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  Andreas Hofers Besuch in Wien
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

Seit Tirol durch den Preßburger Frieden vom 27. Dezember 1805 zu Bayern gekommen war, sannen die mit der bayrischen Regierung unzufriedenen Tiroler stets auf Befreiung und der Wiener Hof, namentlich Erzherzog Johann, begünstigte solche Bestrebungen, ja man unterstützte durch Geld und briefliche Propaganda den aufständischen Geist der Tiroler. Zu einer eingehenden mündlichen Besprechung des Erhebungsplanes reisten nun am 16. Jänner 1809 drei Tiroler nach Wien: Andreas Hofer, Franz Anton Nössing, Kaffeesieder, und Peter Huber. Hofer fuhr durch das Inntal über Salzburg, Huber durch das Pustertal und Nössing mit einem Pass über Triest nach Wien.

In Wien um den 26. Jänner 1809 angekommen, stieg Hofer bei dem k. k. Hofbüchsenspanner des Kaisers, Anton Steger, ab.

Es ist nun gelungen, nach mühevollen Forschungen in den Wiener Stadtarchiven und Grundbüchern das Haus festzustellen, in dem damals Hofer wohnte. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts, also zirka 1801 bis 1807, gehörte das Haus Gumpendorf 238 einem gewissen Bernhard Kopper. Dieser verkaufte das Haus um 1808 dem Andreas Duschel. Duschel stammte aus Passeier, der Heimat Andreas Hofers, hatte wegen der kriegerischen Ereignisse seinen väterlichen Wirtschaftshof verkauft und zog nach Wien. Dort eröffnete er einen bescheidenen Weinhandel und das Wirtshaus „Zum goldenen Kreuz" in Mariahilf, das er als Wirt gut führte und unterhielt dabei eine eifrige Korrespondenz mit seinen Landsleuten in Tirol. Bei ihm stieg Hofer ab. Duschel verbarg Hofer in einem Dachstübchen seines Hauses, zu den Audienzen fuhr Hofer stets in einem geschlossenen Wagen. Das Haus trug damals die Nummer 238, dann 269, sodann (unter Jakob Grill) 413, weiter 904; heute steht an Stelle des alten, kleinen, bescheidenen, einstöckigen Häuschens ein großes Gebäude, das, die Nummer 5 der Schmalzhofgasse trägt. Die Schmalzhofgasse läuft zur Mariahilferstraße parallel, man gelangt in sie durch die Kasernengasse im Bezirke Gumpendorf.

Da wegen der Kontrolle durch den französischen Gesandten Anton Franz Andreossy (geb. 6. März 1761, gest. 10. September 1828) und den bayerischen Gesandten Alois Freiherrn von Rechberg-Rothenlöwen (geb. 18. September 1766, gest. 27. März 1833) der Aufenthalt der tirolischen Deputation geheim bleiben sollte, war ihnen das Herumgehen in den Straßen Wiens streng verboten. Die drei Konferenzen bei Erzherzog Johann, zu dessen Gemächern im Amalientrakt eine rückwärtige Stiege bei der Bellaria führte, fanden stets spät abends statt, ebenso wie die Konferenzen bei dem Hofrat Josef Freiherrn von Hormayr in dessen Bureau in dem geheimen Staatsarchiv im Flügel der Reichskanzlei, heute Bundeskanzleramt, Ballhausplatz, beziehungsweise Minoritenplatz.

In den letzten Tagen des Jänner 1809 wagte sich Hofer doch aus seinem Versteck hervor zu einem Besuche des — Kärntnertortheaters. Dieses, am 6. Juli 1763 eröffnet, befand sich damals dort, wo heute das Hotel „Sacher" und das Mozartdenkmal steht (früher Albrechtsplatz, jetzt Revolutionsplatz). Es war Hofbesitz und 1806 bis 1817 an eine Theaterunternehmungsgesellschaft, das sogenannte Kavalierskonsortium, bestehend aus den Grafen Eszterhazy, Schwarzenberg, Lobkowitz, Zichy usw., verpachtet. Da der Tag des Hoferschen Theaterbesuches nicht genau feststeht, kann auch das Stück, das man damals gab, nicht angegeben werden, vermutlich war es Rossinis „Barbier von Sevilla", der im Kärntnertortheater 355 mal aufgeführt wurde. Am 17. April 1870, bald nach Eröffnung der neuen Hofoper, wurde das Kärntnertortheater abgerissen.

Über Hofers Theaterbesuch brachte Franz Gräffer in seinen „Francisceischen Curiosa" folgenden Bericht:

Eines Abends ließ Graf Philipp Stadion (lebte 1763 bis 1824, Minister 1805 bis 1816), zu dessen Vertrauten Josef Freiherr von Hormayr gehörte, diesen plötzlich zu sich zu rufen und empfing ihn unter häufigem Tabakschnupfen und etwas stotterndem Eifer in ganz ungewohnter Entrüstung. „Sie halten nicht Ihr Wort!", rief Stadion, „Ihre Tiroler sollten ja versteckt bleiben und mir nicht den französischen und bayerischen Gesandten auf den Hals hetzen, aber sie laufen überall herum!"

„Eure Exzellenz", erwiderte Hormayr bestürzt, kein Tiroler bricht sein Wort."

„Wie können Sie das sagen? Ihr Bartmann oder Buschmann oder Sandwirt sitzt drüben im Kärntnertor-Theater und zieht alle Augen auf sich!"

