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  Die Kämpfe am Bergisel 1809, Teil 3
 

von Werner Köfler


Die dritte Befreiung
Die französischen Aufmarschpläne werden vereitelt

Napoleon war nun gewillt, die Zeit des Waffenstillstands für die endgültige Unterwerfung Tirols zu nützen. Er erteilte Lefebvre seinen bekannten brutalen Befehl: „... Meine Absicht ist, dass Sie bei Empfang des Gegenwärtigen in den tirolischen Bezirken 150 Geiseln fordern und wenigstens sechs große Dörfer sowie die Häuser der Führer plündern und niederbrennen lassen und dass Sie erklären, das Land werde in Blut und Eisen aufgehen, wenn nicht alle Gewehre, wenigstens 18 000, abgeliefert werden. Sie haben die Macht in Händen, seien Sie schrecklich und handeln Sie so, dass man einen Teil der Truppen aus dem Lande ziehen kann, ohne fürchten zu müssen, dass die Tiroler wieder anfangen. Ich erwarte zu hören, dass Sie sich nicht in eine Falle locken ließen und dass mein Waffenstillstand nicht umsonst ist."

Marschall Lefebvre zog aus den Maikämpfen die Lehre: Er wusste nun, dass eine Besetzung von Innsbruck allein nicht genügte. Diesmal wollte man von allen Seiten gegen das Zentrum des Landes vorstoßen. Napoleon glaubte, 18 000 bis 20 000 Mann müssten zur Niederwerfung Tirols genügen. Lefebvre sollte von Salzburg nach Innsbruck marschieren, Beaumont über Scharnitz nach Innsbruck und weiter nach Vorarlberg. Rusca hatte Sachsenburg zu besetzen und durch das Pustertal vorzudringen.

Am 27. Juli erfolgte der Ausmarsch der Streitkräfte Lefebvres aus Salzburg: die Division Kronprinz (unter Raglovich), die sächsisch-rheinbündische Division Rouyer und die Division Deroy. Marschall Lefebvre konnte mit den ersten beiden ohne ernste Schwierigkeiten über den Pass Strub durch das Inntal heraufziehen und traf am 30. Juli in Innsbruck ein. Deroy, über den Luegpaß, Mittersill und Gerlos marschierend, hatte einige Schwierigkeiten bei Taxenbach und Mittersill, gelangte aber am 1. August ebenfalls nach Innsbruck. Zugleich überschritten 10000 Franzosen und Bayern unter General Beaumont die Scharnitzer Grenze. In Seefeld gingen zahlreiche Gebäude in Flammen auf. Beaumont entschuldigte sich und zog durch das Oberinntal nach Vorarlberg.

Von Kärnten her näherte sich Rusca. Am 3. August besetzte er Lienz; Landsturm aus Anras, Sillian und Innichen hatte aus den Häusern heraus erbitterten, aber vergeblichen Widerstand geleistet. Nun versperrten ihm die Bauern bei der Lienzer Klause den weiteren Vormarsch. Umsonst ließ Rusca mehrere Dörfer zwischen Lienz und der Klause niederbrennen. Das System des Schreckens bewirkte nur weiteren Zustrom und vermehrte Kampfeslust des Landsturms unter seinem Kommandanten Anton Steger. Rusca musste mit großen Verlusten am 10. August nach Greifenburg zurück.

Inzwischen hatte Andreas Hofer neuen Mut geschöpft, wieder konnte er zahlreiche gute Freunde um sich sammeln, und wieder eilten seine Laufzettel durch das Land. Schon näherten sich feindliche Truppen über den Brenner. Lefebvre hatte General Rouyer mit den sächsischen Kontingenten, dem vierten bayerischen Chevauxlegers-Regiment und der Batterie Vandove nach Süden abgeschickt. Ihnen folgten unter Oberst Wittgenstein je ein Teil des ersten Dragonerregiments und des ersten Infanteriebataillons Habermann. Ohne Schwierigkeiten erreichten sie Sterzing. Am 4. August morgens wurde in Richtung Brixen aufgebrochen. In der Talenge südlich von Sterzing ereilte sie ihr Schicksal. Andreas Hofers Ruf zur Verteidigung des Landes gegen den eindringenden Feind war nicht ungehört geblieben. Der Mahrwirt Peter Mayr, der Schabser Wirt Peter Kemenater, der Kreuzwirt von Brixen, Martin Schenk, und Pater Joachim Haspinger hatten sich geschworen, dem Feind einen heißen Empfang zu bereiten. Der Landsturm aus der Gegend um Brixen und Klausen strömte zur Talenge von Mittewald und Oberau. Unter maßgeblicher Leitung Speckbachers wurden Verhaue angelegt und auf den Höhen über der Talsperre riesige Steinhaufen aufgeschichtet. So donnerten dann die Steinlawinen auf die marschierenden und reitenden Kolonnen, und Scharfschützen feuerten in das Chaos scheugewordener Pferde und durcheinander stürzender Soldaten. Am Abend des 5. August waren an die tausend Mann gefallen, verwundet oder gefangen. Da brach Lefebvre selbst mit 7 000 Mann und zehn Geschützen der Division Kronprinz gegen Süden auf. Gleichzeitig sollte ein Teil der Division Deroy über das Oberinntal in den Vintschgau marschieren. Doch auch Lefebvre gelang der Durchstoß nicht. Schon in der Gegend von Mauls und am Ausgang des Ridnauntales kam es zu Gefechten. Hofer hatte eiligst Passeirer und Burggräfler Kompanien über den Jaufen herangeführt. Lefebvre musste den Rückzug nach Innsbruck antreten.

Ähnliches wie in der „Sachsenklemme" ereignete sich am 8. und 9. bei der schon von 1703 her bekannten Pontlatzer Brücke in der Gegend von Prutz im Oberinntal. Das zehnte bayerische Fußregiment, ein Teil der Division Deroy, unter Oberst Burscheid geriet hier in das Feuer und in die Steinlawinen des Landsturms und musste kapitulieren.

Überall zeigten sich nun Zeichen des Sturms, überall regte sich der Aufstand, an den nördlichen Pässen kam es zu Gefechten, das Unterinntal geriet wieder in Bewegung, es kam zu Überfällen in Pill und Eben am Achensee. Feindliche Gruppen wurden im Oberinntal bis Innsbruck verfolgt.


Die Kämpfe am 13. August

(Vgl. dazu die Skizze im Anhang IV.)

