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  Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney
 

 

8. Brief

Persönliche Bekanntschaft mit Hofer. Gefangene. Bittsteller und Bittschriften. Unterredung mit Hofer. Übernahme eines Auftrages von ihm. Ritt ins Unterinntal. Beginnende Auflösung. Unglücksnachrichten. Heranrücken der Baiern. Klägliche Haltung des Landsturms. Die Baiern verhaften die Häupter der Tiroler Regierung. Friedensschluss zwischen Österreich und Baiern. Dennoch Fortsetzung der Kämpfe um Innsbruck.

Mich freut es, dass die vielen Verordnungen in meinem letzten Briefe Ihre Aufmerksamkeit nicht ermüdet haben. Ich habe sehr gefürchtet, Sie werden mir den Vorwurf machen, ich hätte Ihnen bloß eine allgemeine Übersicht von der Regierung des Sandwirts eröffnen und von seinen Verordnungen nur Auszüge mitteilen sollen. Was meine Person betrifft, habe ich mit dem Sandwirt in meinem Leben bis zum 4. Oktober kein Wort gesprochen, noch weniger etwas zu tun gehabt: mit Ausnahme, dass mich am 15. August der Appellationsrat von Peer zu ihm schickte, um von ihm einen Pass, nach Stubai zu reisen, zu verlangen; welchen er mir aber rund und trotzig abschlug mit den Worten: „Nicht fortreisen! wenn solche Herren fortgehen wollen, wer soll denn nachher 's Landl regieren?" Mit diesem Bescheid war ich zufrieden und hinterbrachte ihn dem Appellationsrat, der nicht wenig darüber erstaunte. Auch mit oder bei den übrigen regierenden Branchen hatte ich bis zu obigem Datum nichts zu tun, ausgenommen, dass ich dem Adjutanten Purtscher einmal einen Brief vom Doktor Vögele 1) zu übergeben hatte, worin er den Sandwirt ersuchen ließ, er möchte ihn doch als Kreisphysikus vom Landsturm zu dispensieren geruhen. Und noch einmal sah ich mich genötigt mir die Ehre zu geben, den Herren Adjutanten Hofers einige Bemerkungen schriftlich, doch nicht unter meinem Namen — denn ich diktierte sie dem früher erwähnten Priester Magnus Prieth, der damals in Innsbruck war, in die Feder — behändigen zu lassen. Der Fall, der mich dazu veranlasste, war folgender. Die Bauern von Wildschönau brachten auf einmal ihren Hilfspriester, den Exbenediktiner Adelgott Adam, meinen nächsten Blutsverwandten, gefangen zum Hofer mit der Anklage, er sei baierisch gesinnt und habe das Volk im Beichtstuhle von der Insurrektion abgemahnt. Hofer ging ganz wütend auf ihn los, schalt ihn einen schlechten Pfaffen, einen Freidenker usw. und befahl, ihn im Servitenkloster einzusperren. Dies widerrechtliche Verfahren empörte mein Innerstes, und weil mir meines lieben Herrn Vetters Unbehilflichkeit bekannt war, so entschloss ich mich, mich seiner anzunehmen, und rieb in jenen Bemerkungen den Herren Adjutanten ihre Christentumskenntnisse — nämlich nach welcher Lehre und nach welchem Fug und Rechte sie es wagen dürfen, gegen einen Priester Anklagen aus dem Beichtstuhle anzuhören und nach denselben so gesetzwidrig zu urteilen und zu verfügen, da doch der Priester sich wider seine Gegner in einem ähnlichen Falle nie verteidigen könnte, indem es ihm unter keiner Bedingung, selbst wenn er die fürchterlichsten Todesmartern auszustehen hätte, je erlaubt ist, sich einer Wissenschaft oder Kenntnis aus dem Beichtstuhl zu bedienen —, so warm unter die Nase, dass sie ihn auf der Stelle zu seinen Herren Mitbrüdern nach Meran schickten und der kluge Holzknecht sehnlichst den Verfasser des Aufsatzes zu kennen wünschte. Dies ist alles, was ich bis dahin mit dem Sandwirt und seiner Regierung zu tun hatte. Wie ich aber später mit Hofer bekannt geworden und nachhin in öffentlichen Blättern als sein Vertrauter erschienen und aus welcher Veranlassung und von wem ich endlich in einer elenden Schrift als Tirols Hauptstürmer geschildert worden bin, werden Sie bald erfahren.

1) Arzt in Schlanders.

Am 1. Oktober übernahm ich die Hofmeisterstelle im gräflich Sarnthein'schen Hause; dass ich bis dahin bloß privatisiert und an der ganzen Insurrektion nicht den geringsten Anteil genommen habe, haben Sie aus meinen bisherigen Erzählungen entnommen. Nun hören Sie, bei welcher Gelegenheit und Veranlassung ich mit dem Hofer das zweitemal einige unbedeutende Worte gesprochen habe. Am 4. Oktober ersuchten mich eine Dame und ein gnädiges Fräulein, ich möchte ihnen durch die ungeheure Volksmenge durchhelfen und im Chor der Franziskanerkirche einen Platz zu verschaffen suchen, wo sie bequem der veranstalteten oben erwähnten Feierlichkeit beiwohnen könnten. Ich wand mich durch, die beiden Frauenzimmer bekamen einen Platz in dem nämlichen Stuhle, wo Hofer und seine Adjutanten waren, und ich blieb außer dem Stuhle gerade vor dem Hofer stehen. Während uns der Exjesuite Tschiderer in seiner endlosen Gelegenheitspredigt über Franzosen und Baiern gar herzallerliebste, erbauliche Dinge, mehrmal über den Sturz der Erzgesellschaft Jesu schluchzend, vorraunte, griff ich, weil mich der Schlaf plagte, nach meiner Tabaksdose; Hofer war so herablassend, mir eine Prise Tabak abzunehmen, und gleich darauf sogar mir eine von dem seinigen zu präsentieren. Während dem Hochamte, bei welchem Hof er ganz begeistert und sehr eifrig betete, wiederholten wir noch ein paarmal wechselseitig unsere Tabakskomplimente. Hofer war an diesem Tage seiner Tracht nach ganz neu und sehr festlich angezogen. Nach dem Hochamt trat Hofer vor den Hochaltar und da hing ihm der obenerwähnte Prälat seine Medaille um. Als er vom Altare zurückkam und ich ihm zu seiner Auszeichnung Glück wünschte, sagte er mir: „Ich dank' Ihnen, geistlicher Herr! Beim ganzen Gottesdienst sein Sie mir g'rad fürkemmen, als wenn Sie mei Feldpater waren." Diese Äußerung freute mich ungemein, weil ich schon lange gewünscht habe, mit ihm eines Gefangenen wegen zu sprechen.

Doch eh' ich Ihnen meine Geschichte mit Hofer zu erzählen beginne, muss ich Ihnen noch zuvor zeigen, welche passende Stücke in dem Nationaltheater an diesem Tage zur Verherrlichung dieses Freudenfestes aufgeführt wurden und mit welch einer sonderbaren Prophezeiung die Herren Schauspieler ihre Theaterankündigung begleiteten. Aufgeführt wurden nämlich die Stücke „Liebe um Liebe dem besten der Fürsten", ein ländliches Schauspiel in 1 Aufzuge von W. A. Iffland. Diesem folgte „Armut und Rechtschaffenheit" oder „Der Fürst hilft gewiß, wenn er's nur weiß", ein Schauspiel in 3 Aufzügen von Cremeri. „Mit folgenden Rückerinnerungen und glänzenden Aussichten einer baldigen besseren Zukunft" wurden nun „die hohen, gnädigen und verehrungswürdigen Bewohner der Hauptstadt zu einem zahlreichen Besuche eingeladen ..." Die beiden Stücke wurden mit besonderem Beifall aufgenommen. Dass bei dem Schmause, welcher an diesem Tage in der Burg dem Hofer zu Ehren gegeben wurde, und auch am Abend in mancher Schenke auf das Lebehoch und auf die Gesundheit Sr. Majestät des Kaisers Franz einige Dutzend Humpen geleert wurden, können Sie sich leicht selbst vorstellen.

Nun, um wieder auf meine Geschichte zu kommen: so wie ich, als Lefebre in Innsbruck war, die im Kräuterhaus gefangen sitzenden Bauern besuchte, ebenso besuchte ich auch die vom Sandwirt dahin verlegten Arrestanten. Vorzüglich nahm ich Anteil an dem harten Schicksale eines gewissen Herrn Indest, welcher beim Sandwirt angeklagt wurde, er habe ihn zu Sterzing den Baiern verraten wollen, ihnen nämlich bei ihrem Einrücken daselbst gesagt, sie sollen ihm gegen den Jaufen hin nacheilen, indem sie ihn noch einholen könnten. Herr Indest beteuerte mir immer, dass er fälschlich nur von Privatfeinden angeklagt worden wäre, und bat mich allzeit dringend, ich möchte ihm beim Hofer nur die einzige Gnade zu erwirken suchen, dass man ihn wenigstens zum Verhör ziehen und zur Verantwortung kommen lassen möchte. Um die nämliche Gnade baten auch der früher seiner Tapferkeit wegen belobte Hauptmann Dalponte und ein gewisser Garbini, der in schweren Ketten geschmiedet lag. Auch diese letzteren, Kommandanten einiger italienischen Landesverteidiger-Kompanien, wollten sich beide nicht des geringsten Vergehens bewusst sein; im Gegenteil rühmten sie sich der größten Heldentaten bei verschiedenen Affären im welschen Tirol. Ich ging also in die Burg und blieb längere Zeit in einem Vorzimmer stehen. Endlich kam Herr Joh. Gstirner, der, weil er mich gut kannte, mich in das Kanzleizimmer führte und den verschiedenen Adjutanten vorstellte, indem er sagte: „Da bring' ich einen Herrn, der mit dem französischen Offizier sprechen und seine Schriften untersuchen kann". Es kam nämlich von Italien heraus ein französischer Offizier über Bozen nach Innsbruck und ließ sich daselbst beim Hofer um eine Anstellung melden. Hofer ließ ihn aber nicht vor sich kommen, weil er schon vor dessen Ankunft von Bozen aus gewarnt wurde, er solle sich vor ihm in acht nehmen, sondern wies ihm in der Burg ein Zimmer an, wo er es sich, gleichsam wie in einem Arreste, bis auf weiteres zu verbleiben gefallen lassen musste. Auf Ersuchen der Adjutanten ging ich also zu ihm auf sein Zimmer und fand, nachdem ich seine Schriften durchgelesen und mich länger mit ihm besprochen hatte, dass er, von seinen Vorgesetzten beleidigt und an seiner Ehre gekränkt, seine Fahne verlassen und sich nach Tirol begeben habe, um daselbst wider seine Landsleute Kriegsdienste zu tun. Allein Hofer traute ihm nicht und daher musste er, zwar mit aller Achtung und Schonung behandelt und bestens verpflegt, solange Hofer in der Burg residierte, auf seinem Zimmer bleiben.

Von nun an ging ich täglich in die Burg und in die Kanzlei Hofers, teils um die Tagesneuigkeiten aus der ersten Hand zu holen und teils um gelegentlich mit Hofer selbst der oben erwähnten Arrestanten wegen zu sprechen. Da sah ich nun, wie ärmlich und elend Hofers Lage war. Von allen Seiten liefen ihm Forderungen der Kommandanten, bald um Lebensmittel, bald um Pulver und Blei und besonders um Geld ein. Alle Augenblicke sollte er diesem eine Bitte gewähren, jenem eine andere Gnade schriftlich zufertigen lassen, da kamen einige und verlangten die Befreiung eines Züchtlings, dort schrieen wieder andere, es sei ihnen ein Prozess oder ein Richterspruch nicht nach Recht und ihrem Willen ausgefallen. Jetzt stürmte eine Partei übermütig polternd in die Kanzlei herein und schrie ihm manchmal, ohne dass einer den anderen zur Sprache kommen ließ, mit ihrem Handel die Ohren so voll, dass er sich öfters nur umgekehrt und davongegangen ist. Nun kamen wieder einige Gerichtsvorstände und verlangten die Absetzung ihrer Obrigkeit; andere wollten ihrer geleisteten Dienste wegen belohnt oder befördert sein, und der Schneidermeister Karl Piffeli von Schlanders wollte darum, dass er am 4. Oktober Sr. Majestät dem Kaiser Franz zu Ehren allerhöchst dero Bildnis vor sein Zimmerfenster gestellt und dabei ein Dutzend Lichter angezündet hatte, eine ganz besondere Gnadenverleihung haben. Was er verlangte, wie hoch er seine Verdienste um das Vaterland und wie teuer er seine Kerzen zu schätzen wusste, können Sie aus seinem nachstehenden, dem Adjutanten Purtscher zugeschlossenen Sollizitationsschreiben entnehmen:

„Schlanders den 9. Oktober 1809.
Hochgeehrtester Herr Herr usw.
Da ich ihnen mit meinen schlechten zeillen überlestigen muß, indeme ich eine grosse Bitte an ihnen hawe. ich habe durch den Hrn Haubmann von M . . . . an unsern Hrn Oberkommandant ein Bit schritt ein reichen lassen von wegen einen wein Schanks Bewilligung, also nehme ich meine Zuflucht zu ihnen und bitte sie wohlen doch ein gutes Wort verleihen, sie wissen es alles was ich vor dem Vaderland und auch dem Keiser zu Eren Gethan hawe, sonderlich an disen Namen Fest, da hawe ich mich villes kosten lassen da sonsten kein Mensch nichts gethan hätte, ich bitte ihnen nehmen sie sich meiner an und sagen sie es dem Hrn. Oberkommandant unsern Hrn. Vetter was ich gethan hawe mit Gegen Beifahl des Volkes, also bitte ich ihne noch einmal sie wissen wohl ich hawe halt auch vill Kinder und suche mich zu Neren.
Ich embfele mich und hofe auf ihre Gnad."

