler trat dagegen auf, so gut er, allein unter so vielen, vermochte. Man nahm dem Grafen die goldene Uhr. Die Dienerschaft übergab dem Auckenthaler zum Aufbewahren: die silbernen Sporen, eine Tabakspfeife, vom Oberleutnant etwas Geld, vom Leutnant eine tombakene Uhr. Als dann die Bauern dem Obersten auch die Abzeichen seiner Charge abnehmen wollten ließ er das nicht zu. Der Marsch ging weiter nach Patsch, ins Gasthaus „zum Bären". Dort ließ er für die Gefangenen kochen und quartierte sich auch selbst dort ein. Er speiste mit ihnen, und da sie sich fürchteten, schlief er mit ihnen im selben Zimmer.

Am nächsten Tag (11. August) kamen Bauern ins Zimmer herein und verlangten die Uhr und das Geld. Auckenthaler verweigerte beides. Dem Obersten gab er eine Geldtasche zurück und sagte ihm: „Nehmen Sie das, um den Wirt zu bezahlen!" Dann ging er über die Stiege hinunter, wurde aber von den Bauern beim Hals gepackt. So musste er alles herausgeben, obwohl auch der Wirt ihm zur Seite trat. Da nun für den Grafen nichts mehr zu retten war, kaufte er den Bauern die goldene Uhr ab, indem er ihnen 22 fl. und die eigene silberne Uhr bot. Alles andere nahmen die Bauern an sich, auch das Ehrenkreuz. Das alles hat Spaur genau mit angesehen, so dass sein späteres Auftreten gegen Auckenthaler in Meran umso unschöner erscheint. Mag auch der Ankauf der geraubten Uhr, objektiv betrachtet, vor den strengen Moralbegriffen nicht ganz einwandfrei sein, so fühlte sich doch Auckenthaler vollkommen im Recht und es kann wohl gesagt werden, unter 1000 Soldaten hätte kaum einer sich deswegen irgendwelche Vorwürfe gemacht.

Am 12. August übergab Auckenthaler seine Gefangenen in Matrei und eilte sogleich nach Schönberg. Auf die Frage nach seiner Kompanie erhielt er die Antwort, sie stehe bei „Notars". Diese Auskunft muss ihm ein biederer Stubaier gegeben haben. Denn nur in Stubai liebt man die breitspurige Aussprache „Notars" statt Natters. „Mit doppelten Schritten" begab er sich dahin. In Mutters traf er seinen Oberleutnant Moser, seine Kompanie fand er auf Vorposten, von ihr mit Jubel aufgenommen.

Über die Schlacht am 13. August berichtet er nichts Näheres. Umso gesprächiger wird er in seinem Bericht über die Zustände in Innsbruck nach dem Einzug der Sieger. Die Kotlackler und andere wollten die Häuser ausplündern und anzünden. Der Stadtrat wandte sich an Hofer und ersuchte, er möge die Meraner Kompagnie mit dem Schutz der Stadt betrauen. So wurde denn Auckenthaler Platzkommandant von Innsbruck. Dreißig Mann ließ er auf der Hauptwache aufziehen und sieben Patrouillen durchstreiften die Stadt nach allen Richtungen. Die größte davon führte er selbst und überall steuerte er jedem Unfug. Da seine Mannschaft nicht ausreichte, erbat er sich noch eine halbe Kompanie Passeirer. Mit Gastwirt Niederkircher löschte er unter anderem einen in Wilten gelegten Brand, der besonders hätte gefährlich werden können, da ein starker Wind gegen die Stadt hin wehte; also jedenfalls ein unverfälschter Innsbrucker Föhnsturm. Der Stadtrat war natürlich den Meranern und Passeirern, diesen biedersten Kerntruppen des Sandwirts, sehr dankbar und belohnte sie mit einer doppelten Portion Wein und unser Hauptmann erhielt, nachdem er elf Tage lang die Ordnung gewahrt hatte, ein ehrenvolles Zeugnis über „rechtschaffene Aufführung". Im ganzen blieben die Meraner 30 Tag in Innsbruck.

