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  Andreas Hofer und die Tiroler Kaufleute
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

a) Allgemeines

Die Stürme des Jahres 1809 sind auch an der Innsbrucker Kaufmannschaft nicht spurlos vorübergegangen. Nicht nur, dass der Geschäftsbetrieb in dieser Zeit oft gänzlich stockte, mussten auch zahlreiche angesehene Kaufleute persönlich Anteil an der Insurrektion nehmen. Innsbruck war bis zur napoleonischen Kontinentalsperre (21. November 1806) ein wichtiger Handelsplatz zwischen Süd und Nord (Italien — Deutschland) und zwischen West und Ost (Schweiz — Wien). Die Kontinentalsperre lähmte jeden Export und Import und die großen Innsbrucker Spediteure wurden dadurch beschäftigungslos.

Damals, wie heute, waren die angesehensten Innsbrucker Kaufleule in der Gemeindevertretung tätig und machten als Magistratsräte strengen Dienst, der sie oft in unfreiwillige Berührung mit der Politik brachte. Das Gefühl der Unsicherheit und Unzufriedenheit, das den Unternehmungsgeist lähmte, die Bedrohung der eigenen Existenz durch die Requisitionen der durchziehenden Truppen zwang die Kaufleute, sich mit dem jeweiligen Machthaber zu verständigen und dessen Schutz für das Eigentum der Bürger zu erwirken. Die prominentesten Handelshäuser jener Zeit waren die Kontore der Firmen Habtmann, Kapferer und Oberlindober.

Franz Josef Habtmann (geb. 1778 in Schwaz als Sohn des Bäckers Franz de Paula Habtmann) wurde im Oktober 1808 Offizier der Bürgermiliz, die in den Unruhen des Jahres Neun in der Stadt die Ordnung aufrecht zu erhalten hatte. Am 17. Mai 1809 sprach Habtmann mit dem Handelsmann Karl Carnelli als Gesandter der Schutzdeputation bei dem österreichischen General FML. Chasteler am Brenner vor, doch erhielt er als Antwort nur eine Flut von Verwünschungen, weil Chasteler einige Tage vorher in Hall vom Pöbel insultiert worden war. Am 21. Mai musste er über Befehl des französischen Marschalls Lefebvre nach München zum König Max Josef reisen. Als er sich nach der Audienz durch das angesehene Münchener Handelshaus Karl Lorenz Mayer, das für ihn Bürgschaft leistete, um einen Pass für die Rückreise bewarb, wurde ihm dieser zunächst verweigert und erst eine persönliche Vorsprache beim Staatsminister Max Grafen Montgelas verschaffte ihm das Gewünschte. Aber an der österreichischen Grenze wurde er von den Tirolern, als der Spionage verdächtig, festgenommen und nach Innsbruck eskortiert. Da Habtmann in seinem Wagen mehrere Sachen hatte, die er ohne Gefahr nur in seinem Hause ablagern konnte, gewann er die Wache, die ihn auf kurze Zeit in Sicherheit brachte (14. Juni 1809). Dann schob man ihn von Innsbruck nach Brixen ab, doch durfte er nochmals bei seinem Haus halten und dort einige Anordnungen treffen. Zum „Hemd wechseln" ließ man ihm aber keine Zeit. Am 18. Juni traf er wieder in Innsbruck ein, worauf er sich von der Politik zurückzog und sich ganz seinem Geschäft widmete. Habtmann, der seine Firma gegen Ende des 18. Jahrhunderts begründete, wollte Ende Jänner 1810 in eigenen Angelegenheiten und als Begleiter der Frau Johann Schenachers, der Marie Schenacher, nach Wien reisen, wurde aber in Reichenhall verhaftet. (Ein ähnliches Schicksal widerfuhr seinem Kollegen Josef G. Oberrauch.) Man brachte den als Agent Verdächtigten nach München und konfiszierte ihm seine Papiere und Briefe. Bald ließ man ihn aber wieder in Ehren frei, um ihn dafür zu gewinnen, die für Tirol bestimmten englischen Hilfsgelder in die Hände der Regierung zu spielen, was aber nicht gelang. Habtmann traf endlich in Wien ein und verlangte zuvörderst die Rückzahlung der an Hormayr geliehenen Summe (18.000 fl.), doch erhielt er nur Versprechungen. Ende März 1810 trat er die Heimreise nach Innsbruck an, nachdem er den Wiener Advokaten Dr. von Krausenegg mit seiner rechtsfreundlichen Vertretung betraut hatte. Habtmann, der mit Anna Heßauer vermählt war und mehrere Häuser in der Maria Theresienstraße besaß, starb am 15. Februar 1850 in Innsbruck und wurde im Friedhof zu St. Nikolaus begraben. Seine beiden Töchter Anna und Antonia vermählten sich mit den Brüdern Dr. Albert von Ottenthal, Arzt in Hall, und Friedrich von Ottenthal, Landtagsabgeordneter in Tirol.

Unter Hofers Regierung traten Habtmann und Simon Kapferer als Bankiers des Regenten auf. Sie übernahmen Messing und Kupfer aus den tirolischen Bergwerken und stellten dafür größere Geldsummen für Kriegszwecke zur Verfügung. Ebensolches tat der Innsbrucker Großkaufmann und Magistratsrat Martin Tschurtschenthaler (geb. 1745, gest. 2. Februar 1832). Der Intendant Josef von Hornmayr, der, wie er sich einmal selbst rühmte, „aus Stein Geld machte", war immer in Geldverlegenheit und da mussten die reichen Innsbrucker Kaufleute, so Leopold Ferstl, Sebastian Fischnaller und Johann Bederlunger gegen Einlieferung von Salz und Messing, oft aber nur gegen (später wertlose) Wechsel, Geldvorschüsse leisten. Die Verluste, die sie hierbei erlitten, waren sehr bedeutende. Dem Schiffmeister und Spediteur Johann Georg Schenacher wurden im Mai 1808 bei einer Wasserfahrt auf dem Inn eine große Warenladung Reis und Branntwein, Eigentum der Firmen Habtmann und Oberrauch, konfisziert. Auch die Gelder, die Habtmann und Kapferer dem Schwazer Bergamte zur Wiederaufrichtung des Handels nach dem Brand von Schwaz (16. Mai 1809) dargeliehen hatten, wurden nicht mehr zurückerstattet. Für Andreas Hofers Kavallerie, die sogenannten Sandwirtsdragoner, lieferte Habtmann am 15. Oktober 1809 das Tuch für die Uniformen und erhielt dafür von Hofer einige Fässer - Salz! Habtmann konnte sich von den Kriegsverlusten nicht mehr erholen und nach seinem Tod war  die Firma „Habtmann's Eidam" nur mehr ein Wrack, das schließlich am 2. September 1872 durch Konkurs unterging.