Lefebvres Rückzug von Sterzing nach Innsbruck gestaltete sich sehr verlustreich. Bis zum Brenner blieb er unbehelligt; auf dem Pass Lueg ließ er das weitläufige Zollgebäude und das Lagerhaus niederbrennen. Von Matrei an beschossen die Schützen aus dem Stubai- und dem Wipptal, gedeckt durch die Wälder beiderseits der Straße, die vorbeimarschierenden Truppen; die Nachhut unter Graf Arco wurde von drei nachrückenden Meraner Kompanien unter Speckbacher stark dezimiert. Vom Schönberg weg wurde es noch ärger. Nun gesellten sich auch die Schützen aus den Dörfern der Innsbrucker Umgebung zu den Angreifern. Nur mit Mühe konnte Lefebvre seine Truppen in die Stadt retten.

Dort war Drouet in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen. Nach der bayerischen Niederlage an der Pontlatzer Brücke flüchtete ein Teil der in Nordtirol stationierten und durch dauernde Überfälle bedrohten Truppen nach Innsbruck. Bereits am 10. August war die bayerische Regierungskommission abgereist. In den Dörfern rund um Innsbruck sammelten Firler und Bucher den Landsturm. Die Oberinntaler bezogen Wache auf dem Arlberg und auf dem Zeinisjoch, die Lechtaler auf dem Fernpaß, und die Telfser und Seefelder versahen den Grenzschutz auf dem Seefelder Sattel.

Am 11. August versuchten einige Tausend Tiroler unter Firlers Führung von Kranebitten und von den südlich der Stadt gelegenen Wäldern aus einen Angriff, der zurückgeschlagen wurde; dabei ging der über Hötting gelegene Planötzenhof in Flammen auf.

Nach der Ankunft Lefebvres in Innsbruck hatten seine Verfolger keine Kampfeslust mehr. Es fehlte an Proviant und Munition, und die Bauern machten sich wieder auf den Heimweg. Erst die dringenden Appelle Hofers, der am 11. August in Matrei am Brenner eingetroffen war, sowie die persönliche Werbung Speckbachers belehrten sie eines Besseren, und der Landsturm sammelte sich wieder auf dem Schönberg.

An die 17000 Mann lagerten in der Nacht zum 13. August auf dem Gelände zwischen dem Matreier Wald und den Feldern von Mutters. Für den Tag darauf hatte Hofer die entscheidende Schlacht angekündigt.

Gegen Morgen führte Peter Mayr seine Kompanien (je eine aus Brixen, Velthurns, Pfeffersberg, Albeins, Schabs, Sterzing, Tiers, Jenesien, Mölten, Terlan, Tisens, Ritten, Sarntal, Enneberg, zwei von Kastelruth, drei aus dem Passeiertal, den Landsturm von Gröden, als Reserve zehn Wipptaler Kompanien, vier aus dem Stubaital und den Landsturm von Ranggen) über die Brennerstraße gegen Innsbruck. Haspinger schlug mit seinen Leuten (je eine Kompanie von Villanders, Stubai, Schlanders, Burgeis, Martell, Algund, Lana, Tisens und Ulten, vier von Latsch, je drei von Schnals und Kastelbell und zwei von Meran) einen weiten Bogen von Mutters über Natters bis zum Eichhof. Diese beiden Truppen bildeten mit etwa 7000 Mann das Zentrum. Der linke Flügel unter Bucher bestand aus den Kompanien von Natters, Mutters, Hörtenberg, Axams, Innsbruck, Hötting, Götzens, Längenfeld, Umhausen, Sonnenburg, Oberperfuß, Sellrain, Kematen und Wilten, zusammen etwa 1500 Mann. Hofer selbst bezog mit seinem „Generalstab" sein Hauptquartier zuerst im Lenerhaus in Unterschönberg, dann beim Schupfen.

Die Bayern unter Lefebvre hatten in Innsbruck 10600 Mann Infanterie, 1400 Reiter und 43 Geschütze; 4000 Mann standen unter Rouyer in Hall. Dieser war zwar mit Lefebvre von Sterzing zurückgekehrt, hatte aber mit seinen Truppen von Matrei den Weg über die Ellbögener Straße nach Hall genommen und war dort unbehelligt angelangt. Am 13. August, einem Sonntag, rechnete der Marschall nicht mit dem Angriff der Tiroler. Die Nachrichten in den frühen Morgenstunden schienen seine Ansicht zu bestätigen; während der Nacht war alles ruhig geblieben. Die Vorposten, die auf der untersten Hangstufe bis gegen den Plumeshof hin standen, meldeten keine besonderen Vorkommnisse. Als sich um halb acht die dienstfreie Garnison zum Gottesdienst in der Wiltener Kirche versammelt hatte, langte die Meldung ein, dass eine große Anzahl von Bauern auf der Brennerstraße heranstürme. Die Truppen des Mahrwirts trafen beim Reisachhof auf die bayerische Vorhut.

Sie warfen sie zurück und setzten sich im Gelände zwischen Bergisel und Klosterberg fest. Noch bevor sie durch den Hohlweg auf die vom Gegner besetzten Höfe herunter stürmen konnten, mussten sie sich vor den angreifenden Truppen Deroys auf die bewaldete Kuppe des Bergisels zurückziehen.

Auch Haspinger war im ersten Ansturm erfolgreich, er eroberte die bayerischen Stellungen beim Plumeshof und bei der Schrofenhütte und stellte die Verbindung zu Mayrs Kompanien her. Gemeinsam gelang es ihnen, wenigstens den Sarntheinhof in ihren Besitz zu bringen, wo mehrere Doppelhaken (schwere Handfeuerwaffen auf Lafette) installiert wurden. Nachdem auch die Gallwiese und der Hußlhof durch Buchers Leute von den Feinden gesäubert worden waren, glaubten die Tiroler die Talsohle mit Leichtigkeit gewinnen zu können. Allein dem Sturmangriff von Deroys Elitetruppen waren sie nicht gewachsen; sie mussten Teile der schon eroberten Positionen aufgeben und sich wieder dem schützenden Wald zuwenden.

Den rechten Flügel im Osten jenseits der Sillschlucht bildete Speckbacher mit den Kompanien aus Igls, Patsch, Ampaß, Rinn, Tulfes, Amras, Lans, Sistrans, Aldrans, Thaur, Tux, Volders, Wattens, Weer, Weerberg, Schwaz und St. Margarethen. Ihm hatte Hofer unter Valentin Tschöll drei Kompanien von Algund, je eine von Riffian, Partschins, Meran, Schenna, Tirol, Naturns, Marling, Vöran und zwei von Mais beigestellt. Damit erreichte dieser Flügel eine Stärke von 3500 Mann, Speckbacher war am frühen Morgen von Rinn aus aufgebrochen; einen Teil seiner Mannschaft sandte er über Aldrans nach Amras, mit dem anderen zog er zum Paschberg; sein Ziel war die Sillbrücke, von wo er jedoch nach anfänglichen kleinen Erfolgen durch das Feuer der beim Bartholomäuskirchlein und in den umliegenden Häusern aufgestellten Geschütze und einen gleichzeitigen bayerischen Angriff wieder vertrieben wurde. Ein kleines Scharmützel gab es beim Tummelplatz, wo eine Anzahl Landstürmer auf eine bayerische Kompanie stieß. Bis zur Mittagszeit konnte Speckbacher auf seinem Abschnitt keine größeren Erfolge erzielen.

