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  Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney
 

 

2. Brief

Ausbruch des Aufstandes. Kämpfe um Innsbruck. Sturm der Bauern auf die Stadt. Ihre Eroberung. Gefangennahme französischer und baierischer Truppen. Ausschreitungen.

In den letzten Tagen der ersten Hälfte des Monats Februar 1809 trat ich meine Reise nach Baiern an. Es sagten mir mehrere Bauern, eh‘ ich abreiste, mit einem spöttischen Tone, ich sollte mich in Baiern nicht zu lange aufhalten. Allein ich konnte mir ihre rätselhafte Warnung nicht entziffern. Die schöne, staatskluge Frau Wirtin zu K..... n (Kollman) riet mir, meine Reise so sehr als möglich zu beschleunigen, indem sie mir mit ihrem ganzen weiblichen Ansehen und Ernst gut stand, dass Tirol bis Ostern österreichisch sein werde. Nur noch den Herrn Nessing von Bozen, sagte sie, erwarten wir; wenn dieser glücklich von Wien zurückkommt, dann sind die Würfel geworfen, das Spiel ist gewonnen. Ich lachte ihr mit dem italienischen Sprichworte „chi vive sperando, muore" usw. 1) ins Gesicht und setzte meine Reise unbekümmert fort. Doch hatte ich noch nicht 2 volle Stunden Weges zurückgelegt, da begegnete mir wirklich

1) Wer von der Hoffnung lebt, stirbt.

Herr Nessing in einer Postchaise. Jetzt fingen mir die Worte der Frau Wirtin an etwas bedenklicher zu werden. Indessen hätte ich doch das, was darauf erfolgte, nie auch nur von ferne vermutet. Als ich nach Innsbruck kam, war daselbst die Rekrutierung gerade im heftigsten Triebe. Allein die jungen Burschen waren schon benachrichtigt, wenn sie ausgehoben werden sollten. Daher verließen sie alle ihre Heimat und flüchteten sich in der sicheren Hoffnung, bald wieder in einer anderen Gestalt nach Hause zurückkehren zu können, über die nahen Gebirge durch Zillertal und Pinzgau nach Salzburg. Die Kgl. Polizei zu Innsbruck musste sich daher mit dem nächtlichen Fange einiger unbrauchbarer Handwerksburschen begnügen. — Tags darauf setzte ich dann meine Reise über Augsburg nach München fort. Als ich ankam, traf ich schon aller Orten die höchste Spannung an. Der Krieg mit Österreich war schon so gewiss als erklärt. Die Kostbarkeiten des Hofes und die Bilder-Galerie wurden schon verpackt und geflüchtet. Ich wandte mich unverzüglich in betreff meiner Kapellanie an die geeignete Behörde. Als ich aber von Hochselber die Weisung erhielt, beim Kgl. Ministerium eine Bittschrift um die allergnädigste Eröffnung meiner Einkünfte einzureichen, so fing ich erst an, in Betracht der Zeitumstände das Zwecklose meiner Reise einzusehen und alle Hoffnung sinken zu lassen. Daher kehrte ich auch schnell wieder in mein Vaterland zurück und war entschlossen, zu Innsbruck so lange, bis der Krieg eine entscheidende Wendung genommen haben würde, zu privatisieren.

Als ich über den Zirler Berg herabfuhr, kam es auf der entgegengesetzten Seite zu Axams und in der dortigen Gegend zwischen den Bauern und dem Kgl. baierischen Militär schon zu bedeutend feindlichen Auftritten. Doch waren diese noch weder der Anfang des allgemeinen Aufstandes noch das Signal zu demselben. Da die jüngeren Burschen, wie ich oben sagte, meistens entlaufen, so schickte die Regierung auf verschiedene Dörfer militärische Exekutionen. Diese benahmen sich überall vorzüglich, zu Axams so ungestüm, dass die Bauern durch die Sturmglocke ihre Nachbarn zu Hilfe riefen, die Herren Exekutores umzingelten und viele derselben entwaffnet in die Stadt zurück jagten. 2) Dieser Spaß machte zwar viel Aufsehen, sowohl bei der Regierung als unter dem Volke: dessen ungeachtet wurde die Rekrutierung im ganzen Lande schärfstens betrieben. Beinahe ein ähnlicher Auftritt wie zu Axams ereignete sich auch gleichzeitig zu Fleims im Wälsch-Tirol. Je mehr sich die Obrigkeiten bemühten, die Rekrutierung den allerhöchsten Aufträgen zufolge zu beschleunigen und zustande zu bringen, desto mehr legten Ihnen die Bauern Hindernisse in den Weg. Die österreichischen Emissärs hatten sich schon in das Land geschlichen und wussten das angelegte Feuer, welches schon da und dort aufzulodern drohte, mit aller Sorgfalt auf der einen Seite zurückzuhalten, auf der anderen aber so künstlich zu nähren, dass es zwischen dem 9. und 11. April unvermutet wie aus einer verschlossenen Höhle hervorbrach, wütend um sich griff und alles zugleich in Flammen setzte. Schon am 2. April erließ das Kgl. General-Kommissariat des Eisackkreises nachstehende Proklamation an dessen Bewohner:

„Tiroler des Eisackkreises!
Der Krieg ist erklärt. Frankreich mit seinen Bundesgenossen und Österreich bekriegen sich wieder.
Eure Täler an der Grenze der sich bekriegenden Staaten werden das Ungemach des Krieges zu fühlen haben. Vielleicht werden Abteilungen feindlicher Truppen auf kurze Zeit in den Eisackkreis einrücken. Von dem Wunsche beseelt, nahes wie entferntes Unglück von euch abzuwenden, muss ich euch auf die Pflichten aufmerksam machen, die ihr in diesem Falle zu beobachten habt.

2) Am 14. März 1809.

Den Befehlen des Feindes, soweit sie Bedürfnisse der Armee und militärische Maßregeln betreffen, muss entsprochen werden. Sollte man aber Forderungen an euch machen, die diese Grenzen überschreiten, so vergesst nie die Pflichten gegen euren rechtmäßigen König.

Österreich hat euch in einem feierlichen Friedensschlusse an Baiern förmlich abgetreten. Nur ein Friedensschluss könnte euer jetziges Verhältnis wieder ändern. Glaubt aber dieses ja nicht, ihr bleibt Baiern und bleibt eurem Könige jetzt und in Zukunft unbedingte Treue und Gehorsam schuldig.

