SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Der Brand von Schwaz 1809

   
 
  Der Brand von Schwaz 1809
 

Von Dr. Hans Seewald

Durch den am 26. Dezember 1805 geschlossenen Frieden zu Pressburg war Tirol gemäß der Artikel 3 und 15 bayrische Provinz geworden. Das Land im Gebirge hatte Freiheit und Unabhängigkeit verloren, nicht aber den Mut und die Entschlossenheit, um die "Wiedererlangung dieses höchsten Gutes, das dem Menschen auf dieser Erde beschieden ist, mit allen Mitteln und Opfern zu ringen. Schon kurz nach der militärischen Besetzung des Landes durch die Bayern begann man überall im Verborgenen mit der Vorbereitung zu einem Aufstand, um das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln. Jeder Tiroler stand bereit, wartete ungeduldigen Herzens auf den lauten Ruf der Sturmglocken, auf den hellen Schein der Kreidfeuer, um dann mutig und entschlossen zu den Fahnen zu eilen und die verlorene Freiheit, Glück, Zufriedenheit und Wohlstand aufs neue zu erreichen.

Im Jahre 1809 brach nun der große Aufstand des Volkes von Tirol aus. Dabei konnten nicht nur unvergessliche, stolze Siege errungen werden. Ein erbarmungsloser Feind sorgte dafür, dass Leid, Kummer, Not und Sorgen sowie Mord, Brandstiftung und Plünderung das Land an den Rand des Abgrundes stürzten. Der Markt Schwaz aber hatte von allen Tiroler Gemeinden die größten Opfer zu bringen.

Schon am 11. April um acht Uhr morgens machte sich im Markte Schwaz eine starke Unruhe bemerkbar. Von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus verbreiteten sich mit Windeseile die Nachrichten über den Vormarsch der österreichischen Truppen unter dem Befehl der Generäle Chasteler und Buol durch das Pustertal nach Tirol und über den Zusammenstoß der Tiroler Bauern mit bayrischen Soldaten bei St. Lorenzen in Südtirol. Das bayrische Besatzungselement im Markte unter dem Major Theobald fühlte sich durch diesen Volksauflauf bedroht und zog es vor, sich noch am gleichen Tage durch eine Flucht durch das Achental nach Kreuth (Bayern) in Sicherheit zu bringen. Die Unruhe dauerte auch am folgenden Tage an, die Sturmglocken wurden öfters geläutet, die Einwohner des Marktes bald durch gute Nachrichten in hellen Siegestaumel, bald durch Verbreitung schlechter Meldungen und oft auch wilder Gerüchte in Angst und Schrecken versetzt. Dabei konnte man es nicht verhindern, dass es auch gegen bayernfreundliche Schwazer und bayrische Staatsbürger zu mehreren Ausschreitungen kam. Am 13. April wurden die in und um Innsbruck gefangenen bayrischen und französischen Soldaten nach Schwaz gebracht, wo sie bis zu ihrem Weitertransport am folgenden Tag in der Au lagerten. Unterdessen waren auch 700 Österreicher unter dem Kommando des Freiherrn von Taxis im Markte eingerückt, um aber schon am nächsten Tage wieder nach Innsbruck weiterzumarschieren. In den folgenden Tagen kehrten die vor kurzer Zeit nach Innsbruck ausgezogenen Landesverteidiger in den Markt zurück. Überall ersetzte man die bayrischen Wappen durch österreichische und läutete am 15. April wieder zum ersten Mal seit der Bayernherrschaft feierlich den Feierabend ein, hielt eine Vesper ab und führte die alte Gottesdienstordnung wieder ein.

Am 2. Mai zog die erste Kompanie der Schwazer Schützen unter Peter Nikolaus Lergetporer mit 175 Mann ins Achental und übernahm dort bis zum 13. Mai in Verbindung mit dem Hauptmann der Achentaler Schützen, Aschbacher, die Grenzwacht. Die zweite Schwazer Kompanie begab sich am gleichen Tag (2. Mai), 234 Mann stark, unter Hauptmann Nikolaus Hensinger nach Innsbruck. (Das gesamte Landgericht Schwaz stellte im Mai 1809 1100 Mann zur Landesverteidigung ab.)

