Innenminister Giovanelli


von Rudolf Granichstaedten-Czerva

Der Sammelpunkt der österreichischen Patrioten in Südtirol im Jahre 1809 war das Haus Giovanelli in Bozen. Von hier aus gingen die Kuriere ins ganze Land, hier wurden die Fäden der Erhebung gesponnen, hier holte sich jeder Rat, der eine wichtige Aktion plante und hier wurde über Personen beraten, denen man wichtige Funktionen im Lande anvertraute. Die führenden Köpfe waren Josef von Giovanelli d. Ä. (geb. 7. Mai 1750 in Bozen, gest. daselbst 19. November 1812) und dessen gleichnamiger Sohn.

Josef von Giovanelli d. J. wurde am 10. April 1784 in Hörtenberg bei Bozen geboren, als Sohn Josefs d. Ä. und der Maria Anna Katharina, geb. Pach von Hoheneppan (geb. 6. Jänner 1766, gest. 28. Dezember 1827). Er vollendete seine Gynmasialstudien in der Vaterstadt, begab sich dann an die Universität zu Padua und zum weiteren Studium nach Innsbruck. Im Jahre 1801 reiste er nach Wien, wo er sich mit akademischen Studien beschäftigte und mit wissenschaftlich und literarisch bedeutenden Männern Verkehr pflog. Er blieb bis anfangs 1805 in Wien, wo er sich eine vielseitige, in gründlicher klassischer Schulung wurzelnde Bildung und gediegene Kenntnisse in den Rechte und Staatswissenschaften aneignete. Mit diesen geistigen Schätzen kehrte er in die Heimat zurück, wo er am 20. April 1805 Praktikant beim Bozner Kreisamt wurde und dann zum Fiskalamte und Gubernium in Innsbruck übertrat. Bei den Übergabsverhandlungen Tirols an Bayern (Februar 1806) verwendete man den geschickten Giovanelli als Aktuar bei der Hof-Kommission. Am 15. Juni 1807 vermählte sich Josef mit der Tochter des Schweizer Gesandten am Wiener Hofe, Antonia Freifrau von Müller-Müllegg (geb. 1786, gest, 1856), die er in Wien kennen und lieben gelernt hatte und zog dann während der feindlichen Okkupation Tirols ganz nach Bozen, wo er seiner Familie lebte.

Als aber die Sturmglocken im ganzen Lande ertönten und auf den Bergen die Feuerzeichen aufflammten (April 1809), da stellten sich Giovanelli Vater und Sohn ihren Landsleuten zur Verfügung und wurden rasch die geistigen Führer der ganzen Bewegung. Bis in die letzte Faser seines Herzens Tiroler, von glühender Vaterlandsliebe, durchdrungen von dem Bewusstsein der Notwendigkeit der Erhaltung der alten Traditionen, rief Josef d. J. in einer Denkschrift aus: „Verfassungen, auf die sich der ganze Volkscharakter gründet, wie dies in Tirol der Fall ist, werden von den Völkern mit Recht als ihr Heiligtum, als ihr Kleinod betrachtet; der Tiroler liebt ebenso wie seine Heimat, ebenso wie die Scholle, die er als freier Mann sein Eigentum nennt, so auch seine alte Verfassung über alles , an die ja seine Existenz geknüpft ist. Die Jahrhunderte alte Landesgeschichte war die Feuerprobe, dass die alte Verfassung dem Lande und seinen Verhältnissen angepasst und unersetzbar war."

Giovanelli d. J., der kein Soldat war, beschränkte sich zuerst darauf, mit den Waffen des Geistes die neuen Reformen Bayerns zu bekämpfen. Am 21. April 1809 trat er als Adlatus in die Dienste seines Vetters, des Intendanten v. Hormayr, den er auch wiederholt auf Reisen im Lande begleitete. Aber Meinungsverschiedenheiten mit dem anmaßenden, ehrgeizigen und machthungrigen Intendanten zwangen Giovanelli, am 16. Mai 1809 von Steinach aus nach Hause zu fahren. Aber am 21. Mai musste er mit seinem Vater wegen Feindesgefahr aus Bozen fliehen; die beiden hielten sich 14 Tage in der Schweiz (Münster) auf und kehrten am 9. Juni wieder nach Bozen zurück.

