SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney

   
 
  Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney
 

 

10. Brief

Erlebnisse in Rom 1805: Hinausschmuggeln von Gefangenen. — Unterredungen mit General Vial. Neuer Aufruhr in Meran und Schlanders. Hofers Schwäche. Sieg der Bauern bei Bozen. Plünderung der Stadt. Gefangennahme von 1000 Franzosen. Daney im Arrest der Bauern. Überführung nach Sand. Belustigungen in der Gefangenschaft. Verurteilung zum Tode.

Freund, mit Vergnügen entspreche ich Ihren Wünschen. Haben meine Erzählungen bisher Ihre Aufmerksamkeit verdient, so wird Sie die folgende Geschichte umso mehr in Erstaunen setzen, als ich Ihnen schauerliche Ereignisse zu berichten habe. Sie wünschen nähern Aufschluss von dem Schweizer Kapuziner Paul. O altum jubes renovare dolorem! 1) Dieser Kapuziner spielte damals, als die Schweizer in den letztverflossenen Neunziger Jahren mit Frankreich Krieg hatten, in der Schweiz gerade die nämliche Rolle, mit welcher sich der Kapuziner Joachim in Pinzgau und Pongau auszeichnete. Er war wie dieser rotbartig und hatte einen starken Körperbau. Den Franzosen war er giftfeind. Er konnte sie, ohne in Wut zu geraten, gar nicht nennen hören und soll ihnen, wenn er mir wahr erzählt hat, als Anführer vieler Schweizer Bauern so großen Schaden zugefügt haben, dass sie damals 1000 Dukaten auf seinen Kopf geschlagen hatten. Nachdem die Schweizer mit den Franzosen Frieden machen mussten, verließ er sein Vaterland und begab sich nach

1) O, du befiehlst einen großen Schmerz zu erneuern.

Schwaben und von dort nach Tirol, wo er in der Folge mit den Tiroler Schützenkompanien verschiedene Male als Feldpater mit ins Feld zog und sich auch bei mehreren Gelegenheiten auszeichnete. Von Tirol begab er sich nach Österreich und von da kam er 1804 nach Rom. Daselbst lernte ich ihn zufällig kennen. Von Rom wurde er nach einigen Wochen in ein Kloster auf dem Lande versetzt. Weil ihm aber die italienische Luft nicht gut anschlug und vorzüglich die welsche Kapuzinerkost nicht behagte, so entschloss er sich, nach der Schweiz zurückzureisen. Er kam im Jahre 1806 nach Rom zurück, und da war es, wo er mir zufällig auf der Engelsbrücke begegnete. „Gott grüße euch, Pater!" sagte ich ihm, „wohin so eilig?" — „Ich gehe soeben", erwiderte er mir, „nach St. Peter, weil ich schon lange nicht mehr dort gewesen und wahrscheinlich in meinem Leben auch nie mehr hinkommen werde. Morgen reise ich ab und zurück nach der Schweiz." Er hatte schon den Reisepass und die Obedienz bei sich. — „Wenn's so ist," sagte ich, „Pater, so erwarte ich euch heute bei mir auf eine Mittagsuppe." — Der Pater nahm meine Einladung an und ich ging wieder mit ihm zurück, zeigte ihm meine Wohnung und sagte meinem Koche (ich habe, gottlob, so lange ich Priester bin, noch keine Köchin gehabt und werde mich hoffentlich, meine Freiheit nicht zu verlieren und nicht pantoffelt zu werden, wenn sich mein Sinn nicht ganz ändern sollte, auch in meinem Leben nie zu dieser anstößig gefährlichen Hausplage bequemen), dass ich einen Gast bekomme. Mit Schlag 12 Uhr kam der Pater; wir saßen zu Tische, und unter dem Essen erzählte ich ihm das Elend so vieler österreichischer Kriegsgefangenen, die von Ulm bis Rom geschleppt, daselbst bewaffnet wurden und unter den Franzosen eingeteilt wider die Insurgenten von Neapel und Kalabrien ziehen mussten oder zu Hunderten aus Not und Mangel erkrankten und im Militärspitale starben. Freund, was diese armen Kriegsgefangenen gelitten haben, kann ich Ihnen mit Worten nicht beschreiben. Sie wissen, der große Fang bei Ulm ereignete sich 1805 im Spätherbste. Die armen Gefangenen wurden nach Frankreich geführt, bei der rauen Jahreszeit und im strengsten Winter von einer Festung in die andere geschleppt, in verfallenen Gebäuden oder Kirchen eingesperrt und so, wenn sie nicht erfrieren oder verhungern wollten, gezwungen, französische Dienste zu nehmen. Einige Tausend ergriffen in ihrer Verzweiflung dieses Mittel, weil sie sich schmeichelten, sie würden dadurch die Freiheit und Gelegenheit zu desertieren bekommen. Allein sie täuschten sich in ihrer Hoffnung. Sie wurden zu Hunderten durch ganz Frankreich und Italien bis Rom eskortiert; ganze Züge, die nicht freiwillig Dienst nehmen wollten, wurden mit Schrauben zusammengedäumelt nachgeschleppt. Mir blutete das Herz, Deutsche, meine Brüder, so leiden und von einer solchen Schmach erdrückt zu sehen. In Rom wurden sie erst, wie ich Ihnen oben sagte, bewaffnet. Obschon damals noch der Papst zu Rom residierte und die Regierung päpstlich war, so trieben die Franzosen doch ihr Unwesen in der Stadt und auf dem Lande nach Belieben. Weil mir das Elend im Militärspitale bekannt war, so begab ich mich täglich dahin. Täglich gab ich einigen sterbenden Franzosen, Italienern und vorzüglich Deutschen den priesterlichen Trost und einen freundschaftlichen Gruß zum himmlischen Vater mit. Täglich brachte man österreichische Krieger zu Dutzenden ins Spital und täglich verschmachteten deren nicht wenige. Wer nur immer konnte, desertierte; aus der Stadt liefen sie zu 20 und 30 miteinander fort; sehr viele wurden vom österreichischen Minister, dem Grafen Küvenhiller, unterstützt. Einige hundert kleideten die deutschen Bäcker, deren es damals sehr viele in Rom gab, die deutschen Künstler, die ebenfalls sehr zahlreich waren, die deutschen Handwerker und ich. Der ungarische Beichtvater zu St. Peter, ein gewisser Pater Stadler, half tätigst mit. Ich war der Chef des ganzen Desertionsgeschäftes, und weil ich beinahe mit allen gebildeteren Deutschen, die damals in Rom waren, bekannt war, so ließ ich keinen ungeschoren und bettelte jedem, was er nur immer an alten Kleidern entbehren konnte, ab. Vorzüglich unterstützten mich die Gebrüder Riepenhausen und Baron v. Rumohr, dessen Bedienter besonders tätig war. In der Judenstadt kaufte ich mehrmals um 5 oder 6 Taler halbe Garderoben. Ein gewisser Egger, aus Ulten in Tirol gebürtig, damals Soldat in päpstlichen Diensten, war vorzüglich tätig und gleichsam mein Unterhändler. Auch in den römischen Häusern, wo ich gut bekannt und vertraut war, bettelte ich Schuhe und alte Kleider. Ich war damals öffentlicher Katechet de convertendis und als Proselytenmacher und unwürdiges Mitglied der heiligen Inquisition zu Rom gleichsam eine päpstliche Staatsperson: weswegen ich auf der päpstlichen Polizei, wo ich zudem noch einen guten Freund hatte, der von mir einige Zeit deutsch lernte, ohne Anstand immer Pässe haben konnte. Die meisten Gefangenen, die ich hinführte, ließ ich als Handwerksburschen, vorzüglich als deutsche Bäcker einschreiben. Durch meinen Bedienten schickte ich die Pässe zum französischen Minister, sie vidieren zu lassen; zum österreichischen Minister trug ich sie einige Male selbst hin, wo mich einmal der damalige Legationssekretär v. Lebzeltern über meine Anhänglichkeit an Österreich, obschon ich kein österreichischer Untertan mehr war, sehr nachdrücklich belobte. Viele Wochen betrieb ich mein Rettungsgeschäft mit dem besten Erfolge, und ich hatte eine unbeschreibliche Freude, so vielen deutschen Männern die Freiheit gegeben zu haben — als auf einmal die Franzosen die Sache merkten und öffentlich auf allen Ecken die Verordnung anschlugen, dass jeder, der einem Deserteur Unterschleif gibt oder zur Desertion wie immer behilflich ist, im Entdeckungsfalle verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt und nebst Verlust seines ganzen Vermögens ohne Rücksicht der Person und des Standes hingerichtet wird. Diese Verordnung machte mich behutsamer. Vorzüglich bin ich erschrocken, als man einen gewissen Lechleitner, einen Bauernsohn von Bozen, der als Tiroler Jäger ebenfalls in Ulm ist gefangen und bis Rom geschleppt worden und welchen daselbst der Joh. Torggler von Gries, damals Bäckergeselle zu Rom, jetzt Meister in Bozen, gekleidet und mit vielen Talern Reisegeld und Pass versehen hat, gefangen und mit Ketten beladen wieder von Rimini, wo er aus Zufall ist erkannt worden, nach Rom ins Spital zurückbrachte. Dieser starb zwar in einigen Tagen, ohne etwas verraten zu haben, und ich fasste nun den Entschluss, mit aller möglichen Vorsicht zu Werke zu gehen.

Allein bald geriet ich in Fälle, wo ich, wenn es zehnmal meinen Kopf gegolten hätte, helfen und retten musste. Eines Tages übersetzte ich bei Ripetta den Tiber und ging hinter dem Kastell St. Angelo nach St. Peter, wo ich wohnte. Da begegnete mir ein österreichischer Gefangener, der nichts auf dem Leibe hatte als ein Hemd, zerrissene Beinkleider und eine zerlumpte Haube. Sein Gang, seine Miene und vorzüglich sein wilder Blick verrieten mir seine Verzweiflung. Ich hielt ihn an mit den Worten: „Wohin Landsmann? Er sieht sehr verwirrt, er ist krank?" — Ein paar Minuten gab er mir keine Antwort und schien sehr betroffen zu sein, so unerwartet einen deutschen Priester vor sich zu haben. Endlich sagte er: „Ich bin nicht mehr krank, ich komme soeben aus dem Spitale; elend bin ich, wie Sie sehen. O dass nicht der Tod meinem Leben ein Ende gemacht hat! Ich will es mir selbst nehmen, das Wasser dieses Flusses wird mir den Garaus machen." — Er wollte weggehen; ich hielt ihn zurück und sagte: „Um Gotteswillen, lieber Freund, was beginnt er! Er darf sich das Leben, das Gott ihm gegeben, nicht selbst nehmen; geh' er mit mir, ich nehme ihn in mein Haus, da kann er seiner Gesundheit pflegen, dann werde ich ihn kleiden und in Freiheit setzen." — „Ich will nichts mehr von dieser Welt," sagte er, — „ich will sterben." — „Aber lieber Freund," sagte ich, „verzweifeln wird er doch nicht wollen? Geh' er mit mir!" — Ich stehe Ihnen auf Ehre gut, ich hatte die größte Mühe, ihn mit mir zurückzubringen. Als ich ihn auf meinem Zimmer hatte und fragte, warum er sich denn eigentlich ins Wasser habe stürzen wollen, fing er heftig wie ein Kind zu weinen an und sagte mir dann schluchzend die folgenden Worte: „Hochwürdiger Herr! O, wenn Sie wüssten, welches Elend ich ausgestanden, welchen Hunger ich gelitten habe; kein Pferd könnte es aushalten, was ich ertragen habe. Ich bin ein Österreicher, habe meinem Kaiser bereits 8 Jahre als Korporal treu und redlich gedient, trage zwei Blessuren, aber hatte noch nie das Unglück, gefangen zu werden, als diesmal. Gebunden wie einen Straßenräuber lieferten mich die Franzosen mit 120 meiner Kameraden hierher. Krank kam ich hier an. Kaum verlasse ich das Krankenlager, wird mir angekündigt, ich müsse mich unter den Franzosen einteilen lassen und nach Neapel marschieren. Bei Gott! Dies konnte ich nicht, lieber will ich tausendmal sterben als eine einzige Stunde unter den Franzosen dienen. O hätten Sie mich nicht aufgehalten, meine Leiden wären jetzt beendet." — „Freund," sagte ich, „beruhige er sich, ich schätze mich glücklich, sein Retter zu sein. Heute noch will ich ihn kleiden. Morgen gehen wir miteinander auf die Polizei, da werde ich ihm einen Pass verschaffen und dann kann er ungehindert bis Österreich zurückreisen. Ich werde ihm schon dazu das nötige Reisegeld geben. Wenn er aber einige Tage bei mir bleiben will, um noch mehr zu Kräften zu kommen, so werde ich es ihm an nichts ermangeln lassen." — „O nein," sagte er, „wenn Sie mich nur aus den Händen dieser Spitzbubennation befreien, so reise ich, je eher, je lieber ab." — Nachdem ich ihn ganz beruhigt hatte, führte ich ihn in ein anderes Zimmer, brachte ihm eine Bouteille guten Wein, befahl ihm zu trinken und sich darauf ins Bett zu legen. Ich ging in die Judenstadt und kaufte ein paar lange Beinkleider, eine Weste und einen Hut. Als ich damit nach Hause kam, traf ich die Flasche schon leer und ihn süß schlafend im Bette an. Erst am Abend weckte ich ihn auf, als ich ihm das Essen und wieder eine Flasche Wein bringen ließ. Am andern Tag gab ich ihm von mir ein Hemd, ein Paar Stiefel, Strümpfe, Hals- und Nasentuch und einen schwarzen Frack. So ausstaffiert, nahm ich ihn mit mir auf die Polizei. Sobald wir den Reisepass erhoben hatten, wollte er gleich abreisen. Allein ich führte ihn noch zurück in meine Wohnung, ließ ihm daselbst gleich ein Essen aus einem Wirtshause bringen und schickte indessen meinen Bedienten zum österreichischen und französischen Herrn Minister, den Pass zu vidimieren. Als dieser zurückkam, gab ich meinem unglücklichen Korporal, der nun eine heitere Miene machte, mehrere Gulden Geld, und begleitete ihn noch vormittags durch das St. Peterstor bis zum Hügel Monte Mario. Mit Tränen in den Augen nahmen wir Abschied. Der Korporal schlug schnellen Schrittes den Weg nach Florenz ein, und ich begab mich in die Stadt zurück. Ob er glücklich nach Österreich gekommen, weiß ich nicht. So sehr es mich freute, diesen unglücklichen Mann gerettet zu haben, so fest entschloss ich mich doch, von nun an mich gänzlich zurückzuziehen.