Einer der reichsten Männer Wiltens war zu Anfang des Jahres 1809 Alois Johann Ritter und Edler von Mayer von Voels (bei Bozen). Dieser, geb. 1763 als Sohn des Lorenz Mayer, erhielt als „Großhaendler und Gutsbesitzer" am 10. März 1808 zufolge Vorschlag der Tiroler Stände den Adelsstand mit dem Prädikate von Mayerfels (Mayer-Voels), war Handelsmann, Farbenfabrikant, Spediteur und Wechsler in Wilten (Wiltau) und, wie Hans Brunner berichtet, ein um das Vaterland besonders zur Zeit der Befreiungskämpfe hochverdienter Mann, weshalb er auch 1797 die goldene Landesverteidigungsmedaille erhielt. Er war nach den Zeugnissen seiner Zeitgenossen sehr gebildet, gastfreundlich, wohltätig und ein guter Ratgeber in Angelegenheiten des Lebens, besonders des Handels. Er war mit Maria Anna von Tschusi zu Schmidhofen (geb. 5. November 1769 in Bozen), Tochter des Bozener Syndikus Johann Karl von Tschusi zu Schmidhofen (geb. 1727 in St. Lorenzen, gest. 1776 in Bozen), Vater des Bürgermeisters (1814 bis 1815) von Innsbruck, Johann Karl von Tschusi (geb. 9. April 1766 in Bozen, vermählt 28. Jänner 1799 in Innsbruck mit der am 17. Feber 1812 verstorbenen Josefa v. Stolz, gest. 22. Mai 1838 in Innsbruck), der einem bereits im 16. Jahrhundert im Pustertal und Tramin ansässigen Geschlecht entstammte, vermählt. Im Jahre 1809 beschaffte Alois von Mayer dem Intendanten v. Hormayr dadurch Geld für Regierungszwecke, dass er ihm Waren aus der Messinghütte in Achenrain abkaufte: aber auch bares Geld lieh er (28. August 1809) in der Höhe von 10.000 Gulden der General-Landesadministration. Am 19. Mai 1809 befand sich Mayer unter den Deputierten, die dem in Innsbruck einrückenden Marschall Lefebvre ihre Aufwartung machten. Am 20. Mai sollte v. Mayer nach München zum bayrischen König reisen, doch trat in letzter Stunde an seine Stelle sein Kollege Kaufmann Franz Josef Habtmann. Einen schönen Zug aus Mayers Leben berichten die Chronisten des Jahres 1809: Als anfangs Oktober 1809 der gefangene bayrische Ingenieur Hauptmann von Osterhuber nach Gries im Sellrain zur Internierung gebracht wurde, ließ ihn Mayer dort auf seine Kosten verpflegen. Wir werden über diesen Vorfall noch in der Biographie über Viktor von Lochau berichten. Im August 1813 wurde Alois von Mayer zum Hauptmann einer Kompagnie der über Befehl des bayrischen Generalkommissärs Freiherrn von Lerchenfeld errichteten freiwilligen Bürgerwehr gewählt. Nachdem Mayer fünf Kinder und am 5. August 1816 auch noch seine Frau Maria Anna in Wilten durch den Tod verloren hatte, zog er sich nach Bozen, der Heimat seiner Frau zurück, wo er am 3. Oktober 1817 starb. Die einzige Hinterbliebene Tochter Wilhelmine Angela Aloisia (gest. 1841) heiratete den bayrischen Hauptmann Andreas Freiherr von Großschedl. Seiner Frau und seinen Kindern ließ Mayer nach einem Entwurf des künstlerisch veranlagten berühmten Innsbrucker Predigers Philipp Benitius Mayr (geb. Hall 17. Dezember 1760, gest. 15. Juni 1826 in Innsbruck) ein prächtiges Grabmal mit Bleirelief an der inneren Südwand der Wiltener Pfarrkirche setzen.

Vor der denkwürdigen Kapitulation des Franzosengenerals Peter Bisson am 13. April 1809 in Wilten erschien der Innsbrucker Spediteur und Handelsherr Leonhard Jakob Oberlindober (geb. 24. Juli 1761 in Kundl, gest. 17. März 1831 in Innsbruck-St. Nikolaus) bei dem General und riet ihm zur Waffenstreckung. Der General nannte den Kaufmann, der als Major des Innsbrucker Bürgermilitärs die bayrische Uniform trug, einen „Briganten", musste sich bald aber dem Rate des Kaufmannes fügen und sich den Tirolern gefangen geben. An Hormayrs forcierten Anleihen anfangs Juli 1809 beteiligten sich Oberlindober, sowie seine Geschäftsfreunde, der Wachszieher J. M. Rosenbacher, der Kaufmann Simon Tschurtschenthaler und der Seifensieder Peter Walde mit größeren Beträgen.