Am dritten Sonntag nach Ostern (3. Mai) veranstaltete die Marktgemeinde einen großen Gottesdienst, zum Danke dafür, weil alles so schnell und glücklich vorbeigegangen war. Die Festpredigt hielt Dekan Wintersteller, der die Einwohner zur Danksagung und zu neuem Gebete aufforderte, da zu befürchten war, dass der Feind bei einem neuerlichen Siege grausame Rache nehmen würde.

Am Tage darauf (4. Mai) beteiligte sich ein Großteil der Einwohner an einem großen Kreuzgang nach St. Georgenberg.

In den letzten Wochen hatte sich über das Unterland eine fast unheimliche Ruhe ausgebreitet, die nur durch einzelne Gerüchte, denen aber die Einwohner des Marktes keine allzu große Bedeutung beimaßen, gestört wurde. Anfang Mai jedoch erscholl der Ruf von Mund zu Mund, dass die Bayern abermals die Absicht hegen, in das Land einzudringen. Wieder läutete man die Sturmglocken und führte ein tägliches Stundengebet ein.

Am 11. Mai (Christi Himmelfahrt) traf Chasteler im Markte ein, übernachtete beim Grafen von Tannenberg und zog am nächsten Tag weiter ins Unterland. Auf dem Weg zwischen St. Margarethen und Rattenberg erhielt er Nachricht vom Falle des Passes Strub. Die Schlacht bei Wörgl ging ebenfalls verloren. Die Schuld an dieser Niederlage gab man Chasteler, der angeblich das Kriegführen im Gebirge nicht verstand.

Schon am frühen Morgen des 15. Mai kamen die führenden Männer der Marktgemeinde im Gemeindehaus zusammen, um die einlaufenden Nachrichten zu prüfen, die Lage zu beraten und die geeignetsten Vorkehrungen zu treffen. Die in Schwaz lagernden großen Getreidevorräte (20.000 Scheffel) wurden von den österreichischen Truppen der Gemeinde überlassen und von dieser an die Bevölkerung ausgegeben. (Bayern drängte später jahrelang die Schwazer zum Ersatz, bis die Sache im Jahre 1812 endlich einschlief.) Auf wiederholte Bitten der Marktvorstehung und der Bürgerschaft wurde Oberstleutnant Paul von Taxis mit 500 Mann und 30 Reitern mit dem Auftrag nach Schwaz entsandt, dem Feinde den Eintritt in den Ort zu verwehren. Mehr war von General Buol trotz aller Vorstellungen nicht zu erlangen.

Der Vormarsch Wredes gegen Schwaz ging sehr schleppend vor sich, da ihn einerseits die Schützen Straubs und Speckbachers von der südlichen Bergseite her (namentlich vom Weiler Koglmoos aus) beunruhigten, anderseits die Schützen Lergetporers und Aschbachers aus dem Achental herbeigeeilt waren, im Tiergarten zu Rotholz Aufstellung genommen hatten und die Straße von Strass her unter Feuer nahmen. Letztere mussten jedoch in den frühen Vormittagsstunden des 15. Mai wegen einer von Wiesing nahenden feindlichen Abteilung des Generals Deroy ins St.-Georgenberger Tal zurückweichen, von wo aus die Schwazer Schützen in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai zu ihrem Entsetzen zusehen mussten, wie ihr Heimatort den Flammen zum Opfer fiel.

Die Bayern, über diesen hinhaltenden Widerstand äußerst erbost, steckten die Kirche und mehrere Häuser in St. Margarethen und Maurach in Brand und richteten im Schlosse Rotholz gräuliche Verwüstungen an. Nur den Bitten des Pflegers Inama war es zu danken, dass Schloss Rotholz nicht angezündet wurde. Der vorgefundene Widerstand soll die Bayern besonders gegen den Patrimonialherrn, Grafen Tannenberg, erbittert haben.

Unterdessen ließ Taxis im Markte Schwaz durch 120 Salzburger Jäger den Hauptübergang über den Lahnbach, die Brücke am sogenannten Lahnbachbühel, besetzen. Die übrigen 320 Mann brachte er bei St. Martin in Stellung, ebenso die zwei ihm zur Verfügung stehenden Kanonen wurden dort aufgefahren. Rechts und links setzten sich Schützen und Landstürmer fest. Speckbacher besetzte den Falkenstein, den Zintberg sowie den Freundsberger Hügel. Die Schützenhaufen Straubs hatten sich größtenteils am Dorfrande zwischen St. Martin und dem Innfluss zur Verteidigung eingerichtet.