Allein am nämlichen Abend kam schon wieder der oben erwähnte ungarische Beichtvater, der Pater Stadler, und bat mich durch Gott und alle Heiligen, ich möchte einen Ungar zu mir ins Haus nehmen, welchen ein römischer Bauer in seinem Weingute elend, zerlumpt und gleichsam mit dem Tode ringend angetroffen und in das Bürgerspital zu Santo Spirito getragen hatte. Jetzt sei er von seiner Krankheit hergestellt und vom Spitale entlassen, wisse aber nicht, wo er sich hinwenden solle. Der Bursche sei noch sehr jung und immer nur bei den Pferden auferzogen worden, daher habe er so wenig Religionskenntnisse als das Vieh, mit dem er aufgewachsen. Durch das viele Bitten des Pater Stadler, den ich als einen gelehrten Mann sehr schätzte, und vorzüglich durch die Vorstellung, er glaube, wir wären als Christen und vorzüglich als Priester diesem elenden Tropfe wenigst den notwendigsten Religionsunterricht zu geben schuldig, ließ ich mich endlich bereden, ihn zu mir zu nehmen. Sobald es ganz dunkel war, holte ihn Pater Stadler im Spitale ab und brachte ihn halb nackend zu mir. Weil er noch gar keine Religionskenntnisse hatte, so ließ ich ihn als Proselyt gelten und kleidete ihn aus dem Stiftsfond vom Kopfe bis zu den Füßen nagelneu. Weil wir wussten, dass die Franzosen schon in der ganzen Stadt Spione und Häscher hatten, die den Deserteuren auflauerten, befahlen wir ihm, keinen Schritt aus dem Hause zu gehen. Allein eines Tages, als ich nicht zu Hause war, schlich er sich davon und kam nicht mehr wieder. Nach 3 Tagen klopfte es auf einmal um Mitternacht an meiner Haustüre. Sie wurde geöffnet, und wer war da? Mein Ungar wimmerte kniefällig und mit aufgehobenen Händen, eingelassen zu werden. Nun Freund, was würden Sie in meiner Lage getan haben? Ihn wieder aufnehmen? Wie gefährlich konnte es werden, umso mehr, da ich aus seinen Gebärden entnahm, dass er gerade den Franzosen entlaufen. Ihn ausschließen? Dies ließ mein Herz nicht zu. Der Entschluss wurde gefasst, ihn wieder ins Haus zu nehmen und von nun an einzusperren. Am andern Tag ließ ich den Pater Stadler rufen, um den Religionsunterricht mit ihm wieder fortzusetzen und ihn vorzüglich fragen zu lassen, wo er die 3 Tage gewesen. Da erzählte er nun, dass er sich vom Hause auf den St. Petersplatz begeben, sich dort eine Zeit lang umgesehen habe und endlich von 3 Franzosen sei angesprochen, verhaftet und aus Rom sei hinausgeführt worden. Viele Meilen von hier sei er ihnen entlaufen und über verschiedene Felder und Gräben und endlich hierhergekommen. Wahrscheinlich haben ihn die Franzosen an seiner ungarisch schwarzgelben Miene oder an seinem tölpelhaften Herumgaffen als Fremdling und, weil er ihnen auf ihr Anreden ungarisch antwortete, als Deserteur erkannt und gepackt. Der Pater Stadler gab ihm einen derben Verweis und von nun an sperrte ich ihn, wenn ich ausging, allzeit in seinem Zimmer ein. Die Franzosen erließen neuerlich die strengsten Verordnungen die Verheimlichung der Deserteure betreffend. Mir wurde mit meinem Ungar um so mehr Angst, als meine Aussichten dunkel waren, den viehdummen Kameraden über ganz Italien nach Österreich zu bringen, weil ich wohl einsah, dass er weder von dem Reisepass noch von dem Gelde, das ich ihm geben würde, einen gehörigen Gebrauch würde machen können.

Daher war ich fest entschlossen, keinen einzigen mehr in mein Haus zu nehmen, und fing nun an, um so vorsichtiger auf meine eigene Flucht und Rettung zu denken, als ich erfahren hatte, daß die Franzosen sehr viele verkleidete Spione in der Stadt herumschickten und bereits alle Ausgänge besetzt hielten. Auf einmal brachte mir der oben erwähnte päpstliche Soldat Egger einen Mann, dessen Schicksal mich wieder innigst rührte. Dieser war vom Regimente Strasoldo, seiner Profession ein Schneider und hatte in Österreich Weib und Kinder. Ich weiß mich seines Namens noch zu erinnern, er hieß Vomorde. Wie er mir sagte, war er Bataillons- oder Regimentsschneider. Im Militärspitale zu Vicenza wurde er gefangen, und nachdem er von seiner Krankheit genesen, wurde er bis Piemont und von dort zurück gedäumelt bis Rom transportiert. Da wurden ihm auf der Hauptwache das erste Mal die Daumenschrauben abgenommen. Am andern Tag sollte er nach Neapel marschieren. Allein eh' er das Ende der Stadt erreichte, riss er aus, sprang in eine Seitengasse und kam glücklich, nachdem er mehrere Straßen durchlaufen, zu einem Weinschenkgewölbe, in welchem er einige Bäcker deutsch sprechen hörte. Er ging hinein und zufällig war der besagte Egger auch gegenwärtig. Der arme Flüchtling bat um Rettung und Hilfe. Weil nun Egger wusste, wo beides zu finden war, so führte er ihn durch Seitengassen und über Trastevere zu mir. Nun, Freund, was war hier zu tun? Mit aufgehobenen Händen bat mich der kränkelnde Flüchtling um Aufnahme und Rettung. Hätte ich ihn hinaus stoßen sollen? O dies war mir nicht möglich. Ich dachte mir „audacem fortuna iuvat" 2) — bin ich so glücklich ihn zu retten, so habe ich einem wahrscheinlich unglücklichen Weibe den Mann und unerzogenen Kindern den Vater wiedergegeben. Werde ich entdeckt und gerate ich in die Hände der Franzosen, so ist's gerade gleich, ob sie mich wegen einer oder wegen mehrerer politischer Sünden erschießen. Der Entschluss war gefasst, ihn, koste es, was es wolle, zu retten. Nachdem ich ihm ein Zimmer angewiesen, schickte ich augenblicklich um einen Arzt, dieser verschrieb ihm eine Medizin, welche die vortrefflichste Wirkung machte. In wenigen Tagen war er vollkommen gesund, ganz neu von mir gekleidet und mit Reisepass versehen. Ich und Egger führten ihn am 9. Tage frühmorgens durchs Peterstor aus der Stadt und begleiteten ihn weit über Monte Mario hinaus. Da gab ich ihm noch Reisegeld und den Auftrag, wenn er glücklich bis Bozen kommen sollte, den Seitensprung nach Schlanders bis in meine Heimat zu machen und mir meine Eltern und Geschwister zu grüßen. Als ich dritthalb Monat später selbst nach Schlanders kam, sagten mir meine Eltern, dass er wirklich bis zu ihnen gekommen sei, ihnen noch mit Tränen in den Augen für die Wohltaten, die ich ihm erwiesen, gedankt und sich nach einem kurzen Aufenthalte wieder nach Bozen zurückbegeben habe.

2) Dem Mutigen hilft das Glück.

Obschon ich mein Trostgefühl, wieder einen Menschen gerettet zu haben, um kein Königreich vertauscht hätte, so war mir doch nicht so ganz wohl ums Herz. Um mich im Falle, wenn ich mich selbst flüchten müsste, gehörig metamorphosieren zu können, hatte ich mir den Bart schon 16 Tage stehen lassen und ein Paar Bandlschuhe, weißseidene Strümpfe, gelb nankinene Pantalons, eine weiße Weste und einen runden Hut gekauft. — Nun, während ich unter dem Essen meinem Kapuziner diese und noch mehrere derlei Dinge erzählte, schimpfte er ununterbrochen über die Franzosen und ließ sich meinen Wein so besonders munden, dass er nach dem Essen so ziemlich benebelt war. Weswegen ich Ihn von mir nicht fortließ, sondern ersuchte, er möchte sich auf mein Bett legen und seinen Kopfschwindel ausschlafen. Er schlief bis nach 4 Uhr und begab sich dann zu einem andern Bekannten. Auf der Engelsbrücke begegneten ihm 2 Schweizer, die in französischen Diensten waren; der Kapuziner erkannte sie und soll sie, wie nachhin die beiden Schweizer selbst sagten und mir ist erzählt worden, ohne weitere Umstände unter allerhand Schimpfworten über die Franzosen zum Desertieren gereizt und ihnen den Antrag gemacht haben, sie nach der Schweiz mitzunehmen. Er würde ihnen Kleider und Reisepässe verschaffen. Es sei ein deutscher Priester da, der habe schon sehr vielen durchgeholfen, dieser sei sein Freund. Morgen früh sollten sie sich antreffen lassen, dann wollte er sie zu diesem Priester führen, und der (nämlich ich) würde augenblicklich Mittel herbeizuschaffen wissen, wodurch sie frei würden und mit ihm reisen könnten. Er wäre zwar schon morgen früh abgereist, aber ihretwegen wolle er jetzt noch zuwarten, bis sie andere Kleider hätten und auch reisefertig wären. — Stellen Sie sich die unfassliche Dummheit dieses unbescheidenen Mönchs vor! Die beiden Schweizer stellten sich an, als wenn sie seinen Antrag mit Freuden annähmen, und fragten ihn bloß, wo er morgen anzutreffen wäre. Er bestellte sie in die Kirche bei den Augustinern alla porta del popolo hin, wo er um 7 Uhr Messe lesen werde. Als der Kapuziner dahin kam, fand er auf dem Platze 7 bewaffnete Schweizer Franzosen, worunter auch die waren, mit welchen er gestern die obige Verabredung getroffen hatte. Da wurde nun mein hirnloser Gast gepackt, den kürzesten Weg zum französischen Platzkommandanten und von diesem in die Engelsburg geführt. Ich wusste von diesem ganzen Vorfalle keine Silbe und ging beinahe zur nämlichen Stunde nach St. Peter. Auf dem Platze vor der Kirche traf ich drei Männer an, die das Gebäude bewunderten und die ich aus den Gesichtern und aus ihren nicht recht zusammenpassenden Kleidern mit dem ersten Blicke als französische Deserteure erkannte. Weil ich nun wusste, dass die Franzosen vorzüglich die Gegend der Peterskirche täglich mehrmals auspatrouillierten, so näherte ich mich und sagte ihnen sehr rasch: „Meine Herren, Ihr seid Deserteure!" Sie erschraken heftig und wollten mit der Sprache nicht heraus. „Nur schnell," sagte ich, „vor mir habt Ihr Euch nichts zu scheuen." — „Ja," sagte einer, „wir sind österreichische Soldaten. Deutsche Bäcker haben uns diese Kleider und etwas Geld gegeben." — „Habt Ihr Pässe?" fragte ich. — „Die haben uns ebenfalls deutsche Bäcker besorgt", antworteten sie mir. — „Nun, so ziehet Euch aus der Stadt hinaus, wenigstens von hier weg," sagte ich, „wenn Ihr nicht von den Franzosen neuerlich gepackt werden wollt. Kommt, ich will Euch den Weg weisen, sonst lauft Ihr ihnen außer der Tiberbrücke, wo die Straßen sich verbinden und wo eine starke Wache der Deserteure wegen aufgestellt ist, doch noch in die Hände." Schnellen Schrittes führte ich sie durchs Peterstor eine ziemliche Strecke gegen Monte Mario hinaus, gab jedem einige Paoli (römische Zwölfer-Stücke) und zeigte ihnen, wie sie sich immer links an der Straße halten müssten — als ich auf einmal einen französischen Reiter mit blankem Säbel auf uns zusprengen sah. Der Franzose schrie, wir sollten halten; ich sagte den armen Deutschen: „Lauft, rettet Euch", und sprang links über die Straßenmauer.  Zwei kamen glücklich durch, aber einer wurde, wie mir später mein Bedienter gesagt, erwischt und neben meiner Wohnung vorbeigeführt. Ich lief, ohne mich umzusehen, über eine halbe Stunde von der Straße ab immer tiefer in die Weingüter hinein und kam erst durch große Umwege über Trastevere um 11 Uhr nach Hause. Mein Bedienter, der vor meinem Stiftsgebäude auf der Straße auf mich wartete, lief mir, als er mich von weitem kommen sah, keuchend entgegen und sagte mir, ich sollte ja um alles in der Welt nicht mehr nach Hause gehen, indem ein deutscher Bäcker gekommen wäre und ihm aufgetragen hätte, mir zu sagen, der deutsche Kapuziner sei heute früh von Schweizern, die er gestern zur Desertion verleiten wollte, verraten, gefangen und ins Kastell St. Angelo abgeführt worden. Er habe meine ganze Geschichte verraten. Die Schweizer hätten gesagt, sie würden den Spitzbuben-Pfaffen, nämlich mich, auch bekommen; der Bäcker hätte es aus ihrem eigenen Munde gehört. Nun denken Sie sich meine Lage. Gerade kam ich mit Schweiß überronnen von der Tat, auf der ich ertappt worden, her und nun musste ich noch, ehe ich nach Hause kam, diese tröstliche Nachricht hören. Du musst doch noch, dachte ich mir, deine Papiere in Ordnung bringen und deinen Koffer versichern, die Franzosen werden dich nicht vor Mittag noch überrumpeln — und ging ungeachtet der Warnung meines Bedienten nach Hause. Daselbst ließ ich mir vor allem, nachdem ich das Tor geschlossen und keinen Menschen, wer es immer wäre, zu öffnen befohlen hatte, meine fliegenden Haare ganz alla Titus abschneiden, darauf rasierte ich mich und ließ mir einen Schnurrbart und den ganzen Bart unter dem Kinn stehen, endlich zog ich meine Pantalons und meine weiße Weste an. So saecularisiert 3) verließ ich meine Wohnung, befahl meinem Bedienten, meinen Koffer in der Nacht in ein anderes Haus zu schaffen, gab ihm die Adresse von dem Hause, wo er mich abends um 9 Uhr zu suchen hätte, und begab mich zu einem guten Freunde und Landsmann, dem berühmten Landschaftsmaler Koch, der an einer äußersten Ecke der Stadt wohnte, mich mit offenen Armen aufnahm, herzlich über meinen Schnurrbart und Anzug lachte und mir, da er, der sich erst kurz vorher verheiratet hatte, eigene Wirtschaft führte, mit wahrhaft ungeheuchelter Freundschaft Kost und Quartier antrug.