Am wenigsten erfolgreich war der Tiroler Angriff vom Nordwesten her. Hier standen unter Firlers Oberbefehl folgende Kompanien: drei aus dem Ötztal, je eine von Reschen, Nauders, Flaurling, Sautens, Graun, Langtaufers, Naudersberg, St. Valentin auf der Haide, Pfunds, Schleis, Tartsch, Schluderns, Lichtenberg, Taufers, Agums, Stilfs, je zwei von Imst und Glurns und fünf von Landeck, insgesamt etwa 4500 Mann mit den Abteilungskommandanten Marberger und Pemmelburg. Von diesen zogen sechs Kompanien vom Kerschbuchhof gegen den Planötzenhof, Marberger näherte sich über die Allerheiligenhöfe, und Pemmelburg rückte in der Talsohle in der Deckung der verstreuten Stadel und Höfe vor, doch wurden alle drei Abteilungen wieder bis weit über Kranebitten hinaus zurückgedrängt. In Kranebitten selbst legten die Bayern Feuer, das gegenüberliegende Dorf Völs wurde durch ein bayerisches Bombardement erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

Um die Mittagszeit wurden an allen Fronten die letzten Reserven eingesetzt. Speckbacher drängte mit Tschölls Hilfe die Bayern bis an die Sillbrücke zurück, dann versperrten ihm wieder die beim Kloster Wilten stehenden Geschütze und Truppen den Weg. Ein neuerlicher vereinter Ansturm Haspingers und Mayrs misslang; wegen dieses Misserfolges wurde auch Speckbacher wieder aus den schwer errungenen Positionen geworfen; ebenso mussten die Landstürmer die Gallwiese räumen. Ein weiteres Vordringen am linken Flügel im Gebiet um den Hußlhof und Geroldsbach, das der junge Lefebvre mit einer frischen Mannschaft versuchte, wurde in einem mörderischen Kampf Mann gegen Mann verhindert; ein gegnerischer Vorstoß gefährdete das Zentrum der Tiroler und vertrieb sie kurzfristig vom Bergiselplateau.

In dieser gefährlichen Situation ließ Andreas Hofer im Stubai- und im unteren Silltal die letzten Mannschaftsreserven zusammentrommeln, die den erschöpften, bis zum Reisachhof zurückgewichenen Mannen um Peter Mayr zu Hilfe kamen und den Feind wieder über den Hohlweg ins Inntal hinunter jagten. Nicht besser erging es den wieder vorgerückten Angreifern unter Marschall Lefebvre am östlichen Sillufer; sie mussten den bereits zum zweiten mal eroberten Lemmenhof räumen, auch die Sillbrücke wurde von den Tirolern im ersten Anlauf überrannt, das Kloster Wilten aber hielt dem Ansturm stand.

Inzwischen waren um 20 Uhr die Kämpfe nach zwölfstündiger Dauer zum Stillstand gekommen. Die Verluste können nur geschätzt werden: bei den Tirolern wahrscheinlich an die 100 Tote und 220 Verletzte; bei den Bayern mindestens 200 Tote und 250 Verletzte, doch sollen deren Verluste noch höher gewesen sein, da sie die Leichen ihrer Gefallenen angeblich in den angezündeten Höfen und Vogelhütten mit verbrannten.

Die Bauern verließen noch am selben Abend den Kampfplatz, um in den umliegenden Dörfern Nachtquartier zu beziehen. Verpflegung und Munition waren auf beiden Seiten knapp geworden. Andreas Hofer schickte nach allen Seiten um Nachschub aus; in bittendem und drohendem Ton befahl er das Heranbringen von Leuten, Munition, Rindvieh, Gerste und anderen Vorräten. Trotzdem waren die Bauern nur zu geneigt, wieder nach Hause zu ziehen; sie hatten — wie schon so oft — genug vom Kampf; insbesondere die Oberländer unter Firler blieben nur sehr widerwillig. Hofer hoffte inständig, dass die Schlacht nicht erneuert werde, sondern das Militär durch das Unterinntal abziehe. Aus diesem Grunde befahl er auch, es die Straße durchs Unterinntal ungehindert passieren zu lassen.

Er sollte sich nicht getäuscht haben. Im bayerischen Lager war man deprimiert; war man schon mit wenig Optimismus in die Schlacht gezogen, so sah man jetzt sein Heil nur noch im Abzug. Insbesondere als Lefebvre erfuhr, dass Graf Arco am 13. August bei Pill in einen Hinterhalt geraten und gefallen war, fürchtete er für seine einzige gesicherte Rückzugslinie. Ohne Munition und ausreichenden Proviant — einen Proviantzug aus Miesbach hatten die Achentaler überrumpelt und erbeutet — war nicht daran zu denken, die Stadt zu halten. Eingedenk ihrer Befehle brannten die Bayern vor dem Abzug einen Teil der am Vortag hartumkämpften Höfe am Fuße des Bergisels nieder. Dann zogen sie unter Mitnahme von Geiseln — unter ihnen der greise Präsident Graf Sarnthein und die Freifrau von Sternbach — durchs Unterinntal ab.

Am 14. August hatte Lefebvres Rückzug begonnen, am 18. war Tirol geräumt. Der Kreis hatte sich geschlossen: Wie die erste Befreiung war die dritte ohne fremde Hilfe erfochten worden, wie im April hatte sich im August in allen Teilen des Landes der Widerstand gegen den Feind erhoben.


Eine Ehrenkette und ein Frieden

Am Mariä-Himmelfahrts-Tag zog Andreas Hofer in Innsbruck ein. Er übernahm nun im Namen seines Kaisers das Regiment über ein Volk, auf das alle Welt blickte, hatte es doch einen Marschall des französischen Kaiserreiches zur Kapitulation gezwungen.

