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  Beda Weber, Andreas Hofer und das Jahr 1809
 

Andreas Hofer. — Seine Familie. —   Revolutionsscheu in Passeier. - 1796-97. — 1804-5. - Regierungs-Veränderung im Jahr 1805. — Folgen für's und namentlich Passeier.

Andreas Hofer wurde am 22. November 1767 gegen Mitternacht geboren, und wurde vom Kooperator Andreas Kraft am folgenden Tage zu St. Leonhard getauft. Seine Hebamme, Maria Henlin von Matatz, sah in der Nacht, in welcher er zur Welt kam, ob der Platterspitze einen Stern in der Gestalt eines Jagdgewehres, der gerade auf das Sandwirtshaus herabstrahlte. Auch Andere bemerkten diese Lichterscheinung, und es fehlte nicht an Versuchen, dieselbe auf Hofers Zukunft auszudeuten. Sein Taufpate war der Junggeselle Johann Pichler von der Mörre, ein Glied jener wunderliebenden Familie, die wir als Inhaberin von Arznei-Geheimnissen bereits kennen. Andreas war der jüngste unter vier Kindern, wovon drei Mädchen. Er verlor seine Mutter frühzeitig durch den Tod, und erhielt durch die abermalige Vermählung seines Vaters eine Stiefmutter in der Anna Frick, welche ihm ebenfalls eine Halbschwester gebar. Diese wirtschaftete schlecht, so dass sie in wenigen Jahren 1709 Gulden den Kindern ihres Mannes zum Nachteile verhauste. Als sein Vater 1779 starb, heiratete seine älteste Schwester Anna den Joseph Griner, und übernahm auf eigene Rechnung das Wirtshaus, während ihre Stiefmutter die Hofwirtschaft fortführte. Leider wuchsen durch diese Trennung die Schulden auf dem Anwesen nur noch mehr an. Andreas fing in einem Alter von 7 Jahren den Schulbesuch an. Er lernte langsam, aber fleißig. Seine Ordnungsliebe und Folgsamkeit machte ihn bei Allen beliebt. Er wanderte hierauf ins Wälschland, und lernte so viel Italienisch, dass er sich zwar nicht nach der Schriftsprache, aber in der Volksmundart fertig ausdrücken konnte. Und dieser Umstand verschaffte ihm später viel Einfluss auf die wälschen Südtiroler, welche auf diese Sprachfertigkeit ihrer deutschen Nachbarn Gewicht legen. Nach seiner Zurückkunft lebte er unter seinem Schwager, und fing nach Art der Passeirer zu handeln und markten an. Beim schlechten Gange der Wirtschaft ward er schon in einem Alter von 22 Jahren für volljährig erklärt. Sein Schwager Griner trat vom Sandwirtshause zurück, zog als Wirt nach St. Martin, und starb daselbst im Jahre 1799. Andreas Hofer heiratete am 21. Juli 1789 Anna Ladurner, eine Tochter des Peter Ladurner und der Maria Tschöll von Allgund aus einem weitverbreiteten Bauerngeschlecht im Vintschgau, dessen Stammhof Ladurn im tiefern Eingang des Schnalsertales an einem Lindenhain liegt. Sie war eine verständige treue Frau von wenig Worten, aber desto tieferem Gefühle. Mit der größten Zärtlichkeit hing sie an ihrem Manne. Ihr stilles Wesen galt' Vielen für Stolz, Andern für Schwermut, war aber keines aus beiden. Das stille ernsthafte Gebahren ist ein Erbteil ihres Hauses bis auf den heutigen Tag. Sie übernahmen den Sandhof um 12,000 Gulden nach dem Schätzungspreis, worin auch des Andreas väterliches und mütterliches Vermögen mitbegriffen war. Zu vier Teilen trafen ihm 3000 Gulden. Er blieb also 9000 Gulden den andern Geschwistern hinaus schuldig. Auch angenommen, dass seine Frau ein kleines Vermögen darauf brachte, so saß er noch immer so schlecht, dass bei fortwährendem Mißwachs damaliger Zeit, und bei den gesteigerten Bedürfnissen nach allen Seiten an kein Gedeihen der Wirtschaft zu denken war. Er verlegte sich außer dem Gewerbe eines Schenkwirtes auch auf das Geschäft eines Ross- und Vieh-Händlers, und kam dadurch besonders mit Wälschen viel in Verbindung, verlor aber durch sie höchst bedeutende Summen. Daher der allgemeine Spruch in Passeier: „Wäre Andreas Hofer nie über die Spitalbrücke bei Meran gekommen, so wäre er ein wohlhabender Manu geworden.“ Glücklicher war sein Handelsverkehr nach dem Inntale mit Wein und Branntwein, den er mit eigenen Saumpferden betrieb, und die meisten Wirte am Inn persönlich kennen lernte. Im Jahre 1794 hielt er noch 16 Pferde, und war einer der ansehnlichsten Säumer unter den 16, welche damals im Tale lebten, während früher 30 — 36 gewesen waren. Im Jahre 1795 und 1796 hielt er deren 14, 1799 nur mehr 7, 1800 wieder 13, aber nach dieser Zeit immer weniger, bis er gar nur mehr zwei Pferde unterhielt. Man schildert ihn als einen klugen Mann, der noch kein Bedenken trug, mit seinen Branntweinsäumen den landesfürstlichen Zoll zu St. Martin zu umgehen. Seine Haupt-Branntwein-Niederlage war in Hall, und schon aus dieser Zeit schreibt sich sein Bekanntwerden mit dem späteren Landesverteidiger Straub her, der daselbst auf dem Kronenwirtshaus saß, was bekanntlich so erfolgreich für Tirol im Jahre 1809 geworden ist. Seine Frau gebar ihm sieben Kinder, wovon zwei in der Jugend starben. Die Überlebenden hießen nach der Ordnung der Geburt: Johann (26. Dez. 1794), Maria (16. Febr. 1797), Rosina (30. August 1798), Anna (13. März 1803), und Gertraud (15. Febr. 1805).