3) Verweltlicht.

Am Abend meldete mir mein Bedienter, dass schon um 2 Uhr nachmittags 2 Franzosen in meine Wohnung gekommen wären und verlangt hätten, ich sollte augenblicklich ins Militärspital kommen. Er habe ihnen gesagt, ich sei schon um 12 Uhr verreist und er wisse nicht wohin, er vermute aus dem Grunde, weil ich meine Sachen mitgenommen, ich werde meine Rückreise nach Deutschland angetreten haben. Diese seine Beteuerung hätte die Franzosen wütend gemacht, dass sie vor Zorn gestampft und schreckbar fluchend sich endlich wegbegeben hätten. Gleich darauf aber wären mehrere gekommen, die den ganzen Nachmittag teils auf dem Platze vor meinem Hause stehen geblieben, teils bis jetzt um selbes herumgeschlichen wären. Sie würden wahrscheinlich die ganze Nacht aufpassen, ob ich nicht herausginge. Allein meine Herren Franzosen mochten wohl passen, ich war beim Herrn Koch gut versteckt und zudem sah ich durch meine Metamorphose ja keinem schwarzen Herrn, sondern dem ersten Windbeutel gleich. — Auf den andern Tag bestellte ich meinen Bedienten zur nämlichen Stunde wieder. Da brachte er mir die Nachricht, dass schon morgens der Kapuziner gebunden von 3 Franzosen nach Cività vecchia bei meinem Hause sei vorbeigeführt worden; man hätte allgemein gesagt, er werde daselbst erschossen werden. Was mit dem Kapuziner ferner wirklich geschehen, ob er, was sehr wahrscheinlich ist, erschossen worden, ob er in einem Kerker oder auf einer Galeere verschmachtet oder ob er noch, und wo und wie er lebt, weiß ich nicht.

Ich blieb einen ganzen Monat bei meinem Freunde Koch und hatte schon einen päpstlichen Pass als Giuseppe Gaetani, mercante di Roma, che in affari di mercanzia parte a Monaco 4), als mir der kgl. baierische Minister, der Bischof Häffelin, der unterdessen meinen Handel beim französischen Minister schon geschlichtet hatte, erklärte, dass ich nichts mehr zu fürchten hätte, und mir eine Weisung zuschließen ließ, die Sie in Verfolg der Geschichte lesen werden. Nun zog ich wieder meine schwarzen Kleider an und ging in meine Wohnung zurück. Den Ungar hat unterdessen der Pater Stadler bei einem Bauern untergebracht, wo er fleißig arbeitete. Weil mir der Bischof von Chur, zu dessen Diözese mein Geburtsort gehörte, in den mir erteilten Dimissorien unter diesen Worten „in animam tuam jurabis, te iterum esse reversurum et in dioecesi Curiensi curam animarum suscepturum" 5), den Eid aufgelegt hat, in mein Bistum zurückzukehren, so entschloss ich mich, mit Anfang November im Jahre 1806 meine Rückreise nach Tirol anzutreten, in der Hoffnung, welche

4) Joseph G., Kaufmann in Rom, der in Handelsgeschäften nach München reist.
5) Du schwörst bei deinem Seelenheil, wieder zurückzukehren und in der Diözese Chur die Seelsorge auszuüben.

mir die erwähnte Weisung des Bischofs Häffelin gab, vom Churer Bistume gänzlich entlassen zu werden und bald wieder nach Rom zurückzukehren. Allein wie täuschte mich meine Hoffnung! Mein Schicksal hatte mir den Genuss der römischen Glückseligkeit nicht mehr gegönnt. Mein Bischof entließ mich nicht und so riss mich nolens volentem der Strudel der Ereignisse meines Vaterlandes mit. — Nun wissen Sie, was der Schweizer Kapuziner Paul in Rom getan und warum ich dem Kapuziner Joachim dessen Geschichte zur Warnung erzählte.

Der französische Offizier Sevelinges wurde von Steinach mit einem Schreiben, auf sein Ehrenwort, er würde wieder zurückkehren, nach Innsbruck geschickt. Er war aber so gescheit, die Antwort durch einen andern zurückzuschicken und in Innsbruck zu bleiben. Warum Baiern das Schreiben des Vizekönigs nicht hat im Drucke erscheinen lassen, weiß ich Ihnen keinen andern Grund anzugeben als den: weil es gewisse Leute zum Bersten ärgerte, dass der Vizekönig zu den Tirolern so eine achtungsvolle gnädige Sprache führte. In der Fortsetzung der Geschichte werde ich Ihnen hierüber mehrere Aufschlüsse geben. Also zum Faden derselben.

Noch während der Landsturm von Terlan und Sigmundskron nach Meran zurückmarschierte, begab ich mich nach Bozen, um den dortigen Magistrat über meine Sendung nach Villach zu unterrichten und ihm einige meiner vom Vizekönig mitgebrachten offenen Pässe zu übergeben. Vorzüglich aber wollte ich mit dem französischen General Vial über die nun zu treffenden Vorkehrungen, wodurch die hergestellte Ruhe am sichersten könnte befestigt werden, und besonders rücksichtlich der Person und Sicherheit des Hofer besprechen. Auf dem Wege von Meran bis Gargazon musste ich von dem Gesindel des nach Hause ziehenden Vinschgauer Landsturmes allen möglichen Schimpf anhören. Dagegen nannte mich jeder vermöglichere Mann, der mir begegnete, den Retter und Schutzengel des Landes. In Bozen hatte man meine Proklamation, welche die Bauern dem französischen General zugeschickt hatten, schon eh' ich dahin kam, ins Italienische übersetzt und in welschen und deutschen Abdrücken unter dem Volke verteilt und in alle Gegenden ausgeschickt.

Mein erster Gang war zum General Vial, der mir, als ich ins Zimmer trat und zu sprechen anfing, wie eine Furie entgegenlief, mich bei der Brust packte und höchst eigenhändig unter den Worten: „Machen Sie, dass Sie fortkommen, Sie schwarzes Tier — oder ich lasse Sie erschießen! Ich will von Ihren Gründen nichts hören!" im eigentlichen Sinne des Wortes zur Türe hinauswarf. — „Dies ist ein Teufelskerl", dachte ich mir und ging, ohne mich mehr nach Sr. Exzellenz umzusehen, auf das Magistratsgebäude zu. Daselbst traf ich den Landrichter Hellriegel und mehrere Magistratspersonen an. Diesen erzählte ich nun meine Sendungsgeschichte und den soeben vom General Vial erlittenen Schabernack, gab ihnen sechs meiner Pässe und bat sie, mir doch Gelegenheit zu verschaffen, mit dem besagten General sprechen zu können. Herr v. Plattner führte mich zu einem französischen Kriegskommissar und dieser führte mich wieder bei Sr. Exzellenz auf. Aber auch diesmal kam ich nicht viel zur Sprache. Als ich ihn durch alles mögliche bat, er möchte eiligst nur wenigst ein Bataillon bis auf die Töll vorschicken, um durch die Besetzung dieser Position die Kommunikation zwischen den aus Raubsucht wütenden Vinschgauern und den kriegerischen Passeirern abzuschneiden, so wurde er ganz rasend und sagte mir, was ich méchant homme 6) mich erkühne, ihm vorzuschreiben, was er zu tun habe. „Innerhalb 24 Stunden", fuhr er fort, „will ich die Waffen von Glurns bis Bozen haben. Wenn sie

6) Schlechter Mensch.

Meran nicht morgen noch einliefert, so werde ich mit allen meinen Truppen vorrücken und das Nest, cette canaille de ville 7), bis auf die letzte Hütte niederbrennen." — Ich sagte: „Exzellenz, ich bitte um Schonung und Verlängerung der Zeit. Die Waffen schon morgen einzuliefern ist schlechterdings unmöglich!" — Das Wort „unmöglich" brachte ihn ganz außer Fassung, er fing zu wüten und zu stampfen an und gaukelte mir Dinge vor, von denen ich außer den Worten „aufhängen, erschießen lassen, Mord, Brand und Tod" nicht den zehnten Teil verstand. Mit jedem Augenblicke glaubte ich von Sr. Exzellenz wieder gepackt und zur Türe hinausgeworfen zu werden. Allein Hochdieselben liefen diesmal, ohne sich persönlich an meiner Herrlichkeit zu vergreifen, in ein Seitenzimmer davon und befahlen mir, weil ich mich nicht augenblicklich entfernt hatte, zum Teufel zu gehen und den Meranern zu bedeuten, was er ihnen unabänderlich beschlossen habe, wenn innerhalb 24 Stunden ihre Waffen nicht eingeliefert seien. Weil mit dem General nun nichts mehr zu machen war, so ersuchte ich seinen Adjutanten, mir auf mein Sevelingessches Zeugnis das „eine glückliche Heimkehr" hinaufzuschreiben und ritt, nachdem ich dies hatte, noch in der nämlichen Nacht zurück nach Meran.

7) Diese gemeine Stadt.

Am andern Tag als am 11. eröffnete ich dem Herrn Bürgermeister Buchmayr in aller Frühe den Auftrag des Generals Vial und riet ihm, ohne Verzug Anstalten zu treffen, dass wenigstens die Bürger eiligst die Waffen zusammentragen und dadurch ihr Städtchen retten möchten. Weil es aber ungeachtet der Tätigkeit des Bürgermeisters und der übrigen Ratsherren doch nicht möglich war, so schnell, als es der französische General forderte, die Waffen einliefern zu können, so wurde beschlossen, vorläufig eine Unterwerfungsdeputation an ihn nach Bozen zu schicken, welche ihm die Versicherungen der friedlichen Gesinnungen der Bürger bringen und sie seiner Schonung und Gnade anempfehlen sollte. Herr v. Malanotte und Herr Karl v. Gasteiger, der erstere des Stromes seiner Beredsamkeit wegen vulgo „der deutsche Cicero" genannt und der zweite ein sehr geschickter Doktor der Rechte, wurden als Deputierte erwählt, und mich ersuchte man, sie zu begleiten. Ich freute mich herzlich auf die Anrede des Herrn v. Malanotte und war sehr begierig zu sehen, ob ihn seine italienische diceria 8) nicht verlassen wird, wenn ihm der französische General so artig wie mir, woran ich nicht zweifelte, begegnen sollte. Als wir in dessen Zimmer traten und Herr v. Malanotte ihm erklären wollte, dass die Stadt Meran uns abgeordnet habe, Sr. Exzellenz vorläufig, bis die Waffen nach Hochdero Verlangen gewissenhaftest nachfolgen würden, der Bürger vollste Ergebenheit und unumschränktes Zutrauen auf die französische Großmut und Gnade zu melden — so sprangen Hochdieselben wütend auf ihn zu und schrieen fürchterlich: „Ich mag Ihre Komplimente nicht. Alle Tiroler sind Spitzbuben und Ihr seid die Anführer davon. Ich will heute noch Eure Waffen. Scheert Euch zum Henker, Räuber, die Ihr seid." Herr v. Malanotte machte eine tiefe Verbeugung, als wenn ihm der General das schmeichelhafteste Kompliment gesagt hätte, und wollte noch weiter sprechen. Allein Se. Exzellenz hörten ihn nicht mehr an und befahlen uns, auf der Stelle zum Henker zu gehen, sonst lasse er uns alle drei arretieren. Herr v. Malanotte wiederholte seine Verbeugungen und Herr v. Gasteiger und ich sagten kein Wort. Ich hatte hohe Zeit, mich aus dem Zimmer zu ziehen, denn als der General sagte: „Ich werde Sie alle drei arretieren lassen", rümpfte Herr v. Malanotte seine griechische Nase so sonderbar komisch zusammen, dass ich mir, um über seine Stellung und Miene nicht hell auflachen zu müssen, bald die Zunge abgebissen hätte.