Seine Darstellung des vierten Ausrückens (Ende Oktober) ist merkwürdig verworren. So macht er den großen Schnitzer, indem er sich in Sterzing beim Sandwirt gemeldet haben will, was unmöglich ist. Denn Hofer kam nach Sterzing erst beim Rückzug am 6. November. Er dürfte sich also in Steinach oder Matrei gemeldet haben. Diesmal wurde er Speckbacher unterstellt, mit dem er sich aber schlecht vertrug. Es war die Zeit der größten Unordnung, wo die widerspruchsvollsten Befehle sich stündlich ablösten. Auckenthaler war, wie seine ganze Darstellung ergibt, durchaus kein strategisches Genie, sondern ein braver Soldat, der nur dann sich zurecht fand, wenn ihm eine einigermaßen bewusste Ordnung einen umschriebenen Wirkungskreis anwies. Auf einen Vorposten beordert, wurde er zwei Tage nicht abgelöst, ja von Speckbacher, der sozusagen überall und nirgends war, erhielt er nicht einmal eine Antwort. Das vertrug er in seinem streng reglementarisch geschulten Sinn nicht mehr. Er schickte seinen Korporal zum Sandwirt und verlangte, auf den Berg Isel geschickt zu werden, was Hofer (wie er wiederum falsch annimmt, von Sterzing aus) genehmigt. Auckenthaler wurde von den Schwazern abgelöst und zog um 10 Uhr nachts auf seinen neuen Posten, ohne Speckbacher davon zu verständigen. Dieses sein Verhalten lässt sich natürlich nicht rechtfertigen. Aber anderseits erklärt es sich aus seiner Haupttugend, seinem Ordnungssinn. Er selbst gibt diesen Grund an: „indem der Specpacher keine Ordnung hat." Es war eben die Zeit der Verwirrung und Auflösung, von der ein Achentaler Bäuerlein bemerkte: „Am Berg Isel haben die Tiroler alles verspielt, weil nichts zusammen ist gangen."

Trotzdem Drouet durch das Unterinntal fast kampflos vorrücken konnte, ging er langsam und vorsichtig zu Werke. Am 24. Oktober setzte er sich in Hall fest. Am 25. ritt der Feind zum ersten Mal in Innsbruck ein, verließ es aber wieder und begnügte sich mit einem Vorposten beim Löwenhaus. Viele Bauern waren in der Stadt gewesen. Obwohl niemanden etwas geschah, war man seitdem in der Stadt begreiflicherweise nervös geworden. Eines Tages beobachtete Auckenthaler vom Berg Isel aus, wie eine Menge Volkes aus der Stadt gegen Wilten herausströmte. Er hielt das ganze für einen blinden Lärm, wollte sich aber Sicherheit verschaffen. Er rief seine Kompanie zusammen und kündete einen Patrouillengang in die Stadt an, wozu sich Freiwillige melden möchten. Die Kompanie antwortete ihm: „Wir gehn alle: wo unser Hauptmann hingeht, gehn wir auch". Nun ließ er die Trompeten blasen und rückte zum Stadttor hinab. Das gab der aufgeregten Menge das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit wieder. Alle, die herausgelaufen waren, wollten nun auch auf einmal wieder hinein. Auckenthaler ließ haltmachen und ordnete an: „Wer hinein will, soll sich bei meiner Kompanie anschließen". Das wurde befolgt. Und nun ging's in Reih und Glied in die Stadt hinein, der Hauptmann selbstredend an der Spitze, hinter ihm etwa 1200 Mann. Die Trompeter mussten blasen. Die Trommeln wurden geschlagen. Es war wohl einer der schönsten Augenblicke seines Lebens, da er die Leute sagen hörte: „Da kommt unser Vatter wieder zum zweiten Mal".

Die feindliche Reiterei war unterdes wieder abgezogen, und um die Städter vollkommen zu beruhigen, zog Auckenthaler, wie er angibt, fast bis Hall hinunter. Da traf er auf eine tirolische Vorhut, die Sandwirts-Reiter. Diese warnte ihn vor dem weiteren Vorrücken und er kehrte in die Stadt zurück. Dort fragten ihn die Innsbrucker, ob die Bayern bald kommen würden. „Heute eimal nicht", gab er zur Antwort. „aber für morgen stehe ich nicht gut". Wieder wurden die Meraner bewirtet und nach zweistündigem Aufenthalt in der Stadt bezogen sie wieder ihren Posten auf dem Berg Isel. Nach seiner Zeitangabe würde dieses Ereignis auf den 3l . Oktober anzusehen sein, da er am nächsten Tag die Schlacht (am 1. November) beginnen läßt. Auckenthaler ist aber bei Zeitangaben durchaus unzuverlässig und wir müssen seinen Patrouillengang in die Zeit zwischen 25. und 28. Oktober verlegen. Denn am 29. Oktober rückte Drouet selbst in Innsbruck ein, somit war für derlei Ausflüge der Meraner kein Platz mehr.