So brachte man doch noch einige Tausend Verteidiger zusammen. Viele von ihnen besaßen jedoch kein anständiges Gewehr oder keine oder nur wenig Munition. Ein großer Nachteil war auch das Fehlen einer einheitlichen und geschlossenen Führung. Trotzdem fasste man neuen Mut, versprach sich den besten Erfolg und redete sich ein, den Markt Schwaz gegen alle Angriffe halten zu können.

Gegen zwei Uhr nachmittags ritten einige Dragoner in gestrecktem Galopp in den Markt und verkündeten den Verteidigern, dass der Feind in Kürze am Ortsrande stehen werde. Schon eine halbe Stunde später zeigte sich Wredes Division im Weichbild von Schwaz. Seine Armee umfasste 12.000 bis 15.000 Mann, davon mindestens 4000 Mann Kavallerie. Außerdem führte er fast dreißig Kanonen mit.

Sobald sich Wredes Soldaten zeigten, eröffneten die beiden österreichischen Kanonen das Feuer und gaben dem Feind zu erkennen, dass man nicht gewillt sei, ihn ohne weiteres in den Ort einzulassen. Wrede entfaltete hierauf außer Schussweite der Gewehre von der Straße aus sein Fußvolk gegen den Vorort St. Martin und befahl der Reiterei, mit verhängten Zügeln in den Markt zu stürmen. Vielleicht konnte ein solch plötzlicher Vorstoß Furcht erzeugen und die Räumung erwirken? Aber die bayrische Kavallerie geriet alsbald unter das Kartätschenfeuer der bei den Häusern verteilten Schützen und unter das ebenso verheerende Kreuzfeuer der entlang der Lahnbachmauern aufgestellten Abteilung Devaux. Die Bayern erlitten so starke Verluste — auch Prinz Konstantin Löwenstein wurde bei diesem ersten Angriff schwer verwundet —, dass sie noch vor der Hauptstellung am Lahnbach umkehren mussten. Wohl wurden die zwei österreichischen Kanonen bei St. Martin durch das bayrische Geschützfeuer zum Schweigen gebracht und mussten sich die rund 300 Mann des Grafen Taxis bis nahe vor die Hauptstellung zurückziehen, so ermutigte dieser Teilerfolg doch auf Tiroler Seite zu um so zäherem Widerstand.

Wrede formierte nach dem Fehlschlag des Reiterangriffes aus seinem Fußvolk drei Angriffskolonnen und ließ diese vorgehen. Dreimal stürmten die Bayern durch die Hauptstraße des Dorfes Schwaz bis zur Lahnbachstellung nahe der Pfarrkirche, ebenso oft aber musste sie zurück. Jedes Haus schien in eine kleine Zitadelle verwandelt, die Fenster waren die Schießscharten, aus denen man feuerte, und von den Dächern regnete es einen Hagel von Steinen. Erst ein vierter Ansturm ließ Wrede des Marktes Meister werden. Vielleicht wäre auch er noch missglückt, da der härteste Kampf an der Riegelstellung am Lahnbachbühel lange Zeit unentschieden hin und her wogte, hätten die bayrischen Reiter nicht die Schützen und Stürmerhaufen an der Bergflanke erschüttert und zum Weichen gebracht. Dadurch wurde den Verteidigern im Brennpunkt der Schlacht die notwendige Unterstützung genommen. Die Lahnbachstellung musste aufgegeben und dem Feind der Eintritt in die Hauptstraße des Marktes überlassen werden. Der Kampf um den Ort war aber noch lange nicht beendet. Erst nach einstündigem, abermaligem Häuserkampf stand das bayrische Bataillon Laroche am Marktplatz und kam eben zurecht, um die von den Schützen bereits angezündete Innbrücke zu retten, über die dann die größeren Teile von Wredes Division zogen, um auf den Feldern zwischen Schwaz und Vomp ein Lager zu errichten. Der Feind hatte beim Kampfe um Schwaz 97 Tote und noch mehr Verwundete verloren, während die eigenen Verluste mit 19 Mann angegeben wurden.

