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  Josef Natterer
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

Von den Helden von Hötting des Jahres 1809 war wohl der kühnste und tapferste Josef Natterer. Er war am 23. März 1782 als Sohn des Gerichtsdieners Josef und der Notburga Natterer, geb. Tragseil, geboren, und wurde allgemein der „Höttinger-Seppl“ genannt. Schon im Jahre 1796 reihte er sich unter die Vaterlandsverteidiger und erwarb sich in den Franzosenkämpfen die landesfürstliche und ständische Ehrenmedaille.

Als am 12. April 1809 die Bayern unter General Georg v. Kinkel von der Stadtseite her die Innbrücke mit zwei Kanonen unter Feuer nahmen, um hierdurch die Tiroler von Hötting her nicht in die besetzte Stadt zu lassen, beriet sich Natterer, damals Oberleutnant, mit seinen Kampfgenossen Kassian Pucher, Feldwebel, Jakob, Alois und Josef Heiß, Peter Zorn, Jakob Mößner, Georg Gogl, Pius Norer, Nikolaus Plank und Johann Tschemper, alle von den Kompagnien, Hötting und Thaur, über die nun einzuschlagende Taktik. Natterer hatte bald einen Entschluss gefasst: Er kroch über die „Röhrbrücke", d. i. eine hölzerne Brunnenleitung, die unter der Brücke lief, um so, vor den feindlichen Kugeln geschützt, an den Feind heranzukommen. Ihm folgte auf diesem gefährlichen Weg der Metzger Klaus aus Telfs. Drüben angelangt, gelang es Natterer durch einen wohlgezielten Schuss die die feindlichen Kanonen bedienenden Kanoniere unschädlich zu machen, worauf die nachstürmenden Bauern die eroberten Kanonen im Triumph nach Hötting zogen und dort beim Stamser-Wirt mit der Mündung gegen die Stadt aufstellten. Mit der Eroberung dieser beiden Kanonen und zweier Munitionswägen war das Schicksal der Bayern besiegelt. Die Bayern wandten sich an einige Bürger von Innsbruck mit der Bitte, mit den Insurgenten in Kapitulationsverhandlungen zu treten. Dies geschah und auf das Hissen einer weißen Fahne hinter einem Pfeiler des Niederkircher'schen Gasthofes hin erschien Natterer mit Klaus bei der Brücke und fragte nach dem Begehr. Natterer forderte trotzig die vollkommene Ergebung des bayerischen Militärs "und als man ihn in das nahe Regierungsgebäude führte, wollte er nur in ein Zimmer eintreten, von wo aus er seine Kameraden jenseits des Inn sehen könnte. Als die Bayern Natterers Kapitulationsbedingungen nicht annehmen wollten, gab der ebenso unerschrockene wie kühne Natterer den Kameraden ein Zeichen, worauf die zum Sturm bereiten Insurgenten sofort in die Stadt einrückten und dem Militär die Waffen abnahmen. Der Oberst von Ditfurth fiel, General Graf Bisson musste am 13. April kapitulieren. Die erbeuteten Geschütze übergab Natterer, das „Haupt der Unternehmung", am 15. abends feierlich dem in Innsbruck eingezogenen General von Chasteler, der sie mitnahm, was die Tiroler später sehr bedauerten. An den Mai-Schlachten beteiligte sich Natterer mit seinen Höttingern.

Als Lefebvre anfangs August nach Innsbruck kam, nahm er an Natterer Rache. Am 10. August sollte Natterers Haus, Hötting, Kirchgasse Nr. 8, auf Befehl Lefebvres angezündet und niedergerissen werden. Natterer hatte sich mit seinem Bruder Wolfgang in die sogenannte „Hundskirche" oder „Hundsküche" in der Höttingerklamm geflüchtet. Als nun ihr Haus niedergerissen werden sollte, zahlte der Pfarrer von Hötting, Lorenz Falschlunger, den zur Vollziehung dieses Urteils bestimmten Soldaten beim Dengler-Wirt so viel Wein, dass sämtliche betrunken wurden. Nachdem einige über das Dach des Hauses herabgepurzelt waren und sich arg beschädigt hatten, ließ man nach Demolierung des Dachstuhles von weiterem ab. Am 11. August beteiligten sich die beiden Natterer an den Kämpfen um den Planötzenhof, wobei es dem Josef beinahe ans Leben gegangen wäre. Er hatte sich von seinem Verstecke in der „Hundskirche" aus den Landstürmern angeschlossen. Als die Tiroler einen Augenblick weichen mussten, blieb Natterer vor Erschöpfung ein wenig zurück und wurde von einem feindlichen Reiter eingeholt. Schon schwang der Soldat den Säbel über Natterers Haupt, da blickte zufällig ein gewisser Alois Jordan von Hötting, 19 Jahre alt, zurück, sah die Gefahr, in der Natterer schwebte, riss die Büchse an die Wange und durchbohrte mit sicherem Treffschuss den feindlichen Reiter, dass er tot vom Pferde sank. Dies geschah beim „Großen Gott".