Das Hauswesen ging nicht glücklich von Statten. Bei aller Tätigkeit und Ehrlichkeit fehlte sowohl dem Manne als der Frau der ganz eigene Sparsinn. Sie verschwendeten nichts, verstanden aber auch nicht zusammenzuhalten. Daher war der Verbrauch selten den Einkünften angemessen. Er selbst war zwar nie unmäßig, bedurfte aber nach dem Maße eines tirolischen Landwirtes ziemlich viel, und ließ es sich auch zukommen in Speise und Trank. Namentlich ging er nie ohne mannhaften Weingenuss schlafen, und ließ sich selbst später den Wein auf seinen Reisen in einem eigenen Fäßlein nachführen. Aber nie und nirgends machte er sich eines Übermaßes schuldig. Seine äußere Gestalt gewann ihm das Herz der Menschen, und eine gewisse Treuherzigkeit öffnete ihm die Gedanken selbst solcher, die sich auf ihre Gewandtheit und Verschlossenheit viel zu gute taten. Er war ein schöner Mann, nur wenig über die gewöhnliche mittlere Länge hinaus, im besten Ebenmaße zu seinen Formen, die breiter ausgingen, als es sonst in Passeier der Fall ist, mit mächtigen Schultern auf festen Knochen. Er hatte ein volles rundes Gesicht, breite Nase, lebhafte braune Augen, schwärzliche Haare, und trug in Folge einer Wette seit dem Eintritte der baier. Herrschaft im Jahre 1850 einen langen schwarzen Bart, der ihn viel Ehrwürdigkeit verlieh. Sein Gang war gemessen und würdevoll, seine Stimme weich und hell, sein Auge voll Friede und Heiterkeit, sein ganzes äußeres Wesen harmonisch und einnehmend. Er kleidete sich nach der Tracht seines Heimattales. Eine grüne Jacke, ein roter Brust-Fleck, ein schwarzer Ledergurt mit den Anfangsbuchstaben seines Namens, schaflederne schwarze Hosen, ein schwarzer Seidenflor um den Hemdkragen, ein schwarzer breitkrempiger Hut auf der Seite aufgestülpt, mit dem Bildnisse der Mutter Gottes, Blumen und Wildfedern geziert, blaue Strümpfe und weit ausgeschnittene Schuhe waren im spätern Alter seine Kleidungsstücke.

Trotz dem tüchtigen Korne in seiner männlichen Gestalt, hatte sein Charakter doch eine ungemeine, den Passeirern eigene Weichheit und Zartheit, die sich in den kleinsten Zügen seines Tuns und Lassens offenbarte. Er ritt gewöhnlich Tal aus und ein. Als er einst mit mehreren Genossen von Meran nach Hause ritt, dauerte ihn der Knabe, welchen er aus bloßer Vorliebe für die Jugend hatte mitlaufen lassen. Er hob ihn zu sich auf den Sattel, und betete mit den Andern den Rosenkranz. Aber zu dem Knaben sagte er: „Mitbeten darfst du nicht, aber schlafen auch nicht, sonst fällst du mir vom Pferde." Die Studenten in Meran kannten ihn alle gut, und hatten ihre herzliche Freude am schönen leutseligen Sandwirt. Sie sammelten sich um ihn, und fühlten sich wohl in seiner Nähe. Auf ihren Reisen nach Innsbruck ließen sie sein Wirtshaus nie unbesucht, wo arme auch umsonst Erquickung fanden. Er wurde ebenfalls zu ihnen hingezogen, und warf fahrenden Studenten auf seinen Ritten durchs Tal oft einen Taler zur Wegzehrung zu. Wie die Passeirer überhaupt, legte er kein Gewicht auf leibliche Bequemlichkeit in Lager und Hausrat, selbst wo er es besser haben konnte. Als er einst auf einer Marktreise in ein vollgefülltes Wirtshaus kam, wollte man ihm vor Andern ein Bett geben, aber er schlug es aus mit den Worten: „Die Betten könnt's für Andere brauchen, an mir ist nichts gelegen!" und legte sich im Stall auf das Stroh. In jüngeren Jahren machte er nicht ungern den Robler, besonders auf den Märkten zu Latsch, um seine Körperkraft zu zeigen, und seine gedrungene Leibesgestalt trug über die größten Bauern den Sieg davon. Er zeigte in solchen Fällen eine bemerkenswerte Bescheidenheit. Auf sich bezog er nichts, meinte aber, für Passeier müsse man's wagen und aufnehmen. Der Besiegte musste mit ihm essen und trinken. Bei sehr geringer Bildung zeigte er doch überall Verstand und Urteil, eine Art Bauerninstinkt, wie er in Passeier und im Burggrafenamt von Tirol häufig zu Tage tritt, und im ersten Angriffe die Dinge richtiger auffasst, als der langüberlegende Grübler. Sein Mutterwitz ließ bei keiner Gelegenheit lange auf sich warten, und war eben so treffend als gutmütig. Er liebte in freien Stunden das Giltspiel mit gewöhnlichen Spielkarten, welches in seiner Heimat sehr im Schwunge ist, und spielte es meisterhaft. Da dasselbe überhaupt sehr geeignet ist, die angebornen Charakterzüge eines Menschen sehr ins Licht zu stellen, so traten auch bei ihm während desselben einerseits aufmerksame Maßhaltung, andererseits eine gutartige Schlauheit entschieden zu Tage.