8) Redegewandtheit.

Nach dieser kurzen Audienz reisten wir in der Nacht schnell wieder nach Meran zurück. Am andern Tage sagte uns der Bürgermeister, dass die Bürger die Waffen bereits zusammengetragen, die Bauern aber, deren viele von den Umgebungen in der Stadt waren, die Sammelplätze gestürmt und die Waffen geraubt hätten." 9) Mit Beratschlagungen, was nun zu tun wäre, verging der ganze Vormittag. Nach Mittag entschloss ich mich, dem Hofer zu schreiben, er möchte eiligst nach Meran kommen und durch sein persönliches Ansehen die Gegend beruhigen.

9) Es war damals gerade Martinimarkt, und als die Burschen die Waffen aufs Rathaus tragen sahen, wurde selbes gestürmt und armvoll wurden die Büchsen weggetragen. S. Hirn, S. 782.

Kaum war ich mit dem Briefe fertig, hörte ich einen Lärm und taumelndes Jauchzen. Ich sprang ans Fenster, und da sah ich den Johann Wild, Hausknecht von Bozen, zu Pferd, 2 Sandwirts-Dragoner und eine Menge Bauern durch die Stadt herabkommen. Der erste trug ein Sturmaufgebot vom Hofer auf den Hut gesteckt und gab sich ein fürchterlich wildes Ansehen, die letztern schrieen: „Wo ist der Friedenspfaff? Aufhängen, erschießen, abschlagen, wenn wir ihn finden!" Der Zug ging bis zum G . . . Wirtshause, wo sich bald das Gesindel der Stadt dazu gesellte. Um mich nun selbst zu überzeugen, was denn Wild mit seiner Depesche und die ihn begleitende Bande von mir wolle, ging ich ihr augenblicklich nach. Vor dem Wirtshause stand schon eine Menge gaffender weiblicher und männlicher Pöbel; in dem Vorhause predigte Wild soeben Sturm, als ich in die Mitte trat und ihm sagte: „Was treibt ihr denn da? Wie könnt ihr das Volk so niederträchtig anlügen, zu was habt ihr den Hofer schon wieder verleitet!" — „Geistlicher Herr!", sagte Wild, „Ihnen rat' ih s' Maul z' halten, wo Glaub'n, Religion, Volk und alles hin ist, in Bozen haben die Franzosen schon alle junge Leut und die ganz' Gasserisch Kompanie extra ausg'hoben." — Hier unterbrach ich ihn und sagte: „Wie könnt ihr diese Lügen so unverschämt vor mir behaupten, da ich erst gestern abend noch in Bozen war und ihr soeben aus Passeier herauskommt? Habt ihr den Sandwirt schon wieder sein Wort zu brechen gezwungen? In seinem Namen kann und darf er nichts tun. Er weiß gut, dass zwischen Österreich und Frankreich Friede ist, hat sich schon wiederholt förmlich unterworfen und doch — —" Jetzt fielen mir alle zugleich in die Rede und schrieen fürchterlich durcheinander: „Mier wölln vom Fried nichts wissen! Es ist kua Fried und mier geb'n kuan Fried." Ich schrie, so stark ich vermochte: „Friede ist, so wahr Gott lebt; wenn ein Wort nicht wahr ist von dem, was ich euch sagte, so sei der nächste Baum mein Galgen." Wild entfernte sich und während mich die Bauern immer enger einschlossen, schrie die Frau Wirtin, die sich wie eine Furie wild herumdrehte, von der Treppe herab: „Schlagt ihn ab, den Teuflspfaff, den verfluchten Freidenker!" Die Bauern drückten mich schon so ziemlich fühlbar zusammen, als auf einmal einer der erwähnten zwei Sandwirts-Dragoner (es war ein gewisser Korporal Miller und der nämliche, der am 17. Oktober mit noch einem Dragoner von Erpfendorf heraufgeritten kam und dann bis zum 1. November immer an meiner Seite blieb) dazu kam und den Bauern, als er mich so eingeengt sah, sehr nachdrucksam zuredete, sie sollen doch bedenken, was sie tun, da sie mich so misshandeln, indem ich ein Mann wäre, von dessen Mut und Tätigkeit er ihnen als Augenzeuge nicht rühmlich genug sprechen könnte. Der Dragoner machte mir Luft und erzählte den Bauern, die alle das Maul aufrissen, was er von meinen Taten im Unterinntal wusste.

Auf einmal sagten diese: „Geistlicher Herr, Sie müssen jetzt unser Oberkommandant werden!"  —  „Aber um Himmelswillen," sagte ich, „seht ihr denn noch nicht, dass ihr betrogene elende Tröpfe seid! Totschlagen, aufhängen, erschießen und zum Oberkommandanten ausrufen, geht euch aus einem und dem nämlichen Atem, ist bei euch das Werk des nämlichen Augenblickes. Ihr braucht keine Kommandanten mehr. Wer sich jetzt noch zum Kommandanten aufwirft, ist ein Feind des Vaterlandes. Der Kaiser von Österreich hat uns befohlen, die Waffen niederzulegen. Wer immer auch diese wieder zu ergreifen befiehlt, ist ein Rebell und kann für keinen künftigen Schadenersatz mehr gut stehen; Männer, ich rate euch, geht ruhig nach Hause, sonst macht ihr eure ganze Gegend unglücklich." Wie ich dies sagte, schrie einer: „Ah was, unglückla sein mier lei, wenn mier nachgeb'n, mier brauch'n von niemand kuan Rat mehr." — „Recht hast," schrieen alle zusammen, „mier geb'n nit nach und der Sandwirt muß tien, was mier wöll'n." — In diesem Augenblicke kam der Engelwirt J. Paul Kreringer, nahm mich beim Arm, riss mich aus dem tumultuarischen Wirbel heraus, führte mich fort und bat mich, ich sollte mich verstecken und sobald als möglich entfernen, sonst laufe ich Gefahr, ums Leben zu kommen. Ich befolgte seinen wohlmeinenden Rat und beschloss, weil ich selbst wohl einsah, dass in Meran die Köpfe schon neuerlich zu sehr erhitzt und meine Bemühungen fruchtlos waren, mich in der Nacht nach Schlanders zu begeben und wenigstens Vinschgau zu beruhigen und dadurch zu retten. Meinen Freund, den Herrn Schweiggl, ersuchte ich daher, mich nach Rabland zu führen.

Sobald es finster war, ließ er anspannen; langsam fuhren wir durch die Stadt hinab und hörten, als wir beim Sonnenwirtshaus um die Ecke drehten, zwei Bauern heftig miteinander streiten. Sie waren, wie ich nachhin erfahren, meinetwegen als Wachen aufgestellt, damit ich nicht aus der Stadt entfliehen könnte. Der eine stand dies-, der andere jenseits des Baches, Ritsche genannt, der den breiten Rennweg durchläuft. Wir hielten an, solange sie stritten und Worte wechselten. Einer schimpfte den andern, er halte schlechte Wache. Endlich rückten sie immer näher zusammen, packten sich und zogen sich unter einem polternden Geschrei auf dem Boden herum. In diesem Augenblicke trieb Herr Schweiggl sein Pferd an und so fuhren wir unangehalten neben den beiden Wächtern, die sich tüchtig abprügelten, vorbei durchs Tor hinaus. In Rabland kehrte Herr Schweiggl wieder um und ich ersuchte den Herrn Gstirner, Wirt daselbst, mich weiterführen zu lassen. Während ich mich mit diesem rechtlichen, vernünftigen Manne über die Angelegenheiten des Vaterlandes besprach, stand sein Hausknecht, der auf einer Bank lag und unser Gespräch mit anhörte, auf, kam zu unserm Tische, schlug heftig mit der Faust auf denselben hinein und schrie: „Itz han ih mier g'nug g'hört, mier werd'n den Herren und enk Großen (unter den Großen verstand er den Wirt und alle wohlstehenden Männer) schon noch den Fried geb'n, mier geb'n nit nach, hin ist döcht all's." Herr Gstirner, der sonst gewiss sein Ansehen über seine Dienstleute zu behaupten weiß, schwieg still und musste seinem Fuhrknecht gleichsam gute Worte geben, dass er mit mir gefahren. Erst um 2 Uhr morgens gefiel es dem Kerl anzuspannen, und weil er noch überdies absichtlich sehr langsam fuhr, damit ich die vorausgeeilten Landsturmaufbieter nicht einholen sollte, so kam ich erst am 13. November um 7 Uhr nach Schlanders.

Als ich daselbst bei meinen Eltern abstieg, kam mir meine Mutter schluchzend entgegen, rang die Hände über dem Kopfe zusammen und schrie lange Zeit, wie wenn sie von Sinnen gekommen wäre: „O Sie heilloser Mensch, o ich unglückselige Mutter! O heiliger Gott im Himmel, zu was hast du mich bestimmt! Einen Seelenverkäufer, einen Landesverräter musste ich unter meinem Herzen tragen! Dieser Gedanke erdrückt mich nun völlig! O lieber Jesus, wie wenig hast du mein Gebet erhöret! Bei jeder Andacht habe ich dir diesen Sohn empfohlen, du möchtest ihm dein Gnadenlicht nicht entziehen, und jetzt ließest ihn so verblenden, so tief fallen, dass er ein Verräter an seinem eigenen Vaterland geworden ist! O warum musste ich diese Schmach und so eine unerhörte Schande erleben!" — Bei diesen Worten kam mein Vater dazu und polterte mich ebenfalls an, was mich denn verleitet habe, mein eigenes Vaterland zu verraten? Mehrere Minuten kam ich gar nicht zur Sprache. Um nicht auf der Gasse einen Lärm zu machen, lief ich davon und ins Haus hinauf. Daselbst endlich beruhigte ich sie und eröffnete ihnen die Lage des Vaterlandes. Nun erzählten sie mir, dass der Priester Peter Auer (der nämliche, der bei der weizenen Kompanie Feldkaplan war) nach seiner Frühmesse noch bei Nacht und Nebel vom Altare herab ein Sturmaufgebot des Sandwirts dem Volke verkündet und ausdrücklich die Bemerkung gemacht habe, „ein Priester habe den Sandwirt und das Vaterland verraten." Es sei nun das ganze Volk wieder aufgefordert, sich bereit zu halten; wie mir nachtun mehrere erzählten, soll er auch den Zusatz gemacht haben, dass jeder, der nicht mit dem ersten Winke die Waffen ergreift, von der katholischen Kirche exkommuniziert sei. Nun denken Sie sich in meine Lage! Von meinen Eltern oder deren Dienstleuten durfte sich kein Mensch, noch weniger ich mich, um nicht öffentlich beschimpft zu werden, auf der Gasse sehen lassen. Mein Bruder, der sich nicht abhalten ließ unter das Volk hinauszugehen, wurde von Sr. Hochwürden dem besagten Herrn Frühmesser selbst auf dem Platze auf eine niederträchtige Art beschimpfet. Das Aufgebot, welches er ohne Erlaubnis des Herrn Pfarrers, d. h. ohne ihm ein Wort davon zu melden, vom Altare herab verkündete, war folgendes:

„Offene Ordre! An die gesammte geistliche Vorsteher in Vinsgau!
Nachdem mich fast alle Gerichter in ganz Tyrol ersucht haben, sich wieder diesen Feind zu wöhren so fordern sie in meinem Namen die ganze Mannschaft auf, das Volk soll ihnen ein gewieses Zeichen wählen, so, wann das erste Zeichen gegeben wird, sie es in einer halb Stund alle wissen, und das Volk alles in Waffen ist.

Brüder es ist um kein kleines zu thuen, wenn wir nachgeben, so ist Glauben, Religion, Volk, alles ist hin. um der Ursachen müssen wir alle zusammen helfen, und werr sich dem wiederstrebet, der wird für ein Feind Gottes und des Vaterlandes angesehen, und als ein solcher bestraft werden.
Passeier am Sant den 12ten 9br 1809.
L. S. Andere Hofer.

Zur Wissenschaft des Herrn Kommandanten Marberger, so kann er die Verteidigungs Mannschaft bis auf Mals her mit sich nehmen durch das Oberinnthal, und hernach soll sich die Mannschaft herunter nacher Botzen ziehen, aber eilfertig soll sich die Mannschaft aufmachen.

Andere Hofer."