Die ganze Tragik seiner kurzen Regentschaft spiegelt sich in zwei hart aufeinander folgenden Ereignisse:

Am Namenstag des Kaisers — nämlich am 4. Oktober — empfing Andreas Hofer in der Innsbrucker Hofkirche nach feierlichem Gottesdienst die goldene Ehrenkette des Kaisers aus den Händen des Abtes von Wilten. In einem Dankschreiben an den Kaiser resümiert er: „Es ist bekannt, was Tirol seit dem 11. April getan und gelitten hat. Wenn ein Volk, das durch einen dreijährigen namenlosen Druck der bayerischen Regierung ausgesaugt, dann durch offene Einbrüche unmenschlicher Feinde geplündert, endlich durch seine Freunde und Erlöser, durch die österreichischen Truppen, welche ohne Geld, ohne Munition und ohne Lebensmittel seine Grenzen betreten, von seinen noch übrigen Subsistenz- und Verteidigungsmitteln entblößt und zuletzt durch einen unglücklichen Traktat der willkürlichen Wut barbarischer Unmenschen preisgegeben wird, wenn ein Volk, das in dieser schrecklichen Lage, wo ihm nichts übrig blieb als Blut und Leben, auch noch dieses der Freiheit und dem Vaterlande, seinem Kaiser und seiner Religion mutig und entschlossen zum Opfer bringt, wenn ein solches Volk Berücksichtigung verdient, so glaube ich verpflichtet und berechtigt zu sein, dringend ans Herz zu legen, dass man im Falle eines Friedensschlusses, welchen aufgefangene Briefe und ausländische Blätter vermuten lassen, Tirol nicht vergesse, wie es beim Waffenstillstand geschah, damit nicht vielleicht unsere Kinder und Kindeskinder dafür büßen, dass ihre Väter für den österreichischen Kaiser ihr Herzblut vergossen haben ..."

Zehn Tage später wurde der Frieden von Schönbrunn geschlossen ...

Noch einmal, am Allerheiligentag, traten Tiroler am Bergisel an. 70 Kompanien, 8535 Mann, standen weit über 20 000 Bayern gegenüber. Den linken Flügel führte Hofers Adjutant, Mathias Delama, das Zentrum führten Aschbacher und Daney, den rechten Flügel führte Speckbacher. Bei der Martinswand standen die Oberinntaler. Aber es kam kaum mehr zu nennenswertem Widerstand. Die bayerische Infanterie überrannte den linken Flügel und stieß auf die Höhen von Natters vor. Zugleich wurden die Bergiselschanzen von der Artillerie zerstört. Der rechte Flügel blieb ohne jegliche Verbindung mit dem Zentrum. Nach zwei Stunden war alles vorüber, die Bauern flohen in die Berge. Entsprechend diesem Gefechtsverlauf gab es kaum Verluste: Die Bayern sollen 50 Verwundete gehabt haben, an Tirolern sollen 20 bis 50 in Gefangenschaft geraten sein.

In zahlreichen Gefechten blitzte noch der Widerstand in allen Teilen des Landes auf, worunter mancher Tageserfolg zu verzeichnen war.

Am Bergisel aber wurde mit Befehl vom 7. November 1809 der Wald bis zum Hußlhof abgeholzt, um eine Wiederholung dessen, was hier in diesem Jahr geschehen war, für immer zu verhindern. Schon wenige Tage hernach stand ein kahler Bergisel vor dem grauen Novemberhimmel.

ANHANG I: Erinnerungen an die Kämpfe

(Grundsätzlich ist hier auf die „Bibliographie zur Geschichte des Tiroler Freiheitskampfes von 1809" von Hans Hochenegg (Beiheft zur Tiroler Heimat, Tiroler Bibliographien, Innsbruck—Wien 1960), Abschnitt: Die Tiroler Volkserhebung in Literatur und Kunst, S. 29 ff., hinzuweisen, die hiezu 83 Abhandlungen zitiert.)

Der Tiroler Freiheitskampf hat zahlreiche Künstler — vor allem des 19. Jahrhunderts — beschäftigt. Jene der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts stellen die Ereignisse im rosigen Licht der Romantik dar. Ein typisches Beispiel ist das Bild „Der Tiroler Freiheitskampf 1809" von Joseph Anton Koch (1768 — 1839) mit Hofer, Speckbacher und Haspinger, umgeben von jubelndem Volk und verschiedensten Szenen aus der Erhebung. Ludwig Schnorr von Carolsfelds (1788 — 1853) „Zusammenkunft Hofers mit den österreichischen Truppen in Sterzing" wiederum ist ganz in biedermeierlicher Art dargestellt.

1824 wurde die Errichtung eines Grabdenkmals für Andreas Hofer ausgeschrieben, das dann Johann Nepomuk Schaller (1777 — 1842), Josef Klieber (1773 — 1850) und Josef Martin Schärmer (1783 — 1863) entwarfen beziehungsweise im Jahre 1834 in der Innsbrucker Hofkirche ausführten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemühte sich das unter dem Einfluss der Münchner Schule stehende Historienbild um eine möglichst künstlerische Darstellung der Erhebung. Sein bedeutendster Repräsentant ist der Pustertaler Franz von Defregger. Seine Bilder — beispielsweise „Das letzte Aufgebot" (1874), „Andreas Hofers letzter Gang" (1878) und „Kriegsrat Andreas Hofers" (1897) — wurden in zahlreichen Drucken verbreitet und prägten die allgemeine Vorstellung vom Freiheitskampf. Defreggers Kunst folgten verschiedene Zeitgenossen, so etwa Edmund von Wörndle (1827 — 1906, Fresken in der Kapelle des Sandwirtshauses im Passeier), Matthias Schmid (1835 — 1923, „Schwur der Bauernführer") und Thomas Walch (1867 — 1943, „Hofers Einzug in Innsbruck“). Christian Plattner (1869 — 1921) schuf die Bronzedenkmäler „Anno neun" (bei der Ottoburg in Innsbruck) und „Betender Bauer" in Wörgl und Heinrich Natter (1846 — 1892) das Andreas-Hofer-Denkmal am Bergisel.

Der Expressionismus fand dann in Albin Egger-Lienz (1868 — 1926) einen Meister in der Darstellung des Freiheitskampfes. Seine Bilder — etwa die um das Kreuz gescharten Landstürmer oder „Nach dem Friedensschluss" — steigern sich zu zeitloser Monumentalität. An solch starke Ausdrucksformen reicht nur das Speckbacher-Denkmal des Bildhauers Ludwig Zenz (1876 — 1918) in Hall heran.

Die Bergiselkämpfe selbst haben vor allem in Jakob Placidus Altmutter (1780 — 1819) ihren exzellenten Darsteller gefunden. Seine Zeichnungen verraten eine genaue Kenntnis des Geländes und detaillierte Studien der Uniformen, Trachten und Waffen. Auch die hartumkämpften Gebäude am Fuße des Hohlweges werden exakt wiedergegeben. Von den Bergiselkämpfen sind drei Darstellungen erhalten. Sie sind von einem fiktiven Standort knapp im Rücken der bayerischen Linien aufgenommen. Mit seiner realistischen und naturnahen Kunst hebt er sich stark von den gestellten klassizistischen Bildern ab. Von ihm stammt auch das bedeutendste zeitgenössische Bildnis Hofers. Eine seiner Arbeiten zeigt den Kampf an der Innbrücke am 12. April 1809, wo die Tiroler bereits die Brücke genommen haben und in die Stadt eindringen.