In kirchlichen Dingen hielt er sich gern nach St. Martin, obgleich er nach St. Leonhard eingepfarrt war. Seine Frömmigkeit wurzelte in einem gläubigen Gemüt, das alle Grübelei ausschloss, und das Gefühl des allgegenwärtigen Gottes begleitete ihn überall. Es machte ihn froh, duldsam, mitleidig gegen alle Menschen. Kopfhängerei und Bekrittelung der Sitten Anderer verachtete er. Der Kirche als solcher anzuhängen war ihm Bedürfnis. Geistliche, die in ihrem Berufe tätig waren, standen bei ihm in hohen Ehren. Einmischung in weltliche Angelegenheiten fand er an ihnen tadelnswert, aber selbst sein Tadel war stets von einem Hauche tiefer Ehrfurcht fürs Priestertum durchdrungen. Seine Stimmung zu den Verhältnissen einer außerordentlichen Zeit, die reich war an Erschütterungen aller Art, war durch seine religiösen Überzeugungen bedingt.

Der Ausbruch der französischen Staatsumwälzung fiel gerade in sein Heiratsjahr. Die aus derselben sich entwickelnden Folgen traten mit rascher Schärfe ins Leben. In Passeier, wie in Tirol überhaupt, erwachte tiefer Abscheu gegen die Wut, womit die Franzosen ihr Kirchentum zertrümmerten, und man fing mit den Fortschritten der französischen Siege sogar in den entlegensten Tälern für den eigenen Glauben zu fürchten an. Der äußerst erregbare Geist der Passeirer wurde von dieser Sorge ganz durchdrungen. Einzelne Emigranten, größtenteils bejahrte Priester, wanderten durch das Tal, und der Anblick ihrer Leiden schnitt jedermann tief ins Herz. Das Benediktinerstift Marienberg nahm mehrere auf kürzere oder längere Zeit auf, unter andern einen Elsasser Pater Gregor, einen harmlosen, aber gegen die Umwälzung der katholischen Kirche in Frankreich lebhaft eingenommenen Mann. Er trat, schon früher Benediktiner, dem Vereine der Marienberger förmlich bei, und wurde in den neunziger Jahren als Hilfspriester in die Pfarre St. Martin gestellt. Seine Schilderungen der betrübten Folgen der französischen Revolution wirkten sehr auf das empfängliche Gemüt des Passeirervolkes. Man legte sich allgemein auf das Gebet, um dieselben abzuwenden. Die Wallfahrter strömten haufenweise zum heiligen Blute nach St. Martin, das für die Zeit der Selbstverteidigung Tirols gegen Frankreich eine Bedeutung gewann, wie Absam für das Inntal, und die Fronwiese bei Bruneck für Pustertal, lauter religiöse Vereinigungspunkte, um das Volksgefühl für den nahen Kampf zu stärken. Andreas Hofer zeichnete sich bei diesen Übungen vorzüglich aus. Er ermahnte in seiner schlichten Art seine Betgenossen, fromm zu leben, damit Gott die alte Religion und die Bruderliebe im Lande erhalten wolle. Jüngere Benediktiner von Marienberg traten als Seelsorger ein, Männer von Geist, und darunter vorzüglich der eifrige Pater Magnus Prieth, welche in ihren Predigten den Gefühlen der Passeirer Ausdruck und Klarheit gaben. So war man für den Kampf besser vorbereitet und unterrichtet als anderwärts.

Im Jahre 1796, als der linke Flügel der italienischen Armee unter Buonaparte sich auf Südtirol warf, zogen die Passeirer Schützen das erste Mal aus, und besetzten den Tonal. Darunter befand sich Andreas Hofer als gemeiner Landesverteidiger. Als es im Jahre darauf dem französischen Generale Joubert geglückt war, mit 15,000 Mann die Klause von Salurn zu sprengen, und Bozen zu besetzen, so zog sich London auf die Töll zurück. Von dort rückte er, vom Landsturm unterstützt, gegen Bozen vor, auf der gewöhnlichen Heerstraße, während die Passeirer auf den Möltener Bergen gegen Jenesien sich wendeten. Am 24. März fielen in einem Gefecht beim letztgenannten Dorf der Gerber Franz von St. Leonhard, und Martin Moosmayr von St. Martin. Gegen Abend mussten sich sowohl London als der Landsturm in die Nähe von Meran zurückziehen. Hofer trennte sich von seinen Kampfgenossen bei Hafling, um für dieselben wohlfeilen Branntwein anzukaufen. Er kam aber nicht mehr zurück, sondern ging nach Hause. Bald darauf rückten die vereinten Streitkräfte auf ein neues vorwärts. Der Geistliche zu Vöran hielt an die Passeirer und Meraner eine begeisternde Anrede, löste sie von allen Sünden, und versprach ihnen, dass sie fallend im Kampfe „vom Mund auf“ in den Himmel kämen. Der Angriff der Bauern bei Rasenstein, am Eingang ins Sarntal, dauerte zwei Tage, bis die Franzosen endlich Bozen verließen. Die Passeirer zogen über die Gebirge nach Brixen, und kehrten erst wieder ins Tal zurück, nachdem Joubert durch Pustertal Tirol geräumt hatte.