Diese Proklamation nebst allen folgenden kam mir erst einige Wochen nach der Insurrektion in die Hände. Wenn Sie die früheren Proklamationen mit obiger zusammenhauen, so werden Sic sich doch wundern, welche Menschen nun den Hofer umgaben und ihn schon wieder wortbrüchig zu werden nötigten. Auswürflinge vom ganzen Lande, abgehauste Lumpen, Flüchtlinge und Schurken waren es, die dem Hofer nachgeeilt sind und ihn, wie Sie bald sehen werden, unter Androhung des Todes neuerlich den Sturm aufzubieten gezwungen haben. Dass es im Kopfe Hofers schon seit dem 29. Oktober spukte, haben Sie aus der früheren Erzählung entnommen. Was nun aus ihm geworden und wie er sich bis zu seiner Gefangennehmung betragen, würde kein Mensch glauben, wenn ich meine Erzählungen nicht mit lauter Originalaktenstücken stützen könnte. Hofer und die rechtlichen Männer, die ihn bei meiner Abreise in Sterzing noch umgaben, kamen schon am 9. nach Passeier. Herr Purtscher begab sich augenblicklich nach Schlanders, und so kehrten auch die früher erwähnten Bauern nach Hause zurück. Während ich mein Beruhigungsgeschäft in Meran und Bozen trieb, kamen Lumpen, die nichts zu verlieren hatten und aus der Verwirrung ihren Nutzen zu ziehen hofften, von allen Gegenden nach Passeier zum Hofer, der meinen Rat, sich versteckt zu halten, nicht befolgte, sondern sich offen und frei in seinem Wirtshause am Sand jedermann zeigte. Der ihm, wie ich mir erzählen ließ, durch falsche Nachrichten vorzüglich den Kopf verrückte, war sein Schwager, der früher erwähnte Joseph Gufler. Mehrere Schurken drohten, ihn zu erschießen, wenn er nicht auf der Stelle den Landsturm aufbieten würde. Der berüchtigte Kapuziner Joachim, den ein böser Geist unterdessen wieder zum Unglücke und Verderben des Hofer und ganzer Gegenden nach Passeier getragen hatte, war der wütendste unter allen. Dieser ist wahrscheinlich der Verfasser obiger Proklamation. Denn außer diesem rasenden Bengel und einem gewissen Priester M ... r, einem Flüchtling von Vorarlberg, einem nicht minder verworfenen Unheilstifter, und dem elenden Steirerbuben Sweth umgab den Hofer kein einziger Mensch mehr, der auch nur eine Zeile in Verbindung hätte schreiben können. Was aber auch diese für schwachköpfige Kameraden waren, werden Ihnen die im Verfolg der Geschichte vorkommenden Proklamationen beweisen.

Während Hofer schon wieder aller Orten Aufrührer ausschickte, rückte General Baraguaj d'Hilliers bis Bozen und General Rusca mit seiner Division nach Meran vor. Die Baiern waren auf der einen Seite schon bis Sterzing und durchs Oberinntal bereits über Imst hinaus vorgedrungen. Das ganze Land war demzufolge mit Ausschluss der Landgerichte Sarntal, Passeier, des ganzen Vinschgaues und der zwei Oberinntaler Landgerichte Landeck und Ried der Landstraße nach schon förmlich besetzt. Kein einziger rechtlicher Mann nahm freiwillig an den künftigen Unruhen mehr Anteil. Aber eben darum wurde die Verwirrung desto schreckbarer und der ganze Auflauf eine Art verzweifelnde Wut des schwarzen, braunen und lodenen Pöbels.

Während ich zu Hause meine Eltern beruhigte und belehrte, hatten sich in Schlanders die 3 Schutzdeputierten und der Ausschuss versammelt, um sich über Hofers Aufforderung zu beratschlagen. Der ganze Ausschuss stimmte für Unterwerfung und Ruhe; allein die 3 Deptioner, wie man sie nannte, hörten die übrigen nicht an, sondern verharrten in ihrem wütenden Unsinne und schickten mir die beiden Gemeindediener zu, welche mir melden mussten, dass mir der löbliche Ausschuss sagen lasse, ich sollte bald eine andere Sprache führen oder man werde mir andere Weisungen geben. Ich erwiderte den beiden Gemeindedienern, die sich ihres Auftrags mit einem ziemlichen Ansehen und Ernst entledigt hatten, sie sollen dem löblichen Ausschusse melden, dass ich noch mit keinem Schlanderser außer mit meinen Hausleuten gesprochen habe und dass ich mich nie würdigen werde, mit einem zu sprechen, so lange sie in ihrer stürmischen Wut verharren und Ochsen zu Sprachführern und Ratgebern haben. — Indessen kam die Nachricht nach Schlanders, dass die Franzosen in Meran schon eingerückt sind. Dadurch wurde die Stimmung für einen Augenblick etwas ruhiger und ich wollte soeben mich unter das Volk begeben, es gänzlich zu beruhigen, als Jakob Spieler, Wirt zu Staben, zu mir kam und mich bat, ich möchte mit ihm nach Kastelbell reiten. Es hätte sich daselbst der Gerichtsausschuss versammelt und einhellig zur Unterwerfung entschlossen. Er wäre nun abgeschickt worden, mich zu ersuchen, dass ich mich nach Meran zum französischen General begeben und daselbst für die Gemeinden des Gerichts Kastelbell um Schonung und Gnade bitten möchte. Ich traute seinen Worten und sagte ihm, dass es mir sehr angenehm wäre zu hören, dass nun die Ausschüsse für Ruhe und Ordnung gestimmt wären.

Mit Vergnügen wolle ich den Wünschen derselben entsprechen. Noch in der nämlichen Stunde ließ ich mein Pferd satteln und ritt dann mit ihm, nach einigem Aufenthalte in Latsch, nach Kastelbell. Daselbst traf ich im Wirtshause den Herrn Richter v. Prack und den Gerichtskassier Martin Platter an. Diese sagten mir kein Wort von einer Ausschussversammlung, wohl aber, dass Sandwirt neuerlich aller Orten Sturm zu schlagen und die Mannschaft eiligst nach Meran zu schicken befohlen habe. Beide jammerten fürchterlich über Hofers Unsinn und über das unvermeidliche Verderben, welches durch ferneren, zwecklosen Aufruhr den noch nicht besetzten Gegenden zugezogen würde. Als ich auch einige Bemerkungen machte, stand ein Schneider von einem andern Tische auf, ging auf mich zu und sagte mir, indem er mir die Faust vorschüttelte, ich soll mich aus dem Staube machen, sonst werde er mir bald den Frieden geben oder mir den Weg weisen. Einige Minuten sah ich den bocksmagern Nadelhelden ganz ruhig an; alle Gefühle wurden in mir auf einmal rege und ich war schon entschlossen, ihn unter den Tisch hineinzuwerfen, als ich mich besann, dass es mir eine ewige Schande wäre, wenn ich mich an einem Schneider vergreifen würde. Daher wies ich ihm bloß die Türe, aber mit so einer ernsthaften Drohung, ihn, wenn er sich nicht augenblicklich entfernen würde, wie eine Kröte zu zertreten, dass er für gut befand, sich, ohne sich mehr umzusehen, aus dem Zimmer zu winden.

Weil ich schon einmal in Kastelbell war, so trieb mich teils das Ersuchen des Jakob Spieler, teils eine gewisse Neugierde, vorzüglich aber der Gedanke, die Franzosen würden ins Vinschgau vorrücken und dann könnte ich desto mehr Unglück verhüten, je weiter ich ihnen gegen Meran hinab entgegenreiten würde, noch am nämlichen Abend bis Staben. Daselbst ergriff mich ein heftiges Bauchgrimmen, so dass ich mich auf eine Bank legen und bis nach Mitternacht damit herum winden musste. Da ich aber unterdessen erfahren, dass man allerorten bereits entschlossen sei, die Waffen wieder zu ergreifen, so änderte auch ich, weil ich wohl einsah, dass nichts mehr zu retten war, meinen Entschluss, weiter vorzureiten, und wollte in der Nacht nach Schlanders zurücktraben und mich von da nach der Schweiz flüchten. Allein als ich um 2 Uhr morgens abreisen wollte und schon auf dem Pferde saß, sprangen zwei Plarser Bauern, Franz Thalguter (vulgo Rabeiner) und, wenn ich mich recht erinnere, ein gewisser vulgo Höbsacker aus dem Wirtshause, wo sie bis dahin in einem Zimmer versteckt waren, fielen mir in den Zügel und sagten mir, dass ich ihr Gefangener sei. Als ich sie fragte, in wessen Namen sie mich arretierten, erwiderte mir Thalguter: „Im Namen des Sandwirts." — „Mich hat jetzt Sandwirt", fuhr er fort, „zum Kommandanten ernannt, Sie reiten mit mir bis zu meinem Hause, dort haben Sie unterdessen zu verbleiben und dort werde ich es Ihnen schriftlich zeigen, dass Sandwirt Sie zu arretieren befohlen hat." — Die beiden Häscher ließen sich ihre Pferde aus dem Stalle bringen, und ich musste es mir nun gefallen lassen, als Arrestant in ihrer Mitte nach Plars zu reiten. Unterwegs fragte ich sie, was denn der Widdumbaumann von Tirol, der Rößlwirt von Schönna und der Wirt zu Rabland zum neuen Volksaufstand sagen? — „Die beiden erstem werden vogelfrei erklärt, die kann hernach niederschießen, wer will, und dem Rablander, dem Freimaurer, wird man's auch nicht besser machen", erwiderte mir Thalguter. — Nun sah ich wohl ein, dass Hofer bereits von Sinnen gekommen sein musste: denn wie hätte er sonst mich, seinen einzigen Retter, arretieren lassen und sich gegen die besagten Männer, die bisher seine besten Freunde und seine aufrichtigsten Ratgeber waren, so erklären können?

Am 14. mit Tagesanbruch kamen wir schon nach Plars, da führte mich Thalguter in sein Haus, wo mir eine Stube als mein Arrestzimmer angewiesen wurde. Einem seiner Knechte befahl er, mich streng zu verwachen, und seinem Weibe gab er den Auftrag, mir an Speise und Trank nichts ermangeln zu lassen. Darauf gab er mir folgende Urkunde zu lesen.

„An Herrn Franz Thalguter zu Allgond.
Mittelst dieser Urkunde wird derselbe als Kommandant der Vorposten und Verteidigungsmannschaft mit deme neuerlich ernannt, daß nur ihm und keinem andern, der nicht unterm heutigem Dato bevollmächtiget ist, Folge geleistet werden muß, welches er seinen untergeordneten Leuten alsogleich zu verkünden hat.
Passeier am Sand den 13. Nov. 1809."

Der Verfasser dieser Urkunde war der oben erwähnte Priester M...r, der Flüchtling von Vorarlberg. Sie hat zwar keine Unterschrift, aber statt dieser hat Hofer, was nun folget, eigenhändig darunter geschrieben. Ich will mir die Mühe geben jeden Buchstaben Strich für Strich nachzumachen, damit Sie sehen, wie er geschrieben und was er für eine Rechtschreibung gehabt hat. . . . Nun dies ist von Zug zu Zug Hofers Schrift und soll heißen 10):

„Vorpostenkommanden werden ernannt Du u. der Hauserwirt, der Zögele u. meiner wegen Dein Bruder, der Georg (vulgo Salztrager Jörgl) und der Pater (nämlich der Kapuziner Joachim) sein auf Sterzing (d. i. haben sich nach Sterzing begeben). Es sind daselbst 200 Baiern eingetroffen und in der Nacht ist die Nachricht gekommen, daß die Baiern wieder abgezogen u. 1500 Franzosen eingetroffen sind, doch diese wolle der Pater alle aufheben u. sich hernach nach Brixen zu begeben. Der Herr Daney ist gleich in Verhaft zu nehmen, weil die Nachrichten eingetroffen sind, daß ganz Pustertal auf ist, und man in Kärnten von keiner feindlichen Truppe was weiß, es scheine sehr verdächtig."

10) Daney hat im Manuskripte diese Zeilen Hofers so getreu nachgeahmt, dass man unwillkürlich dessen eigene Schrift vor sich zu haben glaubt.

Freund! Lange Zeit staunte ich über diesen saubern Auftrag und die darin enthaltenen Gründe, welcher wegen mich Hofer verhaften ließ. Wenn ich nicht seine eigene Schrift gesehen hätte, so würde ich geglaubt haben, man hätte ihm eine Carta bianca unterschoben, auf der er seinen Namen hinschreiben musste und worauf mir sodann von Lumpen der Arrest dekretiert worden sei. Allein so musste ich mich überzeugen, dass Hofer den ganzen Kopf verloren hatte und bereits von ebenso eselhaft dummen als verworfen niederträchtigen Spitzbuben geleitet werde. Worüber ich mich aber am meisten verwunderte, war, dass mir Thalguter dies so sonderbare originelle Aktenstück in Händen ließ.