Der bayerische Militärmaler Ludwig Braun schuf eine Darstellung des am gleichen Tag stattgefundenen Kampfes vor der Innsbrucker Spitalskirche, auf der der tapfere Oberst Karl von Ditfurth, bereits mehrfach verwundet, sich auf einer Bahre vorantragen lässt und seine Soldaten zum Sturm anfeuert. Eine zeitgenössische Darstellung zeigt mit wenig historischer Treue die Kämpfe am 1. November 1809. (Wiedergegeben wie die meisten oben genannten Werke in dem hervorragenden Bildband: Tirol 1809. Ein Bildwerk von Hans Kramer, Wolfgang Pfaundler und Erich Egg, Innsbruck—Wien—München 1959.) Großer Beliebtheit erfreut sich das bekannte rund tausend Quadratmeter große Rundgemälde im Panorama bei der Hungerburgbahn-Talstation in Innsbruck, das Franz Burger (1857 — 1940) zusammen mit Zeno Diemer um 1895/96 geschaffen hat. Es ist das größte und populärste Denkmal der Bergiselkämpfe, übt besonders auch auf die es zahlreich besuchenden Feriengäste nachhaltigen Eindruck aus und hat sicherlich den bedeutendsten Anteil an der Förderung der Tradition.

Zahlreiche andere Denkmäler im ganzen Land sind Zeugen des in den letzten zwei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts auflebenden Nachruhms, so beispielsweise jene in Kufstein, an der Pontlatzer Brücke, beim Wirtshaus an der Mahr südwestlich von Brixen, auf der Pfandlalm, die Gedächtniskapellen im Passeier, beim Gasthof Schupfen (Vgl. dazu das Foto im Anhang V.) und am Bergisel. Die Jubiläumsjahre 1909 und 1959 mit ihren zahlreichen glanzvollen Aktionen auf dem Gebiet der Kunst und Wissenschaft bewiesen die lebendige Erinnerung an das Jahr 1809. Dauerausstellungen im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, im Kaiserjägermuseum am Bergisel und im Sandwirtshaus bei St. Leonhard im Passeier lassen in vielen kleinen Details die Ereignisse lebendig werden; Musikkapellen, Trachtengruppen, Gaststätten und -stuben tragen Namen der großen Bauernführer. Mehr noch als die darstellende Kunst hat sich die Dichtung mit der Tiroler Volkserhebung befasst. Anton Dörrer (Andreas Hofer auf der Bühne, Brixen 1912) hat bei seiner sehr dankenswerten kritischen Zusammenstellung aller Bühnenwerke an die hundert Anno-neun-Dramen feststellen können, davon 62 Hofer-Stücke (einschließlich zweier englischer und je eines französischen und italienischen Sprechdramas und zwölf Musikstücken), fünf Schauspiele über P. Mayr, je vier über Speckbacher und Siegmayr und zwei über Straub.

Freilich fand die Dichtung zunächst eine ungünstige Situation vor: Nach dem unheilvollen Ausgang des Kampfes mit all seinen üblen Folgen sah das Volk keinen Grund zur Glorifizierung dieses verlustreichen Krieges. Man war auch auf seine Führer nicht gut zu sprechen, obwohl gerade diese — wenn nicht überhaupt hingerichtet — am meisten geschädigt waren und zum Teil gänzlich verarmt sind, wie etwa Straub und Margreiter. Auch Andreas Hofer, wäre er nicht als „Blutzeuge für Tirols Freiheit" in Mantua gestorben, hätte sich kaum einer ungeteilten Zuneigung seiner Passeirer erfreuen können. Mit der Wiederkehr der österreichischen Herrschaft kam auch manche herbe Enttäuschung, denn viele missliebige bayerische Maßnahmen und Reformen wurden keineswegs abgeschafft, sondern — als etwa dem Fiskus oder dem absolutistischen Staatsgedanken sehr bekömmliche Einrichtungen — beibehalten. Solches musste die Volkserhebung in einem anderen Licht erscheinen lassen.

War schon vorher der Aufstand in manchen österreichischen Regierungskreisen ganz grundsätzlich als Zeichen einer gefährlichen politischen Selbständigkeit der Untertanen abgelehnt worden, so legte später das Metternichsche System absolut keinen Wert darauf, dass diese Volkserhebung in allzu lebendiger Erinnerung verblieb. So wurden Lieder auf Andreas Hofer und seine Mitkämpfer in Tirol ebenso verboten wie solche auf Napoleon, so wurde Johann Kaspar von Wörndles „Nationaltrauerspiel Andreas Hofers" nach einem Zensurbeschluss vom 9. Oktober 1817 weder zur Drucklegung noch zur Aufführung zugelassen, allerdings „wegen der politischen Beziehungen und der billigen Rücksichten für die noch lebenden Familienmitglieder des unglücklichen Andreas Hofer". Schon vor ihm hatte der Innsbrucker Servitenpater Philipp Benitius Mayr ein von starkem Versöhnungswillen geprägtes Stück mit dem bezeichnenden Titel „Andreas Hofer, Sandwirt im Passeier. Oder: die Tiroler sind getäuschte, aber gute Menschen. Zur Rettung ihrer Nationalehre. Trauerspiel in 6 Aufzügen" geschrieben. Mayr legte das Drama der Zensur erst gar nicht vor, er wusste offensichtlich genau, dass er keine Druckbewilligung erhalten hätte.

Schon in jenen ersten Nachkriegsjahren griffen ausländische Autoren das Thema auf, so Paul Wigand aus Höxter unter dem Decknamen Paul Treulieb, der 1814 in Anlehnung an Schillers Wilhelm Tell einen ganz unhistorischen „Andreas Hofer, Anführer der Tiroler" (Drucklegung in Frankfurt am Main 1816) reimte.

Ohne hier auch nur einen Bruchteil der literarischen Produkte zu diesem Thema anführen zu können, muss zumindest auf das starke Echo bei den deutschen Freiheitssängern und Romantikern hingewiesen werden, etwa auf die Briefe der Königin Luise und Bettina Brentanos, auf den Reigengesang des Friedrich Heinrich Karl de la Motte Fouque" (1826), auf das „Trauerspiel in Tyrol" von Karl Leberecht Immermann (1826) und das „Große vaterländische Volksschauspiel in sechs Abteilungen: Der Sandwirt Andreas Hofer. Oder: Der große Befreiungskampf der tapferen Tiroler am Bergisel im Jahre 1809" des Wilhelm Gärtner (Leipzig 1845).