Der Kaufmann Josef Gabriel Oberrauch in Wilten am unteren Dorfplatz (heute Leopoldstraße 35) war ein reicher Handelsmann und genoss in Innsbruck großes Ansehen. Er hatte das Haus am Dorfplatz, das eine ehemalige Welsberg'sche Herrschaftsbehausung war, anfangs 1809 gekauft und dort ein Gast- und Kaffeehaus begründet. Oberrauch, aus einem alten Bozner Handelsgeschlechte stammend, fuhr Mitte Oktober 1809 über Ersuchen Andreas Hofers in die Schweiz, um Hilfsgelder zu sammeln, kam aber mit leeren Händen zum Sandwirt in Passeier zurück. Er traf Hofer in seiner Heimat schon in verzweifelter Stimmung und riet ihm dringend zur eiligsten Flucht, wozu er ihm sogar falsche Pässe anbot. Aber der wankelmütige Hofer lehnte den gutgemeinten Rat des gewissenhaften Geschäftsfreundes ab. Oberrauch hatte ein Spezereihandelsgeschäft, seine Tochter Josefa Rosina (geb. 1797) war seit 17. September 1821 mit dem Maler Johann Georg Schädler vermählt. Oberrauchs Gattin war Maria Rosina Winkler.

Die Liste der Alt-Innsbrucker Kaufleute jener Zeit wäre nicht vollständig, würden wir nicht den Spezereiwarenhändler und Bürgermeister Josef Riß (geb. 9. Mai 1737, gest. 6. Juli 1814) sowie den Buchdrucker Felizian Rauch (geb. 19. Dezember 1767 in Innsbruck, gest. daselbst 22. August 1832) erwähnen. Riß war damals Inhaber der heutigen Firma Theodor Frank (Herzog Friedrich-Straße 29, damals Oberer Stadtplatz). Über Felizian Rauch und den Werdegang der von ihm gegründeten Verlagsbuchhandlung in Innsbruck hat Dr. Anton Dörrer eine ausführliche Arbeit (Linz a. D., Winkler-Verlag 1929) geliefert. Ferner die Firma Lazarus Uffenheimer (gest. 1806, seit 1760 in Innsbruck, ursprünglich im Engelhaus in der Neustadt), der Juwelen- und Goldwarenhändler Johann Paul Stettner, der ein historisch sehr wertvolles „Tagebuch der Insurrektion 1809" in einem alten Schreibkalender schrieb, der Apotheker Franz Winkler (geb. 30. März 1770, gest. 5. April 1826), der bereits erwähnte Magistratsrat und Handelsmann Leopold Ferstl, der seinerzeit auch Eigentümer des Andrianschlößls (heute Innstraße 85) war, der Magistratsrat Anton Katzung, dann Josef Epp, Oellacher, Franz Köllensperger, Alois Peter Walde, Franz Graßl, Sebastian Wopfner, u. a. m. Sie alle mussten die schweren Stürme des Kriegsjahres 1809, welche das Innsbrucker Wirtschaftsleben zerrütteten, über sich ergehen lassen und wenn viele von diesen Handelshäusern heute noch bestehen, und heute noch, wie damals, in den Laubengängen der Altstadt ihre Geschäftsräume haben, so ist dies ein Beweis, wie solid die Grundmauern dieses bodenständigen kaufmännischen Patriziates gebaut waren.

 

b) Johann Georg Tschurtschenthaler

Ein Mann von echt patriotischem Geist, der sein Leben sowie seine Habe wiederholt für sein Vaterland aufs Spiel setzte, war Johann Georg Tschurtschenthaler. Er erblickte, einem alten, schon seit 1592 wappenmäßigen Südtiroler Bauerngeschlecht entsprossen, am 6. April 1777 zu Greifenburg in Kärnten als dritter Sohn des dortigen Bürgers und Ratsherrn Josef Tschurtschenthaler und dessen Gattin Maria, geb. Sochor, das Licht der Welt. Als 14 jähriger Bub kam er im Jahre 1791 zu seinem Oheim Martin Tschurtschenthaler (geb. 1745, gest. 2. Februar 1832) nach Innsbruck, der hier ein reicher Handelsherr war. Als im Jahre 1797 die Franzosen mit großer Heeresmacht in Tirol einfielen, schloss sich Johann Georg voll flammender Begeisterung den Schützen an und erhielt für tapferes Verhalten vor dem Feinde die silberne Medaille. Bei der im Jahre 1806 von den Bayern aufgestellten vier Kompagnien Bürgermilitär wurde Johann Georg zum ersten Unterleutnant gewählt.

Als im Jahre 1809 der große Heldenkampf Tirols begann, nahm auch Johann daran teil. Im Jahre 1804 war er der Schwiegersohn und Kompagnon seines Oheims Martin geworden. Nun lieferte er den Häuptern des Aufstandes, namentlich dem Josef Speckbacher und dem Josef Straub, große Mengen Pulver unter der Bezeichnung „Mohnsamen". In der Deputation der Innsbrucker Bürger, die sich zum General Bisson behufs Unterzeichnung der Kapitulation begaben, war auch Johann Georg, der fließend französisch sprach und dadurch die Unterwerfungsverhandlungen beschleunigte. Auch große Geldsummen stellte Tschurtschenthaler der österreichischen Intendantschaft zur Verfügung und nahm bei einem der späteren Kämpfe einen französischen Offizier gefangen, der ihm seinen Säbel übergab.

Anfangs Dezember 1809 wurde Tschurtschenthaler von der Innsbrucker Stadtvertretung mit drei anderen Herren nach München gesandt, um beim bayrischen König Max Josef Gnade und Schonung für Innsbruck zu erlangen.

Am 9. Juli 1810 begründete Johann Georg in Innsbruck ein eigenes Handels- und Speditionsgeschäft, und zwar im Hause Bäckertorgasse 126, jetzt Seilergasse 18 und 20, und es gelang ihm, die großen Verluste, die ihm das Jahr 1809 brachte, durch rastlose Tätigkeit wieder wett zu machen. Am 2. Oktober 1811 starb ihm seine Frau (geb. 1782) Maria Anna, die sich infolge der Entbehrungen im November 1809 auf dem oberen Nockhof (bei Mutters), wohin sie sich mit ihren beiden Kindern geflüchtet hatte, ein Herzleiden zugezogen hatte.

Im Jahre 1812 errichtete Johann Georg in dem gewölbten, mit Steinsäulen versehenen Erdgeschoß des Haupthauses, Seilergasse 18, einen Bier- und Ausschank-Keller und in dem Haus Innrain 2 eine kleine Brauerei. In einem aufgelassenen Steinbruch unterhalb des Hußlhofes erbaute Tschurtschenthaler noch einen Eis- und Felsenkeller, „Tschurtschenthaler-Keller" genannt. Die Brauerei wurde 1863 aufgelassen.