Die Schlacht am Berg Isel tut er kurz ab. Die Niederlage schreibt er der Stärke der feindlichen Artillerie zu, welche die Schanzen der Tiroler zerstörte.

An den Novemberkämpfen bei Meran beteiligte er sich nicht mehr. Er glaubte offenbar an die Wirklichkeit des Friedensschlusses, und nachdem der Kaiser das Land endgültig preisgegeben hatte, hörte für ihn. den kaiserlichen Soldaten, die Berechtigung zu weiterem Widerstand auf. Es ist bezeichnend für ihn, dass er die weiter kämpfenden Bauern „Briganten" nennt.

Für ihn brachte nun die einstige Gefangennahme der drei bayerisch-französischen Offiziere üble Folgen. Alle drei kamen mit der neuen Besatzung nach Meran. Auckenthaler wurde zum General (Da es sich um die Zeit zwischen dem 13. und 15. November handelt, wird wohl Rusca gemeint sein) berufen und beim Eintritt ins Zimmer gleich vom anwesenden Leutnant Spaur angeherrscht, er solle ihm seinen Säbel zurückstellen. Auckenthaler konnte darauf verweisen, dass er ihn vorschriftsgemäß im Rathaus (wohin alle Waffen abgeführt werden mussten) abgegeben habe. Der junge Graf nannte ihn darauf einen Schurken und log dem General vor, Auckenthaler habe ihn und die anderen bei der Gefangennahme misshandelt. Die ehrliche Entrüstung Auckenthalers über diese Anschuldigung überzeugte offenbar den General, auf welcher Seite die Wahrheit gesprochen wurde: denn er schwieg. Und als Spaur nochmals den Säbel verlangte, wurde er vom General belehrt, dass Auckenthaler mit der Ablieferung ans Rathaus seine Pflicht erfüllt habe. Wegen der goldenen Uhr solle er sich mit dem Obersten Spaur in Güte abfinden. Und nun begann ein langes, unerquickliches Feilschen um die Uhr, für die ihn Auckenthaler satt der geforderten 230 fl. mit 100 fl. abfertigte. Durch Drohungen zwang man den Buchhalter, auch für das Entschädigung zu zahlen, was ihm die Bauern mit Gewalt abgenommen hatten. Bezüglich der Uhr führte Auckenthaler zu seiner Rechtfertigung an: wenn er sie nicht den Bauern abgekauft hätte, so bekäme sie Spaur ja auch nicht mehr zu sehen. Diese Rechtfertigung hält vor den Gesetzen der christlichen und gut bürgerlichen Moral wohl nicht stand. Allein er bringt eine weit verbreitete Ansicht vor und wir können ohne weiters annehmen, dass er im guten Glauben gehandelt habe. Jedenfalls ist zu sagen, dass die drei Offiziere ein weit weniger zartes Gewissen ihr eigen nannten da sie von ihm eine Entschädigung für das von den Bauern ihm Geraubte erpressten. Auch war es von Spaur dem Ältern keineswegs klug, dass er die Erinnerung an seine alles andere als rühmliche Haltung bei der Gefangennahme durch sein unwürdiges Feilschen wieder wachrief. 230 fl. zu verlangen und dann mit 100 fl. abzugehen ist wenig standesgemäß und der Titel eines „ hungrigen Obristen", womit ihn Auckenthaler bedachte, ist die landesübliche Bezeichnung für ein solches Verhalten.

Während Auckenthaler seine Meraner Schützenbrüder mehrmals lobt, war er auf die in Meran maßgebenden Kreise nicht gut zu sprechen. Er beklagt sich, dass man ihm allerhand unangenehme Geschäfte aufhalste, zu denen sich sonst niemand hergab. Es wird etwa im September gewesen sein, als die in Meran in einer Kaserne festgehaltenen 1500 Franzosen, Sachsen, Bayern und Italiener meutern wollten, was aber ein Sachse verriet. Da wurde vom Rathaus Auckenthaler beauftragt, mit seiner Kompanie die Ordnung wieder herzustellen. In jener Nacht schlief er vor der Kaserne unter einem Heuwagen. Auch im Militärspital hatte er die Besorgung guter Verpflegung und der Reinlichkeit übernommen, ohne dafür mit einem Wort der Erkenntlichkeit bedacht zu werden.