Euer König befiehlt euch durch mich, als treue Untertanen mit Ruhe und Geduld auszuharren. Des Soldaten Pflicht ist es, Krieg zu führen. Die Pflicht des Bürgers und Bauern fordert es, den Ausgang des Krieges mit ruhiger Ergebung abzuwarten. Die Gesetze bestimmen die Strafen, welche den ungehorsamen und pflichtvergessenen Untertanen erwarten.

Bedenkt, dass ein augenblickliches Vordringen kein dauernder Sieg, keine bleibende Eroberung ist! Bedenkt, dass Frankreichs sieggewohnte, zahlreiche Heere für euren König streiten!  Kurz ist die Zeit der Prüfung! Bald wird der Friede wiederkehren!

Brixen, den 2. April 1809.
Kgl. baierisches General-Kommissariat des Eisack-Kreises. Freiherr von Aretin."

Allein diese Sprache der Wahrheit wurde nicht nur allein nicht mehr beherzigt, sondern mit tauben Ohren und unwillig zurückgestoßenem Hass gegen Baiern, und Empörung hatte sich beinahe schon aller Gemüter bemächtigt. Das ganze Volk hatte sich heimlich zum nahen Kampfe gerüstet. Am 9. April kam der bekannte Major Teimer schon das zweitemal nach Schlanders. Daselbst fand er aus mehreren Rücksichten, vorzüglich aber als ein geborner Schlanderser, eine besondere Anhänglichkeit. Es brauchte daher nicht viel, den ohnehin schon unruhigen Frischmann von Kortsch in einem Augenblicke zum wütendsten Aufrührer zu machen. Noch am nämlichen Abend erklärte er Tirol als österreichisch und bot den Landsturm auf, das laut Erklärung des Herrn Teimers schon von den Österreichern besetzte, überwundene Baiern gänzlich zu vernichten. Alles griff zugleich zu den Waffen. Allein am Ende wählte er bloß eine starke Kompanie und rückte mit derselben nach Etschland, um vereinigt mit den vom Kommandanten Tschöll zu Meran aufgebotenen Sturmmassen die Gegend von Bozen, Eppan und Kaltern und den Nonsberg zur Empörung aufzufordern. Teimer eilte von Schlanders ins Oberinntal, um den dortigen Gegenden das Signal zum allgemeinen Aufstand zu geben. Andreas Hofer, Sandwirt in Passeier, bot am nämlichen Tage den Landsturm im Passeier- und Sarntale auf, wozu er dem Volke seine Aufträge und Vollmachten vom Wiener Hofe öffentlich vorzeigte und um so mehr Glauben und Zutrauen fand, weil er erst kurz vorher von Wien zurückgekommen war und vorzüglich die Passeirer, nachdem Ihnen die Regierung beinahe alle rechtmäßigen Priester gewaltsam entfernt und andere eingedrungen hatte, von den von Herrn v. Hofstetten dahin geschickten Exekutionstruppen aus dem Grunde, weil sie diese fremden Priester nicht respektieren und ihren kirchlichen Verrichtungen nicht beiwohnen wollten, am härtesten mitgenommen worden sind.

Als am 10. die Kgl. baierischen Truppen die Brücke von St. Lorenzen im Pustertale abtragen wollten, um den Anmarsch der österreichischen aufzuhalten, fingen die dortigen Bauern schon die Feindseligkeiten an. Die Klause von Mühlbach wurde umgangen, und die baierischen Truppen mussten sich über Schabs am rechten Ufer des Eisack über die Ladritscher Brücke zurückziehen, welche sie ebenfalls abbrechen wollten. Sie wurden aber durch das heftige Feuer des Pustertaler Aufgebotes, verstärkt durch jenes noch mehrerer Gerichter, daran gehindert, ungeachtet der Oberstleutnant v. Wreden mit den zwei baierischen leichten Bataillonen Wreden und Donnersberg, einer Eskadron des 1. Dragoner-Regiments, 2 Kanonen und einer Haubitze von Brixen zur Unterstützung seiner Landsleute anrückte.

Am 11. April fiel schon vor Tagesanbruch von einem Bauern ein Schuss auf den Soldaten, der beim Pulverturm unweit Kematen auf der Wache stand. Dieses Ereignis wurde augenblicklich dem Militärkommando in der Stadt Innsbruck rapportiert. Mit Tagesanbruch ließen sich schon ganze Abteilungen bewaffneter Bauern auf den Anhöhen der Gallwiese außer der Stadt sehen. Der unerschütterlich tapfere Oberst Freiherr v. Dittfurt, stolz auf seinen kurz vorher zu Fleims über die widerspenstigen Bauern erfochtenen Sieg, der ihn auch, wie man sagte, vom Chef eines leichten Bataillons an die Stelle des einige Tage früher in Pensionsstand versetzten Oberst Mylius beförderte, ließ alsogleich die ganze Garnison der Stadt, bestehend aus 2 Bataillonen vom Regiment Kinkel, einer Eskadron Dragoner und 4 Kanonen, in 2 Abteilungen gegen die bewaffneten Bauern ausrücken. Auf der Seite der Gallwiese und des sogenannten Husselhofes kam es schon vormittags zu einem hitzigen Gefechte. Je mehr sich das Militär die Anhöhen zu ersteigen bemühte, mit desto größerem Verluste wurde es immer zurückgeworfen. Mittlerweile wurde in der Stadt nachstehende Proklamation unter die Bürger verteilt:

Innsbruck, 11. April.
Die Regierung vernehme in diesem Augenblicke, dass einige unter ihnen ohne Zweifel durch unbesonnene Ratgeber oder durch einen falschen Wahn betört, die Fahne der Empörung aufgesteckt, sich in bewaffneten Haufen zusammengerottet und vielleicht gar schon Gewalttätigkeiten begangen haben. Was denn ihre Wünsche, ihre Hoffnungen wären ? usw.

Auch diese Kraftsprache erscholl ohne Wirkung. Es war bereits schon zu weit gekommen. Oberst Dittfurt selbst an der Spitze seiner Braven ließ eine Kanone nach der anderen aufführen; allein je fürchterlicher er dieselben von der Ebene auf die hinter Felsen und Bäumen versteckten Bauern losdonnern ließ, desto mutigeres Feldgeschrei jauchzten ihm diese von ihren Hügeln zu. Ein Detachement Infanterie und Kavallerie wurde nach Zirl beordert, um sich der dortigen Brücke zu bemächtigen und den Insurgenten in den Rücken zu fallen. Ehe es aber dort ankam, fand es schon den heftigsten Widerstand. Auf beiden Seiten wurde mit vieler Erbitterung und beinahe den ganzen Tag hindurch mit abwechselndem Glücke gefochten. Gegen den Abend musste sich doch das Militär mit einem bedeutenden Verluste in die Stadt zurückgehen, wo es auf der oberen Innbrücke eine zurückgebrachte Kanone postierte.

