SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney

   
 
  Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney
 

 

12. Brief

Andreas Hofer wird verraten, gefangen genommen, in Mantua erschossen. Das Schicksal Tirols.

In meinen früheren Briefen haben Sie gesehen, was ich zur Rettung des Hofer alles getan und wie oft ich ihn wirklich gerettet habe. Ich hätte es mir im Traume nicht mehr einfallen lassen, dass Hofer noch in Passeier wäre. Ich glaubte, er hätte sich schon längst nach Österreich geflüchtet. Daher fühlte ich mich auch wie vom Schlage getroffen, als man mir die Nachricht brachte, Hofer sei von den Franzosen gefangen und in Ketten nach Bozen geliefert worden. Es schien mir unglaublich, dass Hofer so sehr sollte seinen Kopf verloren haben, dass er, ungeachtet ihn jeder rechtliche Mann schon längst verlassen hatte, doch noch zwei volle Monate bei der rauhsten Jahreszeit in einer Alpenhütte habe zubringen können. Am 28. Januar 1810 wurde er gefangen. Am 29. kamen schon Herr Johann Thurnwalder und Peter Holzknecht, beide aus Passeier, zu mir nach Schlanders und baten mich, ich möchte dem Hofer nacheilen und ihn zu retten suchen. Ich versprach ihnen, mein möglichstes zu tun. Am 30. eilte ich nach Bozen und bat den General Baraguay d'Hilliers, soviel ich vermochte, für Hofer um Gnade. Allein all mein Bitten und alle meine Vorstellungen, Hofer sei gezwungen worden, sein wiederholt gegebenes Wort zu brechen usw., fanden kein Gehör mehr. Der General befahl mir, zu schweigen; und als ich ungeachtet dessen doch noch zu bitten nicht aufhörte, kehrte er mir endlich den Rücken zu und ließ mir durch einen seiner Adjutanten sagen, ich warte und bemühe mich vergebens. Für Hofers Rettung habe er schon wiederholt sein möglichstes getan. Jetzt könne und wolle er nichts mehr tun. Ich solle mich nur, wenn ich sonst nichts mehr zu wünschen hätte, nach Schlanders zurückbegeben.

So musste ich leider, ohne meinen Zweck erreicht zu haben, wieder nach Vinschgau zurückkehren. Indessen vertröstete ich mich mit der Hoffnung, Hofer würde durch Österreichs Vermittlung gewiss gerettet werden, allein die Franzosen machten ihm den Prozess viel zu schnell, als dass ihm von Österreich hätte Hilfe und Rettung gebracht werden können. Seine Gefangennehmung geschah auf folgende Weise. Am 27. Januar schickte eine bedeutende Zivilperson in Passeier, die Hofers Ruhe stören wollende Absichten genau kannte und seinen verborgenen Aufenthalt wusste und sich vielleicht ex officio verpflichtet fühlte, den Hofer aus dem Wege zu räumen, um endlich mit dessen Entfernung allen zukünftigen Gärungen ein Ende zu machen und die gesetzliche Ruhe und Ordnung zu begründen, einen gewissen Joseph Raffel 1), Bauersmann,

1) Auf einem beigefügten Zettel, der eine spätere Handschrift Daneys aufweist, finden sich genauere Angaben über Raffel und dessen Verrat:

„Franz (nicht Joseph, wie Daney zuerst schrieb!) Raffel, gebürtig von Brenna, Gerichts Schönna, heiratete eine Wittib in Fortleis, ein halber Hof. Sie hatte das Gut zum Genuss. Er schwängerte eine Stieftochter. Über diesen Verdruss starb das Weib, und hiermit musste er vom Hofe sich entfernen, weil das Gut den Kindern zufiel. Die Geschwister und Eltern sind rechtschaffene Leute. Er kaufte dann den Viertel Grubhof auf Brantach eine halbe Stunde unter des Hofers Stall; er heiratete eine jüngere und hatte 2 oder 3 Kinder. Sein Vater tat für 1000 (Gulden) Bürgschaft und verlor alles, auch die Gläubiger verloren. Er ging öfters nach Meran zu den Franzosen. Bei der Brücke außer St. Martin kam er zum Peter Illmer, damals Ortsvorsteher von St. Martin und Zollaufseher, schon spät abends und sagte ihm: er wisse den Hofer, wir wollen ihn anzeigen. Hierüber erschrak der Illmer und sagte nichts dazu. Jedoch überlegte er es, weil er alle Tage über Hofer, Steinhauser und Jörgl einen Bericht an das Gericht und dieses an den französischen General erstatten musste; daher ging er zum Richter Auer und hinterbrachte ihm, was Raffel gesagt hätte. Der Richter nahm hiervon noch keine Notiz. Mittlerweile wurde es unter dem Volke lauter, dass Hofer sich da aufhalte. Daher begab sich Illmer wieder zum Richter Auer und wollte ihm hinterbringen, dass man schon ziemlich laut von Hofers Aufenthalt spreche. Allein beim Sandkirchl begegnete ihm schon Raffel auf dem Wege nach Meran, und als ihn Illmer anredete, wohin er gehe, sagte er, auf seine Tasche deutend, diese Worte: „Weist wohl, jetz han is wohl da“ — nämlich die Anzeige. Dann, weil ihn niemand behielt, die Kinder ihm „Judas" nachriefen, wandte er sich zum Rechberg. — Er war öfters bei den Franzosen, allein diese glaubten ihm nicht, er musste es von der Obrigkeit haben. Man sagt, der Richter wollte ihm keine Schrift geben, aber Raffel soll gesagt haben, dann werde er es den Franzosen melden."

mit einem Briefe nach Meran zum General Huard. Dieser hatte das Schreiben, worin ihm die Anzeige von Hofers Aufenthalt gemacht wurde, kaum erbrochen und durchgelesen, als er schon den Überbringer desselben zu verwachen befahl. Am Abend wurden mehrere Kompanien Franzosen nach Passeier beordert. Raffel diente ihnen als Wegweiser und führte sie in der Nacht nach Passeier und ohne zu verweilen bis zur Hütte, wo Hofer bisher mit dem schon oft erwähnten elenden Swet und seinem höchstens 14- bis 16jährigen Sohne sich versteckt hielt. Die Franzosen umringten die Hütte, fielen stürmisch wütend über den Hofer, der sich nicht verteidigte, her, banden ihm die Hände auf den Rücken und führten ihn samt seinem Sohne und dem Swet gleichsam im Triumphe nach Meran. Wie man mir erzählte, sollen die Franzosen beim Hofer einige Gewehre, besonders aber viel Geld und jene goldene Kette, die ihm von Österreich geschickt und in Innsbruck bei der Feierlichkeit am 4. Oktober angehängt wurde, angetroffen haben.

In Meran wurde Hofer in Ketten geworfen und so über Bozen nach Mantua geführt. Sein Sohn wurde in Bozen entlassen. Am 19. Februar wurden Hofer und Swet daselbst vor ein förmliches Kriegsgericht gestellt, prozessiert, infolge der unterm 12. Oktober 1809 zu Villach erlassenen Verordnung des Vizekönigs zum Tode verurteilt und am 20. erschossen. 2)

2) Diese Darstellungsweise erweckt den Anschein, als ob auch Swet erschossen worden wäre. Swet wurde bereits am 22. Febr. 1810 begnadigt, im April nach der Insel Elba transportiert, unter die französischen Soldaten gesteckt und härter als ein Sklave gehalten. Im Jahre 1813 gelang ihm die Flucht nach Imola, wo er dem I. Landwehrbataillon von Erzh. Karl-Infanterie beitrat. Im Februar 1816 erhielt er den Abschied, trat in die niederösterreichische Staatsbuchhaltung, kam noch 1816 nach Innsbruck und starb dort, nahezu 80 Jahre alt, als k. k. jubil. Staatsbuchhaltungsoffizial im Jahre 1864.