Bittschriften und Briefe ähnlichen Inhalts bekam Hofer oft zu Dutzenden mit den sonderbarsten Aufschriften und Titeln. Obschon ich ihn nun fast täglich zu sehen bekam und auf Ansuchen seiner Adjutanten schon manchen aufgefangenen italienischen und französischen Brief übersetzt und auf mehrere italienische Bittschriften, doch nie mit Beisetzung meines Namens, die Antworten verfertigt hatte, so wagte ich es doch noch nie, für die oben erwähnten Gefangenen bei Hofer selbst zu bitten. Am 13. Oktober endlich war ich so glücklich, mit Hofer das erste mal eine längere Unterredung anzuknüpfen. Eben an diesem Tage war es, wo die Innsbrucker Zeitung ankündete, „soeben sei die höchst erfreuliche Nachricht eingegangen, daß der Friede zwischen Sr. Majestät dem Kaiser von Österreich und Sr. Majestät dem Kaiser von Frankreich geschlossen worden und für Österreich überhaupt, insbesondere aber für Tirol sehr vorteilhaft und zur erwünschten Zufriedenheit ausgefallen sei." — Wie oder durch wen diese Nachricht ins Land gebracht worden, weiß ich nicht. Man behauptete an diesem Tage vielfältig, Tirol sei im Friedensschlüsse dem Erzherzog Ferdinand zugeteilt worden; die meisten aber bezweifelten noch die Wahrheit der ganzen Nachricht, hielten sie für einen Kunstgriff der Baiern und wunderten sich nicht wenig, dass sie der Sandwirt in den Zeitungen öffentlich bekannt machen ließ. Freilich sprach man schon bereits einige Tage früher ziemlich laut, dass der Friede seinem Abschlüsse ziemlich nahe sei.

Nun, am besagten Tage nach Mittag ging ich, vorzüglich aus Neugierde angetrieben, in die Kanzlei Hofers und fand ihn gerade in seiner übelsten Laune, weil er sich einer kleinen Unpässlichkeit wegen Ader gelassen und eben im Begriffe war, eine sogenannte Keuschheitsaudienz vorzunehmen. Die schreienden Parteien waren 4 Personen, ein Bauer, sein Weib, ein Knecht und eine Magd. Vorzüglich traten die Bäuerin und die Magd als gegenseitige Klägerinnen auf. Die Bäuerin klagte die Magd einer erprobten, etwas zu warmen Vertraulichkeit wegen mit ihrem Manne und diesen über daraus erfolgte Misshandlungen und eheliche Kälte an; der Mann beschuldigte das Weib über früher gebrochene Treue und beklagte sich über den danebenstehenden Knecht, dass er ihm schon seit längerer Zeit ein ungeheures, sehr kostspieliges Geweih auf die Hirnschale gepflanzt habe. Der Knecht verteidigte sich schwächlich, aber desto hitziger wusste die Magd, nach angeborener Sitte aller Jungfern, ihre Schamhaftigkeit ans Licht zu stellen und machte ihrer Gebieterin die erbaulichsten Vorwürfe über gewisse Kleinigkeiten, die sie sogar gesehen zu haben beschwor. Jetzt wurde der Streit für den Zuhörer erst interessant. Die beiden Susannchen schnatterten sich mit feurigem Geifer Sächelchen vor, von denen selbst ein Reifenstuhl keine Erwähnung tut. Manchmal schrieen alle vier zugleich und so heftig zusammen, dass Hofer sich endlich gezwungen sah, Stillschweigen zu gebieten, um ihnen folgenden Bescheid zu geben: „Schamts enk nit," sagte er ihnen, „ös Facken! 2), Facken seid's alle viere. Ist itz deß a Streit? seid's ös Christen? Lumpenleut seid's! wie tiet denn ös beichten? marschiert enk und wenns mier no a mal mit solchen Fackereien kemmt, laß ih enk alle viere insperr'n. Marsch fort, geht mier aus 'm G'sicht, ös Saumagen!"

2) Schweine.

Während diesem komischen Auftritte besah ich flüchtig einige auf einem Seitentische liegende Bittschriften, die alle von verschiedenen Priestern dem Fürstbischof zu Brixen überreicht und, von Hochdemselben gutachtlich einbegleitet, dem Hofer zugeschlossen waren. Es war deren eine ganze Menge und in jeder jammerte irgendein Priester, dass er während der ganzen Insurrektion von dem Schulfond oder von einer anderen betreffenden Staatskasse keinen Kreuzer von dem ihm zufließen sollenden Gehalt empfangen habe. Auch von den Domherren zu Brixen lag eine sehr lange Bittschrift dabei. Diese wollten eiligst in alle ihre früheren Rechte und Privilegien eingesetzt sein und verlangten vorzüglich, Hofer solle ihnen sowohl den Ersatz ihrer durch eine Kgl. baierische Verordnung verlorenen Ölkuchen, als die höchste Zusicherung, dass man sie ihnen künftig richtig verabfolgen werde, zufertigen lassen. Obschon ich mich um die alleruntertänigsten Bitten der Herren Canonici ebenso wenig als um ihre verfallenen und künftigen Ölkuchen zu bekümmern hatte, so machte doch der Zufall, dass, da unter den mehreren Bittschriften auch eine von einem meiner Anverwandten, von dem Zollkaplane zu Martinsbruck, Priester Joseph Untersteiner, einem ebenfalls unbehilflichen Vetter vorlag, ich sie alle zusammennahm, damit zum Hofer ging und ihm sagte, er möchte doch vorstehende Einlagen und Gesuche, indem sie vom Fürstbischöfe zu Brixen gutachtlich einbegleitet wären und vermöge der Daten schon einige Tage daliegen müssten, erledigen lassen. — „Ja," sagte mir Hofer, „vom Herzen gern; aber ih kanns nit tien und meine Adjutanten können lei Sturm schreiben." — „Herr Oberkommandant," sagte ich ihm, „wenn Sie sich mit mir auf ein Stündchen in ein Seitenzimmer begeben möchten, so wollte ich Ihnen Stück für Stück vorlesen und Ihnen erklären, auf welchen Gründen die verschiedenen Bitten beruhen; Sie könnten mir darauf Ihre Meinung sagen, und ich würde dann dem Konsistorium zu Brixen unter einem Berichte auf alle vorliegenden Ansuchen in Ihrem Namen antworten." — „Deß war mier recht lieb," sagte Hofer, „der Bischof z' Brixen ist gar a rarer Mann." — Wir gingen in ein Seitenzimmer; ich las dem Hof er eine Bittschrift nach der anderen vor und sagte ihm über jede meine Meinung. Meine Meinung wurde allemal auch die seinige; endlich kamen wir auch zum Ölkuchen-Gesuch der Domherren von Brixen. „Ja, was ist denn döß?" fragte mich Hof er, „Ölkuchen?" — Ich erwiderte ihm, dass, soviel ich mir einmal habe erzählen lassen, die Herren Canonici zu Brixen ehedem, aus welcher frommen Stiftung oder aus welchem Fond weiß ich nicht, ob täglich oder wöchentlich oder bloß zu gewissen Zeiten ist mir ebenfalls unbekannt, eine bestimmte Quantität Ölkuchen (d. h. Kiechel) bekommen haben, die sie, wenn sie gut ausfielen, ihren Freunden und Freundinnen verehrten und mit welchen sie, wenn sie schlecht waren — was öfter der Fall gewesen sein soll — jene hungrigen Studenten fütterten, welche statt ihrer in der Kirche das „Domine labia mea aperias" und die Psalmen Davids herabzuschreien bestellt waren. — „Ja, so wohl," sagte Hofer, „itz versteh' ihs erst; wiss'n die Herren z' Brixen nichts G'scheiters? Schreiben Sie ihnen, sie sollen warten, bis der Kuaser 's Landl übernimmt, ih han af andere Sachen z' denken, als ihre Krapfen; sie werd'n derweil wohl etwas anders z' essen haben. Geistlicher Herr! Schreiben Sie, was Sie wöll'n, ih siech schon, Sie versteh'n die Sachen besser als ih, wenn Sie fertig sein, tien Sie mih riefen." Mit diesen Worten stand er auf und ging wieder in das Kanzleizimmer hinaus. Ich machte meinen Bericht so kurz als möglich und mit aller Würde, nur dass ich mich, weil ich dazu beauftragt war, über der Domherren Ölkuchen-Gesuch ein wenig lustig machte. Wie ich fertig war, las ich dem Hofer meinen Aufsatz vor; er horchte mit gespannter Aufmerksamkeit zu und sagte mir am Ende diese formalen Worte: „Döß ist brav, Paterl, Sie waren 's Mandl!" — „Was wollen Sie hiermit sagen, Herr Oberkommandant?" fragte ich ihn. — „Sie hab'n itz da a Schrift g'macht," erwiderte er mir, „die versteh ih ganz; die Herren von der Administration schick'n mier oft Sachen her z' unterschreiben, wo ih nit s' halb davon versteh." „Mein lieber Herr Oberkommandant," sagte ich Ihm, „dadurch machen Sie mir eben kein schmeichelhaftes Kompliment. Sie wollen mir höchstens sagen, ich habe keinen Kanzleistil." — „Ach was, Kanzleistil," erwiderte Hofer, „die Herren sollen so deutsch schreib'n, daß es d' Bauern ah versteh'n, seitdem deß hochdeutsch Wesen aufkemmen ist, werd'n die Zeiten alleweil schlechter. Kommen Sie, geistlicher Herr! itz geh'n mier a Halbe trinken." Hofer schickte um Wein, wir setzten uns auf ein Kanapee, den Wein stellten wir in unsere Mitte und begannen folgendes Gespräch:

Ich: „Herr Oberkommandant, dürfte ich nicht eine Bitte an Sie wagen?"

Hofer: „Ja, was soll's sein?"

Ich: „Nur um Verhör für die armen Arrestanten im Kräuterhause bitte ich; ich weiß zwar nicht, worin ihre angeblichen Verbrechen bestehen und ob sie schuldig oder unschuldig sind; ich will auch hiemit nicht um ihre Freilassung, sondern bloß um die gerechte Gnade gebeten haben, dass Sie ihre Anklagspunkte von einem unparteiischen Richter untersuchen lassen."

Hofer: „Geistlicher Herr! Schweig'n Sie mier von diesen Lumpen! sie sein guet aufg'hoben, sie hab'n die armen Walschen schon lang peiniget gnug, sein döß Kommandanten, die lei d' Leut ausplündern, Lumpen sein's, ih han sie nit zu Kommandanten g'macht."

Ich: „Aber könnten nicht die Ankläger Verleumder oder noch die nichtswertern Schurken sein? Herr Indest schwört hoch und teuer, sein Gewissen mache ihm nicht den geringsten Vorwurf eines Verbrechens, er leide unschuldig bloß als ein Opfer eines Privatfeindes. Dalponte sagte mir, Sie sollten ihn auf dem öffentlichen Platze aufhängen lassen, wenn ein rechtlicher Richter ein Vergehen an ihm findet; und so beschwört auch Garbini seine Unschuld. Zum Verhör und zur Verantwortung lässt man in jedem Staate sogar Straßenräuber, Mörder und Mordbrenner kommen. Auch Ihnen, Herr Oberkommandant, liegt die Pflicht auf, Ihre Arrestanten zu verhören."

Hofer: „Ih kann's nit tien, und laß ih sie von den Herren untersuchen, sein sie alle unschuldig, und von Garbini will ich schon gar nichts hör'n, der sell ist nit a mal a Christ; ih hätt'n z' Meran zum Kommadant g'macht, wenn er mier war beicht'n gangen. Aber na! nit darzue bracht han ihn; und er ist ja nit a mal a Tiroler."

