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  Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney
 

 

Vorwort des Herausgebers zu der Bibliothek wertvoller Memoiren

Seit die Menschen in staatlicher Gemeinschaft leben, haben sie dem bunten Wechsel der Geschehnisse, den wir „Geschichte" nennen, Interesse zugewandt. In ältester Zeit waren es die Stammes-Sagen oder Erzählungen von Heldentaten, was die Seelen fesselte und erregte; so finden wir bei allen Völkern den Beginn der Dichtkunst durch die Entstehung von National-Epen bezeichnet, von denen viele noch heut unvergänglichen Reiz ausüben. Später entstand die Geschichtsschreibung, noch später die Geschichtswissenschaft, die kühl und unbestechlich aufzuzeichnen sucht, wie sich die Handlungen der Menschen zu dem wechselnden Spiel und dem blutigen Ernst der Geschehnisse zusammenfügten, und wie sie so die Grundlage aller späteren Geschichte — also auch der unsrigen — wurden.

Aber neben dem ruhigen Strome dieser kühlen, leidenschaftslosen Geschichtsschreibung läuft ein anderer Literaturquell frisch sprudelnd einher, von jener viel benutzt, weil sie ihn gar nicht entbehren könnte: die Schilderung eigener Erlebnisse. Im klassischen Altertum noch selten geübt, im Mittelalter wenig gepflegt, kam diese Kunst erst in den letzten drei Jahrhunderten zu wirklich voller Entfaltung. Staatsmänner und Feldherren, Volksführer und -Verführer, Eroberer und Entdecker, Gelehrte und Künstler, hervorragende Frauen, einfache Bürger und Soldaten — kurz alle, deren Leben Elemente enthielt, welche für weitere Kreise Interesse bieten, haben einzelne Episoden ihres Lebens oder auch ihren ganzen Lebenslauf beschrieben; oder sie haben ihre Beziehungen zu berühmten Persönlichkeiten, denen sie nahe standen, geschildert und uns Einblicke in deren Leben tun lassen. Viele Tausende solcher Bücher sind der Nachwelt überliefert worden, und reicher als je blüht dieser Literaturzweig in der Gegenwart.

Für die Wissenschaft der Geschichte (insbesondere der Kulturgeschichte) ist er von unschätzbarem Werte, so vorsichtig selbstverständlich bei der Benutzung einzelner Memoirenwerke verfahren werden muss. Denn natürlich drängen sich oft genug Eigenliebe, verletzte Eitelkeit, Unwille über arge Behandlung, Enttäuschung über unerfüllte Hoffnungen oder der Wunsch, sich weiß zu waschen, vor die klare und gerechte Schilderung der wirklichen Vorgänge und trüben die Zeichnung mehr oder minder stark. Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es, solche gewollten und ungewollten Entstellungen nachzuweisen und unparteiisch das wahre Gesicht der Geschehnisse wiederherzustellen.

Anderseits sind Memoiren zuweilen geradezu die einzige Quelle, aus der sich über die Geschichte bestimmter Zeiträume überhaupt schöpfen lässt. Und was vielen Memoiren einen so besonderen Reiz verleiht — einen Reiz, den nur verhältnismäßig wenige Werke der reinen Geschichtswissenschaft ausüben können — das ist die Anschaulichkeit und der Stimmungsgehalt, die von ihnen ausströmen. Wir mögen schon aus den Werken der Geschichtsschreiber ersehen, welche verheerenden Wirkungen ein Krieg über die Lande brachte, wie ein ganzes Volk sich heldenmütig gegen den Untergang wehrte, oder wie in Friedenszeiten Wohlstand und Gesittung sich mehrten. Mit wieviel greifbarerer Deutlichkeit aber erkennen wir dies alles, wenn wir aus einer guten Selbstbiographie anschaulich erfahren, wie diese Ereignisse dem Einzelnen das Schicksal bitter oder angenehm machten. Das Leben und Treiben in Stadt und Land, gewaltige Unglücksschläge, die auf ein Volk herniederfielen, die Gedanken und Ansichten eines Zeitalters, seine Art, sich zu freuen und Leiden zu tragen, seine Geselligkeit und seine öffentlichen Einrichtungen — kurz interessante Begebenheiten sowohl wie eigenartige Zustände treten uns mit besonderer Klarheit vor Augen, wenn sie uns von Augenzeugen geschildert werden.