Im August 1813 wurde Johann Georg zum Hauptmann der 1. Kompagnie der Innsbrucker Bürgerwehr-Füsiliere gewählt, am 15. Oktober 1813 rettete er dem bayrischen Polizeikommissär von Luzenberger unter eigener Gefahr das Leben, indem er einem riesigen Wipptaler Schützen das schon erhobene Gewehr entriss, mit dem letzterer den Kommissär niederschmettern wollte. Auch um die Sicherheit des bayrischen General-Landes-Kommissärs Max Freiherrn von Lerchenfeld war Johann Georg am 14. Dezember 1813, anlässlich des sogenannten Dezember-Aufstandes, besorgt. Für diese wackeren Taten erhielt er die bayrische goldene Tapferkeitsmedaille, die sich heute noch im Besitze der Urenkel befindet.

Schon bald nach dem Heimfall Tirols an Österreich starb aber der sonst so kräftige und gesunde Mann nach neuntägiger Krankheit im 39. Lebensjahre am 26. Februar 1816 in Innsbruck. An seiner Bahre trauerten die minderjährigen Söhne Johann Baptist und Johann Georg der Jüngere. Johann Baptist übernahm das Geschäft und vererbte es seinem Sohn Franz weiter. Franzens Sohn verpachtete das Haus (Seilergasse 20) ab 1871 an die Firma Nosko, die heute noch unter ihrer Firma das Schildchen „Johann Georg Tschurtschenthaler" führt, ein wenn auch sehr kleines Erinnerungszeichen an den wackeren Innsbrucker Bürger.

 

c) Kasimir Schumacher.
Innsbrucks Bürgermeister im Sturmjahr 1809

Eine der markantesten Persönlichkeiten des Innsbrucker Bürgertums zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Kasimir Karl Schumacher. Am 5. November 1766 zu Freiburg im (damals österreichischen) Breisgau als Sohn des Zollamtsoffizials Friedrich J. W. Schumacher geboren, und aus einer württembergischen Offiziersfamilie stammend, kam Kasimir im Jahre 1792 nach Innsbruck, trat in die A. Michael Wagner'sche Hof-, Landschafts- und Universitäts-Buchhandlung und -Buchdruckerei als Buchhalter ein und wurde 1801 Gesellschafter seines Chefs und Schwagers A. M. Wagner. Am 14. Jänner 1802 wird Kasimir, nach zehnjährigem Wohnsitz in Innsbruck, Bürger der Stadt. Er erwarb sich durch seine Rechtlichkeit bald das besondere Vertrauen seiner Mitbürger und wurde im November 1805, nach dem Einrücken der französischen Truppen in Innsbruck, Magistratsrat. Am 22. Juni 1807 wählte man ihn als Nachfolger des zurückgetretenen Josef Riß zum Bürgermeister der Landeshauptstadt. Als solcher musste er innerhalb eines Jahres eine siebenmalige Okkupation der Stadt erleben und jedesmal dem neuen Machthaber seine Dienste anbieten, ob es nun ein Franzose, Bayer, österreichischer General oder Tiroler Bauernführer war. Am 8. März 1809 muss Kasimir vor dem bayerischen Generalkommissär Grafen Max Lodron einen Fußfall machen, um den Magistrat von der harten Aufgabe, Militärpflichtige zu stellen, zu entheben, da keiner der Innsbrucker Bürger gegen die eigenen Landsleute kämpfen wollte. Bei der Belagerung Innsbrucks durch die tapferen Bauernscharen am 12. April sollte Kasimir zwischen den Bauern und dem Innsbruck besetzt haltenden feindlichen Militär vermitteln, doch musste er vor den stürmenden Schützen selbst in das Regierungsgebäude flüchten.

In sein Haus zurückgekehrt, fand er dasselbe vom Pöbel geplündert und ausgeraubt. Die nunmehr einsetzende österreichische Regierung (Intendantschaft) bestätigte den hochangesehenen Mann in seinem Amte. Am 17. Mai muss Schumacher für die Verteidiger von Volders eine große Lieferung Brot besorgen, was bei dem Mangel an Lebensmitteln in Innsbruck nur unter den größten Mühen gelang, und als am 20. Mai General Fürst Karl Wrede Innsbruck besetzte, musste Schumacher auch dessen übertriebene Wünsche nach Requisitionen erfüllen.

In der Nacht zum 15. August, als der von den Tiroler Helden geschlagene Marschall Lefebvre Innsbruck fluchtartig räumen musste, stürmten 50 französische Soldaten unter Anführung eines Offiziers ins Rathaus und schleppten den Bürgermeister, der neue Lebensmittelforderungen verweigerte, in das Wirtshaus „Zum goldenen Adler", wo sie ihn einsperrten. Nach einigen Tagen seinen Verfolgern entronnen, fand Kasimir seine Wohnung zum zweiten Male beraubt vor. Er selbst wurde vom Pöbel auf das roheste beschimpft, bedroht und misshandelt, so dass er sich vor den Plünderern und Exzedenten verbergen musste. Nun legte Schumacher am 20. August seine Stellung als Bürgermeister nieder und erhielt in Felizian Rauch einen Nachfolger, der sein Amt aber erst am 21. September antrat.