Am unangenehmsten war ihm wohl, dass man ihn vorschob, als Rusca eine Abteilung gegen das Vinschgau hinauf zur Fouragierung aussandte und hiefür einen Führer verlangte. Dieses Amt machte ihn in den Augen der Betroffenen natürlich verächtlich, ja es konnte ihm auch gefährlich werden und es ist nicht unmöglich, dass die Meraner Stadtväter von damals aus diesem Grunde gerade ihn, den Nicht-Meraner, vorschoben. Die Abteilung (1 Rittmeister und 16 Reiter) kamen nur etwas über Algund hinaus, da sie, dort angeschossen, wieder nach Meran flüchteten. Auckenthaler fiel dabei vom Pferde und wäre beinahe geschleift worden. Sein Reittier sprengte dann allein nach Meran hinein und dort verbreitete sich das Gerücht, der „Buchhalter von Verdroß" sei erschossen worden. Er hatte sich im sogenannten „Zollbinterhäusl" verborgen, wurde aber während der folgenden Kämpfe um Meran den Bauern auf der Töll ausgeliefert, weil man ihn zunächst für einen Spion ansah. Nach Ruscas Verjagung aus Meran konnte er wieder zu seinem ruhigen Buchhalteramt zurückkehren.

Er dürfte aber bald darauf in seine Vaterstadt Bozen übersiedelt sein. Seine Vermählung 1812 fand in Bozen statt, ebenso seine Verhaftung im Jahre 1813.

 

3. Seine Gefangensetzung 1813.

Die Verhandlungen Bayerns über seinen Anschluss an die Verbündeten waren der französischen Regierung nicht verborgen geblieben. Im bayerisch gebliebenen Tirol wartete man das Ergebnis dieser Verhandlungen nicht ab, sondern schritt zur Tat. Das machte auch die italienischfranzösischen Regierungsbehörden in Trient nervös und man hob Geiseln aus. Zu den politisch Verdächtigen, d. h. österreichisch Gesinnten, rechnete man auch Auckenthaler. Er vermutet, dass ihn „gut denkende" Menschen verschwärzt haben. Drei Tage vor Maria Geburt holte man ihn um halb 12 Uhr nachts aus dem Bette und sperrte ihn bei St. Afra ein. Am Frauentag führten ihn dann 4 Gendarmen nach Neumarkt, wo er drei Tage in der Keuche verbrachte. Dann ging's nach Trient, nach zwölfstündigem Aufenthalt mit der Post nach Rovereto, dann nach Mailand, und zwar immer auf eigene Kosten: ja nicht nur das, auch die Gendarmen ließen sich von den Geiseln verpflegen: sonst wären sie geschlagen worden.

In Mailand fast er nun bei elender Verpflegung (täglich ein wenig Suppe. 18 Unzen Brot und Wasser) in Haft, und zwar bis zum 28. April 1814. Zum Glück konnte ihm seine Frau ein wenig Geld schicken, so dass er sich monatlich ein Bettzeug kaufen und eine Nahrungszubuße verschaffen konnte, was ihm täglich 52 Kreuzer kostete. Als er endlich entlassen wurde, gab man ihm ganze zwei Napoleonstaler als Wegzehrung nach Bozen. Bitter bemerkt er: Hätte ich nicht selbst etwas gehabt, so hätte ich müssen sammeln gehen. Die Heimreise kostete ihm 78 Gulden.

Mit der Beschreibung seiner Kriegserlebnisse verfolgte Auckenthaler nicht in erster Linie geschichtliche Zwecke. Er gehorchte vielmehr offenkundig einer Aufmunterung, sich um eine kaiserliche Gnadengabe zu bewerben und diese Bewerbung zu begründen. So ist es erklärlich, dass er seine finanziellen Einbußen mit einer gewissen buchhalterischen Genauigkeit in den Vordergrund rückt. Es wäre gewiss nicht schön, wohl aber menschlich und verzeihlich gewesen, wenn er dabei etwas ins Aufdringliche und Ruhmredige verfallen wäre. Davon hält er sich aber fern und für seine Objektivität zeugt es, dass er auch die Gehorsamsverweigerung gegen Speckbacher nicht verschweigt. Die kaiserliche Gnadengabe erhielt er nach Karl Schmid am 27. April 1819. Es waren 100 fl. jährlich, also eine Kleinigkeit. Das empfand er auch: allein er trug seine Dürftigkeit, wie die Familien-Überlieferung besagt, still und ohne Murren.

   
  Quelle: Engelbert Auckenthaler, Josef v. Auckenthaler, Meraner Schützenhauptmann 1809, in: Der Schlern, Zeitschrift des Vereins für Heimatschutz, Monatschrift für Heimatkunde, 6. Jahrgang, 1925, S. 170 - 179.
 

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