Auch im Februar 1799, nachdem die Franzosen aus der Schweiz in Tirol einfielen, und Obervintschgau verheerten, war Hofer nicht bei den Passeirer Schützen, welche auf den bedrohten Punkt herbei geeilt waren. Die Feinde streiften bis ans die Höhe von Schlanders. In Schluderns erbrachen sie den Tabernakel, und traten die geweihte Hostie mit Füssen. Ein Geistlicher wurde dabei ermordet. London floh vor ihnen durch Langtaufers ins Inntal, und der Passeirer Andre Gufler trug ihn über das Gebirge ins Kaunsertal. Aber bald zogen sich die Franzosen freiwillig wieder aus dem Lande. Um diese Zeit wollte man in Passeier öfter ein großes Schießen in der Luft gehört haben. So aufgeregt war die Phantasie des durch böse Gerüchte aller Art erschreckten Volkes.

Ahnte um diese Zeit noch niemand, welchen Einfluss Andreas Hofer auf die tirolischen Angelegenheiten der nächsten Zukunft üben würde, so trat seine Bedeutsamkeit im Jahre 1804 — 1805 schon mehr hervor. Er wurde mit dem Erzherzog Johann näher bekannt, und fand bei ihm die verdiente Aufmerksamkeit. Was ihm Wichtigkeit verlieh, war weder tiefe Einsicht, noch persönliche Tapferkeit, sondern ein völliges Herausgehen aus sich selbst, und unbedingte Hingabe an die Meinung des Landes. Er tat nichts für sich oder für seine Leidenschaft, sondern für die Religion, für die Landesverfassung, für Österreich, und namentlich für den Kaiser Franz, der in Tirol stets sehr populär gewesen. Als nach dem unglücklichen Kriege 1805 der Pressburger Friede immer deutlicher heranrückte, und die Lage Tirols für die nächste Zukunft kaum mehr zweifelhaft war, begleitete Andreas Hofer den Erzherzog Johann nach Bruneck, und schied dort von ihm nicht ohne Vorgefühl des Jahres 1809. Gleichwohl kehrte er ganz zahm in sein Wirtshaus am Sand in Passeier zurück, und betrieb sein Gewerbe einfach und ruhig, wie zuvor.

Der Eintritt der bairischen Regierung in Folge des Pressburger Friedens am 26. Dez. 1805, begründete in Tirol eine neue Epoche. Nach der Meinung der Tiroler sollte ihr Land unter der Bedingung an Baiern kommen, dass alles beim Alten bleibe, wie es von jeher gewesen. Eine Gesandtschaft tirolischer Männer brachte wirklich von München das Versprechen des Königs Max zurück, dass an der Verfassung Tirols kein Jota geändert werden sollte. Unter solchen Erwartungen erfolgte die Landesübergabe an Baiern am 11. Jänner 1806, und die ersten Handlungen der neueingetretenen Regierung bestätigten auch vollkommen die gefasste Hoffnung. Aber mit dem Jahre 1807 begannen Veränderungen in der bisherigen Verwaltung, welche im Verhältniss zum Gesamtreich notwendig oder wünschenswert erschienen. Am 1. Mai 1808 trat die tirolische Landschaft, als Vertreterin der Landesangelegenheiten außer Tätigkeit, unter ausdrücklicher Hinweisung des Königs auf rechtzeitige Begründung allgemeiner Reichsstände. Der Name Tirol verschwand ans der Geschäftssprache. Das Land ward in den Inn-, Eisack- und Etschkreis abgeteilt, die unabhängig von einander verwaltet wurden. Jeder derselben stand unter einem eigenen General-Kommissär, und einem Kreisdirektor mit 5 — 7 Räten, zwei Sekretären, zwei Registranten, vier Kanzlisten und zwei Amtsdienern. Eine eigene Behörde von 12 — 15 Beamten verwaltete in jedem Kreise die Staatsgefälle. Die Tätigkeit der Kreisbehörden verzweigte sich durch 24 — 29 Landgerichte und 22 Rentämter durch das ganze Land. Während die Patrimonialgerichte beschränkt wurden, erhielten die Städte eigene Gerichte für ihren bürgerlichen und polizeilichen Haushalt. Appellations-Gerichte zu Innsbruck und Trient, in ersterer Stadt mit 38, in letzterer mit 22 Beamten, ordneten das höhere Rechts - und Strafwesen. Auch ein Medizinal-Rat ward in jedem Gerichte angestellt. Fromme Stiftungen und das Vermögen der Gemeinden gingen in unmittelbare Obhut der Regierung über, und fanden statt der bisherigen unbesoldeten Verwalter eigene Beamten zur Erzielung gleichmäßiger Gebarung. Die bisher für den Durchfuhrhandel vorteilhafte Mautordnung hörte auf. Die Bankozetteln und schlechte Kupfermünze wurden in allmähliger Annäherung an den bairischen Geldwert herabgesetzt, und der Grundsatz geltend gemacht, dass die nach älterem Geldwerte abgeschlossenen Käufe laut den Ziffern des Schuldbriefes in gutem Metallgelde zu tilgen seien. Die Behandlung der Landes-Schulden, und die Aufnahme der herabgesetzten Kapitalien der Schwazer Kreditkasse, wirkten mit sehr empfindlichen Folgen auf das Vermögen vieler Familien ein. Der Nutzen vieler Maßregeln konnte erst nach Jahren in voller Stärke eintreten, während das unvermeidliche Missgefühl der Gegenwart in ohnehin aufgeregten Zeiten nur verderblich auf die unvorbereiteten Gemüter wirken konnte. Die Einführung der Militär-Konscription, wovon Tirol bisher verschont gewesen, missfiel dem jungen Volke eben so sehr, als den verstimmten Ältern, die sich in den neuen Formen doppelt unwohl fühlten. Die mit Gewalt ausgehobenen Jünglinge verließen eigenmächtig die Fahne, namentlich 171 aus dem siebenten leichten Bataillon Günther, und erfüllten ihre Angehörigen mit Angst und Sorge. Die Seelsorger, durch die Natur ihres Amtes und den Willen der Regierung zur Vermittlung der Anstände berufen, hatten eine schwere Aufgabe, beiden Teilen zu genügen. Selbst der Übereifer mancher Beamten arbeitete der Regierung entgegen, deren Absichten auf Beruhigung der aufgeregten Gemüter abzielten.

