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  Zu „Andreas Hofers Abschied vom Leben“
(Zum Ursprung des Liedes)
 


Das Lied „Andreas Hofers Abschied vom Leben" geht, wie Johannes Bolte (Zum deutschen Volkslied = Zs. des Vereins f. Volkskunde, 26. Jg., 1916, S. 178 ff.) nachgewiesen hat, ursprünglich auf ein Gedicht des Amsterdamer Liederbuches v. J. 1793 zurück, das in zwanzig Strophen ein Zwiegespräch zwischen dem Tode und einem Korporal enthält (A). Dieser war in Surinam oder niederländisch Guayana Musiker und Dirigent gewesen und als solcher in weiten Kreisen beliebt geworden. Das Produkt wurde bald ins Hochdeutsche übersetzt (B), wobei zwei Strophen ausgelassen wurden, und fand in Deutschland so großen Anklang, dass viele Bearbeitungen daraus entstanden. Eine solche ist das Lied auf den Tod des Feldmarschalls Fürsten Wrede am 12. Dez. 1838 (s. Ditfurth, Hist. Volkslieder 1756 — 71, Bd. 2, 63, Nr. 46). Das Andreas-Hofer-Lied (4 Str.) geht bezüglich des Anfanges (Ach Himmel, es ist verspielt, ich kann nicht mehr lang leben, der Tod steht vor der Tür, will mir den Abschied geben) ursprünglich auf das niederländische Gedicht zurück. Denn dieses lautet anfangs: O hemel, ik bespeur (= verspür), dat ik niet mer kann leven. De dood staet vor myn door, wilt mijn dog pardon („Abschied" im Andreas-Hofer-Lied) geven. Mijn levens loop is uit Ik bespeur" ist in einer Gruppe von Fassungen (einer schlesischen, einer hessischen, einer böhmischen und im Hoferlied) durch „Es ist verspielt" ersetzt. Der Anfang der 2. Strophe des Hoferliedes: Hier liegt mein Mantel und Gwehr und alle meine Kleider, ich bin kein Kriegsmann mehr, ach Himmel, ich bin ein Leider) kommt zuerst in einer Berliner Fassung (Flugblatt von 1809) vor. Übrigens ist der Hinweis auf Säbel und Gwehr für ein Lied von Andreas Hofers Lebensabschied ganz unpassend, da man dem Gefangenen wohl jede Waffe genommen haben wird. Auch war Franz II. 1809 nicht mehr „römischer Kaiser", wie es in dem Liede heißt.

Die vorstehenden Ausführungen stützen sich hauptsächlich auf den erwähnten Aufsatz Boltes.

Eine Fassung, die bei Bolte nicht erwähnt wird, finde ich in der berühmten Liedersammlung des Pfarrers Pinck „Verklingende Weisen" (lothringisch), die später (1926, 1928) herauskam als der Aufsatz von Bolte:

1. O Himmel, ich verspür,
dass ich nicht mehr kann leben,
der Tod steht vor der Tür,
will mir kein Pardon geben.
Ach, Tod, verschone doch
und lass mich leben noch!

2. Nein, ich verschone nicht,
ich verschone kein'n Soldaten,
du musst jetzt fort mit mir
wohl in das Reich der Toten.
Du musst mit mir ins Grab,
wohl von der Welt bald ab.

3. Ach, Doktor, komm geschwind,
tu mir ein Ader offen,
ob mich der Tod verschlingt,
vielleicht ist noch zu hoffen.
Ach, Doktor, komm nur bald,
dass ich mein Leben behalt!

4. Dir hilft ja kein Laxier
und auch kein Aderlassen.
Du musst jetzt fort mit mir,
musst die ganz Welt verlassen,
du musst mit mir ins Grab,
wohl von der Welt bald ab.

5. Ach, Tod, verschone doch,
verschon doch ein'n Soldaten!
Ein Platz für ein Serschant,
der steht mir ja schon offen.
Ach, Tod, verschone doch
und lass mich leben noch!

6. Nein, ich verschon dich nicht,
ich verschone kein'n Soldaten.
Du musst jetzt fort, jetzt gleich
mit mir ins Reich der Toten.
Du musst mit mir ins Grab,
wohl von der Welt bald ab.

Die Stelle: „Ach, Tod, verschone doch und lass mich leben noch!" kommt dreimal vor, die Stelle: „Nein, ich verschone nicht, ich verschone kein'n Soldaten" kommt zweimal vor, die Stelle: „Du musst mit mir ins Grab, wohl von der Welt bald ab" dreimal, die Stelle: „Du musst jetzt fort mit mir wohl in das Reich der Toten" zweimal.

Das lothringische Lied ist zum größten Teil aus Flicken des Urtextes zusammengesetzt, die sich mehrmals wiederholen.

Wie das niederländische Original besteht das lothringische Lied in einem Zwiegespräch zwischen Tod und Soldaten. Dieser Soldat, der vor dem Tode steht, ist aber in seine traurige Lage nicht durch eine Kriegsverwundung (Hieb, Stich oder Schuss) versetzt worden, sondern durch eine Krankheit, die er durch Laxieren oder Aderlassen heilen lassen zu können glaubt. Also stimmt auch das zum niederländischen Original.
Dr. Anton v. Avanzin

   
  Quelle: Anton v. Avanzin, Zu „Andreas Hofers Abschied vom Leben“, in: Der Schlern, Illustrierte Monatsschrift für Heimat- u. Volkskunde, 35. Jahrgang, 11. und 12. Heft, November/Dezember 1961, S. 366 - 367.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2008.