Wie er sich während des Transportes bis Mantua und daselbst vor seinen Richtern und auf dem Richtplatze benommen, ob er sein Todesurteil mit Unerschrockenheit oder tief erschüttert vernommen und seinen Tod mit verbundenen oder unverhüllten Augen empfangen habe usw., ist mir nie bestimmt zu erfahren gelungen. Man erzählte und las über Hofers letzte Stunden verschiedene Bemerkungen. Einer ließ ihn mit heroischer Standhaftigkeit seinem Tode entgegengehen, ein anderer erzählte, er wäre wie eine gemeine Seele ganz kleinmütig und beinahe sinnlos auf den Richtplatz hingeschleppt worden. Ein gewisser Polizei-Offiziant zu J . . . ließ ihn in einer höchst unzeitigen, von jedermann mit Unwillen gelesenen Schrift am Rande seines Grabes verzweifeln. Die meisten Erzählungen stimmten aber dahin überein, Hofer habe beinahe bis an sein Ende Begnadigung gehofft und erwartet. Nachdem er aber gesehen, dass sein Urteil nicht mehr abgeändert würde, habe er sich mit christlicher Ergebenheit zum Tode vorbereitet und betend nach dem Richtplatz begeben. Von mehreren Kugeln durchbohrt, stürzte er leblos zur Erde.

Nun will ich Ihnen noch Hofers früheres Leben und Taten erzählen, dann können Sie sich von ihm selbst ein passendes Urteil fällen. Andreas Hofer ist im Jahre 1765 in Passeier, einem sehr bevölkerten Seitentale zwischen Meran und Sterzing, geboren. Seine Eltern hatten eben kein bedeutendes Vermögen. Bis Hofer die Wirtschaft auf dem sogenannten Sandhause übernahm, war er kaum gekannt. Von der Benennung seines Hauses hieß man ihn gewöhnlich den „Sandwirt". Er war groß von Statur und hatte einen sehr starken Körperbau. Seine geistige Bildung war, wie es bei gemeinen Leuten überall der Fall ist, beschränkt, doch bei weitem nicht so dürftig wie bei den übrigen Tal- und Gebirgsbewohnern von Passeier. Er schrieb zwar schlecht; indessen war er doch imstande, seine Gedanken zu Papier zu bringen. Viel besser, als er schrieb, hat er gelesen. Auch sprach er, wie ich schon früher bemerkt habe, ziemlich fertig das Tridentiner Wälsch. Bis zum Ausbruche der Insurrektion hat Hofer nie Epoche gemacht. Welchen Einfluss er auf diese gehabt, was er mit seinen Passeirern unternommen und ausgeführt, habe ich Ihnen schon früher berichtet, seinen Charakter aber vorzüglich im 7. Briefe entwickelt. Obschon seine finanziellen Verhältnisse vor dem Ausbruch der Insurrektion nicht die besten waren, so hat er sich, weil er sich den Ruf eines schlichten rechtlichen Mannes erworben hatte, immer in dem seinen Vieh-, Pferd-, Wein- und Branntwein-Handel zu treiben erforderlichen Kredit erhalten. Bis zur ersten Hälfte des Monats August war Hofer bloß als Kommandant von Passeier bekannt. Wie er darauf Kais. Kgl. Oberkommandant geworden, habe ich Ihnen schon umständlich berichtet. Hofer kommandierte bei keinem einzigen Treffen und setzte seine Person auch sonst nie einer Gefahr aus. Ob dies aus Mangel an Tapferkeit oder aus sonstigen Gründen geschehen, weiß ich nicht. Er trank gern ein gutes Glas Wein, lebte aber übrigens sehr mäßig. Sein Blick war voll Redlichkeit und flößte wie sein Umgang Zutrauen und Liebe ein. Sein großer Bart stand mit seiner Rolle als Oberkommandant in keiner Verbindung, sondern war schon lange vorher die Folge einer Wette… [derzeit Gewinnspiel im Forum von SAGEN.at]. Indessen gab er ihm ein ehrwürdiges und unter dem Volke beinahe ein abergläubisches Ansehen. Er fiel — warum? — weil er zu wenig Kopf und Selbständigkeit hatte.

Sowohl die Kgl. baierischen als französischen Militärbehörden ließen seine Gefangennehmung und seine Hinrichtung in den öffentlichen Blättern einrücken und in Abdrücken im ganzen Lande auf allen öffentlichen Plätzen anschlagen. Das Volk riss dazu ganz gewaltig die Augen auf. Soviel ist gewiss, dass erst mit Hofers Entfernung alle Umtriebe zu künftigen Unruhen erstickten.