Ich: „Verzeihen Sie mir, ich kenne zwar den ganzen Garbini und seine Verhältnisse zu unserm Vaterlande nicht, doch muss ich Ihnen eine Bemerkung machen: Als ich in Rom einmal einige Wochen nach Ostern auf mehrere Pfarrkirchtüren schwarze Tafeln angeheftet und auf selben eine ganze Litanei verschiedener Namen, welche aber alle Menschen von der niedrigsten Klasse, als Pagarini, Vetturini, Ortulani, Fachini usw. bezeichneten, geschrieben sah, die alle darum, weil sie sich mit keinem Zeugnisse ausweisen konnten, um Ostern nach der Vorschrift richtig gebeichtet zu haben, dem Volke als exkommuniziert gezeigt wurden, so fragte ich meinen alten erfahrenen Lehrer, woher es denn käme, dass auf diesen Tafeln nicht ein einziger Name eines Fürsten, Grafen, Barons und sonst eines vornehmen ansehnlichen Herrn zu lesen wäre? Diese, gab er mir zur Antwort, lassen gewöhnlich entweder ihre Bedienten für sich beichten, oder sie sind ungläubig genug, die ganze Beichtpflicht für eine Kirchenvorschrift zu halten, der man mit einigen Worten Genüge leisten kann, und machen sich nicht den geringsten Gewissensvorwurf, des Beicht- und Kommunionzettels wegen sich und ihren Beichtvater zu betrügen. Die erstem armen Tröpfe aber schaudern mit frommem Glauben schüchtern zurück, ein Sakrilegium zu begehen, und ertragen lieber die offene Schande und den Bann der Kirche, als dass sie sich mit sündhafter Verschwiegenheit einen Beichtzettel herauslügen möchten, weil sie wohl wissen, dass, wenn sie die Wahrheit sagen würden, sie mit ihrem Gewissensrate solange, bis sie nicht ihre nächsten Gelegenheiten zur Sünde aufgeben — wozu sie aber weder Neigung noch Willen haben — die größten Umstände bekämen. Sehen Sie, mein lieber Herr Oberkommandant, ebenso glaube ich, sei Garbini gerade darum noch ein Christ, weil er Ihnen nicht Folge geleistet hat; sonst wäre er zu den Kapuzinern hinabgegangen, hätte einem demütig einige Kleinigkeiten in den Bart gelogen und Ihnen, um Kommandant werden zu können, über seine Gewissensentleerung ein schriftliches Zeugnis, welches ihm jeder hätte ausstellen müssen, zugebracht. Ich hoffe, Sie werden mich verstehen, was ich sagen will, und meine Bitte erhören."

Hofer: „Itz sein Sie mier still, ih will nichts mehr hör'n; sein denn Sie der Galgenpater von meinen Arrestanten? Ih wuaß schon, w'rum ih sie han insperren lass'n. — Nu was is denn döß für a Jubel? — —"

Die Türe sprang auf, ein Bauer stürzte jauchzend in's Zimmer und schrie, eine Depesche in der Hand haltend und vor Freude ganz außer sich: „Juche! itz sein mier erlöst, der Kuaser ist kemmen." — „Mensch," sagte Hofer zu diesem freudigen Boten, „Du bist narrisch." — „Bei Leib nit," erwiderte dieser, „ih han ihn schon da", und gab dem Hofer die Depesche. Hofer erbrach sie und gab sie mir, ihm vorzulesen. Die Aufschrift war:


„von Lienz
An
Titl. etc. Herrn Herrn Andreas v. Hofer
k. k. Oberkommandant in Tirol Wohlgeboren
Innsbruck."

In dem Inhalte kündigte Herr v. Roschmann dem Hofer an, dass er am 5. Oktober, wo der Friede noch nicht unterzeichnet war, aus dem österreichischen Hauptquartiere als Oberlandes- und Kriegskommissär von Tirol abgeschickt, nun durch viele Gefahren glücklich in Lienz angekommen sei; da er nun daselbst erfahren, dass das Vaterland bei Trient am meisten von dem Feinde bedroht werde, so erachte er auch zur Aufmunterung der Landesverteidiger seine Gegenwart in der dortigen Gegend am nötigsten, weswegen ihm Hofer bis Sterzingen entgegenfahren möchte, um sich daselbst mit ihm über Defensionssachen beratschlagen zu können, wobei er sich auch über seine Aufträge und Vollmachten ausweisen würde usw. — Sie können sich vorstellen, welche Freude dieser Bericht erzeugte; lange Zeit jubelten wir wie unsinnig durcheinander: „Es lebe der Kaiser, Roschmann und Hofer sollen leben!" Schnell verbreitete sich noch im nämlichen Augenblick diese erfreuliche Nachricht in der ganzen Stadt, und damit auch ich sie einigen guten Freunden, und vorzüglich meiner Herrschaft hinterbringen konnte, begab ich mich, weil es schon spät war, nach Hause.

Am anderen Tage ging ich schon frühmorgens wieder in die Burg; Hofer las einen Brief und sagte mir, als er damit fertig war: „Geistlicher Herr, Sie kommen mir g'rad z'recht, Sie müss'n mier eine G'fälligkeit erweisen." — „Von Herzen gern," sagte ich ihm, „wenn ich nur kann." — „Sie müss'n mir in's Unterinntal hinabreiten," fuhr Hofer fort, „und dort die Sachen a bißl in Ordnung richten, da unten huaßts völlig nichts mehr, die Bauern sein nichts nutz, die Richter sein nichts wert, und die Geistlichen huaßen a nit viel; itz geh'n Sie mier nur, reiten Sie hinab, machen Sie, daß döß Ding a bißl besser z'samm geht; schaug'n, was Sie können, ih han mier schon g'lassen erzählen, daß Sie guet predigen können." — „Mein lieber Herr Oberkommandant," erwiderte ich ihm, „diesen Gefallen kann ich Ihnen nicht erweisen. Ich bin Priester und habe an Eurer ganzen Geschichte bisher nicht den geringsten Anteil genommen; ich bin Priester und brauche nach dem strengsten Sinne des Wortes nichts als Staatsschutz, ob mir diesen ein Kaiser oder ein König, oder wer anderer angedeihen lässt, gilt mir ganz gleich, ich bin von jeher gewöhnt, jeden Machthaber und jede Polizeibehörde, weil ich muss, zu respektieren.  Ich habe erst vor 14 Tagen unter den vorteilhaftesten Bedingnissen eine Hofmeisterstelle übernommen, die ich nicht sobald wieder zu verlassen gedenke: und mit einem Worte, diesen Ritt kann ich um so weniger unternehmen, als bestimmter ich mich überzeugt halte, dass ein ähnliches Geschäft für einen Priester selten gut ausfalle. Krönet der Erfolg die Unternehmung, so sagt wenigstens die halbe Welt, der Pfaffe hätte doch zu Hause bei seinem Brevier bleiben sollen; und sollte die ganze Geschichte, was zwar keinen Anschein mehr hat, fehlschlagen, dann ist der teilnehmende Priester der erste, den man, wo nicht gar aufhängt, wenigstens in einem Kerker verschmachten lässt oder unablässlich verfolgt." — „Ja," sagte nun Hofer, „itzt schaut a mal den Fürchter an, hab'n mier etwa itzt, wo der Roschmann da ist, von Kuaser nit Versicherung und Aussichten g'nug?" — Dieser Satz war es, an dem meine ganze Staatsweisheit scheiterte; mit diesen wenigen Worten hatte Hofer alle meine früheren Bedenken und Zweifel gehoben und besiegt. Ich versprach ihm, noch nach Mittag abzureisen, und habe mir nichts als Vollmacht und Hofers bestes Reitpferd bedungen.

Nach dem Essen nahm ich Abschied von meiner Herrschaft; dem Appellationsrat v. Peer, der bisher mein weiser Mentor war, habe ich absichtlich von der Donquichottiade, die ich vor hatte, nichts gesagt, weil ich schon vorläufig wusste, dass er mir abraten würde. Hofer ließ mir eine unumschränkte Vollmacht ausfertigen und gab mir einen mutigen vierjährigen Rappen. — Nun haben Sie den Esel auf dem Pferde. — Am nämlichen Tage, wo die kriegführenden Mächte den Frieden abgeschlossen haben, trete ich nun das erste mal gleichsam als Chef der Insurgenten in Tirol auf. Sie kennen mich und wissen, dass ich von jeher entweder keine oder eine Hauptrolle spielte und entweder nichts oder recht viel zu tun pflegte. Daher werden Sie mir auch glauben, dass ich nun mit Leib und Seele Insurgent war; nur blieb mir, gottlob, Kopf und Herz bei jeder Gelegenheit auf der rechten Stelle. Mit meiner Vollmacht und mit meinem geistigen Rappen hatte ich eine kindische Freude.

Eh' ich am 14. Oktober abends von Innsbruck abreiste, sagte mir Hof er, was ich vorzüglich zu tun hätte, und auf der Türschwelle noch diese formalen Worte: „Zum selben Pfarrer in Fügen reiten Sie hin und sagen ihm, er soll bald katholisch werd'n und denselb'n Mensch, weil's alle Leut hab'n wöll'n, auf der Stell heirat'n lass'n oder ih lass'n af Innsbruck transportieren." — „Ja welchen Menschen?" fragte ich ihn. — „Sie werd'ns schon erfragen," gab er mir zur Antwort, „itzt geh'n Sie nur a mal in Gotts Namen." — Am nämlichen Abend ritt ich noch bis Schwaz, wo ich durch die Nachricht der Ankunft des Herrn v. Roschmann das umlaufende Gerücht des abgeschlossenen Friedens erstickte. — Am 15. begab ich mich nach Fügen und nach dem Gottesdienste (es war gerade Kirchweih-Sonntag) zum Herrn Pfarrer daselbst. „Ihro Hochwürden," sagte ich, als ich in sein Zimmer trat, „ich komme zu Ihnen in der Eigenschaft eines Bevollmächtigten des Sandwirts und sollte Ihnen in seinem Namen eröffnen, dass Sie den bewussten Menschen heiraten lassen sollen, weil es die ganze Gemeinde so wünscht" — und zeigte ihm meine Vollmacht. Nachdem er diese durchgelesen und mich starr ins Aug' gefasst hatte, sagte er mir: „Sie sind also Priester, folglich auch Theolog." — „Priester bin ich," erwiderte ich ihm, „Theolog sollte ich sein." — „Gut," fuhr er fort, „sind ihnen die Verhältnisse des Burschen, den ich kopulieren sollte, bekannt?" — „Ganz und gar nicht", war meine Antwort. — „Also wissen Sie," sagte er nun, „der Bursche, von dem die Rede ist, ist ein liederlicher Mensch, lebt im Konkubinate mit einer Dirne, die er zwar heiraten will, ist aber vermöge der österreichischen Gesetze noch militärpflichtig. Ich als Pfarrer habe mich an die Vorschriften desjenigen Fürsten zu halten, dessen Untertan ich bin. Nun gegenwärtig bin ich noch, bis mich ein Friedensschluss einem andern Herrn unterwirft, Österreichs Untertan und habe mich folglich nach keinen andern als nach den österreichischen Gesetzen zu richten; diese verbieten mir aber irgendeinen, welcher der Konskription unterworfen ist, zu kopulieren. Nun den Schluss", sagte er, „kann sich der Herr als Theolog selbst machen und dem Hofer melden, dass ich von ihm nie einen Befehl annehmen, noch weniger respektieren werde. Hiermit haben wir ausgesprochen. Adieu." — Ich hatte mir den Schluss auch schon wirklich, eh' er ausgesprochen hatte, gemacht, versprach Sr. Hochwürden, dem Hofer diesen Heiratshandel von der wahren Ansicht zu eröffnen, empfahl mich und dachte mir im Weggehen: „Nun, wenn man Hofers Aufträge und seinen Bevollmächtigten im Salzburger Gebirge und im Unterinntale überall so wie im Pfarrhofe zu Fügen respektieret, so werde ich wahrscheinlich keine besonders glänzenden Rollen zu spielen haben."

