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  Josef von Miller-Aichholz
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

In der Ortsgemeinde Völlan, Bezirk Lana, liegt der Aichholzer-Hof. Er gehörte vor 1669 der Familie Prummer, aus der die Anna Prummer den Johann von Miller, aus der alten Deutsch-Südtiroler Familie der Miller stammend, heiratete und damit den Aichholzer-Hof in die Familie Miller einbrachte, worauf sich der ganze Stamm von nun ab "von Aichholz" nannte. Um 1700 zogen die Miller nach Cles im Nonsbergtal, wo am 14. November 1770 Franz M. von Miller geboren wurde. 1791 heiratete Franz die Marie Anna Stefenelli von Prenterhof und Hohenmaur und brachte sich durch den Handel mit Eisen-, Leder- und Seidenwaren fort. Als zweites Kind dieser Ehe wurde am 23. Jänner 1797 zu Cles Josef Maria geboren. Er war nicht nur ein lebensvoller, frischer, sondern auch sehr wilder Bub, weshalb ihn der Vater zum Kuraten von St. Felix (bei Cles) zur Erziehung und „Bändigung" gab. Als der Knabe in sein achtes Lebensjahr trat, brach die für Tirol schwerste Zeit, die Kriegsjahre 1805 — 1809 herein. Hören wir, was der kleine Pepele, wie er im Elternhaus genannt wurde, in dieser Zeit alles anstellte.

Andreas Hofer, den sein ausgebreiteter Pferde und Weinhandel häufig nach Trient und in die umliegenden Täler geführt hatte, war auch in Cles gut bekannt. Speziell im Miller'schen Hause war er ein gern gesehener Gast, der den kleinen Beppo Miller schon in früheren Jahren auf seinen Knien gewiegt hatte.

Die Freiheitsbewegung machte nun auf den wackeren Beppo einen tiefen Eindruck, so dass er das glühendste Verlangen trug, auch für Kaiser und Reich zu kämpfen. Doch vergeblich drang er in seinen Vater um die Erlaubnis hierzu, der dem nun zwölfjährigen Knaben diese Bitte kurzweg als "Narrheit" abschlug. Doch die Begeisterung ließ den jungen Patrioten nicht ruhen. Heimlich floh er aus dem Elternhaus nach Meran und von da in das ihm bekannt gewordene Quartier seines Großonkels Hieronymus von Stefenelli (Gutsbesitzers in Fondo, geb. 26. April 1763 in Fondo, gest. 3. April 1828 in Meran). Dieser, selbst ein begeisterter Freiheitskämpfer und Kommandant der Nonsberger, nahm seinen kühnen kleinen Neffen in sein Korps auf und bediente sich des klugen Jungen hauptsächlich zu Botengängen.

Es war um den 21. April 1809; die Franzosen hatten Trient besetzt und Andreas Hofer musste persönlich den Landsturm von Deutsch- und Italienisch-Südtirol aufbieten. Er kam hierbei auch in die Gegend von Cles. Da es galt, den ganzen südlichen Landesteil von den Franzosen zu säubern, waren rasche Verständigungen zwischen den in den Bergen eingenisteten Tirolern nötig. Die Boten flogen hin und her. Unter den reitenden Ordonnanzen befand sich nun auch unser Popele, den sein Onkel v. Stefenelli von Welschmetz zum Kommandanten der Sulzberger Anton v. Malanotti (Gutsbesitzer in Caldes), der ein Unterkommandant und Adjutant Stefenellis war, nach St. Michael geschickt hatte. Voll Freude nahm Beppo die ihn ehrende "männliche" Aufgabe an, wobei es ihm auch nicht störte, die Etsch passieren zu müssen.

Jedoch am Fluss angelangt, fand er den Brückenkopf von feindlichen Franzosen besetzt. Die kritische Situation rasch erfassend, zauderte er nicht lange und setzte von der Au aus, mit seinem Ross schwimmend über die Etsch, der feindlichen Kugeln nicht achtend, die ihm nun nachgesandt wurden, ohne zu treffen. Glücklich gelangte er mit seiner Botschaft zu Malanotti, der ihm wieder eine wichtige Depesche an Andreas Hofer einhändigte. Ebenso glücklich wie er gekommen, erreichte er auch den Sandwirt. Andreas Hofer herzte und umarmte seinen kleinen Boten, dessen gefahrvolle Mission er alsbald erkannte und heftete ihm selbst für seine wackere Tat die silberne Tapferkeits-Medaille an die Brust.

Meister Defregger hat in einem reizenden Bilde diesen historischen Moment festgehalten. Die Depesche an Andreas Hofer hatte einen kombinierten Vorstoß der Tiroler zur Folge, in dessen glücklichen Verlauf ein feindliches Bataillon von den Tirolern gefangen genommen wurde.

Die Siegeslaufbahn unseres kleinen Josef sollte jedoch nicht fortgesetzt werden; die geängstigten Eltern hatten nämlich seinen Aufenthalt erfahren und dringend "des Kriegers Heimkehr" gewünscht.

Der Empfang im Elternhaus soll dem Vernehmen nach weniger dem „Sieger", vielmehr dem „Ausreißer" gegolten haben. Der erbitterte Vater konfiszierte die Tapferkeitsmedaille und wünschte keine weiteren „Waffentaten" seines Sohnes.

Beppo wurde Mitte Dezember 1811 nach Wien gebracht, trat 1812 in ein Drogenhaus ein und arbeitete sich dort bis zum Kompagnon des Chefs empor. Aus dem Pepele war ein Josef geworden. 1815 vermählte er sich mit der schönen Belgierin Marie Flore d'Heur, am 1. März 1827 machte er sich selbständig und gründete das heute noch bestehende Großhandlungshaus J. M. (Josef Maria) Miller u. Co. Durch eisernen Fleiß, Korrektheit und klugen Geschäftssinn erwarb er sich ein sehr bedeutendes Vermögen und wurde der Stammherr des Wiener Hauses Miller von Aichholz.

Am 3. Juni 1848 fuhr Miller nach Innsbruck, um als Deputierter des Wiener Gemeinderates den am 17. Mai 1848 aus Wien nach Tirol geflüchteten Kaiser Ferdinand I. zur Rückkehr nach Wien zu bewegen, die dann auch, allerdings erst am 12. August 1848, erfolgte. Bei allen seinen Reisen nach Tirol oder nach dem Süden versäumte es Miller nie, seine alten Eltern, an denen er mit zärtlichster Liebe hing, in Cles, seiner geliebten Heimat, zu besuchen und einige Tage im Vaterhaus zu verweilen.

Am 3. Februar 1871 starb Josef in Wien und wurde in einem prachtvollen Mausoleum in Meidling (Wien, 12. Bezirk) begraben. Von den vielen hohen Orden, Titeln und Würden war der reiche Fabrikbesitzer und "Handelsherr Josef" von Miller am meisten auf die silberne Tiroler Tapferkeitsmedaille stolz, mit der der "12jährige Tirolerbub Pepele" von Andreas Hofer geehrt wurde.

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 332 - 334.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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