Zufälligkeiten und Verfügungen, die sich von selbst verstanden, erhielten unter solchen Umständen eine Bedeutung, die sie ihrer Natur nach gar nicht hatten. So die Erhöhung des Zinsfußes der Stiftungs-Kapitalien von 4 auf 5 für Hundert nach dem damals überhaupt geltenden Maßstab, das Zulassen der Ehe unbemittelter, die verlangte Beweisführung des wirklichen Adelsbesitzes, das Aufhören von Privilegien für gewisse landesnotwendige Gewerbe, das von gutmütigen Pedanten vorgeschlagene Umtaufen der Kaiser-Birne in Königsbirne, und Verkürzen des Doppeladlers auf Wirtshausschildern in den einköpfigen Tiroleradler. Ältere Beamte von Ansehen traten aus den bairischen Diensten, oder weigerten sich dieselben anzunehmen, und wanderten nach Österreich aus zugleich mit solchen, welche keine Dienste bei der neuen Regierung gefunden hatten. So wurde der Same gestreut zu einem kleinen Tirol außer Landes, dem sich alle in Österreich lebenden Männer von tirolischer Abkunft anschlossen.

Was aber besonders im Etschland böses Blut machte, waren die kirchlichen Reformen, welche dem damaligen Zeitgeist, und wohl kaum der Regierung zur Last fielen, und worin die Tiroler Anklänge der französischen Kirchenstürme zu sehen meinten. Die Priester wurden für Staatsdiener erklärt, und von der Regierung nach einer vom Bischof unabhängigen Prüfung in ihre Pfarrstellen eingesetzt. Auch die Staatsbefehle gingen nicht mittelbar durch die Bischöfe, sondern den kürzesten Weg an die Seelsorger. Dagegen stemmten sich nun die Bischöfe, gekränkt durch den Verlust ihrer früheren Befugnisse. Sie fühlten sich widerstrebend durch eine Billigung des Papstes vom Jahre 1807 in ihrem Rechte. Der Graf von Arco wollte gütlich vermitteln. Emanuel Graf v. Thun, Fürstbischof von Trient, und Karl Rudolph Freiherr von Buol, Fürstbischof von Chur, erschienen auf erhaltene Einladung zu einer wechselseitigen Verständigung in Innsbruck. Sie kam aber nicht zu Stande. Die Bischöfe glaubten in die Forderungen der Regierung ohne Beschwer ihres Gewissens nicht eingehen zu können. In der ersten Hast, die das Misslingen des vorgehabten Planes aufregte, wurden Maßregeln beliebt, die, wohl erklärlich in den obwaltenden Gereiztheiten, von der Regierung später selbst als unzweckmäßig bezeichnet wurden. Der Bischof von Chur ward in sein Schweizergebiet, und der Bischof von Trient nach Salzburg verwiesen. Der Brixner Bischof entging einem ähnlichen Schicksal nur durch das umsichtige Zuwarten und Nachgeben seiner Räte. In gleichem Geiste temporisirte der Generalvikar von Trient.