Ich war nun Arrestant; wie es mir in meiner Gefangenschaft ergangen und wie ich wieder befreiet worden, werde ich Ihnen erzählen, sobald ich mit der Erzählung der Tagesereignisse bis zum 22. November werde gekommen sein. Am Tage meiner Gefangennehmung, als am 14. November, hatte General Rusca schon die Anhöhen bei Meran, nämlich den sogenannten Küchelberg besetzet. Die Passeirer rückten an. Der Widdumbaumann von Tirol und der Rößlwirt von Schönna suchten sie durch alle möglichen Vorstellungen zu beruhigen, allein alles war fruchtlos; sie mussten sich am Ende, ihr eigenes Leben zu retten, flüchten und längere Zeit versteckt halten. Wenn ich mich noch recht erinnere, so sind sie beide von den Passeirern geplündert worden. Die Franzosen wollten gegen Riffian vorrücken, allein die Passeirer stemmten sich gegen ihren Anmarsch und es kam zu einem bedeutenden Gefechte, das mit wechselseitigem Verluste erst am späten Abend endete, ohne dass die eine oder die andere Partei aus ihrem Posten wäre vertrieben worden. Indessen hielten sich doch die Passeirer für Sieger. Während am sogenannten Finelebach geschlagen wurde und der Kapuziner Joachim die Gegend von Sterzing empören wollte, wo er aber vom gesamten Volke mit Schimpf und Schande abgewiesen wurde, weswegen er sich auch anstatt nach Brixen nach Passeier zurückbegeben musste, hatte Hofer schon nach Vinschgau nachstehende offene Ordre erlassen:

„Offene Ordre
Gemäß welcher die Vintschgauer Vertheidigungs Mannschaft eiligst gegen Allgund herzurücken aufgefordert wird. — Dem Baumann von Tyrol ist als einen Wiedersacher in keinen Punkte Glauben beyzumessen, gleichwie dem Roeslwirth aus Tyrol.
Passeier am Sand den 14. November 1809.
L. S. Andere Hofer.

Deutschhausmann zu Schlanders und Jäger zu Gums sollen eiligst Anstalt machen, daß das Volk gleich sich herbeyführe, und Tag und Nacht marschiren.
Andere Hof er am Sant."

Doch eh' ich hier mit der Erzählung der Ereignisse im südlichen Tirol fortfahre, muss ich Ihnen ein paar Aktenstücke mitteilen, aus denen Sie entnehmen können, wie verwirrt es gleichzeitig im Oberinntale und Obervinschgau aussah. 11)

11) Folgt eine Reihe von „Offenen Ordres" usw.

Freund, stehet Ihnen jetzt, wenn Sie die damalige Lage meines Vaterlandes betrachten und berechnen, was ich zum Besten desselben, und vorzüglich für das Wohl Hofers getan habe, nicht der Verstand stille? — Doch sehen Sie aus Hofers Erklärung selbst, dass er sich in einem Zwangszustande befand, aus dem er sich nicht mehr herauszuwinden vermochte. Wie er unter andern dem Herrn v. Guggenberg, damals Richter zu Schönna, und der Frau des verstorbenen Doktors v. Guggenberg, welche mit Hofer eines mehrere Jahre hindurch mit ihm getriebenen Wein- und Branntweinhandels wegen vorzüglich gut bekannt war, als sie sich nach Passeier begaben, um ihn zur Ruhe und Unterwerfung zu bestimmen, wehmütig selbst gesagt hat, er wollte sich gerne nach Meran zum französischen General begeben, wenn er ohne Gefahr seines Lebens von seinen Umgebungen sich loswinden könnte. Hofer oder vielmehr der Kapuziner Joachim und der lausige Sweth sprachen noch immer von Deputierten aus allen Gerichten und vom ganzen Volke, das sich nicht abhalten lasse, neuerlich die Waffen zu ergreifen, da doch kein einziger ehrlicher Mann von einer neuen Empörung mehr etwas wissen wollte und die angeblichen Deputierten lauter abgehauste Lumpen und Flüchtlinge waren, die nur im Trüben zu fischen suchten. Lesen Sie nachstehende Verordnung des Vizekönigs, so werden Sie diese meine Behauptung gegründet finden. 12)

12) Die Proklamation ist aus Villach unterm 12. Nov. erlassen und droht in Artikel 2 und 3 jedem Individuum, das 5 Tage nach der Kundmachung mit Waffen in der Hand betreten wird, mit dem Tode.

Ja, Freund! Ich fordere mein ganzes Vaterland auf, ob an der letzten Empörung noch ein einziger rechtlicher vernünftiger Mann freiwillig Anteil genommen habe. Indessen schleppte das Gesindel jeden ohne Ausnahme mit sich. Noch am 15. abends kam der Vinschgauer Landsturm nach Plars und Algund. Um die Vinschgauer, meine sonst feuerscheuen Landsleute, mutig zu machen, trugen ihnen die Plarser und Algunder Bauern den Wein in den Schäffern zu. Die verführten Menschen soffen sich Räusche an und ließen sich vom Priester Peter Auer und vom Frischmann, die sich ja in keine Gefahr gaben, wie die Schafe ins Feuer treiben. Die Franzosen wurden mehrmal aus ihren Positionen geworfen, und mehrmal mussten die Bauern retirieren. Sie können nicht glauben, mit welcher Erbitterung und Verzweiflung da gefochten wurde; die Landstürmer nüchterten Tag und Nacht nicht mehr aus und kannten und scheuten daher keine Gefahren mehr. Die Franzosen hatten ebenfalls keinen Mangel am Weine. Als die letzteren wieder gegen das Dorf Tirol anrückten, stürmten die Vinschgauer mit so einer Wut auf sie ein, dass die Franzosen ungeachtet des Pelotonfeuers, welches sie auf die besoffenen Stürmer machten und das sehr viele zu Boden streckte, sich doch genötigt sahen, den Küchelberg zu verlassen und sich in die Stadt zurückzuziehen. Bei den Gefechten um und auf dem besagten Berge blieben ungleich mehr Bauern als Franzosen auf dem Schlachtfelde liegen. Das Landgericht Schlanders allein zählte über 60 Tote und Blessierte. Noch fluchen Kinder, die ihre Väter — Väter, die ihre Söhne — Geschwister, die ihre Brüder — und vorzüglich Weiber, die ihre Männer verloren haben, den Urhebern dieser letzten zwecklosen Wut.

Ich kann mich nicht bestimmt mehr erinnern, ob General Rusca sich in und bei Meran 4 oder 5 Tage gehalten. Nur soviel weiß ich, dass er in der Nacht aufgebrochen und in stürmischer Eile sich bis Bozen zurückgezogen hat. Mit Tagesanbruch rückten die Bauern in der Stadt ein. Die Vinschgauer betrugen sich daselbst so wütend, dass mir nachhin viele Bürger sagten, sie wollten lieber 12 Franzosen als 3 Vinschgauer im Quartier gehabt und gefüttert haben. Bürgermord und Plünderung einiger Häuser wäre unvermeidlich gewesen, wenn nicht der würdige Kapuzinerguardian Pater Benedikt mit seinen Kapuzinern herbeigeeilet, sich in die Mitte der Stürmer geworfen, ihnen, ohne auf Schimpfworte, Misshandlungen, ja sogar Stöße zu achten, Menschen- und Christenpflichten gepredigt, und durch sein edles, rastloses Bestreben unabsehbar gräuliche Schandtaten verhütet hätte. Herr v. Maurer, ein kränklicher Mann, der in seinem Leben nie einen Menschen beleidigt hat, und der schon im Monat Juni ganz unschuldig von einigen Lumpen über alle Beschreibung grausam misshandelt, beinahe totgeschlagen und mit Blut überronnen in einen Stall ist hineingeworfen worden, wo die Mörder längere Zeit gar niemand zu ihm kommen lassen wollten, und der seine damalige Rettung vom Tode einzig dem belobten Pater Benedikt schuldig war, hatte auch diesmal sein Leben ausschließlich nur zweien Kapuzinern, nämlich dem soeben erwähnten unvergleichlichen Pater Guardian und einem gewissen Pater Thomas zu verdanken. Um den schuldlosen Herrn v. Maurer zu retten, setzten die beiden Priester ihr eigenes Leben selbst der größten Gefahr aus. Nach vielen außerordentlichen Bemühungen vermochten sie endlich das wütende Vinschgauer Gesindel zu beruhigen. Nachdem es gefüttert war und sich wieder auf Kosten der guten Bürger tüchtige Räusche angesoffen hatte, begab es sich endlich aus der Stadt und zog bis Terlan den Franzosen nach, wo aber die meisten davonliefen und sich wieder zurück nach Meran oder gar nach Hause begaben. Indessen erließ Hofer folgende offene Ordre:

„Offene Ordre als den 17. November 1809.
Indem ein Expresser von Nauders kommen ist, um sich zu erkundigen, wie es mit der Vertheidigungs Anstalt besteht, so hat selber den 15. November 1809 die ordentliche Aufkündung mit sich, und solche in ganz Vinsgau und Ober Innthal den Auftrag allen gut denketen Patriotten vorzuweisen. Heut als am 16ten kamen zwey Deputirte von Etzthall an und ersuchten mich recht sehr, was denn zu thuen sey, sie wissen nicht, wie sie drein sein, gab ich ihnen die nemliche offene Ordre, und sie Versprachen in Namen der übrigen Mannschaft, das sie alles werden anwenden, und thun, was rechtschaffenen Tyroler zusteht, was Etzthal anbelangt. Eben so gieb ich es Kommandanten Fierler mit, daß keiner nicht solle glauben, auser es ist meine Unterschrift, weil gahr so viele Landverderber um einander schleichen, solche sollen gleich in Verhaft genohmen werden, und gut verwahret werden. Dermalen hab ich lassen das Volk in aller Thätigkeit aufbiethen, um noch die Religion und das Vaterland zu retten, und nicht als Sclaven zu unterliegen. Ich bin auch von vielen Gegenden ersucht worden darum, und das von gutdenketen Tyroler; den Hab und Gut sehen einige an, aber Religion und Junge Menschen den Teufl vorwerfen, denket niemand nicht, wann alle fortgenohmen werden.
Euer aufrichtiger Andere Hofer
L. S. zu Passeyr am Sant."

Schon wieder Expresse! Schon wieder Deputierte! Schon wieder gutdenkende Tiroler! Armer Hofer! Was trieben abgehauste Flüchtlinge und schlechte Kerls mit dir für ein verderblich niederträchtiges Spiel! Aus den in obiger Ordre angesetzten Daten ersehen Sie, dass selbst die beiden Auswürflinge, der Kapuziner Joachim und der Sweth, nicht mehr wussten, wie sie in den Tag umgingen. Aus dem Stile und dem Inhalte derselben können Sie auf die Köpfe dieser beiden Landverderber schließen. Während Hofer von seinem Wirtshause als dem damaligen Hauptquartiere und Zufluchtsort aller Schurken, eine offene Ordre nach der andern erließ, kam auf einmal eine beiläufig 1.000 Mann starke Kolonne Franzosen von Sterzing über den Jaufen nach St. Leonhard, welches nur eine halbe Stunde von Hofers Wirtshaus entfernt liegt. Dieser unerwartete Besuch nötigte den Hofer, sein Haus zu verlassen, sich in eine Gebirgshütte ob der sogenannten Kellerlawine zurückzuziehen und eiligst die Hälfte der Stürmer nach Passeier zurückzuberufen. Kaum waren sie vor St. Leonhard angekommen, wurden die Franzosen angegriffen und mit bedeutendem Verluste ins Dorf zurückgetrieben, wo sie sich bis zum 22. November hielten und täglich wie Verzweifelte verteidigten. Während die Passeirer diese 1.000 Franzosen immer enger einschlossen, erließ Hofer schon wieder nachstehende Ordre:

„An dem Herrn Kommandanten Johann Spiller zu Schlanders oder wo immer, eilligst, eilligst, eilligst.
An alle Gemeinden und Gegenden im Oetzkreis.
Liebe Brüder und Landsleute! absonderlich wahre Patrioten des Vaterlandes und der Religion.
Ich mache euch zu wissen, wie wirklich die Lage des Vaterlandes steht. Oberinthall ist mich kommen dringendst zu ersuchen, ob sie müssen capitulieren, es hätte Imst und Naßreit wirklich capituliert. Das gemeine Volk hat sich entfernt, und sagt nicht ja darzu, eben solche Bewandniß hat es mit den übrigen Gerichtern, und so im ganzen Land, sowohl Pusterthall, Unterinthal, Brixen, und wo immer, das gemeine Volk giebt zur Antwort: lieber katolisch derschiesen; als lutherisch sterben, und werr einsehen will, ist es wirklich indem allso ist, und auch heute sind zwey Abgeordnete von Brixen, und Pusterthall bey mir geweßen, und sagen, daß unter Lienz kein Mann mehr sey, und Brixen und Pusterthall darf Ihnen niemand zu Hilfe kommen, die feindliche Truppen werden sie allein aufheben, das haben sie mir bey der Hand versprochen, denn in ganz Pusterthall sein 150 Mann sind zu Pruneggen, hernach was Ordonanzen sein, und hin und wieder kleine Wachten, so daß die ganze Zahl auf 400 Mann belauft. Jetzt sehet, sie haben keine Verstärkung mehr zu hoffen, Gott wirkt mit uns, warum sollen wir nicht streiten und fechten um den Himmel und Vaterland. Jetzt liebe Brüder sehet es, und wisset alles wie ich.
Euer aufrichtiger Andere Hofer am Sand
L. S. den 19ten 9br 1809.
P. S. Und wenn die Affair in Passeyer vorbey ist, so werde ich samt dem Volk nachfolgen."