Nach dem Sieg ernannte Andreas Hofer den tapferen Natterer zum Hauptmann und übertrug ihm die Verfolgung der feindlichen Truppen und die Aufsicht über die verhafteten, politisch verdächtigen Individuen. Wie sehr Andreas Hofer den Natterer schätzte, geht daraus hervor, dass er noch im Kerker zu Mantua dem Kajetan Sweth gegenüber den Wunsch ausdrückte, den tapferen Kämpfer für eine kaiserliche Gnade empfehlen und für ihn etwas erwirken zu dürfen. Sweth hat dann 1835 diesen Wunsch Hofers den Behörden bekanntgegeben. Nach Kriegsende wurde Natterer gefesselt (1810) nach München abgeführt und dort in den Kerker geworfen. Dort musste er 24 Wochen zubringen, bis er erkrankte. Anfangs 1813 wurde er wieder als Gefangener nach Ingolstadt gebracht; diese zweimalige Gefangenschaft, welche zusammen dreizehn Monate dauerte und bei welcher er mit barbarischer Strenge behandelt wurde, zerrüttete seine früher so kräftige Gesundheit. Noch dazu wurde während seiner Abwesenheit von den Bayern sein väterliches Haus niedergerissen. Im Dezemberaufstand 1813 in Innsbruck stand er auf Seite der Ordnungspartei und unterstützte seinen Bruder Wolfgang, den Gerichtsdiener, bei polizeilichen Amtshandlungen. Seinem Einfluss ist es auch zuzuschreiben, dass die geplante Schlagung der schönen ärarischen Hofwaldung nicht erfolgte.

Als am 12. Mai 1814 die schöne Kaisertochter, Napoleons Gemahlin Maria Louise nach Hötting kam, empfing, sie der patriotische Natterer an der Spitze seiner Höttinger, spannte die Pferde von ihrem Wagen aus, den er dann durch die Schützen in die Stadt ziehen ließ. Hierbei hatte aber Natterer das Pech, unter den Wagen zu geraten, von demselben überfahren und am rechten Kniegelenk schwer verletzt zu werden.

Bei den Festlichkeiten am 24. Juli 1814 defilierte Natterer mit seinen Höttinger Schützen vor dem neu errichteten österreichischen Doppeladler; Kapellmeister der mitmarschierenden Musik war der Mitkämpfer Natterers von 12. April 1809, Josef Heiß, vulgo Muslspitzer, Tambour Jakob Heiß, der mit geschickter Hand ,die Trommelschlegel in die Luft warf und wieder auffing. Dieser Jakob Heiß wurde am 13. April 1809 durch eine Musketenkugel im rechten Oberleib getroffen. Schmer verwundet brachten ihn seine Heimatgenossen nach Hötting; die Kugel welche die Wirbelsäule getroffen hatte, trug Heiß Zeit seines Lebens in sich, sie konnte trotz aller Bemühungen der Ärzte nicht entfernt werden und hatte zur Folge, dass sich Heiß nicht mehr bücken konnte. Heiß starb am 9. Februar 1833.

Am 15. August 1816 (Akt im Staatsarchiv des Innern, Wien) verlieh Kaiser Franz dem Natterer die kleine goldene Zivilehrenmedaille und ein Geschenk von 100 Gulden, seinen eingangs erwähnten Höttinger Kampfgenossen ein solches von je 50 Gulden. Die Eingabe war von FMLt. v. Chasteler mit eigener Handschrift befürwortet worden, wobei Chastelers bemerkte, die heldenhafte Tat Natterers hätte „jeder Grenadierabteilung" Ehre gemacht. Am 4. August 1817 vermählte sich Natterer mit Marie Leitgeb, im Jahre 1816 übernahm er von dem in Konkurs geratenen Johann Dollinger das Wirtshaus „Zum Bären" in Hötting. Am 21. Februar 1823 war ihm die Ehre zuteil, den Sarg Andreas Hofers in die Hofkirche zu tragen. Im Jahre 1835 erhielt Natterer eine jährliche Ehrengabe von 150 Gulden, da die Ärzte erklärten, Natterer sei seit der Internierung in der Festung Ingolstadt und durch die ihm damals angelegten schweren Fußfesseln erwerbsunfähig geworden, also nicht mehr in der Lage, seine Gattin und fünf unversorgte Kinder zu erhalten.

Natterer überlebte diese Pension nicht lange, denn am 21. Juni 1836 sank er in Hötting ins Grab. Sein Name ist auf der am 7. Juni 1903 im Gasthof „Zum goldenen Lamm" in Mariahilf errichteten Gedenktafel in goldenen Lettern eingemeißelt.

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 338 - 341.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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