Der Anteil des Churersprengels in Tirol und Vorarlberg war indessen im eigentlichen Sinne verwaist, da nach dem Befehl der Landesregierung aller Verkehr mit dem Bischofe hätte aufhören sollen. Dem ward jedoch von der Geistlichkeit nicht nachgelebt, da keine päpstliche Ermächtigung ihre Lostrennung vom bisherigen Bischof gutgeheißen hatte. Nur die Schlüsselgewalt, die der letztere gewährte, ward als gültig anerkannt, und jede andere von der Regierung unterstützte Priestertätigkeit von Laien und Seelsorgern zurückgewiesen. In Vorarlberg kam es durch die Klugheit der ersten Beamten zu keinen Gewaltmaßregeln gegen die Geistlichkeit. Aber desto kräftiger schritt man im Burggrafenamte und Vintschgau gegen die Widerspenstigen ein. Johann Theodor von Hofstetten, Kreishauptmann im Pustertal, erschien um Weihnachten 1807 zu Meran, und berief alle Geistlichen vor sich. Zwei und zwanzig erschienen. Sie sollten sich in feierlicher Urkunde dem Bischof von Augsburg unterwerfen, dem von Chur entsagen, und allen landesfürstlichen Verordnungen auch in kirchlichen Dingen gehorsamen. Alle weigerten sich dieser Anmutung, bis auf zwei, die keine Männer waren, auf die übrigen Eindruck zu machen. Sofort wurden die Häupter dieses Widerspruches trotz allen Gegenvorstellungen als Staatsverbrecher durch Verbannung von ihren Stellen und Gefängnis bestraft. Der von der Regierung aufgestellte Priester Ingenuin Koch, als Vikar für Vintschgau und Pfarrer von Meran, sowie alle übrigen dergestalt eingeführten Priester fanden weder Anerkennung noch Gehorsam. Ihre Messen und Predigten blieben ohne Zuhörer. So hörte fast aller öffentliche Gottesdienst auf, und nur heimlich wurden die Sakramente in besondern, Notfällen von den Berechtigten gespendet. Tausend Mann Soldaten, die Hofstetten an sich zog, konnten die Lage der Sache nicht ändern. Die Benediktiner von Marienberg wanderten auf Strafgehalt ins Kloster Viecht bei Schwaz, acht Kapuziner aus den geleerten Klöstern Meran, Schlanders und Mals nach Altötting.

Andere Verfügungen in Bezug auf das Kirchenwesen verschärften den Eindruck dieser Maßregeln. Die tirolischen Abteien, 5 an der Zahl, wurden aufgehoben, und ihr Gut in die Rentämter eingezogen, welche aus den Gefällen derselben jedem ausgewiesenen Klostermitglied einen Jahresgehalt auszahlten. Das Wetterläuten, worauf tirolischerseits großes Gewicht gelegt wurde, die nächtliche Weihnachtsfeier, die Einhaltung der in Baiern abgebrachten Feiertage wurden bei Geldstrafe verboten, und sogar das Tragen eines bessern Kleides an solchen Tagen verpönt. Nebenandachten, Rorate-Ämter, Prozessionen, Weihungen, das Läuten zu gewissen Zwecken, sollten einer neuen Kirchenordnung weichen, welche den Willen des Volkes gegen sich hatte. An Übertreibungen fehlte es in solcher Verwirrung nicht. Eiferer schrieen, man wolle die Religion ausrotten, die Priester unterdrücken, die Kirchen berauben, und die Altäre zertrümmern. Es war daher gar nicht zu verwundern, dass im empfindlichen Passeier besondere Gärung in den Gemütern herrschte.

Das Volk scharrte sich in Prozessionen und eigenmächtigen Andachten zusammen, um das gefürchtete Unheil vom Tal abzuwenden. Da St. Martin zu Chur, und St. Leonhard zu Trient kirchpflichtig war, so stellte sich bald zwischen den Benediktinern im ersteren, und den Weltpriestern im letzteren Orte Meinungszwiespalt heraus. Was in St. Martin für unzulässig galt, fand in St. Leonhard kein Bedenken, in Folge der verschiedenen Ansichten der Ordinariate Chur und Trient. So riss banger Zweifel im Volke ein. Es wurde an Ennemoser, Pfarrer zu St. Leonhard, und seinem Kooperator Hermeter irre, und schlug sich größtenteils auf Seite der Geistlichen von St. Martin, ohne auf die verschiedene Stellung beider zu achten, die es nicht verstand. Eine darüber erstattete Anzeige beim Landgericht zu Meran hatte zur Folge, dass man die Geistlichen zu St. Martin für alle etwa vorfallenden Unordnungen verantwortlich machte. Die Furcht wurzelte immer tiefer, dass die Regierung mit dem Gedanken umgehe, die letzteren aus dem Tal zu entfernen. Jeder Gerichtsdiener wurde von den Bauern scharf beobachtet, und oft Unschuldige gegen den Willen der Seelsorger verhöhnt. Die kräftigsten Männer der Gemeinde blieben fast immer bereit, allfälligen Eingriffen ins bisherige Kirchenwesen, namentlich der Entfernung der Benediktiner, aus allen Kräften entgegen zu arbeiten, und keine Bitten der Geistlichen konnten sie bewegen, diese vermeintliche Nothilfe einzustellen. Das Landgericht in Meran nahm diese Haltung der Bauern für aufrührerisch.