In der Tiroler Bevölkerung selbst ist etwa seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine neue Haltung gegenüber dem Jahre 1809 bemerkbar. Man hatte nun genügend Distanz gewonnen, die jüngeren Generationen standen dem Befreiungskampf und seinem traurigen Ende innerlich ferner. Umso mehr wurde ihnen der indirekte Erfolg des Aufstandes als Vorbild und Anstoß für die allgemeine deutsche Erhebung nun bewusst. Die bekannte Klage Karl Domanigs in seinem „Tyroler Kalender" für 1879, dass man Julius Mosens Lied „Zu Mantua in Banden" überall könne singen hören, in der Schweiz, im Elsaß, kaum aber in Tirol, ist an das Ende dieser Periode der Zurückhaltung zu setzen („ ... mit einem Gefühl von Scham vergegenwärtigte man sich das tragische Ende, nicht aber die edlen Motive, nicht den glorreichen Verlauf, die bleibende Bedeutung des großen Kampfes" — so Domanig!). Domanig war es auch, der nun in seiner dramatischen Trilogie „Der Tyroler Freiheitskampf" den Taten des Tiroler Volkes ein Denkmal von gewaltiger Monumentalität widmete. Er und Defregger mit seinen Historien haben wesentlichen Anteil an der Verklärung des Jahres 1809. Rund zwanzig Jahre später zeigte Franz Kranewitter, ganz dem Naturalismus verpflichtet, einen sehr persönlichen, kämpferischen Andreas Hofer in seiner für ihn so typischen herben Prosa und leidenschaftlichen Dramatik.

In den meisten der Anno-neun-Dramen können die Bergiselkämpfe — dem Medium entsprechend — höchstens in Einzelepisoden auf die Bühne gebracht werden. Am besten vielleicht hat Karl Schönherr in seinem bekannten Stück „Volk in Not" im 2. Akt die Haltung der Tiroler Schützen und die Spannung in den Kampflinien auf dem Höhepunkt des Ringens vom 29. Mai dargestellt. Ebenso packend ist eine solche Schilderung in seiner Novelle „Tiroler Bauern 1809". Schlachtenszenen bringen auch die vierteilige Volksoper von Emauel Moor, Text von Euphemia von Ferro (1902 in Köln gedruckt), das große Chorwerk Rudolf Werners (Andreas Hofer, 1909 in Frankfurt am Main) und das dramatische Gedicht des Tiroler Dichters Bartolo del Pero „Die Schlacht am Bergisel" (gemeint ist jene vom 13. August 1809), 1907 verfasst und von Josef Pembaur sen. melodramatisch bearbeitet.

Das Nacherleben der Kämpfe am Bergisel hat zwar viele Wandlungen durchgemacht, aufgehört hat es jedoch nie. — Auch heute noch verführen die großartigen Leistungen der Tiroler Befreiungskämpfer zu manch pathetischer und glorifizierender Betrachtung. Ein anderes Extrem ist geneigt, die aufständischen Tiroler ganz allgemein als Guerillas hinzustellen. Eines darf man aber nicht außer acht lassen: dass die Tiroler Bauern des Jahres 1809 nicht einen revolutionären Aufbruch zum Neuen, sondern die Rückkehr zum Alten wollten.

 

ANHANG II: Bibliographische Hinweise zu den Bergiselkämpfen

Das Jubiläumsjahr 1959 gab den Anlass, einen Führer durch das Schrifttum über das Jahr 1809 zu schaffen; so erschien 1960 die „Bibliographie zur Geschichte des Tiroler Freiheitskampfes von 1809", bearbeitet von Hans Hochenegg 1). Dieses hervorragende Schrifttumsverzeichnis enthält nicht weniger als 3000 Titel! Diese Zahl demonstriert hinlänglich die Schwierigkeit, hier eine Auswahl zu treffen, denn in den meisten dieser Abhandlungen werden mehr oder weniger auch die Bergiselkämpfe berührt. So mögen die nachfolgenden Zeilen lediglich als Hinweise auf einige der wichtigsten Arbeiten und nicht als Literaturverzeichnis aufgefasst werden.

Es war eine eigenartige Fügung, dass gerade eine der umstrittensten Persönlichkeiten des Tiroler Aufstandes auch dessen Geschichtsschreibung übernahm. Die tendenziöse Darstellung des hochbegabten, aber von maßloser Eigenliebe beherrschten Freiherrn Josef von Hormayr hat denn auch die Geschichtsforschung des 19. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst. Er lieferte zu „Das Heer von Innerösterreich" 2) die Schilderung des Aufstandes. In zwei Auflagen erschien anonym seine Geschichte Andreas Hofers 3), die zum geringsten Teil aktenmäßig belegt wurde (einen großen Teil seiner Korrespondenzen hatte Hormayr bei seiner ersten Flucht aus Innsbruck im Mai, dann bei seiner zweiten Ende Juli vernichtet beziehungsweise vernichten lassen), sondern weitgehend die ausführlichen Berichte verwertete, die Hormayr noch 1809 und 1810 aus dem Gedächtnis heraus für die Spitzen der Regierung niederschrieb. Wie auch in anderen Werken schreckte er ebenso bei der Schilderung der Ereignisse von 1809 nicht davor zurück, Aktenstücke zum Teil zu verfälschen. Sein Bestreben, die eigenen Verdienste hervorzukehren, ließ ihn den Anteil Andreas Hofers eifersüchtig zurückdrängen. Er verstieg sich sogar einmal, von „angeborener Mittelmäßigkeit und sublimer vis inertiae" zu sprechen, und es ist bezeichnend, dass gerade derjenige, der vor beiden Befreiungen im Mai und im August die Flucht ergriffen hatte, dem Helden seines Buches eine Beteiligung an den Kämpfen und den Oberbefehl über die Tiroler weitgehend abspricht. Von den gegnerischen Kriegsberichten scheinen sich besonders jene von Pelet 4) stark den Anschauungen Hormayrs angeschlossen zu haben, denn sie rückten Chasteler und Hormayr in den Mittelpunkt der Erhebung. Die weitläufigen Berichte Hormayrs hat auch Bartholdy 5) übernommen. Hormayrs Darstellung stieß bei einem seiner Zeitgenossen auf schärfste Gegnerschaft, eine Gegnerschaft, die übrigens noch in jene Tage zurückreichte, in denen der Intendant und der Finanzrat zusammenarbeiteten: Josef Rapp 6) wies vor allem die Charakterisierung Hofers und dessen Wirkens auf das entschiedenste zurück. Er hob die großen