Wer eigentlich die Gefälligkeit hatte, mich schon unterm 4. Januar als den Verräter des Hofer in der Innsbrucker Zeitung einrücken zu lassen, ist mir ungeachtet meines eifrigsten Nachforschens nie zu erfahren gelungen. Hastig haben zwar alle übrigen Zeitungsblätter diese niederträchtig verleumderische Lüge aufgefasst und der Welt bekannt gemacht, später aber auch die Mühe gehabt, sie ebenso, wie sie dieselbe verkündet, zu widerrufen. Viele meiner Freunde forderten mich zwar wiederholt auf, wider eine so spitzbübisch boshaft ersonnene Verleumdung die Feder zu ergreifen und zu meiner Rechtfertigung die Geschichte Hofers und sein letzteres Benehmen und die Veranlassungen und Umstände seiner Gefangennehmung usw. der Welt bekannt zu machen. Allein ich konnte mich aus mehreren Gründen nie dazu bereden lassen. Erstens sah ich ein, dass die Geschichte des Hofer, um ihr das gehörige Gewicht der Glaubwürdigkeit zu geben, notwendig eine umständliche Entwicklung aller geheimen und öffentlichen Umtriebe während der ganzen Insurrektion und eine verkettete Erzählung aller wenigstens wichtigern Begebenheiten erfordert. Diese aber zu liefern, hatte ich damals weder Mut noch Zeit und noch lange nicht alle erforderlichen Aktenstücke und Zeugnisse, ohne welche man die Erzählung der verschiedenen Begebenheiten unserer Insurrektion für ein eitles Gewebe erdichteter Undinge und meine persönliche Geschichte für ein unberufenes prahlerisches Gerede, die politischen Verhältnisse noch von einer Art, dass man mir die Geschichte Tirols in ganz Deutschland nirgends würde unter die Presse genommen haben. Denn was ist das Streben eines biedern hochherzigen Volkes nach einer freiem bessern Verfassung, wenn es misslingt? Was sind die Großtaten einer rühmlich begeisterten tapfern Nation, wenn sie der Erfolg nicht krönt, in den Augen ihrer Bezwinger anders als unsinnig rebellische Umtriebe elender Straßenräuber? Selbst die hochgesinnten Spanier wurden, wie Sie wissen, nie anders als „brigands" 3) und ihre Generale und Anführer „chefs des brigands" 4) betitelt.

3) Räuber.
4) Räuberhauptleute.

Was mich aber damals noch vorzüglich abgehalten hat, Hofers Geschichte und meine Berührungen mit ihm zu schreiben und bekannt zu machen, war mein erster und unveränderlicher Grundsatz: „Niemand zu schaden, aber nützen, wem ich kann". Denn hätte man zu Wien gleich nach der Insurrektion genau und umständlich Hofers und seiner Umgebungen letzteres Benehmen erfahren, so würden Se. Majestät der Kaiser so manchem, der sich die glänzendsten Belohnungen, einen reichlichen jährlichen Pensionsgehalt oder eine aussichtsvolle Anstellung herausgelogen hat, die nämliche Wohnung haben anweisen müssen, die sich Allerhöchstdero aus gerechter Erbitterung dem infamen Kolb anzuordnen bewogen fanden.

Vorstehende Gründe und Ansicht, dass Zeit und Umstände am füglichsten den niedrigen Verdacht und die schändliche Verleumdung, als hätte ich den Aufenthalt des Hofer verraten, von mir abwälzen und durch die Entdeckung seines wirklichen Verräters am kräftigsten widerlegen werden, waren die Ursache, warum ich die von der Innsbrucker Zeitung schon unterm 4. Januar gewissenlos ausgesprengte Lüge erst am 2. Mai gelegentlich, weil ich eben über Innsbruck nach München reiste, mit Einrückung folgender Formel und nachstehenden Zeugnisses widerrufen ließ:

„Innsbrucker Zeitung
Zwölfter Jahrgang Nr. 36.
Mittwoch den 2. Mai 1810.
In Bezug auf die unterm 4. Jänner von Innsbruck datierte Nachricht, als hätte Priester Daney von Schlanders den verborgenen Aufenthalt des in Passeyr bekanntermaßen erst am 28. des nämlichen Monats in Gefangenschaft geratenen Andreas Hofer verraten, wird hier folgendes Zeugnis auf dessen Verlangen eingerückt etc.