In Folge dieser Ansicht zog eine Schar Soldaten am 26. Juli 1808 nach Saltaus. Ein Passeirer, der einfältig genug war, zu bemerken, mit dieser Handvoll Soldaten würden die Talmänner bald fertig werden, erhielt 60 Stockstreiche. Den andern Tag rückten sie mit Vorsicht gegen St. Martin vor. Bereits hatte sich der Benediktiner Magnus Prieth auf missliche Fälle gefasst gemacht, während Augustin Tschöll, sein Mitgehilfe in der Seelsorge, verkleidet und flüchtig auf den Bergen umherzog. Der Pfarrer Beda Jung war allein im Pfarrwidum, ein ängstlicher, durchaus harmloser Mann. Die Soldaten rückten vor das Widum, und der Offizier trat mit den Worten ins Zimmer des Pfarrers: „Ich bin hier, Ruhestörer in Verhaft zu nehmen. Man hat das Volk durch aufregende Predigten beunruhigt und verführt. Der König ist der allgemeine Vater des Landes; dass demselben gehorcht werde, soll der Priester lehren!" Der Pfarrer erklärte sich gegen die Anschuldigung des Predigtunfuges, der nicht stattgefunden, und für den König, dem gehorsam zu sein er stets ermahnt habe. Als der Offizier die Verpflegung seiner Mannschaft im Widum verlangte, lehnte es der Pfarrer aus Unvermögen ab. Diese Last fiel auf die Wirte des Dorfes. Die weiteren Forderungen des Offiziers, dass er das Zusammenstehen von 3 — 4 Bauern allzeit und überall verhindere, antwortete der Pfarrer abermals verneinend, weil er sich in keine Polizei-Angelegenheiten mischen könne. So verließ der Offizier mit seiner Mannschaft das Widum, und setzte sich in dem Dorfe fest. Abends hatte er eine geheime Unterredung mit dem Kooperator Hermeter von St. Leonhard. Dieser bezeichnete ihm den P. Magnus Prieth als Anstifter der Volksgährung, und legte zum Beweise Auszüge aus Predigten vor, die er aus Weibermund erfragt und zusammengeschrieben hatte. Am 29. langten noch 600 Mann Soldaten von Meran in St. Martin an, zu welchen andere 600 vom Jaufen her stießen, und mit gefällten Bajonetten ihre Posten besetzten.

Zu gleicher Zeit erschien Herr von Hofstetten unter starker Bedeckung von Meran mit Schreibern und Gerichtsdienern, und erklärte das Dorf in Belagerungsstand, so dass niemand ohne Pass aus oder ein konnte. Das Widnm ward mit 6 Offizieren belegt, welche der Pfarrer verpflegen musste. Die vornehmsten Bauern, welche sich nach Hermeters Angabe gegen die Kirchenreformen am entschiedensten erklärt hatten, wurden bei Wasser und Brot in Ställen eingesperrt. Am 30. fand allgemeines Verhör statt. Sowohl Pfarrer als Bauern wiesen jede Anschuldigung, Ungesetzliches getan zu haben, mit Entrüstung zurück. Abermalige geheime Unterredung des Herrn von Hofstetten mit Hermeter. Es wurden einzelne Gerüchte laut, man wolle den letzteren mit Soldatengewalt in St. Martin als Pfarrer einsetzen. Den Tag darauf, der eben ein Sonntag war, besetzten die Soldaten die Pfarrkirche, und unterbrachen den Gottesdienst bis auf eine Messe, welche ihnen der Pfarrer halten musste. Die anderwärts übliche Haltung der Krieger in Waffen, und das laute Kommandowort in der Kirche machten auf das einfache Talvolk einen niederschlagenden Eindruck. Es kam ihnen wie Entweihung ihrer Kirchenruhe vor. Nach der Messe verließen die Soldaten die Kirche, und der Pfarrer ging auf den Andrang der Leute in den Beichtstuhl. Aus demselben ward er jedoch nach, anderthalb Stunden vor Hofstetten gerufen, und lange Zeit schriftlich verhört, um aus seinen Antworten die Schuld seines frühern Benehmens festzustellen. Nach Mittag mussten alle Dienstleute des Widums die gleiche Folter in Fragen und Antworten bestellen, ohne alles Ergebnis zu Gunsten der Ansicht des Untersuchrichters. Bei einer neuerlichen Zusammenkunft stellte sich Hofstetten auf einen erhöhten Platz, die Brillen auf der Nase, wie die Passeirer in ihrer Unweltläufigkeit lächelnd am Prediger bemerkten, und hielt eine Anrede ans Volk. Unter andern führte er an, von nun an könnten die Bauern beim Annahen schlechten Wetters auch an Sonn- und Feiertagen Getreide und Futter einführen, wie ja selbst Christus am Sabbate Kranke gesund gemacht habe. „Euer Pfarrer“, fuhr er fort, „lehrt euch nicht die rechte Wahrheit, das will der König nicht haben, und deshalb muss er fort.“ Der Pfarrer, welcher gutmütig vor ihm stand, schwieg zu dieser Bemerkung. Als aber Hofstetten fortfuhr, nicht allzu kirchliche Lehren zu verkünden, so tat er laute Einrede. Darüber wurde der erstere unmäßig zornig, und ließ das Wort fallen: „Solche Pfaffen verdienen, dass man sie auf der Stelle erschieße.“ Die versammelte Gemeinde geriet in Gärung, und rief mit lauter Stimme, dass er den unschuldigen Pfarrer verschone und in seinem Amt lasse. Dadurch ward Hofstetten erschüttert, und wagte nicht, tätlich weiter zu gehen. Am folgenden Sonntag predigte P. Magnus Prieth in Gegenwart seiner Beobachter und Richter. Er nahm sich dergestalt zusammen, dass auch das strengste Urteil nichts gegen seine Predigt einzuwenden hatte. Nun zog Hofstetten mit der Erklärung ab, dass der König für die richtige Besorgung der Pfarre in St. Martin besondere Vorkehrung treffen werde. Die Soldaten folgten ihm, bis auf einige geringe Mannschaft unter einem Korporal.