Weil an diesem Tage weder das Dorf Höttingen noch die unmittelbar um und unter Innsbruck gelegenen Dörfer an dieser Affaire den geringsten Anteil nahmen, so hatte man in der Stadt noch Hoffnung, es möchte nur ein einzelner Aufstand einiger Gemeinden, nicht aber eine allgemeine Empörung des ganzen Landes sein. Doch diese Hoffnung änderte sich bald in Furcht und Schrecken, als man in der Nacht vom Husselhofe, eine kleine halbe Stunde von Innsbruck entfernt, angefangen, bis soweit das Auge tragen mochte, schon ganze Ketten hochflammender Sturm- und Pikettfeuer, deren Anzahl sich stündlich vermehrte, erblickte. Ganz Oberinntal war schon vom Major Teimer durch Eilboten und mittels der Sturmglocke zum schnellsten Aufbruch aufgefordert. Oberst Dittfurt ließ, nachdem er die Innbrücke und alle Hauptzugänge der Stadt bestmöglich besetzt, seine übrigen Truppen auf den Feldern von Wiltau die ganze Nacht unter Waffen stehen. Freund! stellen Sie sich diese angstvolle Nacht und die bange Erwartung der guten Bürger von Innsbruck vor, als ihnen der Oberst mit seinem ganzen ernsten Ansehen erklärte, dass er die Stadt bis auf den letzten Mann verteidigen werde. Mit Tagesanbruch stellte er sich schon wieder an die Spitze seiner Soldaten. Das Krachen einiger Stutzenschüsse und der Donner der Kanonen eröffnete diese für das ganze Land und hauptsächlich für die Stadt Innsbruck kostspielige, ewig merkwürdige Schauderszene. Vom Heldengeiste ihres Anführers beseelt, stürmten Offiziere und Soldaten mit unglaublichem Mute neuerlich die von den Sturmmassen besetzten Anhöhen. Allein sie fanden schon eine Überzahl von Tausenden, die ihnen wie wilde Bären mit dem fürchterlichsten Gebrülle bald da, bald dort aus den Wäldern heraus in den Rücken fielen — als plötzlich auch zu Höttingen (einem nahe bei Innsbruck auf einem Hügel gelegenen Dorfe), wohin sich in der Nacht schon mehrere Hundert Oberinntaler gesammelt, und in allen umliegenden Dörfern die Sturmglocke angezogen wurde. Nun strömten Tausende, von Raubbegierde und grauser Wut getrieben, wie alles mit sich reißende Wildbäche von Berg und Tälern und aus den benachbarten Ortschaften her. Die Soldaten, die sich gegen die zahllos auf sie einwirbelnden Sturmmassen wie ergrimmte Löwen stemmten, mussten doch endlich der Überzahl weichen und sich in die Stadt zurückziehen. Die Landstürmer waren schon von rückwärts in die Häuser der Mariahilfer-Vorstadt, welche an dem Höttinger Hügel liegt, eingedrungen. Eine Menge der baierischen auf der oberen Innbrücke postiert gewesenen Soldaten wurden nun aus diesen Häusern blessiert. Andere Kolonnen Landsturmmannschaft mit Musketen, Morgensternen, Gabeln und sehr langen Stangen, worauf Spieße und Bajonette gesteckt waren, zogen gegen die Mühlauer- und Sillbrücke heran.

Jetzt erreichten Verwirrung und Schrecken beinahe die höchste Stufe der Verzweiflung. Die Bürger erhielten den Polizeibefehl, alle Haustüren zu schließen. Schon begann der heftigste Kampf auf der Stadt- und Mühlauerbrücke. Auch alle übrigen Zugänge der Stadt wurden schon von hundertweise heranstürmenden Bauern bedroht. Mit jedem Augenblicke vermehrte sich deren Anzahl und mit derselben auch ihre Wut. Die Häuser der Stadt zitterten, durch den ununterbrochenen Donner der Kanonen erschüttert. Noch mehr aber zitterten die Herzen der Beamten und Bürger, durch das wilde Raub- und Mordgeschrei der schon bereits siegenden Bauern beängstigt. Oberst Dittfurt hatte schon 2 Blessuren erhalten, deren ungeachtet ging er weder von seinem Kommandantenposten, noch weniger von seinem Heldenentschlusse, zu siegen oder zu sterben, ab. Während der Oberst an der Spitze seiner Soldaten wie ein grimmiger Löwe focht und noch immer Verteidigungsanstalten traf, äußerte der General Kinkel dem Bürgermeister Schuhmacher, dem Herrn Ant. Karnelli und dem Kapuziner-Provinzial den Wunsch — weil er wohl einsah, dass aller fernere Widerstand zwecklos und vergeblich, ja äußerst verderblich war — mit den Insurgenten zu kapitulieren Die besagten Herren und der Pater Provinzial erboten sich willfährigst zu allen zur Erreichung dieses erwünschten Zieles, welches einzig die Stadt von der ihr bevorstehenden nahen Plünderung retten zu können schien, nötigen Schritten. Baten aber aus erheblichen vielfachen Gründen um schriftlichen Auftrag. Dieser wurde ihnen verweigert. Endlich nach längerem Beraten wurde beschlossen, sich den Insurgenten mit der weißen Fahne zu zeigen. Der General und die erwähnten Herren begaben sich daher mit einem weißen Tuche auf einer Stange gegen die Innbrücke. Allein kaum hatten sie sich den Insurgenten gezeigt, kamen schon mehrere Kugeln auf sie angeflogen. Daher zogen sie sich hinter die Pfeiler des Niederkircher'schen Gasthausgewölbes 3) zurück, von wo aus sie den Insurgenten die weiße Fahne zeigten. Doch diese wurde von ihnen nicht so schnell wie des Generals Federhut und glänzende Uniform erblickt. Der General stand frei unter der Laube, und im nämlichen Augenblicke, wo Herr Ant. Karnelli es bemerkte, dass er von den Bauern gesehen werden und ihnen als

3) Jetzt Gasthof zum Goldenen Adler.

Zielscheibe dienen könnte, und ihn hinter einen Pfeiler zurückzog, kam eine Stutzenkugel auf den nämlichen Ort und Stelle herangeflogen, wo der General noch eine Minute früher gestanden.