„Ich Endesunterschriebener bezeuge auf Ansuchen des Herrn Joseph Donay, Priester von Schlanders in Vinschgau, daß er an den Anzeigen, die dem Generalstab des Armeekorps den verborgenen Aufenthalt des Andrä Hofer und seiner Familie entdeckt und die Gefangennehmung dieses Hauptanführers der Tiroler Insurrektion zur Folge hatten, nicht den geringsten Anteil habe. Welches hiermit zur Steuer der Wahrheit und zu seiner allfälligen Legitimation bekannt gemacht wird.

Hauptquartier Bozen den 16. Februar 1810.
Baraguay d'Hilliers."

Diese auf das angeführte Zeugnis gestützte Widerrufung, die Sie nachher auch in allen übrigen Zeitungen werden gelesen haben, ließ ich bloß des Auslandes wegen machen. Denn in Tirol und vorzüglich in der Gegend von Meran hat sich die boshaft mir angedichtete Verräterei von selbst und um so mehr widerlegt, als jedermann den eigentlichen Verräter und seinen verächtlichen Mietling, nämlich den oben erwähnten Joseph Raffl, bestimmt kannte und mit Fingern darauf zeigte und je offenbarer jeder einsah, dass Hofer von mir unmöglich konnte verraten werden, da ich in Schlanders im Vinschgau, und Hofer in Passeier auf einer Alpenhütte war.

Die ganze Geschichte, wie Hofer eigentlich verraten und gefangen worden ist, ist nachher ad acta genommen, mit dem Joseph Raffl nach München geschickt und daselbst bei der Kgl. Obermautdirektion hinterlegt worden. Der besagte Raffl, billig von jedermann gehasst und verachtet, fand nämlich in ganz Passeier und Schönna für sich und seine Familie keine Wohnung und Unterkunft mehr. Jedermann warf ihn zum Hause hinaus oder schlug ihm die Türe vor der Nase zu. Raffl sah sich daher gezwungen, den Schutz der baierischen Regierung anzuflehen. Seine Geschichte wurde gerichtlich erhoben und er damit nach München gesandt. Daselbst wurde er wie ein Schautier in der ganzen Stadt herumgeführt, dem Minister Montgelas, Sr. Majestät dem König, Sr. Kgl. Hoheit dem Kronprinzen und verschiedenen andern Herren vorgestellt, und infolge der Empfehlungen, die er mitbrachte, erhielt er bei der Kgl. Maut die Anstellung als Wagknecht. In dieser Eigenschaft habe ich ihn selbst zu München auf der Maut mehrmals gesehen. Später ließ er auch sein Weib und seine Kinder nach München kommen. Nach seinem Aussehen zu urteilen, muss ihn die an dem Hofer verübte Verräterei nicht sehr kränken und das Münchner Bier und die baierischen Dampfnudeln müssen ihm besser als in Tirol die mageren Tagelöhnerbrocken anschlagen, denn er trägt einen Bauch und Kopf herum, dem an Größe und Fette jedes Prälaten Kaliber nachstehen müsste. —

Herr Sieberer wurde auf seiner Reise nach Innsbruck zwischen Brixen und Sterzingen neuerlich von einigen herumstreifenden Banditen des Kolbschen Gesindels arretiert und über die Gebirge nach Passeier transportiert. Allein auf dem sogenannten Jaufen-Wirtshause ist er durch List seinen Häschern glücklich entkommen. Während diese, wahrscheinlich auf seine Unkosten, brav zechten und im Taumel auf Herrn Sieberer nicht achteten, fand dieser Gelegenheit, sich aus der Zechstube zu schleichen. Er benutzte den Augenblick, lief über Zäune, durch Stauden und Dörner in das walddichte, tiefe Tal hinab und kam glücklich nach Sterzing. Die Bauern wurden des Herrn Sieberer Entfernung und Flucht, weil er ihnen hochweislich seinen Hut auf dem Tische zurückließ und die redlichen Zechbrüder sich es vielleicht nicht einfallen ließen, dass ein Ehrenmann ohne Hut und ohne für einen Schergen die Zeche zu bezahlen, davonlaufen würde, zum Glücke nicht so schnell gewahr, dass sie ihm hätten nachsetzen können. Von Sterzing begab er sich nach Innsbruck und von da nach Unterlangkampfen in seine Heimat.