Hormayr rannte wie ein Besessener aus der Staatskanzlei, über den Josefsplatz ins Kärntnertor-Theater und bewog den Billeteur durch ein gutes Trinkgeld, ihm den „ungarischen Viehhändler mit dem langen Bart", den er zu seinem größten Schrecken wirklich im ersten Parterre sitzen sah, wenn der Vorhang des Aktes fiele, herauszurufen, und ihm vorher ins Ohr zu sagen, der Landsmann mit dem Wein und mit den Pferden sei angekommen und müsse ihn auf der Stelle sprechen.

Wie gesagt, so getan. Langsam und ungern, mit großer Lust zu vielen Fragen, folgte Hofer dem dienstfertigen Billeteur, dabei kopfschüttelnd und treuherzig grüßend. Hormayr, am Eingang hinter einem Pfeiler versteckt, trat jetzt einen Augenblick hervor und winkte dem Hofer heftig, ihm zu folgen. Als die beiden endlich vor dem Eingang auf der Straße waren, sagte Hormayr: „Aber Anderl, die Tiroler halten sonst Wort; Du hast mir in die Hand versprochen, Dich sorgfältig verborgen zu halten, und Du läufst jetzt in diesem Aufzug und mit Deinem bärtigen Rüssel daher, um Operntriller zu hören!"

„Ich habe", erwiderte Hofer, „nur versprochen, mich nicht bei Tage irgendwo sehen zu lassen, aber jetzt ist es zwischen 4 und 5 Uhr immer schon stockrabenfinster!"

Hofer fragte dann wiederholt, wo der Landsmann mit dem Weine und den Pferden sei, bis ihm Hormayr lang und breit erklärte, dies sei nur eine Finte gewesen, ihn schnell aus dem Theater herauszubringen. Hofer wollte aber wieder in das Theater; hineingehen, und sich auf seinen Platz setzen, denn er habe für das ganze Stück bezahlt und jetzt habe er durch Hormayrs Dazwischenkunft schon viel versäumt und bei den Kassen würden sie ihm für das Versäumte keinen Kreuzer zurückgeben.

Höchst ungeduldig schleppte Hormayr den Widerstrebenden mit sich zum Abendessen in sein Büro in die Renngasse Nr. 155 (Palais Graf Schönborn, heute Renngasse 4, das gleiche Gebäude) und dann nachhause, im heftigsten Sturm und Schneegestöber, durch winklige Straßen und Plätze.

Etwas später als dieser verunglückte Theaterbesuch fällt ein anderer „Ausflug" Hofers, über den folgendes berichtet wird: Im „Rothgaßl", innere Stadt, linksseitig in die Bischofsgasse mündend, die damals vom Stefansplatz bis zur Wollzeile reichte, befand sich das „Neubad", wo Bartscherer, Haarschneider, Zahnkünstler für mäßiges Geld zu Diensten standen. Dahin führten Anton Steger und dessen alter Freund, der Theaterinspizient Rittinger, den Sandwirt ins warme Bad, um den infolge der Reisestrapazen etwas müde aussehenden und verschwitzten Landsmann präsentabel zu machen, wie sich das für den Verkehr mit so hohen Herren ziemte. Im Vorbeigehen wurde beim „Goldenen Einhorn", Bischofsgasse Nr. 7, heute Rotenturmstraße 11, gegenüber dem erzbischöflichen Palais, zugekehrt, wo sich die von Matthias Strubecker 1638 errichtete Wurzel- und Kräuterkrämerei befand und „Stehgästen" in Venetianer-Gläschen ein ausgezeichneter Kräuterlikör verabreicht wurde. Gleich daneben, im Haus Nr. 5, befand sich die älteste Tuchhandlung Wiens, „zum Ackersmann", gegründet 1757 von Grünwald, damals im Besitz des Ferdinand Wögerer. Dort kaufte Steger für seinen Schützling schönes blaues Tuch zu einem Radmantel, wie man sie damals trug, und einen gelblichen Westenstoff. So ausgestattet, glich Hofer aufs Haar einem behäbigen Wiener Bürger, wie deren zu Dutzenden bei der „Linde" oder beim „Lothringer" saßen, Bier tranken und Tabak aus Tonpfeifen schmauchten.

Hofers Figur und Äußeres beschrieb Sieger also: Er war eine kernhafte Gestalt mit fast viereckigem Kopfe; das breite Gesicht mit der Kartoffelnase, den wulstigen Lippen, die breiten Schultern, die gewaltigen Fäuste, alles trug das entschiedene Gepräge urwüchsiger Derbheit. Sein dunkler Vollbart war wohlgepflegt und bedeckte die Brust.

Nach Feierabend, wenn das Gewoge und Gedränge in den Straßen etwas nachließ und die Laternenbuben an den Stadttoren Posto fassten, um verspätete Wanderer über das Glacie „heimzuleuchten", durfte Hofer frische Luft schöpfen gehen. Diese Vorsicht war wohl am Platze, denn die Wiener von damals, wie auch heute, waren gegen Fremde sehr gesprächig und dienstfertig, nahmen sie gerne nach kurzer Bekanntschaft ins Wirtshaus oder in ihre Behausung mit, wo sie dieselben zum Essen einluden, dabei aber auch gehörig ausfragten, wenn ihnen an ihren Gästen etwas neu oder auffällig vorkam.

Am 3. Februar 1809, also nach sechstägigem Aufenthalt in Wien, reisten Hofer und seine Getreuen von Wien ab; Hofer nahm seinen Weg über Salzburg und ging sofort daran, den Aufstand in Tirol zu organisieren.

Zum Andenken an den Besuch Hofers in Wien ließ Andreas Düschel in seinem Wohnhaus ein Hausschild „Zum Sandwirt" anbringen. Bei der Demolierung des Hauses, im Jahre 1887, ist der Schild verschwunden.

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 17 - 21.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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