Als ich zurück ins Wirtshaus kam, traf ich daselbst die Ortsvorstände, die ich indessen hatte zusammenberufen lassen, schon versammelt an. Diese versetzten mich aber in größere Verlegenheit als selbst ihr Herr Pfarrer. Kaum hatte ich meine Rede an sie begonnen, unterbrachen sie mich schon mit tausend Klagen über ihren sogenannten Oberschreiber. „Wir", sagten sie, „sollen immerfort mit den Tirolern gemeinschaftliche Sache machen, und die Abgaben und das Umgeld müssen wir noch immer nach den österreichischen Gesetzen entrichten; der Sandwirt hat es uns schriftlich zugesichert, dass wir, wenn wir unsern Landsturm an jenen der Tiroler anschließen, nicht mehr als Österreicher, sondern in allen Stücken und Freiheiten wie die Tiroler behandelt werden sollen." Ich wusste von dieser Geschichte keine Silbe; erst hier habe ich erfahren, dass der Sandwirt mit den Gebirgsbauern von Salzburg einen förmlichen Kontrakt und Landesvertrag abgeschlossen und ausgewechselt habe, kraft dessen er sie als Tiroler und aller tirolischen Privilegien teilhaft erklärte, sie sich aber anheischig machten, an allen Angelegenheiten und Gefahren Tirols eifrigsten gemeinsamen Anteil zu nehmen. Man denke sich meine Verlegenheit; die mir übertragene Vollmacht Hofers hatte ich ihnen schon gezeigt, ich stand also dieser zufolge vor ihnen wie Hofer selbst da. Was nun beschließen? Nichts? welch ein sauberer Bevollmächtigter! Beim alten es belassen? Was ist dann der Zweck meiner Reise? Das Betreiben der Abgaben und des Umgeldes nach den österreichischen Gesetzen gänzlich aufheben? Wie konnte ich wagen, dieses unterdessen bis auf weitere Weisungen einzustellen? Wie gefährlich mochte mir selbst dies werden! — Du bist jetzt einmal Bevollmächtigter, dachte ich mir endlich, und als solcher musst du selbständig zu handeln wissen; und ließ den oben benannten Oberschreiber zu mir berufen. Dieser kam; den Vorstehern, die alle zu gleicher Zeit zu schreien anfingen, gebot ich mit ernstem Ansehen Stillschweigen. Den Oberschreiber aber sprach ich mit steifem Ernste und insurrektioneller Würde also an: „Mein Herr! Nachdem zwischen dem Kais. Kgl. Oberkommando Tirols und zwischen den Deputierten des Salzburger Gebirgsvolkes ein förmlicher Vertrag geschlossen worden, kraft dessen sich dieses verpflichtet, Tirols gerechte Sache wider die Feinde Österreichs auch als die seinige anzusehen und zu verteidigen, jenes aber erkläret hat, die an unserm heiligen Kampfe teilnehmenden Salzburger als Tiroler zu erkennen und ihnen alle Vorteile unserer errungenen Freiheiten einzuräumen, so eröffne ich Ihnen hiermit als Bevollmächtigter des belobten Kais. Kgl. Oberkommandos (hier zeigte ich ihm meine Vollmacht), dass von dem Augenblicke an, bis Sie fernere Weisungen werden erhalten haben, die Betreibungen des Umgeldes und der übrigen Abgaben nach den österreichischen Vorschriften suspendiert bleiben müssen. Ich will hoffen, Sie werden sich von der Stunde an ebenso pünktlich nach dieser meiner Verfügung zu benehmen wissen, als angenehm und fest ich mich überzeugt halte, dass Sie als österreichischer Beamter in Betracht der gegenwärtigen Verhältnisse notwendig einsehen werden, dass ich dadurch nichts als die Vereinigung wirksamer Kräfte gegen die Feinde meines und Ihres Vaterlandes und unsers gemeinsamen vielgeliebten Kaisers Franz zu erzwecken und zu erhalten beabsichtige." — „Ich bin gewöhnt," erwiderte nun der Herr Oberschreiber mit sichtbar unterdrücktem Ärger und verbissenem Zorn, „als Beamter immer nur nach den mir vorliegenden Gesetzen und Vorschriften zu handeln. Ich muss und werde auch der soeben mir von Ihnen eröffneten Weisung um so mehr nachkommen, als ernsthafter der Ton ist, mit welchem Sie mich an meine Pflichten zu erinnern belieben. Nur muss ich Sie auffordern, mir Ihren Auftrag zu meiner künftigen Legitimation gefälligst schriftlich zu erteilen.“ — Dies glaubte ich ihm schuldig zu sein und entsprach daher seinem Verlangen. Als sich der Oberschreiber entfernt hatte, dankten mir die Vorsteher, besonders die Wirte für meine einsichtsvolle Verordnung und begleiteten mich unter tausend Segnungen bis ans Ende des Dorfes. Ich ritt noch bis Kundl, wo ich sehr spät ankam.

Am 16. früh begab ich mich nach Wörgl und daselbst zum sich „Grenzkommandant" nennenden Beham. Als ich mich bei diesem um die Lage der Dinge erkundigte, sagte er mir, es stehe im ganzen Unterinntale gleich schlecht, es fehle aller Orten an den notwendigen Verteidigungsmitteln, die Leute wollen ohne Löhnung nicht länger mehr auf ihren Posten bleiben, heute noch wollen alle Kompanien, die gegen Kufstein hinab stehen, ihre Verteidigungsplätze verlassen und nach Hause ziehen, er wisse sich nicht mehr zu helfen.

Nun dachte ich mir, hier gibt's Arbeit, und galloppierte nach Langkampfen. Daselbst suchte ich zuerst die Herren Hauptleute und Offiziere zu gewinnen, was nicht schwer hielt. Als ich diese auf meiner Seite hatte, ließ ich die Mannschaft auf dem Platze aufstellen. Ein jeder kam mit seinem Brotsacke auf dem Rücken, als wenn er von mir die Erlaubnis zum augenblicklichen Abmarsche zu vernehmen hätte. Mit der höchsterfreulichen Nachricht der Ankunft des Herrn v. Roschmann eröffnete ich meine Rede und zeigte, wie Österreichs Hilfe und Unterstützung nicht lange mehr ausbleiben könne, indem wir an der Person des Herrn Oberlandes- und Kriegskommissars v. Roschmann, der Tag und Nacht geeilet, um sich in unsere Mitte zu stellen und unsern Mut neu zu beleben, den unverkennbarsten, sprechendsten Beweis von der allerhöchsten Huld und Gnade Sr. Majestät des Kaisers, unsers allerbesten innigst geliebten Landesvaters, vor Augen hätten. Ich bewies nach allen Beredsamkeitsregeln, wie uns der Kaiser gewiss nicht einen Spezialkommissär würde ins Land geschickt haben, wenn er nicht gesinnet wäre, den Krieg noch fortzuführen und uns ehestens kraftvoll zu unterstützen. „Jetzt," sagte ich, „Männer, kömmt es erst hauptsächlich auf Zusammenwirken der gesamten Streitkräfte und auf heldenmütige Ausdauer an, jetzt müssen wir erst beweisen, dass wir ein Volk sind, dessen Kräfte und Mut nichts zu schwächen vermag, dass wir unsere so blutig uns wiedererrungene freie Landesverfassung um keinen Preis mehr wollen entwinden lassen, dass wir ein Kraftverein von Männern, dass wir Tiroler sind, die wir, wenn es unsern allgeliebten Kaiser Franz, die Rettung unseres Vaterlandes, das Wohl unserer Mitbürger und die Verteidigung unserer Altäre gilt, jedem auf uns einrollenden Ungewitter ebenso felsenfest wie unsere Gebirge entgegenzutrotzen gelernt haben." — Hier unterbrachen mich einige und schrien: „Sie hab'n leicht z' red'n, red'n laßt sich viel. Mander, dauert aus, deß ist bald g'sagt, mir steh'n schon 3 Wochen über unserer Zeit da, ein Tag und alle Tag huasts: itz werd'n mier abg'löst; mier hab'n nichts z' fress'n, nirgends kua Geld, kuane Schuh mehr, vo Sterzing und Brixen bis daher ist g'wiß kua kluaner Weg. W'rum soll'n denn g'rad mier s' Sandwirts Narren sein? Er hat leicht z' kommadier'n z' Innsbruck oben! Deß Kommando, was er führt, kann jeder andere Lümmel a führ'n; z' Innsbruck oben in der Stub'n huck'n, fress'n und sauf'n und uns da brav Hunger leid'n lass'n, ist deß a Kommando? Kua Stund bleib'n mier mehr, geh der Teufl, wie er will, mehr als z' Grund geh'n können mier nie. Der Kuaser ist scho recht, übern Kuaser laß'n mier nicht kemmen, aber sella Kommissari hat er uns schon g'nug ins Land g'schickt, er soll a mal brav Geld und Leut schick'n!"

Nun galt es Brust und Stimme! Ich widerlegte ihre Einwendungen, ich schmeichelte ihrer Tapferkeit, ich versprach ihnen goldene Berge, ich stellte ihnen die Gefahren vor, in welche sie das Vaterland stürzten, wenn der Feind erfahren würde, dass Unfolgsamkeit und Zwietracht unsere Bruderschaftsbande zerreißen, ich bat, beschwor, drohte und fing endlich, nachdem ich sie durch nichts bewegen konnte, am Ende wie ein Matrose fürchterlich zu fluchen an. Dies letzte Mittel fruchtete; sie schwiegen — wahrscheinlich erstaunt, einen geistlichen Herrn so militärisch und kraftvoll fluchen zu hören. Nun fing ich mit meinen Vorstellungen von neuem an; allein schnell unterbrachen sie mich und sagten: „Wir können über zwölf Uhr keine Stunde mehr da sein." — „Ja, warum denn nicht?" fragte ich sie. — „Weil wir", gaben sie mir zur Antwort, „scho gester alle z'samm g'schwor'n hab'n, wenn wir heut noch bis 1 Uhr hier sein, soll der Teufl kemmen, und soll uns alle vertrag'n." — Ich nahm nun Zuflucht zu meinem schwarzen Rocke und sprach sie von ihrem unbesonnenen Schwüre los. — „Nun," sagten sie, „so wöll mier noh 24 Stund da bleiben." — Ich wollte, sie sollten mir noch 48 Stunden aushalten, bis man sie ablösen und durch andere Kompanien gehörig ersetzen könnte: allein sie wollten um alles in der Welt keine Minute mehr zugeben. Endlich ließen sie sich nach vielem Zureden noch 12 Stunden abhandeln, mit dem Bedingnisse, dass ich es ihnen schriftlich abgeben musste, sie dürften nach Verlauf von 36 Stunden, sie mögen bis dahin von andern Kompanien ab- oder nicht abgelöst werden, ihre Posten verlassen und nach Hause ziehen. Da ich bestimmt wusste, dass innerhalb 36 Stunden keine organisierten Kompanien, diese zu ersetzen, eintreffen konnten, so ließ ich durch den Herrn Major Sieberer in der ganzen Gegend den Landsturm aufbieten, um durch diesen, bis die erforderliche Mannschaft einrücken würde, die wichtigsten Punkte zu besetzen.

Sobald ich in Langkampfen mein Geschäft so gut als möglich abgetan glaubte, ritt ich wieder nach Wörgl zurück und von da noch am Abend nach Hopfgarten. Daselbst ließ ich wieder die Ortsvorsteher zusammenberufen und spiegelte ihnen, weil Hopfgarten so wie Fügen zu Salzburg gehörte, in einer langen Unterredung die glänzenden Folgen der Ankunft des Herrn v. Roschmann und die Freiheiten und Vorteile vor, welche ihnen in Bälde aus dem Vertrage, den sie mit Hofer abgeschlossen haben, zufließen werden. Am 17. begab ich mich nach Kitzbühl, wo mir einige Magistratspersonen, als ich ihnen mit meinem Steckenpferde, nämlich mit der erfreulichen Nachricht der Ankunft des Herrn v. Roschmann geritten kam, bedeuteten, dass soeben vom Kommandant Wintersteller der Auftrag eingelaufen sei, mit Ansicht dessen aller Orten Sturm zu schlagen und die ganze Sturmmannschaft eiligst nach Kössen und Waidring vorzuschicken. Die Ursache dieses plötzlichen Lärms konnten sie mir nicht bestimmt angeben. Daher schwang ich mich augenblicklich wieder auf das Pferd und galoppierte mit verhängtem Zügel nach St. Johann. Daselbst traf ich auf dem Platze ungefähr 80 bis 100 Landstürmer an, die, als ich sie fragte, was es denn eigentlich gebe, mir trotzig antworteten: „Deß hört ös aft wohl selba, Sturm schlag'n tuets, verspielt ist der ganze Tuifl wieda." — „Ist denn", fragte ich weiter, „kein Kommandant hier, oder wo seid ihr denn eigentlich hinbeordert?" — „Jawohl, Kommadant," sagten sie, „d' Kommadanten sein aft lei gueta Manda im Wirtshaus. Der Kommadant Firler ist davon g'sprengt, as wenn er n' Tuifl und d' Buarn alla scho af'n Buggl g'habt hatt', und wo mier hin soll'n, wiss'n mier selbst nit." — „Wenn's so ist, Männer," sagte ich nun, „so schließet euch an mich an. Kann keiner unter euch lesen?" Einer trat vor; diesem gab ich meine Vollmacht vom Pferde herab mit dem Auftrag, er solle sie den übrigen vorlesen. Nachdem dies geschehen, sagte ich ihnen: „Männer, ihr habt nun gehört, wer ich bin, durch die Übertragung dieser unumschränkten Vollmacht hat mich der Sandwirt, der Mann, auf den ihr bauet und trauet, auch stillschweigend mit seinem vollsten Zutrauen beehrt. Schenket mir auch, da ihr niemand habt, der euch befehligt, das eurige; ich stehe in des Sandwirts Namen, im Namen des Vaterlandes, im Namen des Kaisers an eurer Spitze. Habe sich ereignet, was da wolle, so müssen wir für jeden Fall vorrücken und vorzüglich das Kössener Tal zu verrammeln und zu verteidigen suchen, damit unsere Leute, wenn sie allenfalls sollten geschlagen worden sein, wenigstens von Waidring herauf zu retirieren die Flanke sicher haben. Ich reite voran, folget mir!"