Die ärgste Unbill erlitt Schumacher aber, als er am 27. August im Begriffe, eine Geschäftsreise nach Südtirol anzutreten, von einem ihm übel Gesinnten bezichtigt wurde, geraubte Sachen verhehlt zu haben. Er wurde von Bauernpolizisten bei der Triumphpforte ergriffen, in den Kräuterturm (Frohnfeste, Pfarrplatz 4) und am nächsten Tag in die kaiserliche Burg gebracht. Vor Andreas Hofer geführt, antwortete dieser auf die Frage Kasimirs nach dem Grunde der Verhaftung: „Sie stien halt auf der Liste!" Schumacher verlangte eine ordentliche Untersuchung, worauf Hofer zu einigen umstehenden Bauern, die sich sofort als Standgericht konstituieren wollten, sagte: „Was wöllts ös denn, ös versteats so wenig wie i, dös mueß a Gstudierter sein!" Nach zweitägiger Untersuchung durch den gelehrten Stadtrichter Mairhofer wurde Schumacher am 6. September 1809 enthaftet. Der rechtschaffene Mann gab sich aber mit der am 6. September im Auftrag des Oberkommandos vom Platzkommandanlen Viktor Freiherrn von Lochau erhaltenen Mitteilung, dass die Untersuchung „kein einziges Inzicht" für seine Schuld ergeben habe, nicht zufrieden, sondern verlangte von Andreas Hofer schriftlich ein Schuldlosigkeitszeugnis. Der biedere Sandwirt schrieb eigenhändig auf das Gesuch: „Thuen sie noch Ein wenig gedulden. Andreas Hofer, Ober Comendant in Diroll." Ein vom Stadtrat später ausgestelltes Zeugnis stellt eine vollkommene Rechtfertigung des mutigen Verhaltens des nur um das Wohl der Stadt besorgten Bürgermeisters dar.

Im Dezember 1809 reiste Schumacher mit einer Deputation nach München, um Schonung für sein Land zu erbitten, verschwindet dann einige Zeit vom politischen Schauplatz, um erst wieder am 17. August 1813 als Munizipalitätsrat ins Innsbrucker Rathaus einzuziehen. Obwohl sich Kasimir gegen diese seine Wahl widersetzte und eindringliche Vorstellungen dagegen erhob, musste er doch über persönlichen Wunsch des Staatsministers Grafen Max Montgelas das Amt annehmen.

Aber nicht nur als Bürgermeister, sondern auch als Buchhändler und Buchdrucker hat sich Kasimir große Verdienste kultureller Natur in Tirol erworben. Alle Aufrufe, Patente, Zeitungen („Innsbrucker Zeitung", „Intelligenzblatt"), Schematismen, Schulbücher hat er im Auftrag des Intendanten Hormayr oder der jeweils okkupierenden Partei gedruckt. Ab 1. Juli 1814 besorgte Schumacher den Druck des von dem Publizisten Friedrich von Gentz (1764 bis 1832), einem gebürtigen Breslauer, gegründeten Regierungsorganes „Bothe von Tirol", das damals zweimal wöchentlich erschien und heute noch als Amtsblatt besteht.

Nach der Rückkehr Tirols unter das habsburgische Szepter widmete sich Schumacher ausschließlich seinem aufblühenden Geschäft und suchte Tirol aus seiner literarischen Friedhofsruhe, zu der es die napoleonischen Kriege gezwungen hatten, durch Förderung des geistigen Lebens zu erwecken. Dabei hatte er sehr mit der damals herrschenden strengen Zensur zu kämpfen. So wollte er das von dem begabten Poeten Johann Kaspar von Woerndle im Jahr 1816 verfasste vortreffliche dreiaktige National-Trauerspiel „Andreas Hofer" in Druck legen, doch wurde es wegen „Kompromittierung noch lebender Personen" von der Zensur zweimal verboten, so dass Kasimir die Drucklegung unterlassen musste (jetzt im Ferdinandeum). Noch hatte der rüstige Mann, der in erster Ehe mit Elisabeth Ongania vermählt war, das Sechzigerjahr nicht erreicht, als ihn, am 7. Februar 1824, der Tod hinwegraffte.

Es war wohl die schwerste Zeit für Innsbruck, in die Schumachers Bürgermeisteramt fiel, und wenn er unter Hintansetzung aller persönlichen Rücksichten jeden einziehenden Sieger nur um Schonung der Stadt und um Schutz für das Eigentum der Bürger bat, so war dies allein schon das beredtste Zeugnis, dass Kasimir Schumacher ein guter Bürgermeister war.

 

d) Karl Carnelli

Der bedeutendste Vertreter der angesehenen Alt-Innsbrucker Patrizier-Familie Carnelli ist der in Innsbruck geborene Karl Carnelli. Er war schon am 7. September 1797 zum Unterleutnant, am 12. Oktober 1808 zum Hauptmann der Innsbrucker Grenadier-Kompagnie und anfangs 1809 zum Ratsherrn von Innsbruck, als Vertreter des Merkantilfaches, gewählt worden. Sein Haus war am 12. April 1809 das Ziel des plündernden Pöbels, weil er den am selben Tag schwer verwundeten bayrischen Obersten Karl Freiherrn von Ditfurth in seinem Hause ein schützendes Asyl gewährte und pflegen ließ. Schon stand eine Rotte von 90 Burschen vor dem Haustor, um es mit eisernen Stangen zu erbrechen, als der Kapuziner-Provinzial P. Jakob Sepp (geb. 5. Juli 1753 in Kitzbühel, gest. 23. März 1832 in Innsbruck) durch sein unerschrockenes Auftreten die Horde auseinandertrieb. Karl Carnellis Bruder Anton, der damals Spitalsverwalter war, verfügte dann die Überführung des todwunden Offiziers in das Stadtspital, wo Ditfurth sieben Tage später sein Leben beschloss.

Am 17. Mai 1809 begab sich Carnelli mit seinem Geschäftsfreunde Franz Josef Habtmann als Vertreter der ständischen Landes-Schutzdeputation zu dem General FMLt. Chasteler auf den Brenner, um dessen Schutz für die bedrohte Stadt zu erbitten. Am 17. August 1813 wurde Carnelli zum Magistratsrat der Stadt Innsbruck und zum Hauptmann einer Kompagnie der neugebildeten freiwilligen Bürgerwehr gewählt. Im Dezember-Aufstand (10. bis 20. Dezember 1813) in Innsbruck hatte sich Carnelli's Energie besonders bewährt. Es gelang ihm, einen Rest der vom Pöbel geraubten Waffen der Innsbrucker Bürgerwehr zu retten und den Generalkommissär Max Grafen Lerchenfeld vor den tätlichen Misshandlungen des Raufboldes Johann Empl zu bewahren. Über den unbotmäßigen Lorenz Brand musste Carnelli als Bürgerwehrhauptmann eine Strafe von 50 Stockstreichen verhängen, wodurch es ihm endlich gelang, die Ruhe in Innsbruck wieder herzustellen. Für seine Verdienste in dieser für Innsbruck so kritischen Zeit erhielt Carnelli am 7. Februar 1814 die bayrische goldene Zivilverdienst-Medaille. In einer prächtigen, von Dominik Trenkwalder (geb. 1841, gest. 1897) mit einer Marmorstatue geschmückten Grabstätte in den älteren Arkaden des Innsbrucker Friedhofes hat Karl Carnelli seine letzte Ruhestätte gefunden.