Während Wrede im Schnapperwirtshaus im Dorf mit seinen Offizieren ein Siegesmahl veranstaltete, begannen seine Soldaten, über den heftigen Widerstand und die großen Verluste erbittert, mit einer Plünderung selten gesehenen Ausmaßes. Alles, was nicht erbrochen oder geraubt werden konnte, wurde zertrümmert und vernichtet. Die Bayern streiften durch alle Gassen, drangen in alle Häuser, durchsuchten alle Einwohner vom Kopf bis zum Fuß, rissen ihnen die Kleider vom Leibe, die ihnen gefielen. Sie wüteten im Palais Tannenberg genauso wie in den elenden und dürftigen Knappenhütten. In der Sakristei der Pfarrkirche entwendeten sie mehrere goldene Kelche, in der Kirche zu St. Martin, in der Spitalskirche und in der Kirche des Benediktinerstiftes Fiecht wurden Tabernakel erbrochen, und alles, was darin Heiliges und Kostbares zu finden war, wanderte in die Taschen der beutegierigen bayrischen Soldaten. Die Hostien wurden in den Kirchen zerstreut und die Messkleider zerstört; gute nahmen sie mit, von den schlechteren schnitten sie die besseren Borten heraus oder zerschnitten sie so, dass man sie nicht mehr gebrauchen konnte. Bei dieser Gelegenheit darf nicht unerwähnt bleiben, dass die plündernden Bayern fast alle Katholiken waren und nicht der protestantischen Religionsgemeinschaft angehörten, wie oft angenommen wurde. Nur sehr selten war ein Geld so gut versteckt, dass es ihre Augen nicht erspähten, ein Schloss so künstlich, dass sie es nicht wie geübte Einbrecher zum Aufspringen brachten. Die Offiziere verstanden dieses Räuberhandwerk genauso gut wie die gemeinen Soldaten, nur fielen sie manchmal dadurch auf, dass sie ihre Beutel auf höflichere und bequemere Art füllten.

Brand von Schwaz am 15. Mai 1809; nach einer Zeichnung von Pater B. Mayr

Brand von Schwaz am 15. Mai 1809; nach einer Zeichnung von Pater B. Mayr. Im Bild links das brennende Vomp, Schloss Sigmundslust und das Benediktinerkloster Fiecht, auf den Feldern das Lager der Bayern, rechts die Pfarrkirche von Schwaz und die Burg Freundsberg.

Die meisten Einwohner waren auf die nahen Berghänge geflohen, jene aber, die Haus und Hof nicht allein lassen wollten, waren unmenschlichen Schikanen und Misshandlungen ausgesetzt. Dem alten, ehrwürdigen Dekan Wintersteller nahm man alle Kleider weg, so dass er solche ausleihen musste, um ausgehen zu können. Auch den anderen Priestern erging es nicht viel besser. Die heftigste Wut richtete sich gegen den Benefizianten Lergetporer, einem Greis von 70 Jahren, der öfters als Feldkaplan mit den Landesverteidigern ausgezogen war und dessen Bruder seit April ununterbrochen als Hauptmann und Anführer bei den Tiroler Schützen weilte. Die eigentliche Todesart des Kaplans konnte nicht festgestellt werden, da er erst später aus den Trümmern des abgebrannten Hauses geborgen werden konnte. Der 82jährige k. k. Oberbergwesens-Direktoratskassier Karl Mayrhofer, ein Mann von bekanntem Biedersinn, der schon über drei Jahre lang nicht mehr gehen konnte, wurde kurzerhand erschossen. Einem anderen Greis schlugen sie mit dem Säbel die Hände ab und zogen dann die Haut über die Ellbogen zurück. Ein anderer alter Mann wurde erschossen, einem anderen stieß man das Bajonett so durch den Hals, dass es im Boden steckenblieb. Einen Vater von drei Kindern steckte man mit dem Kopfe so lange in eine Jauchengrube, bis er tot war. Zwei Männer, bei denen man eine kleine Menge Pulver fand, wurden im Lager erschossen. Die 36 Jahre alte Hagnerin Nothburga wurde sogar im Wochenbett von den Feinden zu Tode gequält. Nach Augenzeugenberichten wurden im Markte Schwaz nach diesen Schreckenstagen fast 40 Personen vermisst. Wie aus dem Totenbuch der Pfarre Schwaz zu entnehmen ist, hatte man 29 Tote zu beklagen, darunter sieben Frauen. Wo den Bayern ein Mädchen in die Hände lief, wurde es misshandelt. Viele, die sich widersetzten oder fliehen wollten, wurden gänzlich entkleidet und nackt wie Freiwild durch die Gassen des Marktes gejagt. Zahlreiche Frauen und Mädchen wurden am hellen Tage mitten auf den Gassen und Plätzen geschändet, über hundert Mädchen ins bayrische Lager nach Vomp geschleppt und dort vergewaltigt.