Freund! Aus dieser Ordre sehen Sie, wie weit sich Hofer verblenden ließ. Er sah nicht einmal mehr die Widersprüche ein, die er unterzeichnete, und sprach noch vom Kapitulieren, da mit Ausschluss einiger Landgerichte bereits schon ganz Tirol von den Baiern und Franzosen besetzt war. Ich will Ihnen von Hofers trauriger Lage gar keine Bemerkung mehr machen. In folgender Ordre drückt er seine Unbehilflichkeit und den Zwang, der ihm angetan wurde, selbst am unverkennbarsten und am wehmütigsten aus:

„Nach Erfahrenheit durch einen Expressen mache ich diese offene Ordre. Erfahre ich, daß unsere Mannschaft bey der Straße wohl schwach stehe, so ersuche ich jene Gegenden, als wie Marling, Lana, Tissens, Ulten und Nalß, daß sie doch sehen für dermal die Posten zu verstärken bey Terlan bis unsere Affair aus ist, hernach werden wir auch kommen, werden euch unterstützen, heute Nacht erfahre ich durch Deputirte von Unteryhnnthall, daß sie wollen alle Kräfte wagen den Feind zu schlagen, indem er ganz zertheilt seye.

Es ist auch diese Aussage von die zwey Deputirte, daß die Kayserlichen wirklich sollen in Anzug seyn, es ist auch ein Brief erwischt worden von einer baierischen Frau, sagt mir dieser Unterländer, da stand darinn, daß sie hatte ihren Mann geschrieben, er werde in Tyrol besser leben, als wie sie in ihre Heimath, indem sie wirklich vom Feinde umrungen, und wann sie nicht alles geben, was sie haben, so thun sie sengen, und brennen. Was thäts glauben, was dieß für ein Feind möchte seyn? nehmet wahr, was für ein Proclama herausging, wenn die guten Patrioten die Sache noch nicht verstehen wollen, so wird es ihnen ergehen, wie es mir ergangen ist, wann ich nicht freywillig hätte mitgewirkt, so haben sie mir warmes Plej angetragen, und so wird es einem jedwedem ergehen, der mit der guten Sache, oder für das Vaterland und Religion nicht mithalten will, also thut ihr das, was ihr nur könnt thun, damit wir miteinander leben und sterben.
Passeier den 20ten 9br 1809.
Euer aufrichtiger Vater Andere Hofer.
Daß diese Abschrift dem Original gleichlautend bezeige
L. S. Leopold Krainer
k. k. Camisaer."

Dieser Herr „Camisaer", ein Seiler von Hall, erlaubte sich sogar noch „Kais. Kgl." seiner Kommissär-Charge beizusetzen. Durch die Worte „nehmet wahr, was für ein Proclama herausging", deutet Hofer wahrscheinlich auf die Proklamation des Vizekönigs (vom 12. November 1809) hin. Während der Kapuziner Joachim und sein verworfener Anhang den Hofer und durch ihn den leichtgläubigen Pöbel durch allerhand erdichtete Nachrichten schändlich belogen und bei der Nase herumführten, wurden die 1000 Franzosen in St. Leonhard immer enger eingeschlossen und endlich am 22. November gezwungen, sich den Bauern zu ergeben. So unbedeutend dieser Fang an und für sich war, so hielten ihn doch die Bauern für so wichtig, dass sie sich dadurch schon über die ganze französische Kriegsmacht vollends Sieger glaubten und an nichts anders mehr als an das Herrenerschlagen dachten. Hofer begab sich gleich, nachdem sich die Franzosen ergeben, in sein Wirtshaus am Sand zurück, wo er sie Mann für Mann rein ausplündern ließ. Je ängstlicher jeder rechtliche Mann und Familienvater über diesen Fang und über die Behandlung der Franzosen die bangsten Erwartungen einer baldigen grausamen Wiedervergeltung in seinem Herzen nährte, desto unsinniger jubelte darüber der knechtliche und der Tagelöhnerpöbel, der nichts zu verlieren hatte, und desto hirnloser drückte der Kapuziner Joachim seine verderbliche Wut und Verzweiflung in folgender Ordre aus:

„Offene Ordre
Gemäß derselben wird beurkundet, daß in Passeyr, wo die Franzosen zu 1000 Mann stark sich den unterzeichneten dato um 9 Uhr Vormittag gefangen ergeben haben. Auch hat man durch gewieße Nachrichten erfahren, das Hauß Österreich wieder auflebe, indem die Kaiserliche durch Karnthen einrücken sollten, und den Tyrolern zu Hilfe kommen, in Brixen, Busterthall, ist alles auf und werden diese Tage schon angegrifen haben, wie es auch in ganzen übrigen Tyrol ergeht, in Meran wurde auch der Feind gejagt, auch kamen täglich Deputirte von allen Gerichtern welche bitten sich vertheitigen zu derfen, welches man ohnehin bewilliget; Jetz also geliebteste Mitbrüder an welche diese Ordre ergehet, und es lessen, ist der Zeitpunkt, wo einen jeden gutgesinnten die Gefahr vor augen schwebt, und sich alles aufs neue vertheitiget, ergreift die Waffen, Gott und seine geliebteste Mutter haltet in Herzen, streitet ritterlich und wir werden den Feind, wenn er auch noch so groß ist mit dem göttlichen Beystandt, um die wir täglich bitten müssen, gewiß schlagen.
Datum Passeir am Sant 22ten 9br 1809
Andere Hofer."

Ich versichere Sie auf Ehre, diesen ganzen Fang machte nur das Gesindel; kein einziger auch nur halb rechtlicher Tiroler war dabei. Im Gegenteil, wer nur immer konnte, hatte sich schon früher, ungeachtet der Wachen, die der stürmische Kapuziner bei Saltaus und auf der Töll aufgestellt hatte und die jeden, der sich entfernen wollte, zurückwies, davongeschlichen und nach Hause begeben.

Jetzt stellen Sie sich vor, was man mit dem Hofer und dem Volke für ein Unwesen trieb. Gottlob, dass die ganze Tragödie bald zu Ende geht. Doch eh' ich Ihnen die Schlussszenen davon öffne, muss ich Sie, wie ich Ihnen versprochen, mit dem Intermezzo meines Arrestes bekannt machen. Am 14., wie ich Ihnen oben sagte, wurde ich in der Stube Thalguters eingesperrt. Einer seiner Knechte ging mir keine Minute vom Leibe. Eine Bank oder die Ofenpritsche war mein Bett. Indessen ließ mich das gutmütige Weib des Thalguter weder Hunger noch Durst leiden. Kein Mensch außer meinem Wächter durfte mit mir auch nur ein Wort sprechen, noch weniger sonst etwas gemein haben, bis auf einmal sich die Türe öffnete und ein alter Bettler von Schlanders, der sogenannte bucklige Stieglmair, von ein paar bewaffneten Bauern ins Zimmer gebracht wurde. Schon als sie ihn durchs Vorhaus hereinführten, erkannte ich ihn an seiner ausgezeichnet raunenden Stimme; er wollte durchaus kein Gefangener sein und schrie unablässlich: „Ih han g'wiß nit s' Land verkaft!" Die Bauern aber hörten ihn nicht an; er musste in Arrest. Ich lag eben auf der Ofenpritsche, als er in die Stube trat; kaum hatte er mich erblickt, rief er mich zum Zeugen seiner Unschuld an und bat mich, die beiden Bauern aufzuklären, wer und woher er sei, und dass er gewiss nicht das Land verraten oder verkauft habe. Ich wollte die Bauern wirklich belehren, dass er alle Kennzeichen eines Landesverräters an sich trage, als sie mich schon unterbrachen und ihm sagten: „Itz hab'n mier schon g'nug, weil der Pfaff wuaß, wer du bist, itz bist schon ein schlechter Kerl! Da bleibst, und gehst außi, so schlag'n mier dich ab, wie an Ochs." Mein armer Stieglmair, der von den Algunder Bauern bloß darum arretiert wurde, weil sie ihn nicht kannten, musste es sich ohne weiteres gefallen lassen, bei mir zu bleiben, und ich lachte herzlich, als ich mich mit so einer angenehmen Gesellschaft beehrt sah. Bald darauf brachten die Bauern einen Schneider, den sie für einen Spion hielten. Ich teilte brüderlich mit meinen Kameraden, was mir meine herzensgute Hausmutter gab, und bezahlte ihnen manches Glas Branntwein und Wein.

Außer dem, dass wir dem verschiedenen alten und jungen, männlichen und weiblichen bewaffneten und unbewaffneten Gesindel, welches uns, vorzüglich mich, zu begaffen kam, zur Schau dienen mussten, geschah uns nicht im geringsten was Leids. Die sonderbaren Bemerkungen, die ich über mich hören musste, gaben mir verschiedenen Stoff zu Betrachtungen über die Religionsansichten und den Charakter des Pöbels. Vorzüglich gefielen mir die Äußerungen eines gewissen Fräulein v. Egen, einer alten Exnonne. Diese Megaera kam schnellen Schrittes in unsere Arreststube getrappelt, drehte sich eine Weile wie wahnsinnig im Zimmer herum, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und schrie wie eine Verzweifelnde ohne Zusammenhang: „Du lieber Jesus, itz muß die Welt einstürzen, o du sündhafte Welt! Daß Gott erbarme! Der jüngste Tag kann nicht mehr ferne sein! Gott muß strafen! Ein Geistlicher hat den Sandwirt, unsern Landesvater und Glaubensretter, hat Gott, den Papst, Religion und Glauben verraten und das Vaterland verkauft. Die heilige Weihe sollen ihm die Bauern nehmen, die Finger und s' Platzl (die Tonsur heißt man in Tirol vulgo s' Platzl) schlagen, und hernach sollen sie ihn erschießen und aufhängen." — Einige Minuten sah ich diesem ehrwürdigen Gespenste mit aller Gelassenheit zu und hörte ruhig ihre ganze unsinnige Wäsche an. Endlich unterbrach ich sie und sagte: „In Gott geistliche Jungfer! Was müssten die Bauern mit dem angeschuldigten Priester tun, wenn er zufällig kein Platzl ausgeschoren hätte?" — „Den Kopf herab reißen", erwiderte sie schnell und ging aus der Stube. „Aufhängen, erschießen, den Kopf herab reißen", hörte ich sie noch wiederholt im Vorhause schreien.

Gleich nach diesem allerliebsten Besuche bekam ich einen andern. Als die Bauern in einem der oben erwähnten Gefechte auf dem Küchelberge von den Franzosen überflügelt wurden und, um nicht abgeschnitten zu werden, stürmisch über das Dorf und Schloss Tirol retirierten, hielt der mehrmals benannte Herr Frühmesser von Schlanders schon das ganze Spiel für verloren und kam daher mit zwei bewaffneten Bauern keuchend zu mir; er fiel beinahe samt der Türe in die Stube und sagte mir mit einem ängstlich gebieterischen Tone, dass ich augenblicklich mit ihm nach Schlanders mich zu begeben habe, indem die Franzosen vorrückten, und es jetzt meine Pflicht erheische, vorzüglich meinen Geburtsort in Schutz zu nehmen und vom wahrscheinlichen Untergange zu retten. Ich ließ ihn aussprechen und sagte ihm endlich mit einem verachtenden Blicke und einer wahrhaft stoischen Kaltblütigkeit: „Geistlicher Herr! So sehr mich Ihr bisheriges Vernunft- und sinnloses Betragen und Ihre verderbliche Wut entrüstet hat, ebenso sehr freut es mich, Sie endlich, nachdem Sie den Strick bereits am Halse fühlen, zur Besinnung zurückkehren zu sehen. Sie wissen, dass Friede ist! Sie wissen, dass jeder rechtliche Mann nach Ruhe und Ordnung seufzt! Wie konnten Sie also bloß im Namen Hofers, der sich schon wiederholt förmlich unterworfen hat und der jetzt nur mehr aus Zwang handelt, das Volk aufwiegeln? Wenn ich gelind urteile, so muss ich glauben, dass Sie, wo nicht das Herz, wenigstens den Kopf verloren haben. Denn wie könnten Sie, wenn Sie nicht mit einer grenzenlosen Blindheit geschlagen wären, sich an die Spitze des Gesindels stellen und mit dem Janhagel von einigen Gerichtern wider Frankreich und halb Deutschland zu Felde ziehen? Das Verderben und Elend, welches Sie über das arme Vinschgau herzogen, wird grenzenlos werden. Was meine Pflicht erfordert, weiß ich selbst, ohne von Ihnen daran erinnert zu werden. Es wäre traurig, wenn ich mich von einem Manne, wie Sie sind, zu irgendeiner Pflichterfüllung müsste auffordern lassen. Da ich bereits den Wankelmut des Pöbels kennen gelernt habe und mich bei jedem künftigen Ereignisse sicher gestellt sehen will, so werde ich nicht eher diese Stube verlassen, als bis ich von Ihnen und allen dermaligen rasenden Rädelsführern schriftliche Abbitte der mir zugefügten Unbilden und schriftliche Bitte, mich ferner für Vinschgaus Rettung und Wohl zu verwenden, werde erhalten haben." — Mit niedergeschlagenen Augen und ohne ein Wort zu erwidern, hörten Se. Hochwürden mich an, sagten: „Gleich will ich machen, dass alles nach Ihren Wünschen geschieht" und gingen schnell weg. Allein kaum war der Heuchler außer dem Hause, wurde ihm die Nachricht gebracht, dass die Franzosen wieder geschlagen worden und die Bauern vorrücken; weswegen er weder an die Rettung von Schlanders, noch weniger an mich mehr dachte und sich folglich nicht mehr sehen ließ.