 

e) Die Kapferer

Ein sehr altes Nordtiroler Bürgergeschlecht ist die Familie Kapferer, die vermutlich aus Mieders im Stubaital stammt, wo auch eine kleine Fraktion den Namen Kapfers (bei Telfes) führt. Am 22. Oktober 1573 erhielt ein Balthasar Kapferer von Erzherzog Ferdinand II. einen Wappenbrief (Adelsarchiv Wien). In Innsbruck hat die Familie unter den Lauben (Herzog Friedrich-Straße 27) und (seit 1873) am Boznerplatz Nr. 6, Karl Kapferer-Straße 3, Sieberer-Straße 1 und Claudia-Straße 4 ihren Hausbesitz, von dem das „Kapferer-Haus" schon 1765 erwähnt wird. Zahlreiche Träger dieses Namens begegnen uns in der Kriegs- und Wirtschaftsgeschichte Tirols; einige der bedeutendsten sollen kurz Erwähnung finden:

Als sich Tirol Ende März 1797 infolge Eindringens des französischen Divisionsgenerals Joubert ins Eisacktal in höchster Gefahr befand, stellte sich Josef Kapferer (geb. um 1760) an die Spitze der Sonnenburger Scharfschützenkompagnie als Hauptmann (Kapitänleutnant) und Kommandant. In Kapferers Kompagnie diente auch der damals 30 jährige Josef Speckbacher als Schütze. Mit 140 Mann marschierte Josef Kapferer ins Pustertal und griff die französischen Vorposten am 2. April 1797 um 9 Uhr vormittags an. Dann kam es zur denkwürdigen Schlacht bei Spinges, die mit dem vollen Sieg der Tiroler endete. Die große goldene Medaille (am 26. Mai 1801) war der Lohn für Kapferers tüchtiges Verhalten. (Ein Hans Kapferer aus Lüsen (bei Brixen) fiel in dieser Schlacht den feindlichen Bajonetten zum Opfer.)

Am 20. April 1809 wurde Kapferer als Schutzkommissär und Schützenmajor der Schützenkompagnie Reutte zugeteilt und begab sich von dort in die Scharnitz. Die Innsbrucker Schutzdeputation hatte ihm ein „Faß! Geld" geschickt, das er aber zurücksandte, weil er schon "genug Vorschüsse" erhalten habe und mit soviel Geld nichts anzufangen wisse, für das er keinen sicheren Aufbewahrungsort besitze. Kapferer blieb bis 18. Mai in der Scharnitz, verließ aber, durch anonyme Staffetten beunruhigt, seinen Posten, um sich mit dem Major Teimer zu vereinigen. Er meldete zur Rechtfertigung seines Abzuges nach Innsbruck, dass er sich ohne Geschütze und Munition nicht halten könne, zumal die zu seiner Unterstützung eingetroffenen Landstürmer von Petersberg weder Gewehre noch Munition besäßen, viele von ihnen sogar mit "einem Stecken" erschienen seien, wie wenn sie "auf den Viehmarkt" gingen.

Wohl ein Sohn dieses Josef Kapferer und seiner Gattin Elisabeth, geb. Lener, Schwester des Miederer Postwirtes Franz Lener, war Josef Simon Kapferer (geb. Mieders am 28. Oktober 1778). Er war im Jahr 1809 einer der angesehensten und reichsten Bürger und Kaufleute Innsbrucks und hatte auch Büros im Oberrauchschen Haus in Wilten (Leopoldstraße 35), wo bekanntlich General Bisson am 13. April 1809 kapitulierte. Sein Vetter Jakob Lener (geb. 20. Juli 1785, gest. 14. Jänner 1841) war Buchhalter bei seiner Firma Josef Simon Kapferer und spielte in jenen sturmbewegten Tagen eine wichtige Rolle. Um der Intendantschaft Geld zuzuführen, übernahm Simon Waren aus der Messinghütte Achenrain und lieh auch der Andreas Hoferschen-General-Administration größere Summen. Im August 1813 übernahm er von dem bayrischen Generalkommissariat den staatlichen Anteil an den in Jenbach liegenden Erzeugnissen aus Eisen und Stahl. Er starb am 21. Oktober 1856 in Innsbruck, St. Nikolaus, vermachte ein Legat von 40.000 Gulden für ein Bruderhaus für arme alte Männer, war einer der Gründer des Innsbrucker Veteranenbundes (1840) und Laienrichter beim Innsbrucker Stadt- und Landgericht.

 

f) Martin Hußl

Es ist eine in der Tiroler Geschichte nicht selten vorkommende Erscheinung, dass angesehene Kaufleute, wenn das Vaterland in Gefahr war, das Komptoir verließen, zur Waffe griffen und, vom Vertrauen der Mitbürger dazu berufen, sich an die Spitze einer Schützenkompagnie stellten. Ein solcher „Krieger und Kaufmann" war auch Martin Hußl.