Dieses Misshandeln, Plündern, Rauben, Schänden, Quälen und Morden hatte um drei Uhr nachmittags begonnen, aber alle diese furchtbaren Erlebnisse sollten erst den Anfang zu noch größerem Unglück bilden.

Schon um vier Uhr nachmittags wurde es bekannt, dass es im Dorfe brenne. Die Bewohner des Marktes konnten nicht das Feuer, wohl aber die gegen den Himmel aufsteigenden Rauchsäulen erkennen, da das Dorf und den Markt Schwaz der hohe, vom Lahnbach aufgeschüttete Hügel trennt. Um sechs Uhr abends standen schon gegen dreißig Häuser im Dorf in hellen Flammen. Obwohl Wrede vom Grafen Tannenberg mehrere Tausend Gulden Lösegeld genommen und dafür Schonung des Marktes versprochen hatte, behaupteten gemeine Soldaten, dass sie strenge Order hätten, den Ort in Brand zu stecken, und durchsuchten alle Häuser nach Verwundeten, um sie ins Lager zu bringen. Ein Offizier soll den Soldaten in der Marktgasse zugerufen haben: „Macht schnell, dass die Blessierten fortkommen, denn es wird bald angezündet." Für Löschvorrichtungen war im Markte wenig vorgesorgt und das wenige bei der großen, schrecklichen Verwirrung nicht zu finden. Wohl konnte der Lahnbach mittels Wasserleitungen durch fast alle Gassen des Marktes geleitet werden, diese waren jedoch durch den Kampf und durch das Feuer größtenteils eingestürzt. Die vorangegangenen heißen Tage hatten große Trockenheit erzeugt, so dass die dürren Holzdächer den vertragenen Feuerfunken eine gute Nahrung boten. Auch die enge Bauweise erleichterte dem Feuer eine rasche Ausbreitung.

Am Abend des 15. Mai begab sich eine Deputation von angesehenen Bürgern (Bergdirektor Wagner, Marktkassier Nikolaus Hensinger, Apotheker Johann Felix Würstl, ein Kooperator und noch ein angesehener Bürger, deren Namen uns leider nicht überliefert wurden) mit dem Pfarrer und Dekan Martin Wintersteller an der Spitze ins feindliche Lager zwischen Schwaz und Vomp, um General Wrede nochmals um Schonung für den Ort zu bitten. Die Bittsteller wurden von diesem jedoch äußerst unfreundlich behandelt, erhielten weder eine eindeutige Zusage noch eine klare Ablehnung und mussten unverrichteter Dinge in den Markt zurückkehren.

Noch am - gleichen Tage fiel ein Großteil von Schwaz den Flammen zum Opfer. Die größten Brandherde befanden sich im Dorf, in der Langgasse, in der Schulgasse und in der Erzkastengasse.

Am 16. Mai traf Marschall Lefebvre mit seinen Franzosen in Schwaz ein. Als sich diese die im Markte lagernden großen Silber- und Kupfervorräte aneignen wollten, sprang der zufällig anwesende Johann Heinrich Röscher, ein Kommissär der Nürnberger Firma Wagner, ein und schloss, ohne von seinem Herrn angewiesen zu sein, einen Kauf ab, wodurch er das Metall im Werte von 90.000 Gulden vor den Franzosen rettete. (Die bayrische Regierung soll ihm später dafür ein ansehnliches Geldgeschenk gemacht haben.)
Am Abend desselben Tages schleuderten die von Wein und Branntwein berauschten Soldaten abermals Feuerkränze und Fackeln auf die Dächer der Häuser in der Marktgasse, bis ungefähr 200 Gebäude zugleich in Flammen standen. Wie Bettina von Armin am 18. Mai 1809 an Goethe schrieb, war der rote Schein des Brandes sogar in München noch deutlich zu sehen. Langsam, aber unerbittlich verzehrten die nimmersatten Flammen Haus um Haus, Hab und Gut. Um drei Uhr früh (17. Mai) brannten schon die Häuser nächst der Franziskanerkirche, die selbst wie durch ein Wunder verschont blieb.