Häufig rühren wertvolle Memoiren von Menschen her, die an ihrem Lebensabend auf ein an Schicksalen und Erlebnissen überreiches Leben zurückblicken, und denen doch unter der Schneelocke noch ein jugendliches Hera schlägt. Und wenn wir auch nicht den geringsten Grund haben, über die Geschichtswissenschaft unserer Tage so schroff zu urteilen wie Goethe über die Geschichtsschreibung seiner Zeit, für den sie „etwas Leichenhaftes", „den Geruch der Totengruft" an sich hatte — so bleibt doch auch jetzt für die Mehrzahl der Gebildeten bestehen, was er von sich über die starke Anziehungskraft berichtete, die „alles wahrhaft Biographische" auf ihn ausübte. In jeder Selbstbiographie sah er eine willkommene Bereicherung unseres Wissens vom Menschen, und über den Benvenuto Cellini, den er selbst bearbeitete, äußerte er: „Er ist für mich, der ich ohne unmittelbares Anschauen gar nichts begreife, von größtem Nutzen; ich sehe das ganze Jahrhundert viel deutlicher durch die Augen dieses konfusen Individui. als im Vortrage des klarsten Geschichtsschreibers."

Auch Schiller hat den Wert guter Memoiren ungemein hoch veranschlagt. Viele Jahre seines Lebens hat er eine bändereiche „Sammlung historischer Memoires" herausgegeben, und wenn diese heute auch fast ganz vergessen ist, so ist doch das Interesse für wertvolle Memoiren geblieben.

Umso sonderbarer mag es anmuten, dass in keinem Lande der Welt seither der Versuch unternommen wurde, die wertvollsten Memoiren aller Zeiten und Völker in einem Sammelwerke zu vereinigen. Wohl gibt es eine Sammlung von Memoiren zur französischen Geschichte — wohl eine solche zur Geschichte der französischen, eine andere zur Geschichte der englischen Revolution — wohl eine Anzahl anderer Memoirensammlungen — aber eine umfassende Sammlung aus der ganzen Weltliteratur ist nicht wieder unternommen worden. Sie ist nicht leicht herzustellen — und je geringeren Umfang sie haben soll, desto schwerer. Aber sie kann von allergrößtem Interesse für jeden sein, für den lebendige Schilderungen aus Geschichte und Kulturgeschichte Reiz besitzen.

Es soll nichts in diese „Bibliothek wertvoller Memoiren" Aufnahme finden, was nicht allgemein menschlich interessant ist; einem Erzähler, der für sich selbst kein Interesse zu erwecken vermag — zu welchem Zwecke er doch keineswegs beständig im Vordergrunde zu stehen braucht — wird sie sich nicht öffnen. Auch wer mit der Wahrheit leichtfertig umspringt, mag draußen bleiben. Kleine Irrtümer werden die Bearbeiter der einzelnen Bände in Anmerkungen richtig zu stellen suchen, von denen auch sonst (zur Aufklärung schwieriger Stellen, zur Erläuterung wenig bekannter Ort- und Zeitumstände) Gebrauch gemacht werden wird. Einleitungen sollen das Ihrige zu demselben Zwecke beitragen. Einzelne Sätze oder größere Teile, die wenig Interesse bieten und ohne Schaden für das Ganze entbehrt werden können, werden fortgelassen werden. Denn die „Bibliothek wertvoller Memoiren" ist mehr für den gebildeten Laien bestimmt als für den Historiker von Fach, der doch für die Zwecke der eigentlichen Forschung nach den Originalen selbst greifen muss.

Kein Volk hat eine reichere Memoirenliteratur geschaffen als die Franzosen. Aber auch die Deutschen, die Engländer, die Italiener, die Spanier, einzelne orientalische und manche andere Völker besitzen köstliche Lebensdokumente einzelner Männer und Frauen. Nur ist eben vieles davon — selbst für das eigene Volk — so vom Staube der Jahrzehnte oder Jahrhunderte überdeckt, so gänzlich in Vergessenheit geraten, dass eine Wiederbelebung nötig ist. Welche Schätze in diesen vergessenen Memoiren schlummern, das werden schon einige der ersten Bände dieser Sammlung gezeigt haben. Hoffentlich erregen auch die weiter folgenden das gewünschte Interesse und erfüllen damit ihren Zweck: die Neigung für die Beschäftigung mit Geschichte und Kulturgeschichte zu stärken und Hunderten Wissensdurstiger Stunden interessanter Helehrung zu verschaffen.

Hamburg-Großborstel. Dr. Ernst Schultze.

   
  Quelle: Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809, Erinnerungen des Priesters Josef Daney, Bearbeitet von Josef Steiner Innsbruck, Hamburg 1909
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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