Alle gehorchten und folgten mir nach Erpfendorf. Ich trabte voraus und wollte das Tal rekognoszieren; allein kaum hatte ich den halben Weg zu dem besagten Dorfe zurückgelegt, kam der Feldkaplan Karl Mahler mit verhängtem Zügel daher geritten. Ich hielt ihn an und fragte ihn, woher, wohin und warum er so eile? Anfangs wollte er mit der Sprache nicht heraus, endlich, nachdem ich ihm zu verstehen gegeben, wer ich sei, sagte er mir wörtlich folgende Neuigkeiten: „Ich komme von den Vorposten und jetzt unmittelbar von Kössen, reite dem Kommandanten Firler nach und eile so, weil die Baiern schon im Anmarsche sind und mit jedem Augenblick in Erpfendorf eintreffen können. Gestern schickte der Kronprinz von Baiern einen Offizier zu Speckbacher herüber mit der Friedensnachricht und mit der Drohung, dass, wenn wir nicht auf der Stelle abziehen und ruhig nach Hause gehen, er sich gezwungen sehe, mit der ganzen Armee feindlich ins Land einzurücken, dass er aber, wenn wir der Stimme des Friedens und der Gnade Gehör geben wollen, als Freund komme und seiner Armee sogar Kommissäre vorausschicken werde." Speckbacher aber habe trotzig alle Aufforderungen und Drohungen abgewiesen und den Offizier mit einer stolzen beleidigenden Antwort zurückgeschickt, weswegen die ganze baierische Armee heute morgens von allen Seiten zugleich hereingebrochen sei, unsere Kompanien umgangen, im Rücken abgeschnitten und teils zusammengehauen, teils gefangen habe. „Ich glaube nicht, dass von allen 27 Kompanien", fuhr er fort, „ein Dritteil sich in die Gebirge hat retten können: auch diese müssen gefangen werden, wenn sie sich nicht wie die Gemsen über die höchsten Gebirge und rauhesten Felsenwände durchklettern. Unsere Kanone, unsere Doppelhacken, unser Pulver und Blei, unsere Bagage und Schriften, alles ist in die Hände der Baiern geraten, unsere Kavalleristen sind, wenn sie nicht zusammengehauen worden, gefangen. Speckbacher und sein kleiner Sohn sind ebenfalls entweder tot oder gefangen, kurz: alles ist verloren, alles ist hin! Ich und Firler sind die einzigen, die entkommen sind, weil wir gute Pferde haben." — „Herr," sagte ich dem erschrockenen Herrn Mahler, „Sie sind mir für jedes Wort, das Sie mir da gesagt haben, verantwortlich. Ich will glauben, dass die Baiern unsere Truppen geworfen haben und im Anmarsche sind, doch wird nicht die ganze baierische Armee auf einmal aus der Nebelkappe ins Unterinntal hereingefallen sein. Die Friedensnachrichten sind bestimmt erdichtet und folglich eine List unserer Feinde, durch die sie uns einschläfern und übertölpeln wollen; ich kann Ihnen sagen, dass Herr v. Roschmann, erst am 5. dies aus dem österreichischen Hauptquartier abgeschickt, vor 4 Tagen in Lienz angekommen ist und uns von einem Friedensabschlusse kein Wort eröffnet hat. Die Baiern sind schon zweimal in unser Land eingefallen; wie wenig sie aber dadurch den Mut der Tiroler gebeugt haben, ist bekannt. Der Landsturm ist schon aller Orten aufgeboten und kann mit jeder Stunde in St. Johann eintreffen. Da ich mich überdies überzeuge, dass Euer Hochwürden, wo nicht mit mehreren, wenigst mit vier Augen gesehen haben, so ersuche ich Sie hiermit, nach St. Johann zu reiten und mir eiligst den sich dort sammelnden Landsturm nachzuschicken." — „Wenn Sie meiner Aussage nicht glauben wollen," sagte Herr Mahler, „so dürfen Sie noch eine kleine Weile hier zuwarten, die baierischen Cheveauxlegers werden bald dahertraben."

Mahler ritt nach St. Johann und ich langsam und sehr bedächtig vorwärts. Nun sah ich zwei Kavalleristen im gestreckten Trab von Erpfendorf heraufreiten. Anfangs hielt ich sie für baierische Cheveauxlegers, bald aber überzeugte ich mich, weil sie Hüte, nicht Helme trugen, dass es zwei Sandwirts-Dragoner seien. Ich hielt sie an und fragte sie mit wahrem Kommandantenernst, was sie mitbrächten. „Die Baiern kommen uns auf dem Fuße nach," antworteten sie mir, „sie müssen mit jeder Minute im Dorfe da unten eintreffen; wir zwei sind die einzigen, die noch durchgekommen sind, alle unsere Kameraden sind teils zusammengehauen, teils gefangen, und wenn wir hier lange verweilen, wird uns das nämliche Los zuteil."

Nun machte auch ich rechtsum und hieß die mir von St. Johann nachrückende Mannschaft ebenfalls umkehren. In St. Johann wollte ich abfüttern und die Pferde beschlagen lassen, weil jedes schon ein oder mehrere Eisen verloren hatte. Allein es war weder Hafer noch ein Schmied im ganzen Orte anzutreffen: weswegen ich mit beiden Dragonern von der Hauptstraße ab und nach Kitzbühel ritt. Im nämlichen Augenblicke, wo ich St. Johann verließ, kamen schon die ersten baierischen Cheveauxlegers ins Dorf geritten. Die armen Landsturmmänner liefen, ohne sich mehr umzusehen, über alle Zäune und Feldwege davon. Nachdem ich mich nun von den Baiern bereits überflügelt und von der Hauptstraße nach Wörgl abgeschnitten sah, so blieb mir kein anderes Mittel mehr übrig, als meinen Weg, um noch vor ihnen dahin zu kommen, noch in der nämlichen Nacht durch das Brixental zu nehmen. Diesen flüchtigen Nachtritt durch die rauhe Gebirgsstraße von Kitzbühel bis Wörgl werde ich in meinem Leben nie vergessen. Um 11 Uhr nachts waren erst die Pferde abgefüttert und beschlagen. Himmel und Berge waren in schwere Herbstwolken gehüllt und mit einem Worte die Nacht so finster, dass ich kein Klafter weit vor mir hinsehen konnte; und doch musste ich, wenn ich nicht gefangen werden wollte, noch vor Tagesanbruch in Wörgl eintreffen.

Um 6 Uhr morgens kam ich glücklich dort an, fand aber einen fürchterlichen Jammer und eine schreckliche Verwirrung, und dass, wie ich mir's dachte, von der Gegend von Kufstein alle Kompanien davongelaufen waren. Alles weinte und heulte im ganzen Dorfe zusammen. Weiber und Kinder flüchteten sich in die Gebirge; einer fluchte über die Baiern, ein anderer verwünschte den Sandwirt samt seinem Anhange, und jeder schimpfte über die sogenannten Grenzkommandanten. Die über Hals und Kopf davonlaufenden Sterzinger, Velturnser usw. Kompanien ließen sich durch keine Vorstellungen und um keinen Preis mehr aufhalten und zusammenstellen, um wenigstens eine Arrieregarde zu bilden; der einzige Hauptmann Stolz erbot sich noch mit seiner schwachen, meistens aus Handwerksburschen zusammengestellten Innsbrucker Kompanie zu allen Diensten. Doch was war bei einer ähnlichen Lage der Dinge mehr zu leisten oder zu retten? Ich ließ daher diesem braven Hauptmann, der schon unter den österreichischen Jägern als Offizier gedient hatte, melden, er möchte bis auf weitere Befehle nach seinem eigenen Gutdünken handeln und seine bereitwillige Mannschaft keinen zwecklosen Gefahren aussetzen, und ritt im gestreckten Trab, nachdem ich meinem Pferde in Rattenberg bloß einen Hafer gegeben, bis Innsbruck.

Um ½ 3 Uhr nachmittags kam ich in der Burg daselbst an. Als ich in Hofers Kanzleizimmer trat, empfing mich dieser sehr fröhlich und sagte mir scherzend: „Nu, Paterl, sein Sie schon da? Sie hab'n sich nit lang aufg'halten im Unterinntal; was können Sie mir denn itz guets sagen?" — „Ja, wisset ihr noch nichts, meine Herren?" sagte ich ganz erstaunt, „soll ich wirklich der erste sein, der euch von den wichtigen Ereignissen im Unterinntale Nachricht bringt? Hat denn Firler nichts berichtet?" — „Kein Wort wissen wir", sagten die beiden Herren Adjutanten. — Nun nahm ich sie mit Hofer auf die Seite und sagte ihnen, was ich wusste. Hofer sank beinahe um, Herr Math. Delama schrie Sturm! Sturm! und Herr Math. Purtscher wollte von allem, was ich erzählte, nichts glauben, weswegen ich mit ihm in einen heftigen Wortwechsel geriet. Nach längeren Debatten drangen doch meine Vorstellungen durch; Herr Delama schrieb ein Landsturmaufgebot und der junge Herr v. Wörndle, ein mutiger Stürmer, wurde eiligst damit durch's Oberinntal und Vinschgau im ganzen Lande herumgeschickt.

Ich übernachtete in der Burg. Am andern Tage als am 19. nahm ich ein anderes Pferd (mein Rappe hatte schon wenige Stunden nach meiner Ankunft in Innsbruck, eines fernem ermüdenden Lebens überdrüssig, von dieser Welt Abschied genommen) und ritt wieder bis Straß hinab, um das Vorpostenkommando zu übernehmen. Als ich daselbst ankam, fand ich, dass meine ganze Mannschaft in etlichen 30 Schützen und 14 Dragonern, die von Innsbruck vorausgeschickt wurden, bestehe. Von Schwaz bis Straß war in keinem Hause nicht eine einzige lebende Seele mehr zu sehen. In Straß musste ich mein Nachtlager in einem Stalle aufschlagen und wäre bei einem Haare von einem sich losgerissenen Pferde zertreten worden. Am 20. mit Tagesanbruch rückte schon der Landsturm von den Dörfern unter Hall hinab an und Firler führte den Zillertaler Landsturm herbei. Nun wurde beschlossen, weil schon wieder 4 — 5.000 Mann beisammen waren, nach Rattenberg wieder vorzurücken, und eh' die Baiern diesen wichtigen Platz überrumpelten, die dortigen Schanzen zu besetzen. Unsere Spione brachten die Nachricht, dass Rattenberg zwar noch nicht besetzt, dass aber heute noch die Baiern daselbst eintreffen würden: weswegen wir, um ihnen zuvorzukommen, eiligst aufbrechen mussten.

Da aber unter dem Volke die Meinungen noch etwas geteilt waren und es viele für ratsamer hielten, nicht mehr nach Rattenberg vorzurücken, sondern den Posten bei der Zillerbrücke zu verteidigen, so beschloss ich, durch eine Rede bloß Freiwillige aufzufordern, und setzte, weil die Brücke schon abgetragen und nur mehr für einzelne Menschen gangbar war, nachdem ich meinen Dragonern, um sie mutig zu machen, einen tüchtigen Branntweinrausch bezahlt hatte, durch den Zillerfluß. Die Dragoner mussten mir nachwaten. Jenseits des Flusses forderte ich nun Freiwillige auf, mir zu folgen; schon während meiner Rede, bei der ich des Wassers wegen, um verstanden zu werden, so ziemlich meine Stimme erheben musste, kam nämlich der für tot oder gefangen gehaltene Speckbacher über den Berg herab. Speckbacher erzählte mir nun sein Unglück, den Verlust seines jungen Sohnes, und dass er selbst nur noch mit genauer Not entkommen sei: ich dagegen munterte ihn mit der Nachricht der Ankunft des Herrn von Roschmann auf. Speckbacher begab sich nach Straß zurück, und ich und Firler trabten mit den 14 Dragonern voran.