Alois Martin Hußl stammte aus einem bayerischen Geschlecht, das im 16. Jahrhundert in Jenbach einwanderte. Durch vier Generationen waren die Hußl Hüttenamtsschmiede. Ein Franz Nikolaus Hußl, Oheim des Martin, kämpfte 1796 — 1800 in den Franzosenkriegen in Tirol. Martin war 1772 zu Brixlegg geboren, wurde Handelsschmied im Messingwerk Achenrain, errichtete 1805 in Innsbruck eine kleine Schnupftabakfabrik und kaufte von der Reichsgräfin Magdalena Wolkenstein Rodenegg, geborene Gräfin Spaur (1778 — 1857) am 20. Jänner 1809 deren Schwazer Steingut-Fabrik. Diese Fabrik war 1801 von Johann Albaneder aus Schwaz gegründet worden, kam dann 1805 bis 1838 in den Besitz der Reichsgräfin Marin Rosa von Wolkenstein-Rodenegg (1744 — 1808) und von dieser im Erbweg in den Besitz ihrer Stiefschwiegertochter Magdalena Wolkenstein.

Neben seinen kaufmännischen Unternehmungen hat sich Martin Hußl auch als echter Patriot erwiesen. Vom Jahre 1794 angefangen bis zum Jahre 1805 hatte er an allen Feldzügen der Tiroler Kriege als Schützenleutnant, Oberleutnant, Hauptmann und Landsturm-Führer teilgenommen: sein unerschrockenes Verhalten vor dem Feind war durch viele schriftliche Belohnungen ausgezeichnet worden, seine Brust war geschmückt mit zwei silbernen Verdienstzeichen und mit der großen goldenen Landesverteidigungsmedaille vom Jahr 1797.

In Schwaz hatte sich Hußl kaum in die Erzeugung des Steingutes nach dem Rezept des berühmten englischen Keramikers Josia Wedgwood (1730 — 1795) etwas eingearbeitet, als der furchtbare, von den Franzosen angestiftete Brand von Schwaz am 15. Mai 1809 seine stolzen Hoffnungen mit einem Schlag zerstörte. Die Steingutfabrik mit allen Vorräten, Gipsformen, Modellen, mit der ganzen keramischen Einrichtung wurde bis auf das stark beschädigte Brennhaus völlig zerstört und in Asche gelegt. Ärmlich und ganz unbedeutend war die Habe, welche der schwergeprüfte Hußl mit Lebensgefahr aus dem brennenden Gebäude und aus der rauchenden Trümmerstätte zu retten vermochte. Dem in der Blüte des Mannesalters stehenden Hußl war an diesem Tage das Haar schneeweiß geworden.

Von 1809 bis 1811 weilte Hußl im Ausland, um sich in der Steinguterzeugung fachtechnisch fortzubilden. Nach seiner Rückkehr in die Heimat und zu seiner Familie — seine Frau Therese, geborene Lener, hatte er nebst den Kindern in Schwaz zurückgelassen — ging er mit ungeheurem Eifer daran, die zerstörte Fabrik wieder aufzubauen. Mit zäher Energie sicherte er sich den Bezug von Tonerde aus Maurach (bei St. Margarethen im Unterinntal) zur Bereitung des Steingutes, kaufte einige Brandstätten und Häuschen zu seinem Objekt dazu, erhielt am 19. April 1814 die definitive Konzession für die Fabrik und am 12. Oktober 1827 die Befugnis zur Errichtung einer Fabriksniederlage in Innsbruck.

Nun blühte das Unternehmen rascher auf; die technische Seite der Fabrikation wurde immer mehr verbessert. Im Jahre 1835 hatte Hußl schon 25 Arbeiter vollauf beschäftigt. Dabei hatte Hußl aber seinem Körper zu viel zugemutet. Seine Gesundheit war dahin und anfangs 1836 begann der arbeitsame Mann zu kränkeln. Nun übergab er mit Vertrag vom 1. Oktober 1836 die Fabrik seinem Sohn Josef Anton (geb. 19. Juni 1802 in Mariathal bei Kramsach), am 10. November 1836 starb Martin Hußl und wurde in einem von ihm selbst angeordneten Grabmal in Schwaz bestattet.

Martin Hußl war von hoher Gestalt und eindrucksvollem Wesen; bei festlichen Anlässen schritt er in der Tracht seiner Zeit, in Schuhen mit silbernen Schnallen, im langen olivgrünen Tuchrock oder im grünen Radmantel mit silberner Schließe, auf dem Haupt den glänzenden Kastorhut. (Biber-Haarhut.)

Hußl traf die Verfügung, dass die Steingutfabrik mit allen Bestandteilen, solange es möglich ist, Hußl'sches Eigentum bleibe und daher nie an eine Tochter übergehe.

Nach Josef Anton Hußls Tode (gestorben 1. November 1855 zu Eisenstadt in Ungarn an der Cholera) übernahm nach achtjähriger Führung der Fabrik durch eine Obervormundschaft sein Sohn Otto (geb. 12. Oktober 1839, gest. 24. Jänner 1919 ohne Nachkommen) die Fabrik und führte sie im Geiste des Großvaters fort. Weit über die Grenzen des Vaterlandes wurden die Erzeugnisse von „Hußl in Schwaz" berühmt und Tirol war stolz auf dieses Fabrikat. Nach dem Weltkrieg kam das Unternehmen in schwere Bedrängnis, bis es unter neuer Führung wieder zu neuem Leben erwachte.

Hußl's Name nimmt in der Tiroler Wirtschaftsgeschichte einen ehrenvollen Platz ein und es ist nur zu wünschen, dass das Unternehmen auch weiterhin als Pflanzstätte des Tiroler Geschmackes und Tiroler Fleißes dem Land Tirol erhalten bleibe.

 

g) Die Strele

Schon im 18. Jahrhundert waren die Erzeugnisse der Tiroler Textilfabriken überall sehr begehrt und machten dem Gewerbefleiß der Tiroler alle Ehre. Unter den Industriefirmen der damaligen Zeit ragte besonders die Baumwollwarenfabrik des Großhandelshauses J. Strele in Imst hervor.