Nun zur Geschichte. Während aus den Verordnungen, die der französische Oberkommandierende erließ, und aus den Einrichtungen, die er traf, sich bereits schon jedermann überzeugt hielt, das ganze südliche Tirol werde dem Königreiche Italien einverleibt werden (mich hat der General Baraguay d'Hilliers dessen wenigstens zwanzigmal bestimmt versichert), kam auf einmal in der zweiten Hälfte des Monats Februar 1810 ein baierischer Offizier nach Schlanders und eröffnete mir, dass infolge eines allerhöchsten zwischen Frankreich und Baiern abgeschlossenen Vertrags die Franzosen das ganze deutsche Tirol räumen und die Kgl. baierischen Truppen es besetzen würden. Um mich nun für jede künftige Verantwortung sicher zu stellen, begab ich mich augenblicklich nach Bozen, teils mir die nötigen Verhaltungsbefehle zu holen, teils mit den französischen Kriegs- und Verpflegungskommissären meine Lieferungsrechnungen zu schließen. Als ich zum General Baraguay d'Hilliers kam und ihn fragte, bis wann und wie weit er Tirol zu räumen beauftragt sei, gab er mir zur Antwort, er habe den Auftrag erhalten, den Baiern das ganze deutsche Tirol zu übergeben. Indessen werde er die baierischen Truppen nicht weiter als bis Meran vorrücken lassen. Bozen halte er noch bis auf die neu zu erfolgende Ordre auf eine von ihm in dieser Hinsicht nach Mailand geschickte Depesche besetzt. „Aber Bozen", sagte ich, „ist ja eine deutsche Stadt?" — „Ja wohl," gab er mir nun spöttisch lächelnd zur Antwort, „Bozen ist zwar eine deutsche Stadt, wo aber die angesehensten Bürger und die meisten Kaufleute — italienisch sprechen." — Ich war mit dieser Antwort zufrieden und erinnerte mich an die Fabel des Äsop, wo der Löwe als Schiedsrichter sagt: „Das erste Stück nehme ich mir, weil ich der Löwe bin" usw. — Baraguay d'Hilliers machte mir bei dieser Unterredung verschiedene Anstellungsanträge, wenn ich in das Königreich Italien übertreten wollte, allein ich erklärte ihm, dass es dermal noch nicht in meinem Plane stünde, irgendeine Anstellung anzunehmen, und dass ich, ungeachtet ich, wie er sich leicht vorstellen könne, lieber ein Italiener als ein Baier geworden wäre, doch in jedem Verhältnisse meiner Familie und meines väterlichen Hauses wegen immer ein Untertan desjenigen Fürsten bleiben wolle und müsse, welchem infolge der allerhöchsten Verträge mein Vaterort unterworfen wird.

Absichtlich blieb ich diesmal mehrere Tage in Bozen und kehrte nicht eher nach Schlanders zurück, als bis die Baiern ganz Vinschgau und Meran besetzt hatten. In Meran ließ ich mich beim Kgl. baierischen General Freiherrn v. Rechberg melden. Se. Exzellenz nahmen mich mit ausgezeichneter Achtung auf und beehrten mich, nachdem ich meine bisherige Vollmacht in dero Hände niedergelegt und mich über mein Benehmen zum allgemeinen Besten, das ihm zwar schon ohnehin bekannt war, mit einigen Aktenstücken ausgewiesen hatte, ebenfalls mit einem unerwarteten Zutrauen.