Als ich nach Rattenberg kam, schickte ich einen Dragoner in die Stadt hinein mit dem Auftrage, durch selbe, wenn noch keine Baiern darin sein sollten, bis an die Schanzen zu reiten, um zu sehen, ob sie vielleicht schon über die Rattenberger Felder anrückten. Der Dragoner kam schnell zurück und rapportierte, dass er nichts gesehen, wohl aber erfahren habe, dass die Bürger in der Stadt schon gestern den Auftrag erhalten hätten, für die baierische Armee, die heute noch anrücken sollte, Brot, Fleisch, Bier und Branntwein in Bereitschaft zu halten. „Desto besser," sagte Firler, „so bekommen wir für unsere Leute etwas zu essen." Im gestreckten Trab ritten wir durch Rattenberg. Die Rattenberger machten Gesichter, als wenn sie lieber den Teufel als uns hätten kommen sehen. Sobald ich auf den Schanzen gesehen, dass noch keine Baiern im Anmarsche waren, ließ ich 7 Dragoner daselbst Halt machen und mit 7 ritt ich zurück ins Sandbichlerische Wirtshaus, wo ich mich und sie aus dem Grunde einquartierte, dass die nachrückende Mannschaft abgehalten würde, die diesem Hause zugedachte Plünderung zu verüben. Der Wirt soll, bei welcher Gelegenheit weiß ich nicht, über den Sandwirt geschimpft haben und deswegen hörte ich bei der Zillerbrücke mehrere zusammen schwören, sie wollten, sobald sie nach Rattenberg kämen, sein Haus plündern. Allein der Wirt hatte sich schon mit seiner ganzen Familie geflüchtet. Nur der Hausknecht und ein altes Weib waren noch da. Dem Hausknecht befahl ich, auf der Stelle alle in einem offenen Kasten herumliegenden Schriften und das Hausbuch zu verstecken und alle Kästen zu verschließen. Den Dragonern gab ich den schärfsten Auftrag, das Haus zu schützen und, im Falle sich die Bauern Gewalttätigkeiten erlauben wollten, diese nicht nur allein zu verhüten, sondern selbst, wenn es die Not erfordern sollte, mit Gewalt abzutreiben. Der Landsturm rückte an und wurde auf die Schanzen beordert. Einige wollten wirklich über das besagte Haus herfallen, allein sie wurden durch mich und meine Dragoner derb abgewiesen. Die Bürger mussten eiligst Bier und Brot auf die Schanzen liefern.

Nachdem die Posten besetzt und die Piqueter ausgestellt waren, ritt ich mit einem Dragoner, dem Korporal Miller, und meinem tapfern Begleiter rekognoszieren; bei St. Leonhard stieß ich auf eine baierische Kavalleriepatrouille. Sie können sich vorstellen, wie schnell ich umkehrte. Den lüftigen Füßen meines Pferdes und meinem tapfern Begleiter verdanke ich meine Rettung. Stündlich vermehrte sich unser Landsturm und dadurch auch unsere Unordnung. Speckbacher ließ sich wenig sehen und war sehr niedergeschlagen. Firler war im eigentlichen Sinne des Wortes verrückt. Ich hatte die größte Mühe, die Leute auf den Schanzen und auf ihren Posten zu erhalten. Die Baiern lagerten auf den Kundler Feldern. In der Nacht ließ Margreiter vulgo Loy, der sich Major nannte, die Rattenberger Brücke abbrennen. Das angelegte Feuer griff so schnell um sich und schlug so heftig gegen die nächsten Häuser, dass ich mehrere Bauern zum Löschen beordern und dabei mich selbst der größten Gefahr aussetzen musste.

Am 21. früh morgens untersuchten ich und Firler die Posten auf den Schanzen, nachdem wir zuvor, weil wir mit Tagesanbruch sicher einen Angriff erwarteten, die ganze Mannschaft aus den Häusern dorthin beordert hatten. Als wir mit unsern Laternen über den Berg zu den höhern Schanzen hinaufstiegen, kamen auf einmal unsere Leute, wie von einem Gespenste verscheut, von diesem herabgelaufen und schrien: „Lauft, wer laufen kann, die Baiern kommen durch die Wildschönau und durchs Zillertal uns in den Rücken, wir sind alle gefangen, die verfluchten Kommandanten!" Wir suchten die Leute aufzuhalten; allein sie stießen uns über den Haufen und würden uns, wenn wir uns ihnen noch länger in den Weg gestellt hätten, ganz gewiss über die Felsen hinab geworfen haben. Der ganze Landsturm lief nun über Hals und Kopf davon.

Ich nahm meine 14 Dragoner, ritt mit denselben noch auf die Rattenberger Felder hinab, stellte sie dort auf und gab ihnen den strengsten Befehl, erstens keinen Rattenberger, unter was immer für einem Vorwand, nach Kundl zu den Baiern hinabzulassen, damit sie so spät als möglich von unserer Flucht in Kenntnis gesetzt würden, und zweitens so lang auf den ihnen angewiesenen Posten zu bleiben, bis sie die Baiern wirklich würden anrücken sehen; dann aber sich so zurückzuziehen, dass sie immer des Landsturms Arrieregarde bildeten.

Auf der ganzen Welt kann man nichts Bunteres, nichts Verwirrteres als den Rückzug eines Landsturms sehen. Jeder läuft, soviel nur seine Kräfte gewähren; der Stärkere rennt den Schwächern nieder oder wirft ihn auf die Seite; ja so schnell liefen meine erschrockenen Waffenbrüder davon, dass ihnen ihre Brotsäcke über den Köpfen zusammenschlugen und ich mich, um ihnen vorzukommen und sie bei der Zillerbrücke aufhalten zu können, genötigt sah, meinem Pferde wiederholt die Sporen an die Rippen zu stoßen. Bei der Zillerbrücke stellte ich mich unserer fliehenden Mannschaft in den Weg, hielt daselbst eine begeisternde Rede über die auf dem Berg Isel früher erfochtenen glänzenden Siege, gab dem soeben mit einer Kompanie Ranzionierter angekommenen Hauptmann Freiseisen den Auftrag, sich bei der Brücke aufzustellen, die 14 noch in Rattenberg stehenden Dragoner abzuwarten, mit diesen vereinigt die Brücke so lange als möglich zu verteidigen und endlich mit ihnen als Arrieregarde bis Volders zu retirieren. Herr Straub von Hall übernahm das Kommando und ich ritt nach Innsbruck, unserer Junta 3) die baldige Ankunft der Baiern anzukünden.

3) frei gewählte Regierung; aus Spanien, wohl in Erinnerung an den Freiheitskampf, der dort seit 1808 brannte, entnommener Ausdruck.

Gleich nach meiner Ankunft in Innsbruck wurde in der Burg zusammengepackt und Hofer verlegte sein Hauptquartier noch am nämlichen Abend nach Steinach. Nun waren wieder alle Bande der Ordnung zerrissen, aller bürgerliche Verein aufgelöst und die ganze Verteidigungsmannschaft nichts anders mehr als ein zügelloser Haufen von bewaffneten Schreiern und besoffenen Unholden. Nachdem sich der Sandwirt einmal von Innsbruck entfernt hatte, wurden wir minderen (salva venia) 4) Kommandanten wenig mehr respektiert. Die Verwirrung war nun über alle Beschreibung groß und die Lage von Innsbruck gefährlicher, als in was immer für einer früheren Epoche. Das teure Vaterland war von allen Seiten so bedroht und beängstigt und die verschiedensten Taten und Ereignisse häuften sich so zahlreich, dass ich gegenwärtig, da ich sie in geschichtlicher Verbindung verketten will, den Kopf gerade so heiß und verwirrt fühle, wie damals, als ich sie leider mit ansehen und ausführen helfen musste. — Nachdem der Sandwirt und seine Höflinge Innsbruck verlassen, und ich wohl eingesehen hatte, wie gefährlich es der Stadt werden könnte, wenn der ganze Landsturm daselbst übernachten dürfte, so befahl ich im Namen Hofers, dass sich die ganze Mannschaft auf den Berg Isel zu begeben und daselbst, bis Verstärkung ankomme, zu lagern habe. Viele blieben in den Häusern, aber die meisten brachte ich doch auf den Berg Isel hinauf. Zwei Nächte und zwei Tage musste ich diese Horden ganz allein hüten. Endlich kam der Major Aschbacher, ein rechtlicher, biederer Offizier, und übernahm das Kommando. Von allen Seiten, sogar von Schlanders und Mals strömte nun der Landsturm herbei. Auch Herr v. Roschmann, mein hinkendes Steckenpferd, kam später zum Hofer. Vom 22. auf den 25. Oktober ging es in Innsbruck leider zu, wie es mochte, kein Mensch wusste, wer Koch oder Kellner ist.

4) es sei erlaubt, so zu sagen!

Auf den Vorposten ließ man uns nichts wissen, was zu Steinach verhandelt wurde. Das Wort „Friede" durfte auf der ganzen Verteidigungslinie nicht einmal ausgesprochen werden, wenn einer nicht von den Bauern totgeschlagen oder wenigstens misshandelt werden wollte. Am 25. Oktober erhielten wir den Befehl, wieder bis Volders links und rechts vorzurücken und die dortige Linie zu verteidigen. Es beweist, dass im Hauptquartier mehrere Köche die Suppe salzten, weswegen sie auch so bitter versalzen wurde. Wir verließen unserm Auftrag gemäß die Schanzen und rückten mutig über Mühlau hinab. Allein kaum waren wir eine Viertelstunde vorgerückt, kam unsere Avantgarde keuchend mit der Nachricht zurück, dass die Baiern schon von Hall herauf im Anmarsche wären. Nun lief der ganze Landsturm in unbeschreiblicher Verwirrung nach Innsbruck zurück. Ein unbedeutendes Piquet stellte sich auf der Mühlauer Anhöhe auf. Die rechtlicheren Männer flohen durch die Sillgasse auf den Berg Isel, die minder rechtliche Menge stürmte wütend in den Stadtgassen herum und munterte sich mit wildem Geschrei zur Plünderung auf. „D' Herra hoba scho wieder 's Land verkoft!" schrieen die Oberinntaler. „D' Stadt plündern, g'scheiter hab'n's mier als d' Buarn!" schrieen die Bauern von den Umgebungen von Innsbruck; einige schossen in die Fenster hinauf, andere pochten schon an die Haustüren. Man denke sich nun meine und Innsbrucks gefährliche Lage! Man kann sich vorstellen, dass mir diese Äußerungen und Auftritte um so mehr den Kopf verwirrten, als ich mich bestimmt überzeugen musste, dass, wenn nur einmal ein einziges Haus gestürmt und geplündert wird, die Plünderung der ganzen Stadt verbunden mit Bürgermord unvermeidlich erfolgt. Mein Herz blutete. Nur schneller Entschluss konnte Rettung schaffen. Er war gefasst. Ich ritt über den Franziskanergraben zurück, spornte, als ich zur Hofgasse kam, mein Pferd, trabte ernsthaft bis auf den Stadtplatz vor und hielt, so heftig als ich's vermochte, an die Bauern folgende Rede: „Brüder, Landsleute! Welch räuberische Äußerungen musste ich von Euch hören! Welch unerhört schimpfliche Taten wollt Ihr verüben! Ihr wollt friedliche Mitbürger plündern, Eure schuldlosen beängstigten Brüder ihrer Habe berauben. Sind diese die Feinde, gegen welche zu kämpfen man Euch aufgefordert und hieher berufen hat? Stehen wir gegen Baiern und Franzosen oder gegen die Bürger von Innsbruck bewaffnet da? Was haben Euch diese guten Menschen Leids getan? Haben sie Euch nicht allzeit liebevoll aufgenommen und wie wahre Landesbrüder behandelt? Teilten sie nicht immer ihre Wünsche mit Euch? Haben sie nicht fortan die Angelegenheiten und die Gefahren des Vaterlandes auch für die ihrigen angesehen? Wann machten sie nicht mit Euch gemeinschaftliche Sache? Wer hat bei dem beständigen Wechsel der Ereignisse mehr gelitten als eben die Bürger dieser Stadt? Haben sie Euch nicht allzeit mit dem besten Willen ihre Häuser und Quartiere geöffnet? Wie oft haben sie Euch schon gutmütigst genährt und verpflegt! Und jetzt wollt Ihr sie zum Danke plündern! Wer hat Euch hiezu Fug und Recht gegeben? Sagt Euch Eure Religion, dass Ihr Euren Nächsten seines Eigentums berauben dürfet? Ist dies Euer Christentum? Seid Ihr nicht mehr die Tiroler, die sich bisher bloß durch Tapferkeit gegen ihre bewaffneten Feinde, und durch Bruderliebe auszeichneten? Wollet Ihr jetzt, da Euch die Welt Eurer glänzenden Großtaten wegen anstaunet, Euren Namen damit besudeln, dass Ihr schimpflich räuberisch Eure Hände nach dem Eigentum Eurer unschuldigen Brüder ausstrecket? O welch ein Schandflecken in der Geschichte unseres Vaterlandes! Was wird unser guter Kaiser Franz von uns halten, wenn er erfährt, dass unser herrlicher Verein biederer Krieger und Verteidiger ihrer Rechte und Freiheiten sich in eine Räuberbande aufgelöst habe? Was soll Herr v. Roschmann zu Euren Gunsten berichten? Dass Ihr keine Befehle mehr respektiert und die guten Bürger von Innsbruck geplündert habet! Wie kränket Ihr nicht durch Eure Zügellosigkeit das edle Herz unsers Oberkommandanten, des Sandwirts! Ihr wisset, wie oft Euch dieser mit gebieterischem Ernst zur Ruhe und Ordnung unter Euch und zur Folgsamkeit und Bruderliebe aufgefordert hat. Sein Herz und seine Wünsche bleiben sich unverändert gleich. Er will und gebietet noch immer das nämliche. Daher höret, was ich Euch als sein Bevollmächtigter, im Namen des Kaisers, im Namen des Herrn v. Roschmann und im Namen des Sandwirts befehle — (hier zog ich meinen schon früher von einem mir unbekannten Landstürmer geliehenen Dragonersäbel): auf der Stelle hat sich der ganze Landsturm aus der Stadt auf den Berg Isel zu begeben, dort auf dem Schauplatz baierischer Niederlagen haben wir den Feind zu erwarten! Marsch, hinaus aus der Stadt! Vorwärts, marsch!"