Am 3. September kam Andreas Hofer nach Bozen, kehrte in dem gastfreundlichen Hause Giovanelli's ein und verlangte vom Vater dringend den Sohn an seine Seite. Nach langem Zögern willigte der junge Josef ein, begab sich am 21. September nach Innsbruck, wo seine erste Tat die Abfassung des bekannten Patentes vom 29. September war, durch das die bisherige Generaladministration reformiert wurde. Giovanelli wurde, noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt, eine Art Minister des Innern, oder, wie wir heute sagen würden, Vizekanzler der Hofer'schen Regierung. Der junge Mann war die Seele der politischen Landesverwaltung, der Schöpfer der Hofer'schen Landesverfassung vom 23. August 1809. Seine Tätigkeit bestand hauptsächlich darin, die Referenten und Volksrepräsentanten zu bestellen und diese „Statthalter" der verschiedenen Kreise zu überwachen. Natürlich holte sich Josef, der Sohn, bei seinen Verfügungen vorher den Rat des erfahrenen Vaters ein, doch hat dieser stets die Anordnungen des Sohnes gebilligt, wie überhaupt zwischen Vater und Sohn eine vollkommene Harmonie, ja geradezu eine Identifizierung herrschte. Dabei wird aber von den Historikern die Intelligenz des Sohnes fast noch höher geschätzt, als die des Vaters.

Beim Kriegsrate im Wirtshause „Zur Krone" in Sterzing am 15. Oktober erschienen beide Giovanelli, der Vater aus Bozen, der Sohn aus Innsbruck. Letzteren begleitete der Finanzminister Dr. Josef Rapp, der jedoch, wie Giovanelli an seine Frau nach Bozen schrieb, in Matrei am Brenner „hängen" blieb. Warum? „Weil dort auf einem grünen Hügelchen das Schloss Latschburg lag und in diesem Schlosse ein züchtiges Burgfräulein hauste, ein weiblicher Abkömmling des alten Ritters mit dem kleinen Haarbeutel, aus dem Stamme derer von Stolz." Es war Anna v. Stolz, mit der Rapp damals verlobt war und die er im Jahre 1812 ehelichte. — Mit dem Frieden von Schönbrunn (14. Oktober 1809) war Josefs Tätigkeit als Minister und Berater Andreas Hofers beendet. Am 2. November gelang es dem älteren Giovanelli, die Unterwerfungserklärung der Tiroler in Bozen fertig zu bringen; mit ihr eilte der Sohn nach Trient zum französischen General Honoré Vial, wiederholt auf dem Wege dahin in Gefahr, von den Landstürmern als Verräter an der Sache Tirols behandelt und erschossen zu werden, weshalb er sich im Etschlande als Priester verkleiden musste, um durchzukommen.

Anfangs Dezember 1809 begab sich Giovanelli mit Weib und Kind zu seinem Schwiegervater Baron Ferdinand Müller-Müllegg nach Wien, um hier besserer Zeiten zu harren. So wie das Haus seines Vaters in Bozen, so war jetzt das Wiener Heim des Sohnes das Zentrum der aus Tirol emigrierten Landsleute. Josef von Giovanelli, ein kräftiger, behäbiger Mann, hatte vom Vater die Leutseligkeit, die Mischung und Schalkhaftigkeit, die Urteilsschärfe und den Humor geerbt.

Giovanelli‘s Meisterwert in der Zeit der Wiedervereinigungsbestrebungen war unstreitig seine berühmt gewordene Denkschrift über Tirol vom 24. April 1814. In einem großangelegten Aufbau entwickelte Giovanelli darin die geschichtliche Entstehung der Verfassung Tirols, seine militärisch-politische Bedeutung und den Charakter des Bauernstandes. Der junge Staatsmann war wegen seiner glänzenden Begabung, seiner ausgezeichneten Charaktereigenschaften, seines lebhaften Temperamentes ein besonderer Freund des nur um wenige Jahre älteren Erzherzogs Johann (geb. 1782), der mit ihm stets eines Sinnes war.

Den seinem Vater angebotenen und dreimal — durch Nichtzahlung der Taxen — abgelehnten Freiherrnstand nahm der Sohn am 16. August 1838, anlässlich der Erbhuldigung in Innsbruck, endlich an. Nach der Rückkehr Tirols an Österreich wurde Josef Merkantil-Kanzler in Bozen und starb in seiner geliebten Vaterstadt am 14. September 1845. Aus seiner großen Nachkommenschaft wurde ein Enkel im 20. Jahrhundert ebenfalls Minister, nämlich der am 28. Okt. 1847 in Brescia geborene und am 6. Juni 1922 in Kaltern verstorbene Karl Freiherr von Giovanelli, der vom 19. Jänner 1900 bis 26. Okt. 1904 Ackerbauminister war. Dessen Witwe Ida, geb. Perini (geb. 10. März 1845) starb am 1. Februar 1929 in Bozen.

Wir schließen mit den Worten des Erzherzogs Johann: „Josef von Giovanelli d. J. war einer der vorzüglichsten Männer des Landes, ein Patriot in vollem Sinne; das Andenken dieses Mannes hat man viel zu wenig geehrt."

Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 129 - 132.

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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