Nun bemerkten die Insurgenten die vorhängende weiße Fahne, und nun kamen zwei Höttinger, nachdem die auf der Innbrücke postierte Kanone schon zum Schweigen gebracht war und das Militär sowohl als die Bauern von dieser Seite ihr Gegeneinanderfeuern eingestellt hatten, über die Brücke her in die Stadt und fragten die Bürger, was das weiße Tuch zu bedeuten habe. Als man ihnen eröffnete, dass die Stadt und das Militär mit den Insurgenten zu kapitulieren wünschten, forderten sie ganz trotzig, dass das ganze Militär die Waffen strecken und sich ihnen gefangen ergeben solle. Um sich mit ihnen näher besprechen zu können, führten zwei Bürger die beiden Höttinger in das sogenannte alte Regierungs-, jetziges Landgerichts-Gebäude, wo aber die beiden Insurgenten nur in ein solches Zimmer eintreten wollten, welches die Aussicht über den Inn zu ihren Kameraden hinüber gewährte. Joseph N. . . . r, ein ebenso unerschrocken kühner als fein verschmitzter Bursche, stellte sich während des Gespräches mit den beiden Bürgern gleich an das Fenster, von welchem aus er die auf der andern Inn-Seite aufgestellten und zum Sprung fertigen Stürmer, die insgesamt keinen Blick von ihm abließen, übersehen konnte. In diesem Augenblicke trat der Kgl. baierische Major v. Zoller ins Zimmer und verlangte von den beiden Insurgenten freien Abzug mit Gewehr und Waffen, welches sie ihm aber rund abschlugen. Der Major erklärte ihnen, dass das Militär unter keinem andern Bedingnisse mit Insurgenten eine Kapitulation abschließen könnte. Worauf der am Fenster stehende erwähnte Joseph
N . . . . r seinen jenseits des Inns aufgestellten Kameraden ein Zeichen zum Sturm-Aufbruche gab.

Während dieser kurzen Unterhandlung rückten die Bauern auch schon von allen andern Seiten, wo fortwährend geplänkelt wurde, der Stadt näher: als plötzlich unter fürchterlichem Jubelgeschrei ganze Massen Landstürmer im Sturmschritte über die Innbrücke in die Stadt eindrangen, sich der dort aufgestellten Kanone bemächtigten, einen Teil der Kavallerie zum Absitzen zwangen und den in die Kaserne geflüchteten Soldaten die Waffen abnahmen. So stürmten nun die Insurgenten gegen die Hauptwache vor, woselbst Oberst Dittfurt, Oberstleutnant Spansky, einige andere Offiziere und ein Trupp Soldaten sich befanden. Diese, durch ihren mutvollen Oberst angefeuert, drangen zwar auf die Landstürmer ein; allein kaum waren sie 50 Schritte vorgerückt, als einem der anführenden Offiziere eine Kugel den Kopf zerschmetterte und mehrere Gemeine blessiert wurden. Die Bauern hatten die Türen der Bürger-Spitals-Kirche eingestoßen und sich bereits sehr vorteilhaft auf den Gängen des Spitals und in verschiedenen anderen Häusern postiert und feuerten daraus auf die Soldaten. In diesem Augenblicke fiel der Oberstleutnant Spansky, der eine Kugel durch die Brust erhielt. Oberst Dittfurt, welcher, wie ich bereits oben sagte, schon 2 Blessuren hatte, bekam noch eine dritte in den Schenkel; dessen ungeachtet feuerte er seine Soldaten nicht bloß durch Worte, sondern auch noch durch sein eigenes Beispiel heldenmütig an, bis ihn eine vierte Kugel schwer am Kopfe verwundete. Nun stürzte der Held erst zusammen und lag einige Minuten in seinem Blute da. Plötzlich fuhr er wieder auf und fiel ohnmächtig das zweitemal nieder, worauf er in das Bürgerspital getragen wurde. Darauf streckten auch die wenigen noch bewaffnet gewesenen Infanteristen das Gewehr.

Jetzt stürmten die Bauern durch die Neustadt bis auf das Landhaus und Post-Palais vor. Freund! Mit Worten kann ich Ihnen die Wut, mit welcher die auf ihren Sieg stolzen Landstürmer auf die Kgl. baierischen Wappen hinstürzten, nicht beschreiben. In einem Augenblicke lagen sie zu Boden. Ganze Massen wetteiferten um das Verdienst, die schon in Stücke zertrümmerten Kgl. baierischen Löwen in hundert Teilchen zu zermalmen. Während dieses wütenden Auftrittes kam noch der andere Teil der durch den Innrain nach den Wiltauer Feldern versprengten Kavallerie auf die Triumphpforte zugeritten; als sie diese erreicht und unter fürchterlichem Geschrei, mit gezogenem Säbel und verhängtem Zügel durch die Neustadt galoppierte, hätten Sie die Wappenstürmer auf einmal auseinander laufen sehen sollen. Da noch die meisten Häuser geschlossen waren, so suchten sich die Insurgenten durch die Flucht unter die Lauben und eine Menge in die Spitalkirche und in den Spitalhof, der bereits offen war, um die Blessierten unterzubringen, zu retten. Allein die Kavallerie hatte nicht die Absicht, einzuhauen, sondern sich bloß durchzuschlagen. Doch auch diese musste sich unter Innsbruck den Insurgenten von Hall ergeben. Gegen 10 Uhr war alles baierische Militär zu Gefangenen gemacht.

Nun hielten sich die Insurgenten zu den schändlichsten Räubereien berechtigt. Wie losgebundene, wütende Kettenhunde liefen sie schauerlich jauchzend Straßen und Gassen durch und schossen bald da, bald dort auf ein Fenster hinauf. Augenblicklich mussten ihnen alle Haustüren geöffnet werden. Unter dem Vorwande, man halte Kgl. baierische Offiziere oder Soldaten versteckt, musste man sie in manchem Hause alle Zimmer durchsuchen lassen, wo sie, wie sich's von selbst versteht, nicht selten, was ihnen gefiel, mitgehen ließen. Vor allem wurde die Burg, die Kasernen und die Häuser der Juden gestürmt und geplündert. Allein sie begnügten sich nicht bloß mit diesen. Auch Uhrmacher und manch anderer gutstehender Bürger und Beamte wurden ausgeraubt. Das Gesindel der Stadt und vorzüglich die sogenannten Kotlackler gesellten sich bald zu den Nachzüglern und Steckenmännern des Landsturmes, und an den leeren Säcken, die sie mitbrachten, konnte man leicht ihre Absicht erraten. Ich würde zu keinem Ende kommen, wenn ich Ihnen die schauerlich wütenden Auftritte dieses Tages einzeln und umständlich beschreiben wollte. In der ersten Wut dachten die siegenden Horden nur ans Plündern und Beutemachen. Die Juden und Uhrmacher der Stadt wurden rein ausgeplündert. Auch verschiedene Studenten mussten, weil sie in jüdischen Häusern wohnten, ungeachtet sie ihr Christentum mit verschiedenen katholischen Zeichen zu beweisen sich bemühten, ohne weiteres als Juden gelten, sich ihre Habe rauben lassen und zufrieden sein, dass sie durch die Flucht in andere Häuser ihr Leben retteten.