Ich kann es jetzt selbst kaum mehr glauben, dass ich es war, der diese Rollen spielte. Wenn mich nicht meine Zeugnisse daran erinnerten und die Wahrheit meiner Erzählung bestätigten, so müsste ich meine Geschichte für einen Traum oder Ritterroman halten. Wenn mir je meine Brust gute Dienste geleistet hat, so war es diesmal, wo ich so viel Hunderte Stürmer zu überschreien hatte. Ich schrie so fürchterlich, dass ich meine rebellischen Zuhörer gleich mit den ersten Sätzen meiner Rede betäubte. Durch keinen Laut wurde ich unterbrochen, die meisten Bauern hatten sogar ihre Hüte abgenommen; auf das erste Wort: „Marsch hinaus aus der Stadt!" kehrten sie um, und ich trieb sie wie eine Herde Schafe vor mir durch die Neustadt hinauf. Bei der Triumph-Pforte kehrte ich wieder um, ritt mit blankem Säbel alle Gassen der Stadt durch und befahl jedem Bauern, den ich antraf, sich auf der Stelle nach dem Berg Isel zu begeben. Bei dieser Gelegenheit ließ ich manchen Widerspenstigen, weil ich schon einmal in meiner Treibhitze war, meine flache Klinge fühlen. Endlich, nachdem ich die Stadt beinahe von allen diesen Unholden gesäubert hatte, begab ich mich aufs Rathaus, wo mir der Herr Syndikus und Herr Niederkircher schon entgegenkamen und mich, weil sie meine Rede gehört und meine Bemühungen gesehen hatten, ihren Retter und den Schutzengel der Stadt nannten. — „Ja," sagte ich ihnen, „meine Herren! Jetzt habe ich zwar die Ochsen am Berge, aber womit sie nun füttern?" — Ich sollte, sagten sie mir, nur wünschen, sie würden ihr möglichstes tun, wenn nur der Landsturm nicht mehr in die Stadt herabkäme. — Ich forderte 12 Zentner Fleisch, 12.000 Laib Brod, 12 Yhren 5) Wein, 6 Yhren Branntwein, 36 Kessel und so viele Löffel, als möglich wären aufzubringen. Alles wurde schleunigst auf den Berg Isel geliefert und daselbst unter der Mannschaft verteilt.

5) Yhren: ein altes Hohlmaß, nach heutigem Maße 58 Liter.

Was sich von nun an bis zum 1. November in der Stadt und vorzüglich in unserm Hauptquartier zugetragen, kann ich Ihnen nicht mehr als Augenzeuge erzählen. Ich hatte nun kein eigentliches Kommando mehr. Den linken Flügel beim Husselhofe und der dortigen Gegend kommandierte Math. Delama, der seine Axamer Buben, wie er sie nannte, für unüberwindlich hielt. Das Zentrum oder die Mannschaft auf dem Berg Isel wurde den Befehlen des Majors Aschbacher untergeordnet; und der rechte Flügel oder die Linie von den Anhöhen von Volders bis Ambras stand unter dem Kommando des Herrn Straub und Speckbacher. Ich war von nun an ein bloßes perpetuum mobile, welches beim Tag von der Gallwiese nach dem Berg Isel, von da bis zur Haller Brücke ritt und von dieser wieder durch die ganze Verteidigungslinie zurücktrabte. Bei der Nacht ging ich mit dem Major Sieberer bis auf die äußersten Vorposten und Piqueter patrouillieren, wobei ich einmal (tölpelhaft genug) mich soweit hinauswagte, dass ich ganz gewiss von den Baiern wäre gefangen worden, wenn mich nicht Herr Burgauner von Latsch, der die Stellungen der Baiern wusste, weiter vorzugehen abgehalten hätte. Die Baiern rückten noch am 25. bis Mühlau vor, warfen durch einige Kanonenschüsse unsere Piqueter zurück, stellten die abgetragene Brücke her und kamen noch abends nach Innsbruck. Selbst Se. Kgl. Hoheit der Kronprinz und die ganze Generalität folgten nach und unternahmen eine Rekognoszierung gegen unsere Schanzen, von welchen mit Doppelhacken auf ihn geschossen wurde. Zum größten Glücke der Stadt und des Landes gingen alle Schüsse fehl. Kaum waren die ersten Baiern in Innsbruck eingerückt, wurden alle diejenigen Herren, welche sich während der Regierung des Sandwirts an die Spitze der Landesverwaltung stellen mussten, samt der Frau v. Stadler, weil ihr Herr, der edelfromme Zelot, sich in einen Winkel verkrochen hatte und folglich nicht anzutreffen war, ausgehoben und ins Hauptquartier nach Hall abgeführt.

Nach diesem kurzen Besuche zogen sich der Kronprinz und das ganze Militär wieder nach Hall zurück. Nur beim Löwenhaus und bei der Mühlauer Brücke blieben Piqueter stehen. Die Stadt war ganz ihrem Schicksal überlassen. Wie die ausgehobenen Geiseln unterwegs und in Hall behandelt wurden, ist mir unbekannt; nur soviel weiß ich, dass nach vorgelegten und untersuchten Akten ihrer Amtierung selbst die Baiern gegen sie Respekt haben mussten und sie schnell wieder auf freien Fuß stellten. Die Herren Generale hatten von diesen würdigen Männern, den Rettern Tirols aus dem alles verheerenden Zustand der heillosesten Anarchie, und von den von ihnen getroffenen Verfügungen zum Besten des Landes, bis sie sich aus ihren Akten des Wahren überzeugten, ganz verkehrte und erstaunlich widrige Begriffe. So waren sie z. B. über den Baron von Lochau äußerst aufgebracht und so erbittert, dass sie ihm die schrecklichste Rache drohten, die auch wahrscheinlich wäre ausgeübt worden, wenn nicht zufällig Herr Karl Carnelli sie belehrt und überzeugt hätte, dass es gerade der Baron von Lochau sei, dessen rastlosen Bemühungen die Stadt die erhaltene Ruhe und Ordnung vorzüglichst verdanke, und dessen Menschlichkeits- und Ehrgefühlen so viele baierische Gefangene ihre gute Behandlung und die Erträglichkeit ihres Schicksals schuldig wären.

Sobald die Baiern die Stadt verlassen hatten, war es dem Herrn Aschbacher beinahe nicht mehr möglich, die Bauern auf dem Berg Isel zu halten. Sie wollten ohne weiteres wieder hinab, die guten Bürger zu beängstigen. Freund! Die Drohungen und Schrecken, welche Innsbruck im Jahre 1809 ausgehalten, die Gefahren, welche es bestanden, und die Schäden, welche es während der ganzen Insurrektion erlitten hat, zu beschreiben, reichen keine Worte hin. Nur durch sein Ansehen und besonders geeignete Vorstellungen brachte es Herr Aschbacher endlich dahin, dass ihm die Bauern in den Schanzen blieben, mehrere mutige Burschen ausgenommen, welchen er vereinigt mit unsern Dragonern ohne weiteres erlauben musste, gegen die Baiern eine Patrouille zu unternehmen, die weiter keinen andern Zweck hatte oder haben konnte, als dass sich die tapferen Patrouilleurs in mehreren Wirtshäusern auf Rechnung der Bürger tüchtig mit den Weinkrügen herumschlugen und gegen Mitternacht taumelnd wieder auf den Berg Isel zurückkamen.

Am 26. früh gingen mehrere Bauern wieder in die Stadt hinab, postierten sich in dem Hofgarten und schossen ununterbrochen auf die baierischen Vorposten, welche, nachdem sie von Hall Verstärkung erhalten, mutig ihre Stellungen behaupteten. Dies zwecklose Plänkeln mit den Vorposten dauerte 3 volle Tage; auf beiden Seiten wurden einige totgeschossen, mehrere blessiert. Auf den Anhöhen der Haller Brücke kam es zu einem etwas hitzigem Gefechte. Die Baiern hatten sich daselbst hinter einem Verhaue verschanzt. Die Bauern nahmen die Schanze mit Sturm und bei 300 Baiern gefangen. Bei dieser Affäre zeichneten sich vorzüglich meine Landsleute, die Schlanderser, ganz besonders aber ihr Anführer Thoman Wellenzohn an Erschrockenheit und Feigheit aus. Die Gefangenen wurden nach Matrei transportiert, wo der Sandwirt, der zufällig dort war, den meisten etwas Geld schenkte. Als sie aber nach Steinach kamen, wurden sie von dem früher erwähnten, abgehausten Gärber von Passeier unmenschlich und mit teuflischer Raubbegierde Mann für Mann rein ausgeplündert, und so, nachdem er allen die Mäntel, welche ihnen die Tapfern, die sie gefangen nahmen, gelassen hatten, vom Leibe und jedes Tüchel aus der Tasche gerissen hatte und ihnen sogar die etlichen Kreuzer, die sie vom Sandwirt geschenkt bekommen zu haben beteuerten, abgenommen hatte, tiefer ins Land und endlich nach Vinschgau transportiert.

Am 29. kam eine baierische Patrouille Infanterie und Kavallerie gerade während des Gottesdienstes in die Stadt bis zur Pfarrkirche hin. Mehrere Soldaten gingen sogar in die Kirche hinein. Da aber diese mit Stadtleuten angefüllt war, wurden die etlichen mit Waffen versehenen Bauern, die ebenfalls dem Gottesdienste beiwohnten, von den Soldaten nicht bemerkt. Die Patrouille zog sich daher wieder, ohne irgend etwas unternommen zu haben, zurück. Um 10 Uhr erschien auf dem Rennplatze ein baierischer Trompeter und verlangte, dass ein Bürger auf ihre Vorposten kommen sollte. Als nun einer in Begleitung eines Bauern und zweier unserer Dragoner dahin kam, übergab ihm ein Offizier eine Rolle Papier mit dem Bedeuten, dass der Inhalt davon den Bauern soll eröffnet und bekannt gemacht werden. Zugleich machte der Offizier die Bemerkung, dass, wenn die Bauern ihr Plänkeln nicht einstellten, das Dorf Hötting und die sogenannte Kotlacke um so gewisser abgebrannt werden, als der Kommandierende schon erfahren habe, dass sich von diesen Orten die meisten Männer beim Landsturm befänden. Die Rolle Papier wurde auf das Rathaus getragen und daselbst in Gegenwart mehrerer Bauern eröffnet. Da fanden sich nun mehrere Abdrucke der nachstehenden Proklamation. 6)

6) Proklamation des Vizekönigs Eugen aus Villach, den 25. Oktober 1809 an die Tiroler, in welcher er den zwischen Napoleon und Kaiser Franz am 14. Oktober abgeschlossenen Frieden bekannt gibt, ihnen infolge gegebener Beweise der Reue Verzeihung und gerechte Behandlung gegründeter Klagen und Beschwerden verspricht. Abgedruckt bei Hormayr, Bd. 2, S. 489 f.