Die bängste Besorgnis bemächtigte sich aller Gemüter, so dass man in der Gemeinde die Auslage von 3000 Gulden für diese Militärbesetzung kaum empfand. Die Gerichtsdiener von Meran und andere dienstfertige Personen erschienen den einen Tag um den andern, alle Verhältnisse zu durchspähen, und selbst in den unschuldigsten Bewegungen Verdacht zu schöpfen. Hermeters Benehmen erfuhr heftigen Tadel im Volke, und benahm den Geistlichen in St. Leonhard viel vom Vertrauen, das sie bisher genossen hatten. So setzte sich überall die Meinung fest, die Baiern gingen wirklich mit der Ausrottung des kirchlichen Lebens um, ähnlich den Franzosen im eigenen Lande, dessen Verbündete sie wären. Dieses Fehlurteil fand in den Missgriffen eines Staatsdieners scheinbare Begründung, und so nahe die Überzeugung vom Gegenteil lag, konnte sie doch nicht aufkommen bei so viel Erscheinungen, welche besonders das Volk irre führten, Man warf sich, von der Übermacht gedrängt, in jene dumpfe Resignation, die wohl äußerlich Friede hielt, aber innerlich Herz und Seele dergestalt vergiftete, dass an keine richtige Auffassung der außerordentlichen Umstände zu denken war. Am 9. August erhielten die Benediktiner den Auftrag von Hofstetten, St. Martin zu verlassen. Sie zogen unter den Tränen ihrer Pfarrkinder ab. Magnus Prieth wurde bald darauf gefangen genommen, und im Kapuzinerkloster zu Meran eingesperrt. Ein Kapuziner, P. Ladislaus genannt, ein schlichter Mann, trat als Aushelfer an ihre Stelle, indes von allen Seiten verlautete, dass Hermeter nächstens als Pfarrer des Königs eintreten werde. Und in der Tat erschien dieser am 15. August in der Sakristei zu St. Martin, um sein Amt als Seelsorger zu beginnen. Der genannte Kapuziner las eben Messe, ließ alle geweihten Hostien von denen, welche zur Kommunion gingen, verzehren, und löschte das ewige Licht aus. Ein Zeichen, das er mit der Hand gab, belehrte das Volk vom Beginn des unrechtmäßigen Pfarrtums.

Alle Anwesenden verließen einmütig die Kirche. Hermeter hielt den Gottesdienst vor leeren Bänken, und war genötigt, nach drei Monaten heimzukehren. So war die große Gemeinde von 1800 Seelen ohne alle Priester. Die Leute besuchten größtenteils gar keine Messe, sondern beteten daheim zur Sonntagsfeier. Andere gingen 3 Stunden weit nach Schönna in den Gottesdienst, die wenigsten nach St. Leonhard. Wer das Volk kennt, ermisst leicht, welchen ungeheuren Spielraum die Phantasie in solchen Umständen hatte, alle gerechte und ungerechte Bitterkeit gegen den Bestand der Dinge in sich aufzunehmen, um sie einst mit Zinsen auf die vermeintlichen Urheber zu entladen. Der Frühmesser von St. Leonhard, Leonh. Remp, hatte vom Bischof von Chur die Erlaubnis, die Sterbenden in der Pfarre von St. Martin mit den Sakramenten zu versehen. Die Frau des Besitzers auf Steinhaus erkrankte zuerst tödlich. Remp erschien, vom weltlichen Regiment wegen seiner Einmischung hart bedroht, ohne alle Feierlichkeit, im Werkeltagsanzug, das Abendmahl in der Rocktasche. Die Kranke starb nach wenigen Tagen. Man trug sie zu Grabe, aber kein einziger Begleiter stellte sich ein, keine Glocke ward geläutet. Hermeter stand an der Kirchtür im Rauchmantel und segnete sie ein. Als dieselbe begraben war, nahmen die Träger die Flucht, und ließen den Hermeter allein stehen. Die Kinder erhielten die Frauen-Taufe, oder wurden heimlich in Nachbarpfarren zur Taufe getragen. Darüber beschwerte sich Hermeter bei der Regierung; ein Kommissär erschien, wollte vermitteln, umsonst! Niemand ließ sich zum Kirchenbesuche bewegen.

Seltsam war das Benehmen des Andreas Hofer während dieser Zeit. Er war wo möglich der masshaltendste unter allen Bauern des Tales, ungeachtet ganz auf der Seite des Volkes in St. Martin. Sein damals oft wiederholtes Mahnwort findet man in Passeier in alte Gebetbücher eingeschrieben: „O Brüder! lasst uns beten, im Verein alle mit einander, aus allen Kräften. Dieser Zustand kann nicht dauern, bei Gott ist alles möglich, wir können mit seiner Hülfe eine bessere Regierung bekommen." Er schätzte den Kooperator Hermeter persönlich, und mahnte ihn dringend ab, eine so zweideutige, vom Bischof von Chur missbilligte Rolle zu spielen. Er richtete aber nichts aus, und gab ihn gleichwohl nicht ganz auf, mit der Bemerkung, man könne in einer Sache fehlen, aber doch im Ganzen ein guter Mann sein. Den Begegnenden rief er mit sichtbarer Rührung zu: „Wir müssen beten, die Gefahr für den Glauben ist groß!“ Erst im Oktober übernahm nach langen Verhandlungen, und im Einverständnisse mit den Satzungen der Kirche der Bischof von Brixen die kirchliche Verwaltung des Tales, und neu beglaubigte Priester zogen die verwirrten Gemüter wieder leicht zur kirchlichen Ordnung heran.

   
  Quelle: Beda Weber, Das Thal Passeier und seine Bewohner. Mit besonderer Rücksicht auf Andreas Hofer und das Jahr 1809. Innsbruck 1852. S. 323 - 341.
 


Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2008.