Nachdem sich die erste Plünderungswut in etwas gelegt, so dachten die Stürmer ans Essen und Trinken, und ganze Truppen quartierten sich willkürlich in Wirts- und Privathäuser ein. Dreißig, vierzig und noch mehr kamen auf einmal und forderten mit Ungetüm Nahrung und Trank. Sie können sich vorstellen, dass man ihnen gab und geben musste, was man hatte. Doch kaum waren die ersten gefüttert, so kamen die zweiten, nach diesen die dritten, und so wechselten die teuren Gäste mit ihren unholden Besuchen bis in die tiefste Nacht hinein ab. Viele trieben dieses Selbsteinquartierungs-Unwesen so weit, dass sie sich von einem Hause hinaus in das andere hinein begaben und neuerlich zu essen und zu trinken forderten. Selbst wenn sie wie die Trommeln gespannte Bäuche herumtrugen und vor Rausch schon taumelten, wollten sie noch den ganzen Tag hindurch weder etwas gegessen, noch weniger was getrunken haben. Unter dem Vorwande, sie wären das Vaterland zu retten weit her gereist und hätten einen großen Rückmarsch zu machen, wussten sie mit so einer gebieterischen Siegermiene sich nebenbei noch ein Reisegeld zu erzwingen, dass man froh sein musste, wenn man sich mit einigen Gulden von diesen ehrenvollen Vaterlandsrettern loskaufen konnte.

Unter Angst und Furcht und in der bangsten Erwartung, was vielleicht der kommende Tag herbeiführen würde, schleppten wir uns die Nacht schlaflos durch. Wenn man sich auch wirklich in Kleidern auf ein Bett geworfen hatte und kaum eingeschlafen war, so weckte einen jetzt das stürmische Pochen an irgendeiner nachbarlichen Haustüre, jetzt das vereinte wilde Jauchzen einer hin- und her- oder nach Hause ziehenden Bande schnell wieder doppelt erschrocken auf. Freund! Was Anarchie nach dem eigentlichen Sinne und Umfang des Wortes sagen will, kann nur der begreifen, der den Zustand und die Folgen desselben mit eigenen Augen gesehen! Ein Land ohne Gesetze und Obrigkeiten und eine Stadt ohne Behörden und Polizei muss nach meiner Ansicht die babylonische Verwirrung weit übertreffen. Im wirren Taumel der Trunkenheit wirbeln sich die Menschen wie eine scheu gewordene Herde umher. Ich versichere Sie, wenn in diesem Zustande der Gesetzlosigkeit ein Pascha den Halbmond oder seine 3 Rossschweife aufgestellt hätte, die Bürger von Innsbruck würden ihm nicht nur mit vollster Ergebenheit gehuldigt, sondern ihn noch nebenbei pflichtschuldigst als ihren Retter gepriesen haben.

In der Nacht begaben sich doch die meisten rechtlicheren Bauern nach Hause. Franz Rahm von Thaur besetzte endlich mit einigen seiner Leute die Hauptwache, wo ein Kais. Adler aufgepflanzt wurde. Auch auf das Postpalais wurde an Stelle der zertrümmerten Kgl. baierischen Löwen ein Kais. Adler, ein ungeheuer großes hölzernes Tier, das, wie man mir sagte, vor einem Jahrhundert auf einer Brunnensäule prangte, gesetzt. Dieser kolossale Schutzvogel wurde mit Lorbeerkränzen und pyramidenartig vorstehenden grünen Bäumen verziert und erhielt eine Wache, die jedem Vorübergehenden den Hut abzuziehen befahl. Sie können sich vorstellen, dass man von Herzen gern und schnell diesen Befehl vollzog. Die Bauern beugten sich im Vorbeigehen tief, staunten ihn eine Weile mit wehmütigem Wohlgefallen an, machten die sonderbarsten Bemerkungen über sein verwittertes Aussehen und jauchzten ihm endlich mit den Worten „O mei guldener Vogl! mei liaber Kuaser Franz!" aus höchst erfreuter Brust wiederholtes Lebehoch zu.

In der Nacht kam die Nachricht, es rücke eine starke Kolonne Franzosen und Baiern von Brixen über Sterzing durchs Wipptal heran. Schon vorläufig erfuhr man, dass sie Mauls, Sterzing, Gossensaß geplündert und Greuel der Verwüstung angerichtet haben. Nun denken Sie sich die Angst und den Schrecken, der neuerlich die Bürger von Innsbruck überfiel. Am 13. früh um 3 Uhr entstand Lärm: „Die Franzosen rücken an.“ Nun wurde in allen Türmen der Stadt Sturm geschlagen. O wie schauerlich dumpf erschütternd tönte das Ding in furchtsame Ohren! Da es in der Stadt ziemlich finster war, schrie ein einziger Bauer: „Lichter auf d' Fenster!" und in einem Augenblicke war der Graben und die ganze Neustadt beleuchtet. Doch dieser erste Schrecken legte sich bald wieder, bis um 5 Uhr morgens die angekündigte Kolonne Franzosen auf dem Berg Isel sich zeigte. Gegen ½ 6 Uhr standen die Franzosen wirklich schon auf den Wiltauer Feldern in der Ebene bei Innsbruck und hatten sich mit dem Rücken teils an die Sill, teils an den Berg Isel gelehnt; die Baiern aber stellten sich längs dem Gebirge auf. Drei französische Husaren kamen bis zur Triumphpforte herab geritten, hielten unter derselben eine Zeitlang an und ritten wieder, ohne einen Insurgenten gesehen zu haben, bis zum v. Mayrschen Hause zurück. Indessen sprangen einige Bauern vom Gampperschen Wirtshause heraus, verrammelten mit einem Landwagen, Stangen und leeren Weinfässern die Triumphpforte und machten Lärm in der Stadt. Ein Bauer schoss wiederholt von der Triumphpforte auf die drei Husaren, doch habe ich keinen fallen gesehen. Ich sah der ganzen Geschichte teils von einem Fenster, teils von dem Dache des nächst der Triumphpforte stehenden Servitengebäudes zu. Die Husaren zogen sich zurück. Nun kam ein Kgl. baierischer Offizier, man sagte mir, es wäre der Adjutant v. Margreiter gewesen, wahrscheinlich ebenfalls, sich um die wahre Lage der Dinge zu erkundigen, von Wiltau herab auf die Triumphpforte zugeritten. Als er aber derselben näher kam, wurde er von dem erwähnten Bauern vom Pferde geschossen. — Indessen wurde in der Stadt sowohl als in den umliegenden Dörfern in allen Kirchtürmen Sturm und von dem Gastwirte G . . . . mit einer Kindertrommel Lärm geschlagen.