Nachdem General Rusca aus Meran und der dortigen Gegend vertrieben war, kamen zwei Passeirer zu mir und kündigten mir an, dass sie den Auftrag hätten, mich nach Passeier zu transportieren. Diese beiden Passeirer, beide Familienväter, waren sonderbar gutmütige Männer und erzählten mir die schauerlichsten Dinge über den Zwang, welchen Hofer vor einigen Tagen erlitten, und dass er anfangs immer gesagt habe, er könne und wolle nichts mehr tun. Man würde mich wahrscheinlich zum Hofer geführt haben, wenn nicht zufällig am nämlichen Tage, wo ich nach Passeier transportiert wurde, die oben erwähnten 1000 Franzosen nach St. Leonhard gekommen wären: weswegen mir mein Arrest im Wirtshause zu Saltaus ungefähr anderthalb Stunden vom Sand angewiesen wurde. Da ging es mir, mit Ausschluss, dass ich streng verwacht wurde, recht gut. Die Wirtin ließ es mir an nichts ermangeln, und weil ich bloß in einem Gastzimmer eingesperrt war, so fehlte es mir auch an Gesellschaft nicht. Ein Servitenbruder von Innsbruck, ein Verwandter Hofers, der sich, wie und warum weiß ich nicht, nach Passeier geflüchtet hatte, musste, weil man ihm der vielen Leute wegen kein eigenes Zimmer geben konnte, Tag und Nacht bei mir bleiben. Auch eine gewisse Frau v. L..., die sich mit ihren Kindern von St. Martin nach Saltaus geflüchtet hatte, beehrte mich, weil ich ihr gleich beim ersten Besuche, den sie mir aus Neugierde, mich kennen zu lernen, machte, ein sehr artiges Kompliment gesagt hatte, mit wiederholten Visiten.

Ich muss Ihnen diese Kompliments-Anekdote doch umständlicher erzählen. Kaum war ich zu Saltaus angekommen, trat das erwähnte weibliche Geschöpf in mein Arrestzimmer. Hm, dachte ich mir, was will etwa diese verblühte Schönheit von mir? Obschon sie sich anfangs nur an den Servitenbruder wandte und mit diesem sprach, so merkte ich doch gleich aus ihren verkehrten Blicken, dass sie lieber mit mir als mit dem schmutzig gebarteten Diener Gottes angebunden hätte. Indessen setzte sie meine weiberscheue ernsthafte Miene in eine sichtbare Verlegenheit, bis sie sich endlich die Freiheit nahm, mich, schüchtern ihre sonderbare Neugierde entschuldigend, zu fragen, was denn ein Freidenker sei? „Madame," sagte ich, „wozu diese Frage?" — „Weil die Bauern sagen, Sie wären ein Freidenker und hätten deswegen das Land verraten", erwiderte sie mir. „Jetzt wunderts mich, wie denn ein Geistlicher ein Freidenker sein kann?" — „Madame," sagte ich, „dies ist zwar wohl etwas seltenes, aber doch leicht möglich; sobald Sie mit dem Worte Freidenker den Begriff verbinden, den ich einmal, beinahe eine ähnliche Neugierde zu befriedigen, in einer Gesellschaft aufgestellt habe, und den ich Ihnen mit vielem Vergnügen mitteilen will, so werden Sie sich gleich überzeugen, dass es der schwarze Janhagel dem adeligen und bäuerischen Gesindel leicht begreiflich machen konnte, dass ich ein Freidenker sei. Ein Freidenker ist

„Ein Mann, der nur die Freiheit liebt,
weil sie uns angeboren,
der, wenn sich auch die Sonne trübt,
sich noch nicht für verloren
hält, und durch Vernunft und Redlichkeit,
Erfahrung und Bescheidenheit
nach vielem Denken und saurem Schweiß
die Freiheit zu benutzen weiß.

Ein Mann, der seinem Nächsten lebt,
und nicht auf Stand und Adel sieht,
der nie vor einem Donner bebt
und Kopf und Herz zu Rate zieht,
der, wenn man ihn verdächtig macht,
frei über seine Feinde lacht
und ihnen herzlich treu vergibt
und jeden Mensch als Bruder liebt.

Ein Mann, der als ein Wahrheitsheld
Gott seine Seele weihet
und nie ein Wort auf Schrauben stellt,
und nie Gefahren scheuet,
der nur den Pfad der Weisheit geht
und nie im Denken stille steht
und der als bieder weiser Mann
sich vor dem Tod nicht fürchten kann."

Ein solcher Mann, Madame, ist vor den Augen gewisser Leute ein Freidenker." — „Nein," sagte sie, „ein Freidenker ist ganz ein anderes Ding.  Ich habe, als ich noch ledig war", fuhr sie fort, „mit einem Offizier Bekanntschaft gehabt; dieser sagte mir öfters, er sei ein Freidenker; o es war gar ein liebenswürdiger, scharmanter Mann! Ich konnte ihn lange nicht vergessen! Nun, dieser erzählte mir von den Freidenkern ganz sonderbare Dinge, unter anderem sagte er mir einmal auf einem Spaziergange, wenn der Mensch stirbt, so fahre dessen Seele, nicht wie die geistlichen Herren sagen, in den Himmel oder in ein Fegefeuer, am allerwenigsten aber in die Hölle, sondern, es sei schon von der Natur so eingerichtet, in einen andern Körper, z. B. in ein Schaf, in einen Ochsen, Pferd, Esel usw. Ich wollte es anfangs nicht glauben, aber nach und nach, o er sagte noch viel mehrere Dinge, die mir nicht mehr einfallen, hätte er mich bald zu einer Freidenkerin gemacht. Wenn nun diese Seelenwanderung wahr wäre," fragte sie, „so könnte aus einem Frauenzimmer leicht ein?" — „Dreckkäfer werden", sagte ich. — „Aber dann?" fragte sie mich weiter, „müsste man wieder?" — „Wenn Sie, Madame, in dieser Metamorphose zertreten zu werden das Unglück hätten, notwendig ein Frauenzimmer werden", erwiderte ich ihr. — Für diesmal war sie mit meinem Bescheid zufrieden, machte mir das Kompliment, dass ich zwar kein Freidenker, wohl aber ein Erzgrobian wäre und entfernte sich, kam aber, ungeachtet ich ihr jedes Mal eine oder die andere ähnlich fette Schönheit sagte, wie ich Ihnen schon oben bemerkt, noch wiederholt, mich zu besuchen. Dieses philosophische Frauenzimmer und mein Servitenbruder machten, dass ich keine Minute lange Weile hatte, denn der letztere wusste eine ganze Menge Rodriquezsche Mirakel und die lustig mutwilligen Possen des Till Eulenspiegels wie ein ,Vaterunser' herzuerzählen.

Vorzüglich aber freute mich der Schabernack, den ich dem im 3. Briefe erwähnten Herrn Eugen P . . . spielte. Gleich am 2. Tage meines Arrestes in Saltaus hörte ich vor meinem Zimmer einen heftigen Streit; die Türe öffnete sich und ich staunte nicht wenig, als ich den besagten Herrn Eugen von zwei bewaffneten Passeirern gleichsam hereinwerfen sah. Einige Minuten stieg er mit seinen gewöhnlich majestätischen Schritten wie ein Sultan im Zimmer auf und ab und schimpfte und fluchte wie ein alter Schiffsknecht. „Ihr dummen Teufel!", sagte er den beiden Passeirern, „Ihr wollt mich, den Hauptmann der Freiwilligen von Glurns arretieren? (Vom Landgerichte Glurns kam nur der Auswurf unter Anführung des Herrn Eugen und eines gewissen Stecherlein nach Meran, die übrige Mannschaft wurde gezwungen, nach Pfunds auszurücken.) Mich, der ich die Hälfte meiner Tapfern vor St. Leonhard und die Hälfte vor Terlan stehen habe, wollt Ihr nun aufhalten, meine Krieger aufzusuchen? Bersten möchte ich vor Gift und Galle, wenn ich diese wilden Ochsen ansehe und bedenke, wie sie sich erkühnen, mich, den Kais. Kgl. Hauptmann der Freiwilligen von der Stadt Glurns zu arretieren!" — „Mier hab'n den Befehl," sagten die Passeirer, „kuan Mensch z'ruck z' lass'n und itz bist gleich still, oder mier werd'n dir gehn d' Ochs'n geb'n." — Hier nahm ich das Wort und sagte: „Ah! Gott grüße Sie, Herr Vetter! Freut mich unendlich, Sie in dieser Eigenschaft in meiner Gesellschaft zu sehen." — Der Kais. Kgl. Herr Eugen würdigte mich kaum eines seiner erhabenen Blicke. Daher sagte ich den Passeirern: „Männer! Ihr habt vollkommen recht, dass Ihr meinen Herrn Vetter arretiert habt. Er wollte Euch unter dem Vorwande, seine Tapfern aufzusuchen, nur entlaufen. Wenn er der Kais. Kgl. Hauptmann der freiwilligen Krieger von der Stadt Glurns ist, so soll er vor dem Feind bei seinen Leuten stehen bleiben und nicht sich wie ein Land- und Leuteverräter davonzuschleichen suchen." — Der Herr Eugen riss zu dieser meiner Sprache gewaltig die Augen auf, und einer der Passeirer sagte ihm: „Siehst, ein Lump und Landesverrater kennt den andern, itz ist 's schon g'nug, weil dich der Pfaff kennt, da bleibst und gehst uns außi, schlag'n mier dih ab, wie ein Ochs." — Ich lachte herzlich über das so schnell gefällte Urteil des Passeirers, und der erlauchte Herr Eugen musste es sich ohne weiteres gefallen lassen, mir bis zum 22. November als Arrestant Gesellschaft zu leisten.

Eben an diesem Tage fand ich Gelegenheit, durch einen guten Freund dem Hofer ein Schreiben zuschicken zu können, worin ich ihm so nachdrucksam als möglich seine und des Vaterlandes traurige Lage schilderte, ihn aufforderte, die Waffen, ungeachtet des nichts bedeutenden Fanges der 1 000 Franzosen, auf der Stelle niederzulegen, und ihm die Mittel zeigte, wodurch er sich noch retten und das Geschehene gutmachen könnte. Zugleich bedeutete ich ihm, wie vernunftlos und widerrechtlich er mich, seinen einzigen wahren Freund und Retter, habe arretieren lassen und dass ich mir als Priester, wenn er in seinem verderblichen Unsinn verharren wolle, wenigstens irgend ein Kloster oder einen Pfarrwiddum zum Arreste ausbitte. Allein der arme Mann war schon ohne Rettung verloren; die Lumpen, die ihn umgaben, ließen ihn die Sprache des Freundes und der Vernunft nicht mehr anhören; anstatt meinen aufrichtigsten, wohlmeinendsten Rat anzunehmen und zu befolgen, ließ er mir folgende Weisung zufertigen:

„An den gefangenen Danej zu Saltaus.
An selben berichtet der Unterzeichnete, daß der oben benante dort zu verbleiben hat, wo der Gefertigte es befiehlt. Ich hoffe daher eine Ruh, und kein Muhren mehr, wiedrigenfalls bin ich eilends gezwungen andere Maßregeln zu treffen.
Passeyer am Sand den 22. November 1809.
Andere Hofer
L. S. v. Passeyr"

Was Hofer mit mir für Maßregeln zu treffen beschlossen hatte, werden Sie bald sehen und darüber nicht wenig erstaunen. Kaum hatte ich diese Weisung erhalten, wurde mir der Befehl eröffnet, dass ich nach St. Martin, einem Dorfe, das nahe am Sandwirtshause liegt, transportiert werden müsse. Noch eh' man mich wegführte, kam mein Bruder zu mir und erzählte mir, dass beim Landsturm zu Terlan und Gargazon nichts zusammengehe, dass Johann Spiller, Johann Auer nebst allen vernünftigern, rechtlichern Männern von Schlanders an der ganzen Geschichte freiwillig nicht den geringsten Anteil genommen hätten und dass mein früher erwähnter erschrockener Freund noch immer im Heustocke vergraben ängstlich auf den Messias, der ihn erlösen würde, harre. Weil ich nun nicht wusste, was man mit mir in St. Martin vorhatte, so schickte ich, um allenfallsigen Misshandlungen des Pöbels vorzubeugen, meinen Bruder voraus zum Hofer, mit dem Auftrage, die Antwort auf obige Weisung, die ich in Eile mit einem Bleistift geschrieben, und in welcher ich ihm die bittersten Vorwürfe über sein widerrechtliches Betragen machte, selbst zu behändigen.

Es war schon Abend, als man mich von Saltaus fortführte. Unterwegs begegnete mir das siegreiche Gesindel von Schlanders und dessen Umgebungen, welches von St. Leonhard zurückkam. Unbeschreiblich war der schadenfrohe Jubel, in welchen die meisten, vorzüglich ein gewisser Hasler, ein berüchtigt liederlicher Lump und Schreier, als sie mich erblickten, ausbrachen. Als sie bei mir vorbeizogen, musste ich die unerhörtesten Schimpfworte anhören. In St. Martin, wo ich bei finsterer Nacht ankam, wurde mir im obern Wirtshause mein Arrest angewiesen. Mit gespannter Erwartung sehnte ich mich nach der Zurückkunft meines Bruders. Endlich kam er und brachte mir — was? — mein Todesurteil. Addio! Das Umständlichere werde ich Ihnen im nächsten Briefe berichten.

   
  Quelle: Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809, Erinnerungen des Priesters Josef Daney, Bearbeitet von Josef Steiner Innsbruck, Hamburg 1909
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.