1) Hans Hochenegg, Bibliographie zur Geschichte des Tiroler Freiheitskampfes von 1809 (= Beihefte zu Tiroler Heimat: Tiroler Bibliographien, bearbeitet von der Universitätsbibliothek Innsbruck, Heft 1), Innsbruck—Wien 1960 (96 Seiten).
2) (Johann, Erzherzog von Österreich), Das Heer von Innerösterreich unter den Befehlen des Erzherzogs Johann im Krieg von 1809. Herausgegeben von Josef Freiherr von Hormayr, Leipzig 1817; 2., umgearbeitete Auflage, ebenda 1848.
3) (Josef Freiherr von Hormayr), Das Land Tyrol und der Tyrolerkrieg von 1809, 2 Teile, Leipzig 1845 (auch mit dem Titel: Geschichte Andreas Hofers, 2. Auflage).
4) Jean Jacques Germain Pelet, Feldzug des Kaisers Napoleon in Deutschland im Jahre 1809 (deutsch von Josef von Theobald), 4 Bände, Stuttgart 1824—1828, und vor allem: Memoires sur la guerre de 1809, 4 Tomes, Paris 1824—1826.
5) Jakob L. Salomon Bartholdy, Der Krieg der Tyroler im Jahre 1809, Berlin 1814.
6) Josef Rapp, Tirol im Jahre 1809, Innsbruck 1852.


Verdienste Hofers hervor, gleichzeitig versäumte er es nicht, das zeitweise recht schwächliche Verhalten Hormayrs in Erinnerung zu rufen und etwa seine Fluchtpläne im Mai quellenmäßig nachzuweisen. Egger 7) nimmt hierin eine vermittelnde Stellung ein, indem er beider Ausführungen zu verbinden versucht. Er war es auch, der zahlreiche Aktenstücke und Aufzeichnungen von Zeitgenossen stärker heranzog. Von den unzähligen zeitgenössischen Berichten seien hier nur jene Deifls 8), Knoflachs 9), Plattners 10), Daneys 11) und Ranggers 12) genannt.

Nach Egger erfolgte von einem versierten Militärhistoriker, dem 1903 verstorbenen k. k. Oberst Gedeon Freiherrn Maretich von Riv-Alpon, die sozusagen klassische Darstellung der Bergiselkämpfe am 25. und 29. Mai 13) und um den 13. August 14).

Zum Jubiläumsjahr 1909 erschienen dann die zwei Standardwerke über den Tiroler Freiheitskampf, Hirns „Tirols Erhebung im Jahre 1809" 15) und Voltelinis „Forschungen und Beiträge zur Geschichte des Tiroler Aufstands im Jahre 1809" 16). Beiden Werken sind eine bis dahin zu diesem Thema kaum geübte Quellenkritik und die Heranziehung umfangreichen Archivmaterials gemeinsam. Was die Bergiselkämpfe selbst betrifft, hält sich Hirn weitgehend an Maretichs Ausführungen, solange diese auf verlässliche Quellen beruhen, folgt ihnen mit großer Berechtigung jedoch nicht, wo tendenziöse Darstellungen etwa von Mitkämpfern verarbeitet wurden. Bewusst oder unbewusst neigen ja solche Darstellungen stets zur Vergrößerung des eigenen Erlebten. Mit Recht räumt Voltelini den Schilderungen räumlich oder emotionell ferner stehender Beobachter mehr Objektivität ein, etwa jenen des Sterzingers Ignaz Hochrainer 17), des Anton Knoflach oder des Frühmessers Josef Eberhöfer. Voltelini selbst hat solche Tagebücher, Erinnerungen und dergleichen vielfach herangezogen; die besondere Bedeutung seiner Arbeit liegt jedoch in der Verwertung der Akten aus den Archives de Ministère des Affaires Étrangères in Paris mit den Berichten des französischen Gesandten in München, des Grafen Otto, den Noten des bayerischen Ministers Montgelas und vielen anderen bis dahin unbekannten Akten. Dieses Material zuzüglich der Korrespondenzen von Erzherzog Johann, Andreas Hofer und anderen verhalfen Voltelini zu sehr schönen und neuen Ergebnissen, die

7) Josef Egger, Geschichte Tirols von den ältesten Zeiten bis in die Neuzeit, 3. Band, Innsbruck 1880, 13. Buch, Kapitel: Tirols Heldenkampf im Jahre 1809, S. 527—831.
8) Eugen von Frauenholz, Infanterist Deifl, ein Tagebuch aus Napoleonischer Zeit, München 1939. — Hans Kramer, Die Erinnerungen eines bayerischen Infanteristen über den Feldzug 1809. In: Tiroler Heimatblätter 34, 1959, S. 65 ff.
9) Anton Knoflach, sein Tagebuch; herausgegeben von Franz Schumacher, Sammlung Anno neun, Band 13, Innsbruck 1909.
10) Plattner Anton aus Zirl. In: Heimatbuch Wilten, 1924, S. 36 ff.
11) Josef Daney, Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809, Erinnerungen. Bearbeitet von Josef Steiner, Hamburg 1909.
12) Ferdinand von Scala, Die Kriegserlebnisse des Lorenz Rangger, genannt Stubacher, aus Völs bei Innsbruck, Innsbruck 1902.
13) Gedeon Freiherr von Maretich von Riv-Alpon, Die 2. und 3. Bergisel-Schlacht (Gefechte in der Umgebung von Innsbruck am 25. und 29. Mai 1809), Innsbruck 1895.
14) Gedeon Freiherr von Maretich von Riv-Alpon, Die vierte Bergisel-Schlacht am 13. August 1809 (Gefechte in der Umgebung von Innsbruck am 11., 13. und 14. August sowie im Unterinntale bis 17. August 1809), Innsbruck 1899.
15) Josef Hirn, Tirols Erhebung im Jahre 1809, Innsbruck 1909.
16) Hans von Voltelini, Forschungen und Beiträge zur Geschichte des Tiroler Aufstands im Jahre 1809, Gotha 1909.
17) Ignaz Hochrainer, Das Jahr 1809 in meiner Erinnerung (= Anno neun, Band 16), herausgegeben von Egger-Klaar, Innsbruck 1909.

geeignet waren, in vielem Wahrheit und Legende zu scheiden. Die Kriegführung und Kämpfe klammerte er allerdings bewusst aus; ihm ging es mehr darum, das Verhalten Bayerns, Österreichs, Napoleons, das Wirken der einzelnen Persönlichkeiten in Tirol, die Ideen der Volksbewegung und politische Hintergründe darzulegen.

Zur gleichen Zeit erschien ein drittes bedeutsames Werk, jedoch aus französischer Sicht, dargestellt von dem französischen Generalstäbler Derrecagaix auf Grund umfangreicher Studien im französischen Kriegsarchiv und unter Verwertung der Denkwürdigkeiten des Vizekönigs Eugène Beauharnais, der Erinnerungen des Marschalls Drouet und einer Reihe älterer Arbeiten" 18).