Teimer, der schon am 12. mit dem Oberinntaler Landsturm in die Stadt eingerückt war, stürmte mit gezogenem Säbel, begleitet von Joseph Huter von Höttingen und einem starken Zuge Insurgenten, durch die Neustadt nach Wiltau und forderte alles auf, ihm zu folgen. — Nun schwärmte es aus allen Häusern und Dörfern von bewaffneten Menschen nach Wiltau zu. Alt und Jung, Groß und Klein, Bauern, Studenten und Bürger, selbst neugierige Weiber und Mädchen wetteiferten im Laufe, nicht anders, als wenn sich eine Hirschen- oder Hasenjagd eröffnete. Unter anderem sah ich einen höchstens 13- oder 14jährigen Buben (dem Aussehen nach muss es ein Schlosser- oder Schmiedejunge gewesen sein), ganz sonderbar bewaffnet (er trug ein Bajonett auf einen Ofengabelstiel gesteckt), keuchend dem siegbegierigen Haufen folgen. Während sich die Häuser und Gassen in Wiltau mit diesen verschiedenen Stadt- und Landstürmern füllten, fielen die Bauern von Stubai und den um Innsbruck herumliegenden Dörfern schon wieder hundertweise über den Berg Isel her und aus den Wäldern heraus den Franzosen und Baiern in den Rücken. Die Kolonne blieb indessen unbeweglich am Fuße des Berges stehen. Mit jedem Augenblicke vermehrte sich die Anzahl der Bauern und mit dieser auch ihre Wut.

Das Militär wurde aufgefordert, sich zu ergeben. Ein französischer Oberst und der baierische Oberstleutnant Wreden kamen in die Stadt, um sich selbst von der stattgehabten Gefangennehmung der Baiern zu überzeugen. Der französische Oberst wurde wieder zurückgeführt. Der gefangene baierische General Kinkel wurde ersucht, dem französischen General selbst die Lage der Dinge durch ein Schreiben zu melden. Dieser verlangte freien Durchzug mit Gewehr und Waffen zu der französischen Armee bei Augsburg, welches aber vom Landsturm und besonders von Herrn Teimer rund abgeschlagen wurde. Endlich, nachdem sich der französische General überzeugt hatte, dass das Kgl. baierische Militär schon aufgehoben und die Stadt schon in den Händen der Bauern war, und sich nebenbei teils von allen Seiten umringt und immer noch mehr und mehr umgeben sah, und von der Höttinger Seite her auch ein Kanonenschuss fiel, der die Kugel gerade einige Schritte vor der Kolonne in die Erde trieb (die Bauern hatten zu der Kanone, die sie bei Erstürmung der Stadt erobert, nur ein Paar Kugeln; ein alter österreichischer Kanonierinvalid hat diese von Bauern auf die Höttinger Felder hinausgezogene Kanone geladen, gezielt und abgefeuert), so kam die Kapitulation zustande.

Doch während diese Herren zu Wiltau in einem Hause miteinander unterhandelten, wurden die Soldaten, die sich in Abwesenheit ihrer Herren Stabsoffiziere nicht verteidigten, schon von den Bauern von allen Seiten zugleich angefallen, die Reiter von den Pferden gerissen, und so — kaum waren die Kapitulationspunkte unterschrieben — gefangen gemacht. Mit welcher Wut und Raubsucht die Sieger über

4) Abdruck bei Rapp: Tirol im Jahre 1809 (in der Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg. 3. Folge. Innsbruck 1853) S. 127 f.

die schönen Offiziers- und Kavalleriepferde herfielen und wie unsanft sie den Soldaten die Tornister, Mäntel und vielen selbst die Kleider vom Leibe rissen, können Sie sich leicht denken. Nun galt unter den Bauern selbst, im eigentlichen Sinne des Wortes, einzig das Faustrecht mehr. Der Stärkere entriss gewaltsam dem Schwächeren seine Beute, und manche, selbst Studenten, vermochten sich 2 und 3 Pferde zu behaupten. Sobald die Kapitulationspunkte, deren letzter (lautend: „Sämtlichen Oberoffizieren sind die Bagage, Pferde und Seitengewehre zu belassen") freilich zu keiner Kraft und Beobachtung mehr konnte gebracht werden, gegeneinander ausgewechselt waren, wurde das gefangene Militär in die Stadt transportiert. Eine Menge Bauern zu Pferd eröffnete diesen denkwürdigen Triumphzug. Dann folgte das entwaffnete Militär, von beiden Seiten von auf erbeuteten Pferden sitzenden Bauern eskortiert. Der übrige zahllose Haufen wirbelte mit Gewehren oder mit Tornistern oder mit beiden zugleich beladen, teils nebenher, teils hinten nach. Bürger und Bürgerssöhne zogen eroberte Kanonen in die Stadt. Denn um diese bekümmerten die Bauern sich anfangs weniger als um die Pferde. Freund! Es übersteigt beinahe allen Glauben, und es schien, die Augen sollten trügen, wenn man diese mehrere tausend Infanteristen und so viele hundert Reiter auf offenem Felde von einem verwirrten Haufen Bauern und Bürger entwaffnen und gefangen nehmen sah! Unter anderen sah ich selbst den oben erwähnten Schlosser- oder Schmiedejungen, wie er, in der einen Hand seinen Ofengabelstiel haltend, an der anderen mit majestätischem Ansehen einen französischen Offizier durch die Neustadt herabführte.