Von den Vorfahren der Familie Strele wissen wir nur, dass der Kammerprokuratursrat Cyprian Strele, Doktor der Rechte, von Erzherzog Maximilian III. de dato Innsbruck 15. November 1610, die Adelsfreiheit, und der Schützenhauptmann und Umgeldeinnehmer zu Ehrenberg (bei Reutte) Josef Karl Strele mit Diplom vom Jahre 1780 den Ritterstand mit den Prädikaten „zu Lebenberg und Stralenburg" (Strahl — Strele) erhalten haben. Dieser Josef Karl von Strele war mit Marie Josefa Falger, Tochter des Karl Josef Falger, vermählt. Danach gab es in Tirol adelige und bürgerliche Familien Strele, die aber wohl eines Stammes sein dürften.

Unter Kaiser Josef II. waren die Handelsbeziehungen der Imster Strele mit Wien besonders eng geworden, weshalb die Trennung Tirols von Österreich (Friede von Preßburg 26. Dezember 1805) ihr 1764 gegründetes Geschäft besonders hart traf. Die mousselinen Halstücher, reich gestickt, mit besonderen Dessins hatten besonderen Absatz bei der italienischen Frauenwelt, gingen aber auch stark nach Österreich, Frankreich und in die Schweiz. Die napoleonische Kontinentalsperre (21. November 1806) verlegte den Erzeugnissen den Weg in die weite Welt. Von der Strele'schen Leinwand- und Baumwollzeugfabrik in Imst, die mit allen damals modernen Maschinen ausgestattet war, lebte die arbeitende Bevölkerung ganz Nordwesttirols, des Oberinntales und seiner Nebentäler. Denn viele Arbeiten worden von der Zentrale Imst auch „ins Gäu" (Heimarbeit) gegeben. Welche Katastrophe die Handelssperre für das Strele'sche Etablissement und den von ihm beschäftigten Tiroler Landesteil herbeiführte, beweist die Tatsache, dass das Arbeiterpersonal von 4791 Personen im Jahr 1804 auf 905 Personen im Jahre 1809 zurückging. Die wirtschaftliche Not, die der plötzliche Niedergang der Strele'schen Industrie über viele Hunderte von Familien brachte, war der Hauptgrund der verzweifelten Stimmung, die den Oberinntalern die Waffen gegen die neue Regierung in die Hand drückte.

Obwohl die Strele's Grund gehabt hätten, sich mit der napoleonischen Regierung auf guten Fuß zu stellen, siegte in ihnen doch der ererbte Patriotismus über den Geschäftsgeist. Schon zu Beginn der Erhebung 1809 schlugen sie sich auf die Seite der Insurgenten und propagierten den Aufstand im ganzen Oberinntal. Schon im Jahre 1799 als Hauptmann der 1. Imster Schützenkompagnie (112 Mann) und am 12. April 1809 warf Johann Georg Strele (geboren 30. März 1764 in Imst) als Hauptmann der Imster die Franzosen aus Füssen hinaus. Johann war Bürgermeister von Imst und verweigerte als Oberhaupt des Marktes am 23. Februar 1809 die von Bayern verlangte Militärstellung der Imster Bürgersöhne, indem er sich damit entschuldigte, dass Imst diese Leute als —Bürgermiliz benötige. Mitte April wurde Johann Mitglied der Filialdeputation für das Oberinntal und am 20. Mai erhielt er von Hormayr einen Aufruf mit der Weisung, das ganze Oberinntal bis Zirl zu den Waffen zu rufen. Am 4. Juni wurde er Spezial- und Defensions-Kommissär für das Gebiet von Imst. Die folgende Zeit widmete sich Strele seinem Geschäft und der Leitung des Imster Magistrates. Als im März 1810 neue Rekrutierungen in Imst erfolgen sollten, vertrat der schlaue Strele wieder das Interesse seiner Bürger, indem er zwar eine lange Liste van Stellungspflichtigen vorlegte, diese sich aber bei ihrer Einberufung als lauter — lästige Karner darstellten. Bei der Verteilung der englischen Subsidiengelder machte sich Strele um seine Landsleute im Oberlande sehr verdient, doch konfiszierte ihm die neue Regierung einen Teil des zur Verteilung bestimmten Geldes und sämtliche Belege, so dass er nur über 16.000 Gulden verfügen und diese nachweisen konnte. Am 7. Mai 1822 brannte die Fabrik ab, wurde aber 1830 wieder aufgebaut. Johann Georg Strele starb am 1. März 1827 in Imst.

Auch Jakob Alois Strele in Reutte, der schon vom 1. Juni bis 1. November 1796 als Hauptmann der Landmiliz diente und dann 1797 Defensionskassier der Tiroler Landschaft wurde, schloss sich dem Aufstand an. Er war auch Besitzer des Bleibergwerkes „Silberleiten" in Bieberwier (bei Reutte), aus dem er auf Grund einer Besprechung mit dem Intendanten v. Hormayr, um 27.000 Gulden Blei an die Insurgenten lieferte. Jakob Alois war Bürgermeister von Reutte, sein Porträt hängt (unter der irrigen Bezeichnung Johann Alois) in der Speckbacher-Galerie im Berg-Isel-Museum.

Ein Kaspar Strele, Obersalzfaktor in Reutte, rückte am 23. März 1799 von Imst nach Nauders, wo er als Hauptmann der 2. Imster Schützen-Kompagnie die Franzosen vertrieb. Am 1. August 1809 rückte eine Abteilung feindlicher Soldaten unter dem Major v. Obernitz in Reutte ein, besetzte das Haus Kaspars (heute Federspielhaus) und Obernitz kommandierte aus einem Fenster des Hauses seine von erbitterten Reuttener Bauern angegriffenen Soldaten.

Die Strele'sche Baumwollzeugfabrik nebst Schönfärberei und Druckerei in Imst bestand 1847 noch mit einem Arbeiterstand von 400 Personen, ging aber später in andere Hände über. Die Strele wurden manchmal auch Strelle oder Strelli geschrieben. In Meran waren Strehle ansässig. Ein Andreas Strehle hatte 1590 ein Stadthaus in Meran; 1737 besaßen die Strehle in der Wasserlauben, jetzt Nr. 138 und 274 ein Haus. Die wiederholten Nobilitierungen in der Familie weisen auf die großen Verdienste hin, die sich zahlreiche Männer dieses Namens um ihr Vaterland erworben haben.

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 35 - 49.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.