Ein auf der Tätigkeit der einzelnen Persönlichkeiten aufgebautes Werk lag schon 1905 in dem Buche von Hans Schmölzer 19) vor. Es bringt zahlreiche Gefechtsereignisse und verdient nicht zuletzt auch deshalb Erwähnung, weil es zum ersten mal in der Tiroler Literatur eine Menge Abbildungen der führenden Leute bringt. Schmölzer fand in Granichstaedten-Czerva einen immens fleißigen Nachfolger. Aus der Feder dieses eifrigsten Konservierers patriotischer Anekdoten stammen zahlreiche Arbeiten, von denen hier nur auf seine wichtigste, „Andreas Hofers alte Garde" 20), hingewiesen werden kann. Von den unzähligen Einzeluntersuchungen, die in den Jahrzehnten nach dem Erscheinen der klassischen Werke Hirns und Voltelinis angestellt wurden, kann an dieser Stelle nur ein geringer Bruchteil genannt werden. Vor allem verdienen die zahlreichen Arbeiten Hans Kramers 21) (mit an die drei Dutzend Abhandlungen) und Franz Huters 22) Erwähnung.

Das landläufige Bild von Andreas Hofer prägte vor allem das populär und spannend geschriebene Buch Karl Paulins 23).

Das Jubiläumsjahr 1959 brachte viele wissenschaftliche Reflexionen. Der 5. österreichische Historikertag in Innsbruck widmete sich in einem Großteil der Referate dem Jahre 1809 24).

18) Victor Derrecagaix, Nos campagnes au Tyrol, 1797 — 1809, Paris 1910.
19) Hans Schmölzer, Andreas Hofer und seine Kampfgenossen, Innsbruck 1905.
20) Rudolf von Granichstaedten-Czerva, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck (1932).
21) Aus der Vielzahl der Arbeiten: Rund um die Erhebung Tirols im Jahre 1809 (= An der Etsch und im Gebirge, Heft 18), 1958 (wörtlich als Rundgang durch die außer- tirolischen Länder zu verstehen). — Die Gefallenen Tirols 1796 — 1830 (= Schlern-Schrift 47), 1940 (Nachtrag für Nordtirol Innsbruck 1946, für Südtirol Schiern 1947, S. 245 und 316 ff.). — Andreas Hofer (= An der Etsch und im Gebirge, Heft 9), 5., erweiterte Auflage, 1960.
22) Der Anteil der nichtbäuerlichen Stände Tirols an der Erhebung von 1809, Teil l, Der Anteil der Geistlichkeit. In: Tiroler Heimat N. F. 23, 1959, S. 101—113. — Teil 2, Der Anteil des Adels. In: Tiroler Heimat N. F. 24, 1960, S. 67—76. — Das Jahr 1809 in der Tiroler Geschichte. In: Bericht über den 5. österreichischen Historikertag in Innsbruck, Wien 1960, S. 25—29.
23) Karl Paulin, Andreas Hofer und der Tiroler Freiheitskampf 1809, 4. Auflage, durchgesehen und ergänzt von Franz Heinz Hye, Innsbruck—Wien—München 1970 (1. Auflage 1935).
24) Bericht über den 5. österreichischen Historikertag in Innsbruck (9.—12. September 1959). Veröffentlichungen des Verbandes Österreichischer Geschichtsvereine 13, 1960; zum Beispiel: Oswald Gschließer, Erzherzog Johann und Tirol; Hans Kramer, Die Grundzüge der Verwaltung Tirols unter dem Intendanten Josef Freiherr von Hormayr und unter Andreas Hofer (1809); Fridolin Dörrer, Die bayerische Kirchenpolitik in Tirol.

Um jedoch zu speziellen Abhandlungen über die Bergiselkämpfe zurückzukehren: Der Bildband „Tirol 1809" von Kramer, Pfaundler und Egg" brachte instruktives Bildmaterial mit kurzem, aber sehr informativem Begleittext. Im „Bergisel-Buch" 26) sind Geographie und Naturgeschichte, Urgeschichte und mittelalterliche Geschichte sowie neuere und neueste Geschichte dieser Kampfesstätte von 1809 bis zur Gegenwart dargestellt. Hans Kramer („Über die Bergisel-Schlachten von 1809") behandelt darin vor allem die Taktik der kämpfenden Truppen.

Eine sehr wichtige Arbeit legte im Jahre 1959 der Militärfachmann Viktor Schemfil 27) über das Tiroler Korps vor. Er vermochte dank seiner gründlichen Studien das Ansehen Chastelers und seines Korps in der tirolischen Geschichtsauffassung weitgehend zu rehabilitieren. Wenn auch gegenüber den Operationsjournalen des k. k. VIII. Armeekorps und der Österreichischen militärischen Zeitschrift, die beide sehr wesentliche Grundlagen seiner Forschungen bilden, manchmal etwas Vorsicht geboten sein dürfte, so bietet diese Arbeit doch für den militärischen Bereich eine äußerst wertvolle Ergänzung für das gerade hierin bis heute noch absolut gültige Standardwerk Josef Hirns.

25) Tirol 1809. Ein Bildwerk von Hans Kramer, Wolfgang Pfaundler und Erich Egg, Innsbruck—Wien—München 1959.
26) Bergisel-Buch von Oswald Gschließer, Hans Kramer, Osmund Menghin, Georg Mutschlechner und Fritz Steinegger, Innsbruck 1964.
27) Viktor Schemfil, Das k. k. Tiroler Korps im Kriege 1809. In: Tiroler Heimat 23, 1959, S. 45—99.

ANHANG III: Die wichtigsten Bewegungen des Tiroler Aufgebots und der k. k. Truppen am 25. Mai

Bergiselschlacht, 25. Mai 1809

 

 

Anhang IV: Die wichtigsten Bewegungen der Tiroler während der Bergiselkämpfe am 13. August

 

Bergiselschlacht, 13. August 1809

 


Anhang V: Gasthof Schupfen an der Brennerstraße

Der Gasthof (an der linken Straßenseite) war während der Mai- und Augustkämpfe von 1809 das Hauptquartier Andreas Hofers.

Rechts neben der Straße befindet sich eine neue Gedächtniskapelle.

Gasthof Schupfen an der Brennerstraße

 

   
  Quelle: Werner Köfler, Die Kämpfe am Bergisel 1809, in: Militärhistorische Schriftenreihe, Herausgegeben von Heeresgeschichtlichen Museum (Militärwissenschaftliches Institut), Heft 20, Wien 1971.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.