Das gefangene Militär wurde in den Kasernen eingesperrt und meist nur von den Bürgern bewacht. Die Hefe des Volkes gewann wieder die Oberhand, quartierte sich willkürlich ein und erlaubte sich hin und wieder einzelne Räubereien; es würde gewiss zu blutigen und schrecklichen Auftritten gekommen sein, wenn nicht verschiedene Bürger, besonders Herr Joh. Georg Tschurtschenthaler und ganz vorzüglich der riesengroße Herr v. Atzwanger, verschiedene Priester, hauptsächlich aber der Kaptiziner-Provinzial durch unerschrockene Tätigkeit aller Orten Übel verhütet, erhitzte Köpfe beruhigt und empörte Gemüter besänftigt hätten. Auch der Major Teimer lief rastlos den ganzen Tag herum, ermahnte, bat, beschwor und drohte zur Ruhe. Allein er lief selbst Gefahr, erschlagen oder erschossen zu werden. Wie auch wirklich ein Bauer mit einem ungeheuren Bengel einen Streich auf ihn führte, der ihn bestimmt tot zur Erde gestreckt hätte, wenn er ihm nicht glücklich ausgewichen wäre. Er traf ihn auf den Arm und schlug ihm denselben auch beinahe lahm. — Sie können sich leicht vorstellen, dass es unter so vielen Tausenden viele mittellose, raubsüchtige Unholde gab, die nur die Herren erschlagen und die Stadt geplündert sehen wollten. Alte Weiber wollten feurige Ruten und funkelnde Schwerter am Himmel sehen und schrieen Mirakel, und das Gesindel der Kotlacke lief herum, die bereits beruhigten Bauern zu neuen Räubereien und Mord aufzufordern. Es zeigte ihnen die Häuser, wo Kgl. baierische Beamte wohnten. „Da miest's aui geh'n, da ob'n trefft's an recht'n Boar an“, hörte ich selbst mehrmals sagen. „Vor's d' Herrn nicht alle erschlagt, werd Prophezeiung nit erfüllt. Mögt's tien was ös wollt, kemmen döcht kuane bessere Zeiten. Z'erst miest's d' Herrn erschlag'n, nacher seid's ös Herrn. Schaut's nu grad, d' Österreicher kemmen a nit. Wer wuaß, wer der österreichische Major ist (sie meinten den Herrn Teimer), z'lest ist's a a falscher. Z'erst hat er sie für an Kommissari ausgeb'n, und itzt will er a Major sein, ist ihm a nit zu trauen. Dös Majors G'wand hat er lei glichen. Secht's Mander, wie man enk onfiert" usw. usw. Augenblicklich sammelten sich Hunderte. Einer sagte dem anderen: „Du, der kuaserlich Major ist a a falscher." „Aufhängen", schrie dieser, „Erschießen" ein anderer, „Erschlagen" ein dritter, und so umgaben einige Hundert das v. Atzwanger'sche Haus, wo Herr Teimer damals sich hinrettete. In diesem Augenblicke kamen der Uhrmacher Bairer und Joseph Huter von Hötting zu den P. Serviten und forderten den P. Benitius auf, er möchte eilen, was er könnte, dem Herrn Teimer das Leben zu retten; er laufe Gefahr, in dem v. Atzwanger'schen Hause von den Bauern erschlagen zu werden. Der Pater lehnte mit seiner gewöhnlichen Bescheidenheit dies gefährliche Geschäft von sich ab, indem er vorgab, er kenne Herrn Teimers Sendung und Charakter nicht, sagte ihnen aber, es wäre ein Priester von Schlanders als von Herrn Teimers Geburtsorte da, der ihn persönlich kenne und den Bauern von dessen Rang und Verhältnissen bestimmte und gewiss befriedigende Aufschlüsse geben würde. Er führte die besagten beiden Herren zu mir. Ich war damals gerade im Servitenkloster und besuchte einen guten Freund, einen Kgl. baierischen Beamten höheren Ranges, der ebenfalls seiner persönlichen Sicherheit wegen sein Haus verlassen und sich bei den Serviten versteckt halten musste. Kaum war ich von Herrn Teimers Lage unterrichtet, lief ich schon, was ich vermochte, ihn zu retten. Als ich zum v. Atzwanger'schen Hause kam, wimmelte es vor demselben von berauschten Bauern und Kotlacklern, die sich wild durcheinander drehten und schrieen. „Laßt's mi auha, kann ich a aschlaga." Mühsam wand ich mich durch diesen wirren Haufen. Endlich gelang es mir, durch die von Bauern dichtbesetzten Treppen auf das Zimmer zu kommen, wo sie den Herrn Teimer hinter einem Tische auf einem Sofa sehr unsanft eingeengt hatten. Als ich auf die Türschwelle kam, schrie ich aus allen Kräften: „Männer, ich bin Priester!" „Mier globa kua Pfaffa oh numa, sein oh Spitzbuba g'wesa, hoba oh ton, was d' Boara 5) g'wellt", unterbrach mich einer ganz wütend. „Mier kenna enk nuit", schrie ein anderer. „D‘ Pfaffa sein alla mit ihra Friedstifta da, mier braucha kuana Pfaffa oh numa", schrie ein dritter, und so war es mir unmöglich für den Augenblick zur Sprache kommen zu können. Alles schrie und wütete durcheinander, und zudem blies noch einer in einem Winkel des Zimmers unaufhörlich in eine sogenannte Schwegelpfeife; wahrscheinlich, damit man meine Worte nicht hören sollte.

Herr Teimer und Herr v. Atzwanger hatten ihre Brust schon so entkräftet, dass sie keinen lauten Ton mehr von sich geben konnten. Endlich erhob ich fürchterlich meine Stimme (Sie wissen, dass mir nicht bald ein Mann in Kraft der Stimme gleichkommt) und war so glücklich, diese Poltergeister für einen Augenblick gleichsam alle zu überbrüllen. „Männer!" schrie ich ihnen, so stark ich vermochte, aus allen Kräften zu; „Höret mich! ich bin Priester und verpfände euch Seel und Seeligkeit für die Wahrheit dessen, was ich euch sagen werde! Seht, ich bin euer Gefangener! Hier habt ihr meinen Kopf und mein Leben! Wenn ein Wort von dem, was ich euch sagen werde, nicht wahr ist, so könnt ihr mich auf der Stelle erschießen!" — Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, so schrie einer: „Wo seid denn ös he? ös habt's kua Trola 6) Sprach!" Augenblicklich nahm ich die Vinschgauer Volkssprache an und sagte ihm, ich wäre von Vinschgau. „Vinschga, deß wissa mier nuit", schrie ein anderer zurück. — „Aber um Gottes Willen! ein ganzes Viertel in eurem Lande solltet ihr doch wissen", erwiderte ich. — „Ja sella wohl", rief auf einmal einer, der mir am nächsten stand, den übrigen zu. „Hobat's eppa nie kuana Vinschga Bettlar g'seha! An Geistla muß ma ja döcht

5) Baiern.
6) Tiroler.