Das Schicksal von Meran und Vinschgau war nun bereits entschieden. Man war nur mehr begierig, welcher Regierung Bozen zufallen würde. Kaum hatten die Kgl. baierischen Truppen den der Krone Baierns zugefallenen südlichen Landesteil besetzt, wurde auch schon die Rekrutierung anbefohlen. Das Gericht Schlanders musste das erste mal 71 Burschen stellen. In wenigen Tagen war in Vinschgau das ganze Rekrutierungsgeschäft beendigt. Indessen blieb das Militär noch in bedeutender Anzahl in Meran und in den größeren Dörfern von Vinschgau stehen und verließ uns nicht eher, als bis auch das Schicksal von Bozen entschieden und die neue Organisation bewerkstelligt war. Wir mussten uns notwendig, unsere unwerten Gäste loszuwerden, willig in alle Verordnungen, so hart und schwer sie uns auch mehrmals vorkamen, fügen. Alle rückständigen, während der Insurrektion verfallenen Steuern und Abgaben mussten nachgetragen werden. Die rückständigen Zollgebühren wurden auf eine himmelschreiend ungerechte Weise auf dem Exekutionswege betrieben und so wieder ungeheure Summen Geldes nach Baiern geschleppt.

Der 7. Juni entschied endlich auch das Schicksal von Bozen. So sehr sich die Kgl. baierischen Kommissäre und vorzüglich Herr v. Dipauli bemühten, Bozen den Herren Franzosen abzudisputieren und ihnen die Unnatürlichkeit der Grenzen, wenn Bozen abgerissen würde, vorzumalen, dagegen aber Mezzolombardo und Mezzotedesco als die uralten und natürlichen Grenzen zu bezeichnen, ebenso beeiferten sich auch die französischen Kommissäre, zu beweisen, dass Bozen und seine reichen Umgebungen viel besser zu Italien als zu Baiern passten. Der Stärkere wählte, der Schwächere musste nehmen, was ihm zugeworfen wurde. Wenn es je in der Welt etwas Unnatürliches gab, so war es ganz gewiss die neue Grenzlinie im südlichen Tirol. Das Land zerfiel in drei Teile und dadurch, dass Bozen dem Königreiche Italien einverleibt wurde, ist alle Straßenkommunikation aufgehoben und beinahe aller Verkehr gehemmt worden. Mit Ende Juni erschien nachstehende Kgl. baierische Proklamation über die Abtretungen im Etsch- und Eisackkreise. 5)

Dies war nun endlich das Ende unseres ganzen Trauerspiels. Durch diese Zerstückelung verlor Tirol nicht nur allein alle seine innere Kraft und Würde, sondern sogar seine Benennung. Die uns von Sr. Majestät dem Kaiser von Österreich im Friedensschlusse bedungene und vom Kaiser Napoleon durch seine Heeresführer eröffnete Amnestie sicherte uns zwar die Vergessenheit alles Vergangenen zu; allein wir haben es nur gar zu bald erfahren, wie wenig es die Baiern vergessen konnten, dass sie dreimal sind zum Lande hinausgejagt worden. Gott weiß, welche Rache sie würden genommen haben, wenn ihnen die von den beiden Kaisern zugesicherte Amnestie nicht die Hände gebunden hätte . . .

5) Abgedruckt bei Hörmann: Tirol unter der baierischen Regierung, Beilage 27. Siehe auch Hirn, S. 823 f. Baiern, das dadurch etwa 300.000 Seelen verlor, musste den Etschkreis und die Hälfte des Eisackkreises dahingehen, von letzterem Bozen, Stücke vom Landgericht Klausen, solche von den Gerichten Welsberg und Bruneck, die Gerichte Ampezzo, Buchenstein, Sillian und Lienz. Diese beiden ostpustertalischen Bezirke wurden an Illyrien gewiesen, das übrige unter die zwei italienischen Departements „Obere Etsch" und „Piave" verteilt. Mit Recht schreibt Hirn: „So war der Adler des Landes zerpflückt bis zur Unkenntlichkeit."

   
  Quelle: Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809, Erinnerungen des Priesters Josef Daney, Bearbeitet von Josef Steiner Innsbruck, Hamburg 1909
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.