Anstatt dass diese, wie man glauben sollte, die Bauern beruhigte, machte sie selbe erst ganz rebellisch. „Aha," sagten sie, „itz kimmts a mal auf, daß s' Landl scho längst verkaft und verraten ist, kua Bauer hat g'wiß nit zum Bonapart g'schrieben, daß es üns ruit, daß mier die Buarn durchs Land naus g'jagt hab'n: itz sieht mans offenbar, daß als lei Falschheit und Betrug ist. Jawohl Fried, mier wöll'n enk Herr'n schon den Fried geb'n, daß ös g'wiß um kuane Buarn mehr schreibt", und nun soll so ein polternder Lärm entstanden sein, dass man sich genötigt sah, um die Bauern zu belehren und zu beruhigen, einen Kapuziner herbeizurufen. Weil der Pater Provinzial, der sonst in ähnlichen Fällen herhalten musste, nicht in Innsbruck war, so kam der Pater Josue, Superior des Klosters. Doch kaum sahen ihn die Bauern, wurden sie noch erbitterter und sagten ihm mit trotzendem Ungestüm, er solle sich in sein Kloster packen, er habe sich in ihre Händel nicht einzumischen. Voll religiöser Sanftmut und Liebe sagte ihnen der fromme Priester: „Meine lieben Leute, ich komme nur als Bote des Friedens zu euch." Nun zog ein daneben stehender besoffener Sandwirtsdragoner seinen Säbel und schrie: „Was, du Himmel Kreuz usw. — — Pfaffe! auch du willst uns den Frieden weiß machen." Der gute Pater bemühte sich, ihnen zu erklären, dass er es nicht so gemeint habe, er meine nur, sie sollen friedlich und ruhig der Stimme der Vernunft Gehör geben. Allein die Bauern und vorzüglich der Dragoner wurden so wütend, dass am Ende die Bürger den Kapuziner schützen und retten mussten. Endlich ließen sich die Bauern doch bewegen, die Stadt zu verlassen und sich in die Schanzen zurückzubegeben, wo sie von nun an auch verblieben.

Während sich in Innsbruck diese stürmischen Ereignisse zutrugen, kam Herr Baron v. Lichtenthurn und mit ihm Herr v. Wörndle, welcher bisher in der Eigenschaft eines Intendanten im Pustertale gestanden, zum Sandwirt und brachten ihm die Anzeige und die Bestätigung des Friedens. Baron v. Lichtenthurn kam aus dem österreichischen Hauptquartier. In Lienz gesellte sich Herr v. Wörndle zu ihm. Als sie durch's Pustertal herauffuhren, wurde von den Bauern, denen sie die Bestätigung des Friedens eröffneten, auf sie geschossen. Eine Kugel durchbohrte wirklich die Kutsche und wurde vom Herrn v. Wörndle erst in Innsbruck in dem Sitz-Trücherl unter seiner Wäsche gefunden. ...

Als die beiden oben besagten Herren zum Hofer kamen, trafen sie bei ihm noch Herrn v. Giovanelli, den Herrn v. Plawen und auch den Herrn v. Roschmann, der von dem südlichen Tirol heraufgekommen war, an. So lange diese Herren den Sandwirt umgaben, war sein Benehmen noch immer männlich und auf Kopf und Herz gestützt. Was aber aus ihm geworden und wie sinn- und gedankenlos er sich betragen, sobald er von diesen weisen Ratgebern verlassen war, werden Sie bald sehen. Dem Herrn v. Roschmann überbrachte der Herr Baron v. Lichtenthurn noch die sonderbare Weisung, er solle sich um ein Loch umsehen, durch welches er sich schleunigst und sicher aus Tirol hinauswinden könnte. Er reiste auch wirklich mit Herrn v. Plawen eiligst ab und begab sich über Bozen und Meran nach Mals, welches nahe an der Schweizer Grenze liegt. Nach einem kurzen Aufenthalte daselbst flüchtete er sich, nachdem er zuvor in Gegenwart des Landrichters Schguanin und mehrerer anderer seinem Herzen über Österreichs Unglück und über seine sonderbare Sendung so ziemlich Luft gemacht hatte, durch das Münstertal nach der Schweiz. Es war sein größtes Glück, dass er sich in Mals nicht zu lange aufgehalten hat; denn kaum hatten die Deptioner zu Schlanders seine Flucht erfahren, schickten sie ihm schon einige Häscher nach, die ihn arretieren und zurückliefern sollten. Diese eilten zwar, so sehr sie konnten; allein Herr v. Roschmann war schon über die Grenze, als sie dahin kamen. Ehe Herr v. Roschmann den Sandwirt verließ, gab er ihm noch, wenn mir recht ist erzählt worden, 3.000 Stück Dukaten und viele tausend Gulden in Bankozetteln, mit dem bestimmten ernsthaftesten Auftrag, sie ja nicht mehr zur Verteidigung zu verwenden, sondern damit jene Männer, welche ihm die vorzüglichsten Dienste geleistet haben, besonders aber den Adjutanten Purtscher, der sich dritthalb Monate hindurch, ohne einen Kreuzer Löhnung erhalten zu haben, Tag und Nacht beinahe die Finger stumpf geschrieben hatte, zu belohnen. Auch wurde noch am nämlichen Tag als am 29. Oktober Herr Thurnwalder von Passeier von Steinach in das baierische Hauptquartier nach Hall geschickt, mit einem Schreiben, in welchem Hofer den kommandierenden Herren Generalen die Anzeige machte, dass ihm durch einen Kurier von Seite Österreichs die Bestätigung des abgeschlossenen Friedens überbracht worden sei. In Verfolg der Geschichte werden Sie einen Auszug dieses Schreibens lesen.

Nach diesem, welches nach meiner Ansicht, sowie die Sendung des Herrn Thurnwalder noch das letzte Werk des Herrn v. Giovanelli war, und nach der Abreise dieses edlen biedern Genius meines Vaterlandes betritt Hofer eine ganz neue Schaubühne, wo er leider unglaublich unselbständige und für ihn und das Vaterland höchst verderbliche, sehr traurige Rollen spielte. Das allerschönste war schon einmal, dass man uns auf der ganzen Verteidigungslinie sowohl von der Bestätigung des Friedens als von der darauf erfolgten Abreise des Herrn v. Roschmann und den Unterhandlungen zwischen den beiden Hauptquartieren keine Silbe wissen ließ; wenigstens ist dem Major Aschbacher, dem Major Sieberer und mir kein Wort davon eröffnet worden.

Am Abend besetzten die Baiern Innsbruck. Am 30. wurden wir in den Schanzen durch baierische Patrouillen mehrmal alarmiert, wobei aus unsern Kanonen mehrere Schüsse gegen die Stadt hinab abgefeuert wurden. Am 31. war alles ruhig. Am Abend bekamen wir den Befehl, mit Anbruch des kommenden Tages als am Feste Allerheiligen auf allen Punkten der ganzen Linie zugleich anzugreifen, weil dem schon mehrmal löblich erwähnten Gärber geträumt hatte, er habe alle Engel und Heiligen mit Stutzen bewaffnet über die Jakobsleiter auf den Berg Isel herabsteigen gesehen. Am nämlichen Abend schickte Hofer dem tapfern Hauptmann Freiseisen noch die Ernennung zum Major. Freund! Das Volk, welches diesem Hauptmann untergeordnet war, erregte in jedem, der es sah, Grausen, Furcht und Schrecken. Es war ein zerlumptes Gemisch von allerhand Ranzionierten und Deserteurs, welches immer nur mit blankem Säbel zu einiger Ordnung musste angetrieben werden und das sich vorzüglich meisterhaft auf das Stehlen verstand.

Der erhaltenen Weisung zufolge begab ich mich also am 1. November mit Tagesanbruch von Lans nach dem Berg Isel. Weil ich aber nichts Gutes ahnte, ließ ich die Brücke, welche beim sogenannten Gärberbach über die Sill führt, bis auf 2 Balken abwerfen und stellte zu diesen noch 4 Bauern, welchen ich den schärfsten Auftrag gab, sie nicht eher zu verlassen, als bis sie von mir würden den Befehl dazu erhalten haben, oder bis sie unsere Mannschaft vom Berg Isel her würden retirieren sehen. In diesem Falle sollten sie die zwei Balken auch noch in den Fluss hinabwerfen und — ebenfalls davonlaufen. Ich glaubte diese Vorkehrung treffen zu müssen, weil ich einsah, dass, wenn wir auf dem Berg Isel geworfen werden, unser ganzer rechter Flügel gerade über diese Brücke am schnellsten und unvermerkt konnte in dem Rücken genommen werden, und dass im entgegengesetzten Falle, wenn die Baiern bei Ambras durchbrechen sollten, wir auf dem Berg Isel von der ganzen Landstraße abgeschnitten würden. Wie ich mit dieser Arbeit fertig war, begab ich mich auf den Berg Isel. Schon ehe ich da ankam, fielen einige Kanonenschüsse von unsern Schanzen auf die mit mehreren Batterien anrückenden Baiern. Im nämlichen Augenblicke, wo ich von der obern Schanze in die untere zum Herrn Aschbacher hinabreiten wollte, lösten sich zugleich alle baierischen Kanonen, deren, wie man mir nachhin erzählte, 42 waren. Nun eröffnete sich ein schauerlich bunter Spektakel. Nun bediente uns General Wrede beinahe eine Stunde lang ununterbrochen gleichsam mit einem Pelotonfeuer aus Kanonen und schoss uns unsere Schanzen, welche man ex officio für unüberwindlich hielt und halten musste, über die Köpfe zusammen. Unsere Kanonen und Doppelhacken waren schnell zum Schweigen gebracht. Aus kleinen Gewehren wäre jeder Schuss zwecklos gewesen, weil die Baiern zu weit von den Schanzen entfernt waren. Man kann sich vorstellen, wie unterhältlich das Krachen so vieler Kanonen, vereint mit dem wilden Jauchzen der Soldaten und mit dem ängstlich fürchterlichen Gebrülle der Bauern, in den Gebirgen widerhallte. Während dieser herzstärkenden Kanonade erstürmte die Infanterie die Schanzen beim Husselhofe, warf die unüberwindlichen Axamer Buben über den Haufen und kam uns, nachdem unser ganzer linker Flügel gesprengt und zerstreuet war, in den Rücken. Dass nun auch wir samt allen jenen Engeln und Heiligen Gottes, welche der obenerwähnte Gärber im Traume sah, ohne uns mehr umzusehen, zum Wirtshause unter dem Berg ritten, werden Sie mir gerne glauben. Daselbst befahl ich wieder, die Brücke abzutragen: ob es aber geschehen, weiß ich nicht, denn ich ritt augenblicklich nach erteiltem Befehle auf den Schönberg hinauf. Da hörte ich nun, dass Herr v. Roschmann infolge der Bestätigung des Friedens den Sandwirt verlassen habe und dass wir uns bloß einem Auftrag des Hofers zufolge soeben auf dem Berg Isel rühmlichst geschlagen hätten.

Nun schlug ich mir freilich die Faust vor's Hirn und dachte mir: Gute Nacht, Welt! Wo stehet etwa der Baum, an dem man dich aufhängen wird? Ein glänzend erhabenes Hinscheiden für einen vom Kais. Kgl. Oberkommando Tirols bevollmächtigten Oberfeldkaplan! In den Schanzen mussten wir alles zurücklassen; eine einzige Kanone haben wir gerettet. Bei 40 Bauern und der Feldkaplan Karl Steigenberger wurden gefangen. Schon vorläufig brachte ein Soldat die Nachricht in die Stadt, dass sich unter den gefangenen Bauern auch ein Pfaffe befinde. Man glaubte, ich wäre es. Die Herren Offiziere freuten sich, wie mir nachhin mehrere selbst gesagt haben, ungemein, mich als ihren Gefangenen kennen zu lernen. Allein die Herren Kriegskameraden wussten nicht, dass ich das Retirieren schon als Offizier meisterhaft gelernt und bis dahin noch nie ganz vergessen hatte. — Die Gefangenen wurden unter lautem Jubel in die Stadt geführt und gewaltig, besonders aber Herr Steigenberger schreckbar misshandelt. Dieser wurde, nachdem er Schläge und Stöße und allen möglichen Schimpf und Hohn auf der Hauptwache ausgehalten hatte, in Ketten geworfen und ins Zuchthaus abgeführt. — Ich hoffe, Sie werden für diesmal mit dem bisher Erzählten zufrieden sein; das nächste Mal werde ich Ihnen Dinge erzählen, die man selbst in Tirol nicht weiß.

   
  Quelle: Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809, Erinnerungen des Priesters Josef Daney, Bearbeitet von Josef Steiner Innsbruck, Hamburg 1909
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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