reda lassa; was wöllt's denn meh hoba as d' Seel und Seeligkeit von ama Geistlicha? Wenn mier ih' scho nuit kenna, so könna mier ih' döcht reda lassa." Nun verfiel ich auf den Gedanken, vielleicht möchte einer oder der andere aus ihnen meinen Vater, weil er öfter über die Inntaler Straße nach Hall gefahren, kennen, und schrie daher auf: „Männer, ist denn keiner unter euch, der den Sailer von Schlanders kennt?" — „De sella kenn' ich guet; ih ho ihm bei seinem Fuhrwerch oft fürg'setzet", gab mir schnell einer zur Antwort und fragte mich, ob ich von diesem der geistliche Herr Sohn sei. — Als ich ihm dies bejahte und auch sagte, ich wäre zu Rom gewesen, arbeitete er sich aus allen Kräften zum Tische vor. „So hobat's de Papst oh g'seha?" fragte mich gleich ein anderer. — „Nicht nur gesehen, sondern auch gesprochen und von ihm eine goldene Medaille bekommen", erwiderte ich ihm. — Nun schrie er auf: „Itzt hört's, Mander! Was dös für a Herr ist! De Herr muß ma reda lassa! Tiet d' Hiet oha, und schlaget a mal d'sella Hund dunta Pfeifa as d' Goscha! (Er meinte nämlich den oben erwähnten Schwegelpfeifer.) — Jetzt hatte ich bereits soviel als gewonnenes Spiel. Dem besoffenen lästigen Pfeifer entriss einer die Schwegelpfeife, und die meisten hatten schon die Hüte abgenommen. Nun klärte ich sie in betreff der Person und des Ranges vom Herrn Teimer auf, erzählte ihnen kurz seine Biographie und mit passenden Bemerkungen seine früheren militärischen Taten und schloss meine Rede mit der Vorstellung, wie sie meistens ihm ihre Rettung und ihr Leben zu verdanken hätten. — Wie, wenn er nicht mit dem französischen General die Kapitulation abgeschlossen hätte, kein Mensch dagewesen wäre, der im Namen des Kaisers von Österreich hätte vortreten und sie unterzeichnen können? Wie sich dann so viele tausend Mann und Reiter gewiss ohne Schwertstreich ergeben haben würden! Welche Schande und Verantwortung sie sich zuziehen würden, wenn sie dem Herrn Major als ihrer dermal einzigen höchsten Behörde nicht unbedingte Folge leisten und sich ihn noch ferners zu misshandeln erkühnen würden usw.

Wenn man unter dem Volke einmal zur Sprache kommt, so hält es nicht mehr schwer, es über schwarz und weiß zu belehren, und der bleibt gewöhnlich obenan, der die Stimme am stärksten zu erheben vermag. Nur noch einen einzigen Knoten hatte ich zu lösen. Die Bauern sagten mir nämlich: „Könna sie uns obar oh versichern, daß Kaiserlicha g'wiß kemma?" Ich versicherte sie, dass sie in Eilmärschen im schnellsten Anzuge wären, und gab mich, weil sie es so verlangten, ihnen zum Gefangenen hin. Hiermit war die Geschichte abgetan. Die meisten entfernten sich beschämt und hießen die auf den Treppen und außer dem Hause stehenden Kameraden ruhig auseinander- und weggehen. Herr Teimer stand auf, umarmte mich zärtlich und nannte mich seinen Retter. In diesem Augenblicke kam auch der Kapuziner-Provinzial, der den Herrn Teimer schon früher aus einer ähnlichen Verlegenheit gerettet, und der Pater Balthauser in der nämlichen Absicht, ihn zu retten, herbeigeeilt. Allein alle Gefahr war schon überstanden. Daher empfahl ich mich dem Herrn Teimer und ließ mich als Gefangenen oder gleichsam als Geisel von 4 Bauern in das Servitenkloster zurücktransportieren. Einer von diesen blieb außer dem Klostertore stehen und übernahm dort die Wache. Ich ging auf das Zimmer, wo sich der oben erwähnte Herr Beamte verborgen hielt, und blieb noch einige Zeit bei ihm. Endlich, weil es schon finstere Nacht war, ging ich nach Hause. Hinter dem Klostertore blieb ich solange stehen, bis meine Wache etwas aufwärts ging, dann sprang ich heraus und lief, was ich konnte, auf meine Wohnung zu. Wie lange meine Wache ihren Posten besetzt hielt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat sie niemand abgelöst und wird wohl so, des Auf- und Abgehens müde, selbst davongegangen sein. Wenigstens sah ich am anderen Tag morgens keinen Menschen mehr dortstehen.

Herr Teimer schickte noch im nämlichen Augenblicke, wo er gerettet war und freier atmen konnte, den Herrn Bairer zum General Chasteler, schilderte ihm seine und Innsbrucks gefährliche Lage und bat ihn dringendst, wenigstens etwas Truppen zur Beruhigung des Volkes so schnell als möglich nach Innsbruck zu schicken. Herr Bairer eilte mit der Post, was er vermochte, nach Pustertal und traf den Vortrab der österreichischen Truppen schon in Steinach an. Diesen sagte er, sie sollten Wagen aufnehmen und sich nach allen Kräften Innsbruck zu erreichen beeilen. General Chasteler war schon mit seinem Hauptquartier zu Mühlbach. Daselbst übergab ihm Herr Bairer seine Depesche und kam, schnell vom General selbst abgefertigt, am 14. vormittags schon wieder mit einer Proklamation zu Innsbruck an:

Auch Herr Teimer ließ folgendes Publikandum unter dem Volke verteilen:

„Innsbruck, 14. April 1809.
Teimer macht mit Berufung auf den ausdrücklichen Befehl Sr. Kais. Hoheit des Erzherzogs Johann den ernstgemessensten Auftrag bekannt, dass alle nach ihrer Heimat zurückkehrenden Landesverteidigungstruppen, bei Vermeidung der allerhöchsten Ungnade, sich aller Unordnungen und Gewalttätigkeiten gegen Private, Beamte und Kriegsgefangene zu enthalten haben" usw.

Dadurch ließ sich das Volk endlich in etwas beruhigen. Mehrere Bürger ritten den Österreichern bis auf den Schönberg entgegen. Von Stunde zu Stunde kam einer herab geritten und brachte die erfreuliche Kunde, dass sie schon im Anmarsche wären, bis man sie endlich auf dem Berg Isel erblickte. Nun strömten Tausende aus der Stadt mit wallend entzücktem Ungestüm nach Wiltau, sie zu sehen, zu begrüßen und jubelnd in die Stadt zu begleiten. Die Beschreibung, wie sonderbar sich der Charakter des Volkes und mit welch außerordentlichen Äußerungen sich das Hochgefühl des wonnetrunkenen Pöbels beim Einzüge der Österreicher in die Stadt zeigte, behalte ich mir für das nächste Mal vor. Leben Sie wohl!
   
  Quelle: Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809, Erinnerungen des Priesters Josef Daney, Bearbeitet von Josef Steiner Innsbruck, Hamburg 1909
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.