Die Zahlen über die abgebrannten Häuser gehen vielfach weit auseinander. Ein im Stadtarchiv Schwaz verwahrtes „Kommissionsprotokoll über die am 19. Juni nachmittags angefangene und am 26. Juni 1809 vormittags beendete Untersuchung des Zustandes der Brandstätten des Ortes Schwatz" führt 304 Gebäude (darunter den Tannenbergpalast, das Bergdirektoratsgebäude, das neue Schulhaus, das Bürgerspital, das Pfründnerhaus im Markt Nr. 128 usw.), zwei Kirchen (Spitalkirche und Bruderhauskirche), 97 Scheunen und Viehställe, die Fleischbank des Alois Pieger im Markt Nr. 120, sechs Getreidemagazine (darunter der Kaiserkasten und der Joseph- oder Fuggerkasten) und eine Malzdörre des Ärars, zusammen also 411 Baulichkeiten, an. Besonders viele Feuerstätten wies das Dorf Schwaz auf, und zwar 97, aber auch im inneren Markt waren 57, in der Pfleggasse 59, im äußeren Markt 39, in der Lang- und Archengasse 32, in der Schulgasse und im Neumarkt 31, auf der Lend 28, in der Lahnbach- und Pfaffengasse zwölf, in der Stein-, Kohl- und Klostergasse 24, in der Bettelumkehr- und Schellhorngasse zehn, in der Windschnur ebenfalls zehn, in der Kirchgasse sechs, in der Bludergasse drei und in der Pomeranzengasse ebenfalls drei Häuser abgebrannt.

Obwohl der Häuserzahl nach nur die Hälfte von Schwaz vernichtet worden wäre, so war es in Wirklichkeit fast der ganze Ort, da im ehemaligen Geschäftsviertel und Gewerbeviertel kaum 15 Häuser (darunter die Pfarrkirche, das Franziskanerkloster und das Kreuzwegerhaus vom Brande verschont blieben, die diesen Namen verdienen, alle anderen waren größtenteils elende Hütten, die an und auf dem daran stehenden Berghügel erbaut waren und vom ärmsten Teil der Bevölkerung bewohnt wurden. Die Flammen hatten nicht weniger als 18 vierstöckige, 106 dreistöckige sowie 146 zweistöckige Häuser verschlungen.

Der Brandschaden allein betrug laut Feststellung durch den Marktvorstand am 22. Februar 1810 für den gesamten Ort 1,172.483 Gulden, der durch Plünderung erlittene Verlust 178.904 Gulden, zusammen also 1,351.387 Gulden.

Glück und Wohlstand, die fleißige Hände in jahrhundertelanger Arbeit erreicht hatten, wurden binnen weniger Stunden von einer grausamen Soldateska und einem bitteren Schicksal hinweggefegt. Wo einst stolze Bürgerhäuser von der Arbeitstüchtigkeit der Schwazer Zeugnis ablegten, bot sich ein Bild der Zerstörung und der Verwüstung. Viele Einwohner, ihrer Unterkunft und der Erwerbsmöglichkeiten beraubt, mussten den Ort verlassen und sich in der Fremde eine neue Existenz aufbauen, so dass die Bevölkerungszahl von rund 8000 vor dem Brande auf 3869 im Jahre 1810 sank.

Die im Markt zurückbleibenden Einwohner aber begannen trotz Not und großer Entbehrungen unverzüglich mit dem Wiederaufbau. Wohl ging der Aufbau des zerstörten Ortes nur äußerst langsam, kaum spürbar, nur Schritt für Schritt, vorwärts; das begonnene Werk konnte schließlich doch nach harter Arbeit von drei Generationen vollendet werden, und um 1900 waren auch die letzten Spuren des großen Brandes von 1809 beseitigt.

Quellenverzeichnis:
Aufzeichnungen im Stadtarchiv Schwaz.
Peter Nikolaus Lergetporer: „Landes- und Kriegsgeschichte von 1796 bis 1815" (Mus. Ferd. 2725).
„Die Schreckenstag von Schwatz im May 1809." Ein Versuch von L. J. S., einem Augenzeugen (Mus. Ferd., Bd. 1649).
„Tiroler Bote": 1866—1899.
„Unterinntaler Nachrichten": 1898 - 1906.

   
  Quelle: Dr. Hans Seewald, Der Brand von Schwaz 1809, in: Tiroler Heimatblätter, 34. Jahrgang, Heft 4/6 1959, S. 54 - 60.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2008.